| Norbert Bischof
DAS RÄTSEL OEDIPUS Die biologischen Wurzeln des Urkonflikts von Intimität und Autonomie Serie Piper 1985 |
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S.524 DIE ERFINDUNG DER IMAGINATION So erstaunlich das Probierspiel als kognitive Strategie auch anmutet; es verblaßt angesichts der zweiten großen Errungenschaft, durch die es der Natur gelingt, neue Bewegungskoordinationen zu generieren. Gemeint ist das produktive Denken. Schon FREUD hat es sehr richtig als eine Art »Probehandeln«
bezeichnet. Tatsächlich entspringen auch die abstraktesten Auswüchse
theoretischer Intelligenz letztlich einem Apparat, der bei den Anthropoiden
für den Zweck entwickelt wurde, konkrete Handlungen phantasierend
im voraus zu entwerfen. Das wahrhaft Erstaunliche ist, daß es überhaupt
so etwas wie Phantasie gibt, dass wir also in der Lage sind, neben der
Welt, die wir »für wahr nehmen«, auch noch ein Modell
dieser selben Welt »vor uns zu stellen«, ein Modell, in dem
wir unsere Handlungsentwürfe testen können, bevor wir sie der
Bewährung an der harten Realität aussetzen. Es gibt keinerlei
Anlaß, eine solche Ausstattung unterhalb der Entwicklungsstufe der
Menschenaffen anzunehmen. Allerdings darf man »Vorstellen«
nicht mit »Erinnern« verwechseln, jedenfalls nicht, solange
letzteres nur die Leistung des Wiedererkennens betrifft. Wir sprechen von
vorstellender Vergegenwärtigung erst dann, wenn auf einer inneren
»Probierbühne« wirklich dingliche Objekte, gleich ob sie
dem Gedächtnis entstammen oder frei erfunden wurden, in einem Simulationsprogramm
variiert werden können. Diese Leistung reicht über die beim Spielen
geforderte weit hinaus. Solange es nämlich nur darum geht, Antriebe
zu aktivieren, die durch die Situation momentan nicht gefordert wären,
braucht sich die physische Erscheinungsweise der Spielobjekte und Spielpartner
nicht von der Wahrnehmungswirklichkeit zu unterscheiden. Freizügig
gestaltbar muß nur der affekive Appell sein, der von ihnen ausgeht.
Tatsächlich sind unserer Vorstellungstätigkeit erhebliche
Einschränkungen auferlegt, worauf meines Wissens erstmals der Wahrnehmungspsychologe
Herbert Boris KLEINT ausdrücklich hingewiesen hat. Er stellte Versuchspersonen
vor Aufgaben nach Art der folgenden. Man denke sich eine Glasscheibe, die
auf den Lehnen zweier Stühle aufruht. Man versuche, sie sich so dünn
wie möglich vorzustellen. Und dann steige man in der Phantasie auf
diese frei gelagerte Scheibe hinauf und vermeide dabei, sich einbrechen
zu sehen! Man wird erstaunt sein, welche Hilfskonstruktionen sich fast
zwangsläufig einstellen, um diese Vorstellung möglich zu machen.
Der kognitive »Simulator« muß also von der Voraussetzung
ausgehen, daß es gewisse Transformationen an Objekten gibt, die erlaubt,
und andere, die verboten sind.
KATEGORIEN Um welche Merkmalsdimensionen es sich dabei konkret handelt, müssen wir alle wahrscheinlich in früher Kindheit lernen; aber von den KATEGORIEN, in die man die Erfahrung einträgt, darf man getrost annehmen, daß sie überindividuell und genetisch fixiert sind. Jedenfalls kehren sie, allen Behauptungen linguistischer Relativisten zum Trotz, in allen bekannten Sprachen wieder. Der Ausdruck »Kategorie« entstammt dem philosophischen Sprachgebrauch. Er reflektiert den Tatbestand, daß wir die Wirklichkeit als strukturiert und geordnet erleben; Kategorien sind allgemeinste Prinzipien dieser Erfahrungsorganisation. In der Philosophiegeschichte wurde darüber gestritten, ob sie dem Denken, der Anschauung oder dem subjektunabhängien Sein selbst zuzuordnen sind: Von ARISTOTELES, der das Wort »Kategorie« in die Fachsprache einführte, über KANT bis zu Nicolai HARTMANN hat es jeder, passend zu seiner erkenntnistheoretischen Position, etuas unterschiedlich verwandt. Im vorliegenden Zusammenhang verstehen wir unter Kategorien gewisse Universalinstrumente, mit deren Hilfe wir die Fülle der Sinneseindrücke zu Bedeutsamkeitsganzen organisieren. Da allerdings unser kognitiver Apparat seinerseits in Auseinandersetzung
mit und in Anpassung an vorgegebene ökologische Bedingungen entstanden
ist, wird man davon ausgehen dürfen, daß seine Kategorien auch,
mehr oder minder gut, objektive Attribute eben dieser Ökologie widerspiegeln.
Ich weiß, daß heute andere epistemologische Standpunkte modisch
sind; es ist hier nicht der Ort, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich
stehe in dieser Hinsicht uneingeschränkt hinter den Ausführungen,
die Konrad LORENZ in seiner Arbeit »KANTS Lehre vom Apriorischen«
gemacht hat.
WAHRNEHMUNGSKATEGORIEN
Beim Menschen haben wir wenigstens drei Ebenen der kognitiven Verarbeitung zu unterscheiden; jede von ihnen hat ihre eigenen Kategorien. 1 WAHRNEHMUNGSKATEGORIEN Die unterste Ebene ist die der Wahrnehmung. Man darf nämlich nicht übersehen, daß bereits der Wahrnehmungsapparat selbst nicht etwa ein passives Abbildungssystem nach Art eines Spiels, eines Fernrohres oder selbst einer Videoanlage ist. Das Gehirn ist kein »Monitor«, der dem Bewußtsein ein Punkt für Punkt übertragenes »Kamerabild« vorspielt. Wahrnehmen heißt von Anfang, das heißt vom Sinnesorgan an, Reizinformation in Hinblick auf adaptives Verhalten zu verarbeiten. Wichtige kognitive Kategorien, die unsere Erscheinungswelt mitgestalten, entstammen bereits dieser basalen Verarbeitungsebene: die Unterscheidung von »Figur« und »Hintergrund« etwa, oder von »Wirklichkeit« und »Schein«, von »Hauptsache« und »Nebensache«, um nur einige der Wichtigsten zu nennen. 2 VORSTELLUNGSKATEGORIEN Mit der Einführung des Vorstellungsvermögens entstand eine zweite kognitive Ebene; und mit dieser musste wiederum eine ganze Klasse neuer Kategorien als Organisationsprinzipien entwickelt werden. Hierher gehört vor allem die uralte Dichotomie, die schon bei ARISTOTELES in dem Kategorienpaar »Substanz« und »Akzidenz« anklingt und dann vor allem bei SPINOZA unter den Bezeichnungen »Attribut« und »Modus« schärfer herausgearbeitet wird. Diese Unterscheidung reflektiert den vorhin diskutierten Umstand, daß es an den Dingen Merkmale gibt, die man in der Phantasie abwandeln darf, und andere, bei denen das »Wesentliche« des vorgestellten Dinges verlorenginge, wenn man sie umdenken würde. Diese Kategorien müssen schon auf der Stufe der Schimpansenintelligenz verfügbar sein. Daß eine Holzkiste schwer und formfest ist, gehört zu deren »substantiellen« Attributen, dass sie sich an einem bestimmten Ort befindet, ist hingegen nur ein »akzidenteller« Modus. Man darf sich also vorstellen, daß man sie aus der Käfigecke in die Käfigmitte schiebt, an die Stelle, wo oben an der Decke eine Banane hängt. Erscheint sie dort aber als zu niedrig, so darf man sich nicht einbilden, man könne sie auf halbe Höhe anheben und dann, in der Luft schwebend, als Trittbrett verwenden. Eine weitere Kategorie, ohne die die Phantasie als Mechanismus des Probehandelns
nicht funktionieren könnte, ist die Kausalität, also die Relation
von »Ursache« und »Effekt«. Sie verkettet Ereignisfolgen,
indem sie den Kraftfluß des eigenen Wollens anschaulich durch diese
strömen läßt.
»Identisch« heißt nicht »gleich«. Eine Kategorie, die wir wegen ihrer herausragenden Wichtigkeit genauer betrachten müssen, ist die Identität. Sie bezeichnet eine höchst eigentümliche Relation, die nicht mit »GIeichheit« verwechselt werden darf. Wenn man sagt, A sei mit B »identisch« oder beide seien »dasselbe«, so meint man, daß hier nur ein einziger Sachverhalt vorliegt, der zweimal unter jeweils verschiedener Perspektive beschrieben wird. Er kann unter diesen beiden Perspektiven sehr wohl verschieden aussehen, und insofern bedeutet »identisch« also etwas anderes als »erscheinungsgleich«. Da dieser Unterschied nicht ganz trivial ist, sei er kurz veranschaulicht. Ein Ei mag dem anderen sprichwörtlich gleichen, dennoch sind die beiden nicht dasselbe: Wenn ich das eine esse, so kann das dem anderen egal sein. Umgekehrt bleibt der Märchenprinz, den die böse Hexe in einen Frosch verwandelt, bei diesem Prozeß doch einer und derselbe, obwohl seine beiden Verkörperungen einander gewiss nicht gleichen. Der eine Erscheinungstyp setzt die Schicksalslinie des anderen fort; was jener getan hat, hat dieser zu büßen, und der erlösende Kuß der Königstochter verwandelt wiederum nur die äußere Erscheinung, aber nicht die Identität. Während »Gleichheit« die Übereinstimmung von Eigenschaftsprofilen aussagt, hat »Identität« also eine ganz andere Funktion: Sie verklammert Gegenwärtiges mit Vergangenem. Sie erzeugt das, was der Physiker »Weltlinien« oder »Trajektorien« nennt. Sie erweitert das je aktuell sich Ereignende in die Dimension seiner Vorgeschichte. Wir können sie daher genauer als »zeitüber-brückende« oder diachrone Identität bezeichnen. Diachrone Identität Wenn unser anschauliches Denken erhebliche Probleme mit dem Begriff der »Metamorphose« hat, so liegen diese darin begründet, dass Merkmale, die wir im vorigen Abschnitt als »substantiell«, zum Wesen gehörig, von »akzidentellen« oder veränderbaren Begleiterscheinungen unterschieden haben, für unsere naive Intuition untrennbar mit dem diachronen Identitätskern des betreffenden Objekts verbunden bleiben. »Verwandlung«, also Veränderung substantiell anmutender Eigenschaften bei gleichwohl beibehaltener Identität, erscheint uns daher nur als Zauber begreiflich, weshalb wir denn, vermeintlich aus akademischer Gewissenhaftigkeit, tatsächlich aber aus dem Unvermögen heraus, uns von der primitiven Anschauungsgrundlage unseres Denkens zu lösen, dem Gedanken der»évolution créatrice« nur mit Skepsis begegnen können. Unter dem Aspekt der evolutionären Erkenntnistheorie erscheint diachrone Identität als eine der ältesten Kategorien überhaupt. Sie gehört noch zu den Organisationsprinzipien der untersten kognitiven Ebene, also der Wahrnehmung selbst. Raubtiere etwa wären ohne sie in der Tat übel dran: Wenn ein flüchtendes Beutetier hinter einem Busch Deckung sucht so darf es nicht »aus den Augen, aus dem Sinn« verschwinden; es muß in der Wahrnehmung des Räubers als momentan unsichtbar, aber gleichwohl am verschwundenen Ort noch auffindbar registriert bleiben. Wenn umgekehrt gleich darauf an der gegenüberliegenden Seite des Busches ein »anderes« Tier hervorkommt, so wäre es wiederum unzweckmäßig, an der Stelle suchen zu gehen, wo das »erste« verschwunden ist. Man muss verstehen können, dass es so etwas wie ein zeitüberdauernd existentes einziges Beutetier gibt, das sich während des gesamten Prozesses nur sukzessiv an verschiedenen Orten aufhält. Für das Beutetier selbst gilt übrigens mutatis mutandis dasselbe. Dem phylogenetischen Alter der diachronen Identität entsprechend reift diese Kategorie übrigens auch in der menschlichen Ontogenese schon sehr frühzeitig heran. Bereits im Alter von 2 bis 4 Monaten kann man, wie Tom BOWER gezeigt hat, beim Säugling Leistungen nachweisen, die so etwas wie zeitüberbrückende Identifikation voraussetzen. SYNCHRONE IDENTITÄT Über die Diachronie hinaus hat die Identitätskategorie indessen noch eine andere, viel interessantere Verklammerungsfunktion, die entwicklungsgeschichtlich wesentlich jünger ist; sie läßt sich erst bei den anthropoiden Affen nachweisen und reift auch in der menschlichen Ontogenese nicht vor dem 18. Lebensmonat. Bei ihr geht es um die Identifikation von gleichzeitig an separaten Orten erlebten Phänomenen. Diese Form von Identifikation gehört der zweiten kognitiven Ebene an; sie wird erst im Zusammenhang mit der Vorstellungsphantasie benötigt. Ich muß in der Lage sein, gleichzeitig Gegebenes über räumliche Distanz hinweg miteinander zu identifizieren. Wir sprechen hier demgemäß von synchroner Identität. Es ist vielleicht nicht weiter erstaunlich, dass synchrone Identität, wenn sie erst einmal verfügbar ist, Wahrnehmungsinhalte nicht nur mit Vorstellungsbildern, sondern auch mit anderen Wahrnehmungen verknüpfen kann. Am klarsten ist dieser Effekt beim Blick in den Spiegel zu studieren: Der da drüben bin gleichzeitig ich selbst. Er erscheint woanders als ich, und er sieht anders aus, als ich mich anfühle; dennoch sind wir derselbe. Ihn »erkennen« heisst wissen, dass es unmöglich ist, ihm einen Schlag zu versetzen, der nicht zugleich mich trifft. Wir haben gemeinsam nur ein Schicksal. Und es muß nicht einmal unbedingt das Spiegelbild sein - schon meine Photographie genügt, auch wenn ich darauf gar nicht besonders gut getroffen bin. Würde jemand auf dieses Stück Papier spucken, würde er mich beleidigen. Die Generalisation kann sogar noch weiter reichen. Auch andere Menschen, andere Lebewesen, ja selbst unbelebte Objekte fordern mich, ohne ihr Anderssein aufzugeben, zu synchroner Identifikation heraus: Repräsentanten meiner Wertwelt, Symbole meiner Gruppenzugehörigkeit, das Totem etwa. Vor allem aber gestaltet die neue Kategorie unsere soziale Wahrnehmung um: Wir erleben uns auch mit dem vertrauten Partner durch Identifikation verknüpft. Entsprechend dem Umstand, daß Phantasietätigkeit in der Primatenreihe nur bei Menschenaffen sicher nachweisbar ist, beobachten wir auch erst hier Manipulationen am eigenen Körper unter Zuhilfenahme von Spiegeln. Von Kathy HAYES stammt ein Photo ihrer Schimpansin Vicky, das zeigt, wie diese vor dem Spiegel mit einer Zange an einem Zahn hantiert. Selbstverständlich müssen die Tiere solche Fertigkeiten lernen; zunächst halten sie, wie übrigens auch der mit Spiegeln unerfahrene Mensch, das Konterfei für einen Artgenossen. Aber aus der Art, wie sie es lernen kann man sehen, daß sie Verstdndnis erwerben und nicht nur einen biinden Dressurakt über sich ergehen lassen. Zugleich zeigen sich bei Anthropoiden erste Anzeichen sozialer sozialer Identifikation. Als Wolfgang KOEHLER während des Ersten Weltkrieges die Zeit seiner
Internierung auf Teneriffa für Intelligenzversuche an Schimpansen
nutzte, machte er reichlich Gebrauch von dem damals noch ungewöhnlichen
Mittel der photographischen Dokumentation. Unter den Bildern, die aus diesen
Versuchsserien erhalten geblieben sind, zeigt eines die folgende Szene.
Auf einem Turm aufeinandergestapelter Holzkisten steht ein Schimpanse und
reckt die Arme nach einer über ihm an der Käfigdecke baumelnden
Banane. Ein weiteres Tier sitzt am Boden und schaut zu. In dem Moment nun,
da der andere nach der Frucht greift, hebt auch der Zuschauer beide Arme
empor, solcherart die Bewegung des Handelnden »im Leerlauf«
mitvollziehend. Eine unmittelbar einsichtige Funktion läßt sich
seinem Verhalten nicht zuordnen. Eine Banane bekommt er auf diese Weise
jedenfalls nicht, und er ist schlau genug, das zu wissen. Man hat den Eindruck,
daß er den anderen unwillkürlich »nachahmt«. Aber
wozu? Sicher nicht, um die Bewegungskoordination des Nach-Oben-Greifens
einzuüben; die beherrscht er längst. Was hier eine Funktion hat,
ist nicht die nachvollzogene Armbewegung, sondern die Fähigkeit, die
das Tier zu diesem Nachvollzug uberhaupt in die Lage versetzt: eben die
Fähigkeit zur synchronen Identifikation mit dem Partner.
Die »Sprache« der Schimpansen Die bislang besprochenen kognitiven Neuerwerbungen galten lange Zeit sogar unter guten Tierkennern als spezifisch menschlich. Erst seit etwa zwei Jahrzehnten bricht sich langsam die Erkenntnis Bahn, dass wir genötigt sind, die Menschenaffen Orang, Gorilla und vor allem Schimpanse als eine Art kognitives »Missing Link« zu betrachten. Von den übrigen Primaten trennt sie eine Kluft, die breiter ist, als wir bislang ahnten, und in mehrerlei Hinsicht stehen sie bereits diesseits der Mensch- Tier-Schranke. Bei dieser Lage der Dinge fragt man sich, ob es denn überhaupt noch kognitive Dimensionen gibt, die der Mensch für sich allein beanspruchen kann. In der Tat existieren solche Dimensionen; es bedarf allerdings subtiler Analysen, um das wirklich Humanspezifische an ihnen herauszuarbeiten. Der auffälligste kognitive Neuerwerb, den der Mensch für sich beanspruchen kann, ist die Erfindung der sprachlichen Kommunikation. Hierzu ist indessen sogleich etwas klarzustellen. Wir wissen aus den Untersuchungen des Ehepaares GARDNER die inzwischen unter sorgfältigeren und verfeinerten Versuchsbedingungen, vor allem durch David und Ann PREMACK, in der Substanz bestätigt worden sind, dass es möglich ist, Menschaffen erfolgreich einem Sprachtraining zu unterziehen. Sie können zwar mangels geeigneter Stimmwerkzeuge keine Lautsprache, wohl aber eine Zeichensprache erlernen, die einzelnen Aspekten ihrer Erfahrungswelt jeweils eine bestimmte Geste oder ein abstrakt geformtes Plastiksymbol zuordnet. Bei geeignetem Training lernen die Tiere Hunderte solcher Zeichen und setzen sie in der Kommunikation mit dem Pfleger richtig ein, wobei sie auch mehrere Zeichen zu »Sätzen« kombinieren. Die Weise, in der das geschieht, lässt deutlich erkennen, daß es sich hier nicht etwa nur um einen Fall von einsichtsfreiem Assoziationslernen handelt. So hatte etwa Washoe, die Schimpansin der GARDNERS, das Zeichen für »Hund« gelernt; es bestand in drei Schlägen mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Der Unterricht hatte übrigens anhand eines Bilderbuches stattgefunden; in genwart eines echten Hundes wäre die Schimpansin zu aufgeregt gewesen, um sich irgend etwas einprägen zu können. Von einer anderen Trainingsstunde her kannte sie außerdem das Symbol für das Verbum »hören«, eine Berührung des Ohrs mit dem Finger. Eines Tages nun produzierte sie spontan eine Kombination beider Zeichen: Sie hatte von der Straße her das Bellen eines Hundes vernommen! Nach solchen und ähnlichen Befunden kann kein Zweifel bestehen, daß wir den Menschenaffen tatsächlich einen kognitiven Apparat zubilligen müssen, der es ihnen ermöglicht, einfache Begriffe zu bilden und diese mit kommunizierbaren Zeichen zu assoziieren. Damit stellt sich die Frage, warum sie diese Fähigkeit gleichwohl nach allem, was wir wir wissen, unter natürlichen Bedingungen nicht zur Kommunikation benützen. Die Frage ist um so dringlicher, als Washoe unter der Obhut von Roger FOUTS, der sie inzwischen vom Ehepaar GARDNER übernommen hat, einem von ihr »adoptierten« Schimpansenkind anscheinend ihre Zeichensprache beizubringen begann. Ich kenne FOUTS persönlich und habe seine Befunde wegen ihrer anthropologischen Relevanz eingehend mit ihm diskutiert. Dabei vertiefte sich der Eindruck, daß er, ebenso wie die GARDNERS, nicht klar zwischen der expressiven und der benennenden Funktion der Sprache unterschied. Ein Zeichen kann ausdrücken, daß man durstig ist, vielleicht auch noch spezifischer, daß man Appetit auf Orangensaft hat. Man kann es aber auch benützen, um den Partner über Sachverhalte zu informieren: »Das da ist eine Orange!« oder, wie im vorgenannten Beispiel: »Draußen bellt ein Hund!« Schimpansenkenner wie etwa Kathy HAYES hatten früher schon klar zwischen diesen beiden Funktionen unterschieden; gerade an dieser Stelle verlief ihrer Meinung nach die Grenze von Tier und Mensch. Tatsächlich ist es aber komplizierter: Offenbar hat der Schimpanse eben doch Verständnis für die Nennfunktion der Sprache. Nur weiß er damit von sich aus nichts anzufangen. Die Instruktion, die Washoe ihrem Baby angedeihen ließ, zielte offen kundig nicht darauf ab, dem Kind die Namen der Dinge beizubringen. Sie war eher so zu umschreiben: Wenn du das und das von den Menschen haben willst, mußt du diese Gebärde machen! Es gab keinen Hinweis dafür dass die Nennfunktion der Sprache als Möglichkeit, Sachverhalte mitzuteilen, erfaßt und auf ihr eine echte Sprachtradition begründet worden wäre. Zu dieser nüchternen Bewertung passt auch, dass bisher weder bei Washoes Kind noch auch bei adulten Tieren eine Erscheinung auftrat, die für den menschlichen Spracherwerb so außerordentlich charakteristisch ist: das spontane Fragen nach dem Namen von Dingen. Es fehlt offenbar eine eigene Motivation, im sprachlichen Benennen Kompetenz zu erwerben. KATEGORIE OBJEKT: Verdinglichung Schimpansen können also zwar prinzipiell Sachverhalte mittels sprachlicher Symbole kommunizieren, machen von dieser Möglichkeit aber unter natürlichen Bedingungen keinen Gebrauch. Sie kann dann aber auch nicht den Selektionsdruck auf die Entwicklung des kognitiven Apparates ausgeübt haben, den Washoe oder PREMACKS Sarah kommunikativ einzusetzen gelernt haben. Die »Schimpansensprache«, so muss man folgern, ist ein Beiprodukt kognitiver Kategorien, die eigentlich für eine andere Leistung benötigt werden. Wie man nun sogleich sieht, genügt bereits die Kategorie der synchronen Identität, um die Zuordnung eines Symbols zu einem Ding verstehen zu lassen. Insofern ist die Fähigkeit, Zeichen für Begriffe wie »Apfel«, »Eimer« oder sogar »Ich« und »Du« zu erlernen, einfach eine Art Gratisbeigabe zur Einrichtung einer Phantasiebühne für mentales Probehandeln. Aber die Leistungen der Schimpansen gehen doch noch weiter. David PREMACK hat, in vollem Bewußtsein ihrer linguistischen Tragweite, in sein Trainingsprogramm mit Erfolg auch Bezeichnungen für »rot«, »geben«, »ist ein«, »gleich«, »verschieden«, »nicht« aufgenommen - also Symbole, die nicht Dinge meinen, sondern Eigenschaften, Tätigkeiten oder Relationen. Wobei zunächst zu fragen ist, was man eigentlich unter einem »Ding« zu verstehen habe. Nicht jede in sich geschlossene Konfiguration der Wahrnehmung, nicht jede »Gestalt« ist bereits ein Ding. »Gestalt« ist, worauf ein Detektor anspricht, eine bestimmte Kombination von Reizen, die im nächsten Moment wieder zerfließen kann und dann verschwunden ist, als hätte sie nie existiert. Von einem »Ding« hingegen verlangt man mehr: Es ist stets der Ansatzpunkt einer Identitätsrelation. Das trifft bereits für die diachrone Identität zu: Ein »Ding« ist, was im Zeitverlauf mit sich identisch bleiben kann. Erst recht gilt es für die synchrone Identitat - diese macht zum Ding, was immer sie miteinander verklammert. Wenn das aber so ist, dann zeigt der Erfolg von PREMACKS Sprachunterweisung, daß für Schimpansen auch unselbständige Attribute von Dingen ihrerseits zu Dingen werden können. Die Versuchstiere waren schließlich in der Lage, in der Zeichenfolge »? Farbe-von Apfel« anstelle des Zeichens »?« das Symbol für »rot« einzusetzen. In der älteren Fachliteratur wurde diese Fähigkeit häufig als »Abstraktionsvermögen« bezeichnet. Aber dieser Ausdruck ist irreführend. Schon ein Huhn, das dressiert wurde, auf das größere von zwei Dreiecken zu picken, wird, wenn man ein noch größeres Dreieck hinzulegt, sogleich dieses bevorzugen. Es reagiert also nicht starr auf ein bestimmtes Reizobjekt, sondern auf das isolierte Merkmal »größer als die anderen«; insofern kann es abstrahieren«. In Wirklichkeit handelt es sich hier aber nur darum, daß ein Ding, eben das Dreieck, an einem Einzelmerkmal, hier also an seiner relativen Größe, identifiziert wird. Es ist im Grunde wie bei dem Kind, das zu allem, was pelzig ist, »Wauwau« sagt. Im Falle der Schimpansensprache kommt es aber darauf an, daß ein solches isoliertes Merkmal von seinem dinglichen Träger getrennt und seinerseits zum Verankerungspunkt einer symbolischen Identifikation gemacht wird. Auch dafür gibt es in der philosophischen Sprache ein Schlagwort; man spricht von »Verdinglichung«. Das Wort hat keinen guten Klang, übrigens zu Unrecht; aber dies zu diskutieren würde hier zuweit führen. Sprachlich wird es faßbar durch die Konstruktion von Nomina wie etwa »die Liebe« zum Verbum »lieben« oder »die Schönheit« zum Adjektiv »schön«. Konstruktionen dieser Art sind nicht, wie von dem in der Kognitionspsychologie dilettierenden Sprachforscher B.L.WHORF behauptet worden ist, ein Spezifikum des Indogermanischen, sondern ein linguistisches Universalphänomen. Wozu kann einem Schimpansen die Fähigkeit nützen, Eigenschaften von Dingen so zu behandeln, wie wenn sie selbst Dinge wären und als solche ihrerseits Eigenschaften haben, Tätigkeiten ausüben oder in Relationen mit anderen Dingen treten könnten? Vielleicht enthält eine Beobachtung KÖHLERS den Schlüssel zur Antwort auf diese Frage. In seinen Intelligenzprüfungen ging es immer wieder darum, eine anscheinend unzugänglich angebrachte Banane durch Einsatz geeigneter Werkzeuge zu erreichen. Hing die Banane zum Beispiel an der Decke, so mußte ein Gegenstand herbeigeschafft werden, der sich als Podest eignete, etwa eine Kiste. Lag die Banane hingegen außerhalb der Gitterstäbe, so mußte sie mit einem Bambusstab hereingeharkt werden. KÖHLER berichtet nun, daß die dümmeren unter seinen Versuchstieren in der zuletzt genannten Situation darauf verfielen, wieder die Kiste, die sich bei der ersten Aufgabe bewährt hatte, an das Gitter zu schleppen - ohne Einsicht, dass sie dort gar nicht als Lösungswerkzeug in Betracht kam. Die Kiste war, unter dem Belohnungsdruck der erfolgreich gelösten ersten Aufgabe, gewissermaßen »mit Haut und Haaren«, als konkretes Ding, mit der erreichten Banane assoziiert. Es wäre aber darauf angekommen, eine ursächliche Relation zwischen den jev.eils lösungsrelevanten Attributen der beteiligten Objekte, der »Höhe« der Banane und der »Besteigbarkeit« der Kiste, zu stiften, oder bei der zweiten Aufgabe zwischen der »Enge« der Gitterstäbe und der»Länglichkeit« jedes potentiellen Werkzeugs. MITTEILUNGSKATEGORIEN Wir werden also davon ausgehen müssen, daß die Verdinglichung mit zu den kategorialen Operationen gehört, die für das komplizierte Simulationsspiel des mentalen Probehandelns entwickelt worden ist. Die Schimpansensprache ist ein Laborartefakt, das uns freilich tiefe Einblicke in die Kategorien der zweiten kognitiven Ebene gewährt. Dass man diese Kategorien auch kommunikativ einsetzen kann, ist auf der Entuicklungsstufe der Schimpansen noch kein biologisches Thema. Erst der Mensch hat dieser Möglichkeit eine Funktion gegeben. Erst bei ihm tritt offenbar in größerem Massstab das Bedürfnis auf, Inhalte der Vorstellungsebene zwischen sich und anderen Individuen zu transferieren. Ansätze dazu gibt es freilich auch schon bei Schimpansen; aber sie begnügen sich dabei, wie Emil MENZEL gezeigt hat, unter natürlichen Bedingungen mit dem Repertoir ihres expressiven Verhaltens. Erst beim Menschen war aus Gründen, die wir zunächst offenlassen, das Bedürfnis, seine individuelle Vorstellungswelt mit Anderen zu teilen, stark genug, ein eigenes Kommunikationsmittel zu schaffen, das es dem Empfänger erlaubt, Vorstellungsinhalte des Senders zu rekonstruieren - eben die Sprache. Das brachte wiederum neue Probleme mit sich. Die Sprache - gleich ob in Worten oder in Gesten - ist eine eindimensionale Zeitreihe. Die Phantasie entfaltet sich jedoch, ebenso wie die Wahrnehmung, in einem vierdimensionalen Raum-Zeit-System. Damit ergibt sich eine topologische Schwierigkeit, wie sie schon bei der Uebertragung eines Flächenbildes durch ein Videosignal auftritt, das ja ebenfalls nur die eine Zeitdimension zur Verfügung hat. Das Bild muss nämlich, wie man in der Technik sagt, abgetastet werden. Bei der Videoübertragung geschieht das zeilenweise. Denkbar wäre natürlich auch ein anderes, irgendwie am Inhalt des Bildes orientiertes Abtastprinzip, nur wäre das in der Technik unnötig kompliziert. Die Sprache bedient sich aber in der Tat eines solchen Verfahrens. Wenn eine Struktur durch ein Signal geringerer Dimensionenzahl übertragen werden soll, wird in jedem Falle Zusammengehöriges zerrissen. Information über Nachbarschaftsbeziehungen muss in der Regel durch andere .Markierungen des Signalflusses vor dem Verlust geschützt werden. Beim Videosignal werden zu diesem Zweck sogenannte Synchronisierimpulse gesetzt, die jeweils festlegen, wann der Videostrahl wieder zurückspringen und eine neue Zeile oder ein neues Bild beginnen soll. So wird das in dünne Streifen zerrissene Bild wieder zusammengesetzt. Die Sprache, die nicht so grobschematisch abtastet, verwendet ein komplizierteres Markierungssystem. Man nennt es die Syntax. Die Zeichensprache der Schimpansen weist, was unter ihren Erforschern allerdings nur David PREMACK klar erkannt hat, keine Syntax auf. Erst beim Menschen lagert sich über die beiden bereits eingeführten Ebenen der Wahrnehmungsinhalte und der Vorstellungsrepräsentationen noch eine dritte, auf der das repräsentierte Material in einen kommunizierbaren Modus transformiert wird. Auch diese Ebene hat ihre eigenen Kategorien - syntaktische Ordnungsformen wie Subjekt und Objekt, Aktiv und Passiv, Bestimmtheit und Unbestimmtheit und viele andere. Ein Beispiel möge andeuten, wie diese Kategorien eingesetzt werden, um vieldimensionale Sachverhalte durch lineare Abtastung nachbarschaftserhaltend zu übertragen. Betrachten wir etwa die folgende einfache Mitteilung: »Es war einmal eine Dame. Die Dame hatte einen Koffer. Dieser wurde von einem Dieb gestohlen.« Der unbestimmte Artikel »ein« im ersten Satz teilt dem Empfänger mit, daß er auf seiner imaginären Bühne einen neuen, vorerst auf nichts anderes bezogenen Kristallisationskern »Dame« einzutragen habe. Im nächsten Satz ist wieder von einer »Dame« die Rede. Aber diesmal steht der bestimmte Artikel »die«. Der Empfänger erfährt daraus, dass zwischen den beiden Inhalten »Dame« im ersten und im zweiten Satz Identität besteht, daß er also nicht einen zweiten, unabhängigen Bezugspol zu definieren braucht. Die beiden Signale »Dame«, durch die sprachliche Folge zeitlich auseinandergerissen, sind deckungsgleich einzutragen. Was neu hinzukommt, ist »ein« Koffer; aber der ist durch die Relation »haben« an »der« bereits im vorigen Satz übermittelten Dame festgemacht. An »diesen« Koffer wiederum wird nach demselben Prinzip »ein Dieb« angelagert, wobei die Tätigkeit »stehlen« als Verknüpfung dient. Der dritte Satz steht im Passi, damit der bereits auf der Bühne des Empfängers eingetragene und dort momentan noch im Fokus der Aufmerksamkeit stehende »Koffer« als Subjekt des Satzes fungieren kann, unbeschadet der Tatsache, daß der erst später übermittelte »Dieb« der eigentliche Akteur der Handlung ist. Es versteht sich von selbst, dass diese Skizze unzureichend ist; zu zeigen war lediglich, daß die kommunikative Funktion noch einmal eine eigene kategoriale Verarbeitung des Vorstellungsmaterials erforderlich macht. Schwarz-Weiß-Malerei Eine zweite, nicht minder einschneidende Veränderung beim Uebergang zum kommunikativen Denken hängt mit dem informationstheoretischen Begriff der Kanalkapazität zusammen. Ich möchte auch dieses Problem an einem Beispiel erläutern. Wir entwickeln gegenwärtig an unserem Institut unter anderem neue Methoden der automatischen Computerauswertung von Versuchsabläufen, die mit einer Videokamera gefilmt werden. Dabei soll der Rechner das Material auswerten können, während es anfällt; »on line« sagt man dafür in der Computertechnik. Das setzt zunächst einmal voraus, daß man das Videobild überhaupt fortlaufend in den Speicher des Rechners einlesen kann, ohne daß er sich gewissermaßen daran »verschluckt«. Dafür ist die Informationsdichte des Videosignals aber zu groß: Es unterscheidet zu viele Graustufen, und auch die räumliche Auflösung der Bildröhre ist so fein, daß die Daten in zu hoher Frequenz anfallen. Das Signal muss daher, bevor es den Rechner erreicht, zunächst in einem sogenannten Digitalisierer vereinfacht werden. Hierfür gibt es zwei komplementäre Möglichkeiten: Entweder kann die räumliche Rasterung vergröbert oder aber die Zahl der Graustufen reduziert werden. Im ersten Fall gehen Formdetails verloren; im zweiten Fall wird das Bild, wie man in der Photosprache sagt, »härter«; äußerstenfalls unterscheidet es, holzschnitthaft, nur noch Schwarz und Weiss. Beide Möglichkeiten können natürlich auch kombiniert werden. Für die kognitive Informationsverarbeitung hat dieses Beispiel unterschiedliche Relevanz, je nach der Ebene, von der man redet. Relativ belanglos ist die Frage der Kanalkapazität für das Wahrnehmungsgeschehen. Die netzartige Struktur des Zentralnervensystems erlaubt hier nämlich »parallele« Informationsverarbeitung auf vielen Kanälen gleichzeitig, so daß also die Zeit als limitierender Faktor kaum eine Rolle spielt. Im Prinzip gilt dasselbe für die Vorstellungsebene - wenngleich
hier der Aufwand für das Simulationsprogramm bereits zu erheblichen
Einschränkungen der verarbeitbaren Information führt. Erst wenn
die repräsentierten Inhalte für die sprachliche Kommunikation
aufbereitet werden sollen, erzwingt dies ihre »serielle« Verarbeitung:
er muß alle Information nun wirklich so transformiert werden, daß
sie durch das Nadelöhr einer eindimensionalen Zeitreihe gefädelt
werden kann. Dabei kommt offenbar auch so etwas wie ein »Digitalisierer«
zum Einsatz: Wo die Natur fließende Uebergänge vorsieht, empfinden
wir den Denkzwang, scharfe Grenzen zu ziehen und die dazwischenliegenden
Felder rücksichtslos einzuebnen - eine Tendenz, die an der rationalen
Weltsicht immer wieder als »Schwarz-Weiß-Malerei« beklagt
zu werden pflegt. Wir fühlen uns unbehaglich angesichts der Frage,
wo genau der »Berg« aufhöre und das »Tal«
beginne, wir geben keine Ruhe, bis wir die Polspannung in der biologischen
Verhaltensorganisation der beiden Geschlechter eine stereotype Schablone
von »dem« Mann und »der« Frau gepreßt haben.
Wir können allen Ernstes darüber nachdenken, wieviele Haare nötig
en, um eine »Bürste« zu definieren. Oder was ein »Buch«
sei: Ist ein harter Einband erforderlich? Eine Mindestanzahl von Seiten?
Muß es gedruckt sein? Es gab darüber tatsächlich einmal
eine internationale Konferenz der Postministerien, wegen der Gebührenregelung
bei Büchersendungen.
Kategorie ZEIT: Die Vergegenwärtigung der Zeitachse Wir haben bislang noch nicht die Frage beantwortet, warum der Mensch ein so großes Interesse daran hat, die Inhalte seiner Repräsentationsebene mit Anderen zu teilen und im Gegenzug deren Inhalte für sich zu übernehmen. Es gibt nun tatsächlich noch einen ganz anderen Neuerwerb des menschlichen Kognitionsapparates, der zwar auf den ersten Blick ganz unabhängig von dem genannten Problem zu sein scheint, bei näherem Zusehen aber vielleicht doch den Schlüssel zü dessen Lösung enthält. Auch auf diese Innovation, das sei um der historischen Gerechtigkeit willen eingeräumt, haben Philosophen wiederholt hingewiesen, als erster wohl HOBBES, später unter anderem KLAGES und dann wiederum GEHLEN. Es gehört zu den eindrucksvollsten und von Tierkennern immer wieder
bestätigten Schwächen vormenschlicher Daseinsbewältigung,
wie wenig selbst die Vertreter intelligentester Tierarten zu vorausschauender
Planung in der Lage sind. Kein Tier beschafft zum Beispiel in gesättigtem
Zustande Nahrungsvorrat für künftigen Hunger, sofern nicht, wie
bei manchen Nagern und einigen Vögeln, einsichtsfreie Instinktketten
dies erzwingen. Wir Menschen tun dergleichen ständig: Wir kümmern
uns lange vor der Zeit etwa um ein Billett zum Besuch einer Theateraufführung
oder eines Fußballspiels, um den Erwerb warmer Kleidung für
den kommenden Winter an einem Hundstag im Spätsommer, um Zusammenstellung
von Medikamenten für eine Reise in südliche Länder bei vorerst
noch makellos funktionierender Verdauung, um Mitnahme eines Regenschirms
bei noch unverdächtigem Himmel, um Geburtenverhütung, und so
fort. Zu solchem Handeln, das für die menschliche Daseinsbewältigung
durchaus nicht erst im Zivilisationsstadium kennzeichnend ist, gibt es
im tierischen Leben nur so spärliche und unvollkommene Ansätze,
daß wir ein neues Konstruktionsprinzip vermuten dürfen. Wir
wollen es das Prinzip der Zeitrepräsentation nennen. Dieser Ausdruck
soll besagen, daß der neue kognitive Mechanismus die Vergegenwärtigung
nicht-gegenwärtiger Ereignisfolgen bewirkt. Allerdings ist er damit
allein noch keineswegs ausreichend charakterisiert. Denn im Grunde beruht
auch schon jede tierische Intelligenzleistung darauf, dass die Ergebnisse
von imaginativen Manipulationen vorweggenommen und bewertet werden müssen.
Schimpansen sind in dieser Hinsicht immerhin zu recht beachtlichen Leistungen
in der Lage. Die Tiere brechen dort zeitweilig zu kilometerlangen
Märschen in ein Weidegebiet auf, wo es eine bestimmte Art wohlschmeckender,
aber mit sehr harter Schale versehener Nüsse gibt, hingegen keine
Steine, mit deren Hilfe man sie öffnen könnte. Auf diesen Weg
nehmen sich die Tiere tatsächlich »von daheim« geeignete
Steine mit! Aber gleichwohl - der Aufbruch steht mutmaßlich doch
bereits unter dem Motivationsdruck: »Wir haben wieder einmal Appetit
auf Nüsse!« Soweit künftige Ereignisse vorstellend vorweggenommen
werden, erfolgt dies im Bezugssystem der gerade aktuellen Antriebslage,
es dient der optimalen Organisation des zu dieser Antriebslage gehörigen
Appetenzverhaltens. Was - mit einem erstaunlich großen Spannungsbogen
- im voraus imaginiert wird, ist der Widerhall gegenwärtiger Bedürfnisse
in einer künftigen Umwelt. Das ist es aber nicht, was wir hier unter
Zeitrepräsentation verstehen wollen. Wir meinen vielmehr die Vergegenwärtigung
künftiger Bedürfnislagen. Und damit führen wir einen Unterschied
von grundsätzlicher Bedeutung ein. So wie wir die Aktivitäten
auf der zweiten kognitiven Ebene bislang betrachtet haben, ist ihr Organisator
die Motivation. Bekomme ich auf einer Wanderung Durst, so sorgt dieser
dafür, daß meine Phantasie sich damit zu beschäftigen beginnt,
wie ich an etwas Trinkbares gelange, dass meine Aufmerksamkeit für
entsprechende Hinweise in der Wahrnehmungswelt geweckt, mein Gedächtnis
für verwertbare Erinnerungsdaten sensibilisiert wird, und so fort.
Aber ich muß, wenn ich noch nicht Mensch bin, diesen Durst eben zunächst
einmal habe. Als Mensch kann ich mehr. Ich kann mir vor Antritt der Wanderung,
am kühlen Morgen nach ausgiebigem Trunk, mich selbst vorstellen -
unter brüllender Mittagssonne in schattenlosem Gelände mit inzwischen
längst ausgedörrtem Hals; und dieser imaginative Durst ist dann
immerhin wirksam genug, die Organisation meiner Phantasie zu übernehmen
und auf diese Weise sicherzustellen, daß ich unterwegs zureichend
mit Trinkwasser versorgt sein werde. »Simulierte« Antriebe
kennen wir bereits aus der Situation des Spiels; auch dort entstehen Motivationen
im Modus des »Als-Ob«. Aber da liegt ein wesentlicher Unterschied:
Gegenüber dem Spiel entfällt jetzt das Moment des Mutwillens,
der Beliebigkeit. Entscheidend ist nicht so sehr, dass die vorweggenommenen
Bedürfnisse vorerst noch nicht real sind, sondern dass sie richtig
vorausgesehen werden müssen! Was man hierzu fordern muß, kommt
einer kopernikanischen Wende gleich. Die Triebe müssen als führende
Organisatoren der Phantasie entthront werden; sie haben sich nun vielmehr
ihrerseits nach dem zu richten, was auf der Vorstellungsbühne abläuft,
gerade so, als handle es sich dabei um handfeste Realität.
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