Gesellschaft


Urs Boeschenstein
Sa 25.04. / 02.05.09

Ein neues Menschenbild: Wir Menschen haben nicht nur ein Ich-Bewusstsein,
wir haben – angeboren – auch ein Wir-Bewusstsein. Unsere Fähigkeiten des Miteinander haben durch die Evolution des Sprechens eine neue Form von Evolution möglich gemacht: Kultur-Evolution.
Sprechende Menschen mit „Wir-Bewusstsein“ haben Strukturen des Zusammenlebens in Gruppen entwickelt: von Horden zu Stämmen, Häuplingstümern, Königreichen und – das ist unsere neue Lebenswelt –
zur Weltgesellschaft. Sie brauchten dazu Medien der Kommunikation: Sinn (Bedeutung), Verbalsprache, Schrift, Druck, Computer.

Wir wollen diskutieren, wie sich im Verlaufe der letzten 10‘000 Jahre das Denken und Nachdenken über unser Zusammenleben verändert und entwickelt
hat. Als Einführung empfehle ich die Lektüre von Dirk Baecker: Die Nächste Gesellschaft.

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Richard David Precht
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Eine philosophische Reise
Goldmann 2007

Seite 300: Niklas Luhmann -Systemtheorie
Die Entwicklung sozialer Systeme, so meinte Luhmann, ließe sich zwar mit Begriffen der Evolutionstheorie erklären. Aber soziale Systeme waren damit keinesfalls eine besonders komplizierte Form von biologischen Systemen, auch wenn Menschen unzweifelhaft Lebewesen sind. Warum nicht? Weil sozialer Systeme, so Luhmann, nicht aus dem Austausch von Stoff und Energieumsätzen von Lebewesen bestehen, sondern aus dem Austausch von Kommunikation und Sinn.

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Seine Anreger waren die chilenischen Hirnforscher Humberto Maturana und dessen Schüler Francisco Varela. Maturana gehört zu den Begründern der "theoretischen Biologie". In den sechziger Jahren beschäftigte sich der Spezialist für Farbenwahrnehmung im Gehirn mit der Frage: Was ist Leben? Er erklärte Leben als ein System, das sich selbst hervorbringt und organisiert. So wie das Gehirn den Stoff selbst erzeugt, mit dem es sich beschäftigt, so hätten Organismen fortwährend damit zu tun, sich am Leben zu erhalten und sich dadurch zu erzeugen. Diesen Prozess nannte Maturana Autopoiese (Selbsterzeugung).
Maturana hatte nicht nur die Selbsterzeugung des Lebens und des Gehirns beschrieben, sondern auch den Begriff Kommunikation neu definiert. Wer kommuniziert, so Maturana, übermittelt nicht einfach eine Information. Vielmehr organisierte er mithilfe seiner wie auch immer beschaffenen Sprache ein System.
Bakterien tauschen sich miteinander aus und bilden so ein ökologisches System. Hirnregionen kommunizieren und erzeugen so ein neuronales System, das Bewusstsein. Sind dann nicht auch soziale Systeme, so dachte Luhmann weiter, ein autopoietisches System, entstanden durch sprachliche (also symbolische) Kommunikation?

Luhmanns Plan war schon lange zuvor gefasst: die genaue Beschreibung der sozialen Systeme eine Gesellschaft auf der Grundlage des Begriffs Kommunikation. In der Idee der Autopoiese fand er einen wichtigen bislang noch fehlenden Baustein. Der Ansatz beim Begriff Kommunikation war eine Revolution. Bislang hatten die Soziologen von Menschen gesprochen, von Normen, von sozialen Rollen, von Institutionen und von Handlungen. Doch bei Luhmannhandel keine Menschen mehr: es geschieht Kommunikation. Und es ist weit gehend egal, wer da kommuniziert. Entscheidend ist nur die Frage: mit welchem Ergebnis? In der menschlichen Gesellschaft tauschen sich keine Stoffe und Energien aus wie bei Bakterien, keine Neuronen wie im Gehirn, sondern Erwartungen. Doch wie werden Erwartungen ausgetauscht? Welche Erwartungen werden erwartet? Und was entsteht daraus? Mit anderen Worten: wie schafft es die Kommunikation, Erwartungen so auszutauschen, dass moderne soziale Systeme entstehen, die tatsächlich weitgehend stabil und unabhängig von anderen Einflüssen funktionieren: Systeme wie die Politik, die Wirtschaft, das Recht, die Wissenschaft, die Religion, die Erziehung, die Kunst oder die Liebe.

Precht-Reise 313: Do be do be do – Was ist Freiheit?
Zu Anfang meiner Reise in die Philosophie stand ein Spruch:

To be is to do - Sokrates
To do is to be - Sartre
Do be do be do - Sinatra

Die starke, aber letztlich doch wechselseitige Abhängigkeit vom Verstand und Gefühl erklärt, warum Menschen sich auf so wunderbare Weise nicht vorhersagbar benehmen. Die Antwort auf die Frage, ob die psychische Grundausstattung das Handeln bestimmt oder das Handeln die Psyche, lautet also: sowohl als auch. Meine Handlungen und meine Hirnzustände durchkreuzen sich munter wechselseitig. Eine endlose Folge aus Tun und Sein, Sein und Tun: Do be do be do.



Richard David Precht
Die Suche nach dem Verlorenen Sinn
Precht-Sinn-Stern20.11.08
Unser Leben hat eine Komplexität erreicht wie nie zuvor in der Geschichte. Und unsere Steinzeitgehirne verlieren die Orientierung. Dabei lernen wir diese Gehirne gerade erst kennen. Heute arbeiten Tausende Hirnforscher in aller Welt an der Entschlüsselung des Gehirns. Und sie studieren unsere Gefühle. Sie legen Mönche in Kernspintomografen und entdecken religiöse Zentren gehören; sie benennen die Kerne im Hypothalamus, die die weibliche von der männlichen Lust unterscheiden. Und sie haben jene Nervenzellen entdeckt, die uns mit anderen Menschen mit fühlen lassen.
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Was ist Wahrheit?
Viele Menschen Suche nach der Wahrheit, nach einer tiefen Einsicht in das, was im Leben richtig ist und was falsch. Auch die Philosophie verdankt sich diese Suche, der Philosoph sucht Wahrheit und Weisheit. Das Problem dabei ist: das Gehirn des Menschen wurde nicht dazu gemacht, eine absolute Wahrheit zu erkennen. Alle Menschen besitzen ein Primatengehirn, entstanden im Überlebenskampf in der afrikanischen Savanne. Auf eine absolute Wahrheit kam es hier nicht an. Menschen können das erkennen und begreifen, was ihre Sinne ihnen vermitteln: was wir sehen, hören, schmecken, riechen, anfassen können. Und was wir auf dieser Grundlage messen, berechnen und abstrahieren. Alles zu begreifen aber ist nicht möglich. Und es gibt auch keine Abkürzung zu höheren Wahrheiten durch Meditation. Aus dem Dunstkreis unseres Fühlens und Denkens können wir nicht ausbrechen. Deshalb fragen Philosophen heute auch nicht mehr nach der Wahrheit, sondern sie vermitteln allenfalls Zugewinne an Plausibilität die Aufgabe der Philosophie besteht darin, den Menschen zu helfen, mit sich selbst umzugehen. Und das ist nicht wenig.

Wer ist Ich? Zweitausend Jahre lang schien die Sache klar. Jeder Mensch hat ein „Ich“. Wie ein roter Faden bestimmt der Gegensatz zwischen Ich und Welt, Subjekt und Objekt das abendländische Denken. Nur wenige wagten daran zu zweifeln, wie der jüdische Philosoph Spinoza, der Schotte David Hume oder der Physiker Ernst Mach. Geht es nach ihnen, so ist es falsch, das Ich als etwas anzusehen, was von der Außenwelt getrennt existiert. Es gebe gar kein Ich im Oberstübchen, sondern das Ich sei eine Illusion. Der Psychologe und Philosoph William James unterschied das Ich vom Selbst. Unser Ich ist der dunkle Bewusstseinsstrom, der die Welt erlebt. Und unser selbst ist die Beurteilungszentrale, die diesen Bewusstseinstrom interpretiert. Sigmund Freud griff diesen Ball auf. Aus dem Ich wurde der dunkle Trieb des Es und aus dem selbst das Über-Ich. Und Freuds Ich war ein Spielball zwischen diesen beiden Mächten.
Die Hirnforschung geht heute noch viel weiter und zerlegt unser ich in acht bis neun verschiedene Teile. Ob wir unseren Körper als unseren eigenen begreifen oder ob wir wissen, an welchem Tag wir geboren sind, spielt sich in ganz verschiedenen Hirnregionen ab. Aber ergibt die Melodie dieser verschiedenen Instrumente am Ende nicht doch ein Konzert - mithin ein „gefühltes“ Ich? Können sieben Milliarden Menschen irren, die zu sich „Ich“ sagen?
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