| JOST HERBIG: DER FLUSS DER ERKENNTNIS |
| Ueber die Notwendigkeit das Künstliche vom Natürlichen
zu Unterscheiden.
Hoffmann und Campe. 1991. pg 244 Zwischen dem Beginn des 6. und dem Ende des 4. Jahrhunderts v.Chr. entwickelten die Denker von Thales bis Demokrit einige der grundlegenden Begriffe und Vorstellungen, auf denen auch unser Denken beruht. Mit diesem Instrumentarium zu denken ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir es für natürlich halten. Aber stellen wir uns vor, die Entwicklung des Denkens wäre um 600, kurz vor Thales, stehengeblieben. Dann wüßten wir nicht, was Materie, Raum und Zeit, Form, Bewegung, Kraft, Eigenschaft, Ding, Lebewesen und Ursache sind. Diese für unser Denken grundlegenden Begriffe sind Abstraktionen
von der Wirklichkeit der sinnlich wahrgenommen Welt. Die Abstraktion »das
Tier« etwa umfaßt sämtliche individuellen Hasen, Hühner,
Hunde, Eichhörnchen, Fliegen, Pferde usw. Um solche Abstraktionen
zu bilden, muß man das Gemeinsame erkennen, was die einzelnen Mitglieder
dieser Gruppe verbindet und was sie von anderen Gruppen trennt. Das bedeutet,
zu unterscheiden:
Man stockt und fragt, ob wir nicht ein natürliches Verständnis dieser Phänomene haben? »Natürlich!« werden Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie erwidern. Sie werden darauf verweisen, ihre Theorie habe gezeigt, warum wir ein angeborenes Verständnis von Raum und Zeit, von Bewegung, von Substanz, Gestalt und Kausalität haben. Und, sollten wir noch immer zweifeln, werden sie möglicherweise
an Simpsons Affen ohne realistische Raumwahrnehmung erinnern, der nicht
zu unseren Ahnen zählen kann, weil er, bevor er Nachkommen hätte
hinterlassen können, vom Baum gefallen wäre (vgl. S. 52).
Aber als die griechischen Philosophen über das nachzudenken begannen, was ihnen als Abkömmlingen urzeitlicher Affen angeboren war, gerieten sie in die größten Schwierigkeiten. Nehmen wir das Beispiel einer Reise, die zwar theoretisch undenkbar war, von der aber kein Geringerer als Platon behauptet, daß sie dennoch stattgefunden hat. Durch logische Schlußfolgerungen hatte Parmenides, einer der wichtigsten Denker des 6.Jahrhunderts, bewiesen, Bewegung sei unmöglich. Diese Erkenntnis hielt ihn jedoch nicht zurück, um 450 v. Chr. in Begleitung seines Schülers Zenon aus dem heimischen Elea in Süditalien nach Athen zu reisen. Zweck des Unternehmens war es, athenische Intellektuelle, darunter den jungen Sokrates, darüber zu belehren, daß sie sich irrten, wenn sie meinten, die Bewegung, die sie wahrnähmen, sei real. Angenommen, Parmenides sei zur See gereist. Als Abkömmling von Simpsons Affen wird er die Fahrt realistisch wahrgenommen haben. Er registrierte, wie nach dem Ablegen die Küste allmählich kleiner wurde und, nachdem das Schiff auf südlichen Kurs gegangen war, zur Linken langsam vorüberzog. Nach der Fahrt durchs Tyrrhenische Meer, der Umrundung Siziliens und der Durchquerung des Ionischen Meers signalisierte ihm das Auftauchen der Peloponnes, daß er sich Griechenland, dem Ziel seiner Reise, näherte. Vor der Einfahrt in den Piräus wird er von Ferne das hoch aufragende Felsmassen von Kap Sunion bestaunt haben, wo ihm die Ruinen des 480 v. Chr. von den Persern zerstörten alten Poseidontempels die Vergänglichkeit irdischer Dinge vor Augen führten. Voll Staunen und Bewunderung wird Parmenides all das wahrgenommen haben. Und er wird, dessen bin ich sicher, auch davon ausgegangen sein, daß all das, was er sah, hörte, fühlte und roch, nicht nur in seinem Kopf existierte. Daß er die Reise überhaupt angetreten hat, um in Athen eine Lehre zu verbreiten, die seine Anwesenheit dort ausschloß, spricht für einen gesunden Realitätssinn. Und das schallende Gelächter das er erntete, als er durch Logik bewies, Bewegung und Veränderung gebe es nicht, spricht für den der Griechen. Aber den Philosophen unter seinen Gastgebern sollte das Lachen vergehen.
In scharfsinnigen Denkspielen wie dem vom schnellen Achilleus, der vergeblich
versucht, eine Schildkröte zu überholen, zeigte ihnen Parmenides’
Schüler Zenon, daß ihre eigenen Vorstellungen nicht weniger
widersprüchlich waren.
Auf der kulturellen Ebene des bewußten Erkennens war all das problematisch geworden, was auf der biologischen unreflektierter Wahrnehmungen und Erwartungen automatisch ablief. Gewiß haben die griechischen Denker nicht alle Probleme gelöst, die sie sich stellten. Wie konnten sie auch? Ihre Lehren bestanden aus unzähligen ungeprüften Hypothesen. Sie suchten nach nichts Geringerem als dem göttlichen Prinzip der Welt. Wer ein solches Ziel erreichen will, schlägt sich nicht wie ein moderner Naturwissenschaftler mit Einzelfragen herum. Aus Sicht der Beteiligten waren die Dinge nur soweit zu klären wie notwendig, um daraus das kosmische Prinzip widerspruchsfrei abzuleiten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hielten es diese Denker nicht für notwendig, ihre Hypothesen experimentell zu überprüfen. Mit scharfem Verstand legten sie die Schwächen konkurrierender Lehren bloß. Aber auf den Gedanken, das Seziermesser der Kritik auch an der eigenen Lehre anzusetzen, kamen sie nicht. Als Wahrheitskriterien genügten Plausibilität und innere Geschlossenheit. Und dennoch, trotz aller Unzulänglichkeit haben diese Philosophen das rationale, besser: das funktionale Denken begründet. Die Unvollkommenheit ihrer Methode - der Verzicht auf experimentelle Überprüfung von Hypothesen und der Anspruch, nichts Geringeres als das Universum zu erklären - ist von unschätzbarem Wert. Ihre Methode ermöglicht es uns, ein Vorgehen zu verfolgen, das noch nicht in das Korsett streng naturwissenschaftlicher Methodik gezwängt ist. Was immer diese Denker erkannten, beruhte kaum je auf konstruierenden Experimenten, und mit wenigen Ausnahmen stellten sie auch keine Messungen an. Sie begnügten sich damit, die Wirklichkeit zu beobachten, Analogien zu bekannten Prozessen herzustellen und sich ansonsten der Vernunft zu bedienen. Um zu erkennen, daß die Welt aus Atomen und leerem Raum bestehe,
genügten Leukipp und seinem Schüler Demokrit die Sinne und der
Verstand. Dazu kam ein Instrumentarium immaterieller Vorstellungen
und Begriffe, das es erlaubte, die Vielzahl unterschiedlichster Phänomene
auf wenige Ursachen zurückzuführen. Mit den Begriffen Homers,
mit denen sich nur das Individuelle, das Besondere bezeichnen ließ,
hätten sie keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse gewinnen können.
Auch die Evolutionäre Erkenntnistheorie ist ein Abkömmling dieser begrifflichen Neugestaltung der Welt durch Denker, die zu erkennen versuchten, was ihre Zeitgenossen unreflektiert erwarteten. Der Versuch der Evolutionären Erkenntnistheorie, nun ihrerseits zu erklären, warum etwa unser kausales Denken der Wirklichkeit der Energieübertragung von der Ursache zur Wirkung angepaßt sei, setzte die begriffliche Klärung dessen voraus, was »Kausalität« überhaupt ist. Auch dieser Begriff ist eine Konstruktion des menschlichen Geistes. Nur indem sie annahmen, im Kosmos herrschten Ordnung und Gesetzmäßigkeit, konnten die Naturphilosophen über die Ursachen dessen reflektieren, was Homer bloß erwartet hatte. Wäre das Postulat einer angeborenen Erwartung von Kausalität
der Evolutionären Erkenntnistheorie richtig, dann hätte schon
Homer kausal denken müssen. Doch in seinem umfangreichen Werk findet
sich davon keine Spur. Erst Solon und Anaximander erkannten, daß
Ereignisse aus Notwendigkeit aufeinander folgten. Kausales Denken ist im
Verlauf einer kulturellen Entwicklung entstanden. Angeboren sind nur die
Voraussetzungen. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie ist daher das
künstliche Produkt des gleichen Denkens und der gleichen Erwartungen,
Um zu erkennen, daß kausales Denken einem »Kausalprinzip« der Natur angepaßt ist, nach dem von der Ursache A Energie auf die Wirkung B übertragen wird, müssen wir eben kausal denken. Immanuel Kant ist schon vor zwei Jahrhunderten zu dieser Erkenntnis
gelangt. Er zeigte, daß unser Denken auf Kategorien wie Kausalität
beruht, die vor aller Erfahrung da sind. Wir können uns nicht außerhalb
unserer selbst stellen, um von einer übergeordneten Warte aus zu beobachten,
ob unser kausales Denken tatsächlich an die Wirklichkeit eines in
der Natur verbreiteten »Kausalprinzips« angepaßt ist.
Was immer wir unternehmen, um die Hypothese zu überprüfen, setzt
kausales Denken voraus (vgl. Löw I983). Auf dem höheren Erkenntnisniveau
von heute trifft daher noch immer das Urteil des Xenophanes zu, absolute
Gewißheit könne es nicht geben. »Das Genaue« habe
kein Mensch erblickt, und es werde auch nie jemanden geben, der es erblicken
könne. Selbst wenn es einem Menschen einmal gelänge, ein »Vollendetes
auszusprechen«, so wisse er es nicht:
Dies ist kein Grund, die Aussage der Evolutionären Erkenntnistheorie
anzuzweifeln, unser Weltbildapparat könne uns kein grundsätzlich
falsches Bild der Welt vermitteln. Deren Verfechter haben überzeugende
Argumente vorgetragen, warum er uns nicht prinzipiell täuschen kann.
Aber sie haben versäumt, zu erkennen, wie unvollständig dieses
Bild der Wirklichkeit ist. In ihm fehlen die künstlich geschaffenen
Vorstellungen und Begriffe, durch die wir die Welt erst verstehen.
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