Index Conditioned Coproduction

Felix Lau
Die Form der Paradoxie
Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der „Laws of Form“
von G. Spencer Brown
Carl-Auer 2008

Seite 143
Insofern es in der Erkenntnistheorie darum geht, in welchem Verhältnis Mensch und Wirklichkeit (bzw. Beobachter und Welt) zueinander stehen, gewinnt der Begriff der Beobachtung (und damit: Unterscheidung) an Bedeutung. Denn die Beobachtung stellt das Bindeglied dar; durch sie erscheinen Subjekt und Objekt miteinander verbunden – nachdem sie getrennt wurden. Setzen wir für einen Moment die Unterscheidung zwischen Welt und Beobachter als gewiss voraus:
Aus dem Eindruck einer objektiven Wirklichkeit können wir nicht zwingend schließen, dass die Welt unabhängig vom Beobachter ist. Das hieße, dass die Welt fest stünde, wie sie halt ist, und der Beobachter offen wäre, empfänglich für die Eindrücke von „außen“, die er mehr oder weniger genau wahrnimmt. Es ist aber auch umgekehrt denkbar, dass die Welt offen ist für Unterscheidungen, die ein Beobachter an sie anlegt. Dann wäre der Beobachter der feste Aspekt, indem er keine Wahl hätte, kein Bewusstsein über die Unterscheidungen, die er unentwegt trifft. Und auch in diesem Fall schiene die Welt unabhängig zu sein von der Art und Weise, wie sie behandelt wird. Denn man würde nicht wissen, woher es kommt, dass die Welt ist, wie sie ist, bzw. warum man sie so und nicht anders erlebt. Wäre es in dem einen oder dem anderen Fall möglich, dass ein Beobachter erkennt, dass er die Unterscheidungen, die er in seiner Welt wiederfindet, selbst trifft?

Die folgenden erkenntnistheoretischen Ausführungen laufen auf die These hinaus, dass weder das eine noch das andere der Fall ist. Wir werden das mit dem Begriff der „konditionierten Koproduktion“ (Den Begriff verwendet George Spencer Brown als erkenntnistheoretisches Äquivalent für die „Erweiterung der Referenz“. Vergleiche dazu auch SPENCER BROWN 1994: 8 bzw. 12, und hier im Folgenden den Abschnitt „Zirkularität und konditionierte Koproduktion“ (S. 178f.) beschreiben, demzufolge Welt und Beobachter „koevoluieren“. Demnach geht keines dem anderen voraus bzw. sind weder Welt noch Beobachter „fest“. Hier wird die Unterscheidung zwischen Welt und Beobachter vielmehr unterwandert und der Blick geschärft für die Trivialität, dass eine Welt einem Beobachter ganz genau gemäß seinen Unterscheidungen, seinem (Be-wusst-)Sein erscheint, und seine Unterscheidungen wiederum von der Welt abhängen.

Seite 178:
Zirkularität und konditionierte Koproduktion
Das Konzept der konditionierten Koproduktion , von dem George Spencer Brown in den Anmerkungen spricht, beschreibt, dass weder die Welt noch der Beobachter einen Vorrang vor dem anderen haben. Im Umgang mit einer Umwelt entwickelt ein System Strukturen, mit denen es mit der Umwelt umgehen kann. Der Beobachter ist nicht nur der „Erzeuger“ von Welt, sondern gleichermaßen der „Erzeugte“. Peter Fuchs beschreibt diesen Sachverhalt und kommt zu dem Schluss: „Die Figur der Beobachtung als (...) erzeugend Erzeugtes ist erheblich vitalisiert worden, seitdem George Spencer Browns Kalkül auf sie appliziert werden kann.“ (FUCHS 2003a: 75)

Auch Humberto R. Maturana formuliert, was wir schon aus den Laws of Form ersehen haben: Ohne den Beobachter gibt es nichts!“ (MATURANA 2003: 109)

Das heißt, jedem „Sein“ (als Gegensatz des „nichts“ aus dem Zitat) liegt ein Beobachter zu Grunde. Beobachter und Welt kommen und gehen gemeinsam. In der Erforschung und Beschreibung von Beobachtung geraten wir in eine zirkuläre Position, die für Humberto R. Maturana der Ausgangspunkt für obige Feststellung ist:

Es ist der Beobachter, dessen Operation ich – operierend als ein Beobachter – verstehen möchte; es ist die Sprache, die ich – in der Sprache lebend – erklären will; es ist das Sprechen, das ich – sprechend – genauer beschreiben möchte. Kurzum: Es gibt keine Außensicht dessen, was es zu erklären gilt.“ (MATURANA 2003: 109)

Oder in einer etwas anderen Formulierung: „Der Beobachter ist das Forschungsthema, das ich habe, er ist das Forschungsziel und gleichzeitig unvermeidlich das Instrument der Erforschung.“ (MATURANA 2003: 109)

Das veranschaulicht die Position des Wissenschaftlers, der beobachtend die Beobachtung erforscht und damit unweigerlich in einen selbstbezüglichen Zirkel gerät. George Spencer Brown meint mit der konditionierten Koproduktion jedoch noch etwas Allgemeineres.

Ausgangspunkt ist die „Erweiterung der Referenz“, die nach dem fünften Kanon uneingeschränkt fortgesetzt werden kann. Für den Indikationenkalkül bedeutet das, dass jeder Raum, jede Seite einer Unterscheidung weiter unterschieden werden kann. Für die Erkenntnistheorie können wir dies interpretieren: Wenn wir eine Seite weiter ausdifferenzieren, bezeichnen wir etwas anderes als zuvor. Und damit ändert sich auch die unbezeichnete Seite. Wenn Beobachter unterschiedlich ausdifferenziert beobachten, erzeugen sie unterschiedliche Welten.

Das heißt, dass die eine Seite mit der anderen koproduziert wird; sie bedingen einander und können nicht als unabhängig voneinander betrachtet werden. Dieses Verknüpftsein ist konditioniert, da es nicht beliebig ist. Eine Ausdifferenzierung der einen Seite bedingt die Änderung auf der anderen.
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Peter Fuchs
Die Konditionierte Koproduktion von Kommunikation und Bewusstsein
http://www.fen.ch/texte/gast_fuchs_mensch.pdf.

EINS=ZWEI=EINS-Problem -
konditionierte Koproduktion.7
7 Vgl. Spencer-Brown, G., Vgl. A Lions Teeth, Löwenzähne, Lübeck 1995, S.20: „How we, and all appearance that appears with us, appear to appear is by conditioned coproduction. Vgl. auch dens., Gesetze der Form, Lübeck 1997, Vorstellung der internationalen Ausgabe, S.ix f.

Konditionierte Koproduktion besagt (in der Lesart, die ich wähle), daß – erstens – alles, was erscheint, seine Epiphanie historisch (das bedeutet das Adjektiv ‚konditioniert‘) erwirtschaftet, und – zweitens – daß diese Erwirtschaftung an die Ökonomie einer Einheit gebunden ist, die nur für einen Beobachter eine Zweiheit ist. So wenig es den Herrn ohne den Knecht gibt, den Knecht ohne den Herrn, so wenig es also weder Herren noch Knechte gibt, so wenig ‚gibt‘ es die eine Seite der Differenz (das System) ohne die andere Seite (die Umwelt). Die Metaphern der Verschränkung, der Verzahnung, der Kopplung, der Interpenetration, aber auch der Grenze sind im Blick darauf unzureichend.9
9 Die Metapher des All-Einen, wie sie sich vor allem aus asiatischen Religions- und Philosophiekontexten beziehen läßt, stellt sozusagen die Verzweiung still und begünstigt so eher Meditation als Forschung, die ja nicht auf Beschaulichkeit ausgelegt ist.

Peter Fuchs
Das Mass aller Dinge
Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen
Velbrück 2007
Seite 116
e) Undinglichkeit zum fünften: Die Metaphysik des Systems –
konditionierte Koproduktion
...
Wenn mithin in einer Beobachtung Koproduktion bezeichnet ist, wird die Form unterschieden von: Nichts.312 Oder anders: Jede Unterscheidung unterscheidet sich als Form (i. e. als Unterscheidung) von Nichts.313 Die Form der Unterscheidung ist die Unterscheidung selbst, gehalten gegen oder projiziert auf ›emptiness‹, auf den ›empty space‹.314 Oder noch anders: Mit jeder Erzeugung einer Form wird das, was sie nicht ist, mitproduziert.315
Konditionierte Koproduktion, das ist für Spencer-Brown der exakte Ausdruck dafür, »wie das scheinbare Universum sich selbst aus dem Nichts heraus konstruiert.«316 Wann immer etwas beobachtet wird, ist im selben Zuge etwas, das es nicht ist, mit-produziert. Das Bezeichnete (das Etwas) gerät in die Sicht um den Preis einer ungeheuerlichen Ausblendung, die – indem sie eine
Partikularität erscheinen läßt – den ›Rest‹ verschwinden macht: »Seine
Partikularität ist der Preis, den wir für seine Sichtbarkeit bezahlen.«317 Das ist der Sinn der berühmten Formulierung: »Existence is a selective blindness.«
318



Seite 233
Aber so faszinierend dieser Rückgriff auch wäre, uns genügt, daß Sinnsysteme, wenn sie Leben beobachten, sich selbst (!) mit einer Komplexität konfrontieren und in’s Benehmen setzen, die die zentrale Bedingung ihrer Möglichkeit betrifft. Komplexität ist schließlich für Sinnsysteme, wie wir sagten, kein Vis-a-vis-Phänomen. Es läge zwar nahe, mit der Referenz auf die Chora auch die Referenz auf konditionierte Koproduktion, auf den Kanon Null, auf die ›seichteste Unterscheidung‹ aufzubieten, aber im Sinne unserer Untertunnelungstechnik wollen wir geradewegs der Frage nachgehen,
wie Leben, was immer es sein mag, in das ›Beobachtungs-Webewerk‹ von Sinnsystemen eingewoben ist – oder, von solchen Systemen her gesehen, eingewoben sein muß.






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