KOMMUNIKATIONSMEDIEN
TEXTE UND STICHWÖRTER





Medientheorie:

Rainer Leschke
Einführung in die Medientheorie

Wilhelm Fink Verlag

Medienwissenschaft - Konstruktion eines Medienbegriffs - Primäre Intermedialität - Medienontologien - Generelle Medientheorien


Die Medienwissenschaft entstand erst in den jüngsten Jahrzehnten, ist also sehr jung, konnte sich aber bereits hier und da „offiziell" etablieren ...; doch hat sie offensichtlich noch nicht recht zu sich selbst gefunden. Vom Namen her ist Medienwissenschaft die Wissenschaft von den Medien - und die Medien sind unbestritten ein Forschungs-gegenstand der Kommunikationswissenschaft. Es gäbe also eigentlich keien Grund, sie als eine eigene Disziplin aus zugliedern. " (Maletzke 1998, 24f)

Medium lat. Medien, Mittel, Vermittelndes
1) Grammatik: im griechischen bewahrtes Genus verbi ....
2) Kommunikationswissenschaft: jedes Mittel der Publizistik und Kommunikation.
3) Physik: ein den Raum kontinuierlich erfüllendes Mittel im Sinne der Vermittlung von Wirkungen
4) Parapsychologie: ein Mensch mit "medialen", dh. paranormalen Fähigkeiten
(Brockhaus Enzyklopädie Bd. 12)

SPRACHTHEORIE

Leschke - Einführung in die Medientheorie: Seite 215
Systemtheorie und Massenmedien

Niklas Luhmann Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp 1987

Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, dass es Systeme gibt. S. 30

Es gibt selbstreferentielle Systeme. Das heißt zunächst nur in einem ganz allgemeinen Sinne: Es gibt Systeme mit der Fähigkeit, Beziehungen zu sich selbst herzustellen und diese Beziehungen zu differenzieren gegen Beziehungen zu ihrer Umwelt. Seite 31

Selbstreferenz
Autopoiesis - informationell geschlossene Systeme

Sinnverarbeitung

psychische Systeme - Bewusstsein
soziale Systeme - Kommunikation

Ko-Evolution

Als Ausgangspunkt jeder systemtheoretischen Analyse hat die Differenz von Systemen und Umwelt zu dienen. Systeme sind strukturell an ihrer Umwelt orientiert und können ohne Umwelt nicht bestehen. Sie konstituieren und sie erhalten sich durch Erzeugung und Unterhaltung einer Differenz zur Umwelt. Ohne Differenz zur Umwelt gäbe es nicht einmal Selbstreferenz. Seite 35

unwahrscheinliche Kommunikation:

Soziale Systeme entstehen dadurch (und nur dadurch), dass beide Partner doppelte Kontingenz erfahren und dass die Unbestimmbarkeit einer solchen Situation für beide Partner jeder Aktivität, die dann stattfindet, strukturbildende Bedeutung gibt. Seite 154

Das soziale Systeme ist gerade deshalb System, weil es keine basale Zustands-gewissheit und keiner darauf aufbauenden Verhaltensvorhersagen gibt. Seite 157

Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierender Prozess ist ein Kommunikationsprozess. Seite 193

Diejenigen evolutionären Errungenschaften, die an jenen Bruchstellen der Kommunikationen ansetzen und funktionsgenau dazu dienen, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches zu transformieren, wollen wir Medien nennen. Seite 220

Selektion - Übertragung

Auf Grund von Sprache haben sich Verbreitungsmedien, nämlich Schrift, Druck und Funk entwickeln lassen. Erreicht wird damit eine immense Ausdehnung der Reichweite des Kommunikationsprozesses, die ihrerseits zurückwirkt auf das, was sich als Inhalt der Kommunikationen bewährt. Die Verbreitungsmedien seligieren durch ihre eigene Technik, sie schaffen eigene Erhaltungs-, Vergleichs- und Verbesserungsmöglichkeiten, die aber jeweils nur auf Grund von Standardisierungen benutzt werden können. Seite 221

Als symbolisch generalisiert wollen wir Medien bezeichnen, die Generalisierungen verwenden, und den Zusammenhang von Selektion und Motivation zu symbolisieren, das heißt: als Einheit darzustellen. Wichtige Beispiele sind: Wahrheit, Liebe, Eigentum/Geld, Macht/Recht, in Ansätzen auch religiöser Glaube, Grunds ist und heute vielleicht zivilisatorisch standardisierte "Grundwerte". Seite 222


Kommunikation und Medien:

...
dass sich in jüngerer Zeit das Interesse den "Medien" der Kommunikation zuwendet. Auch dies kann noch durch die ästhetische Fragestellung abgedeckt werden, da die Frage nach den Medien der Kommunikation mit der Frage korreliert, wie sich das Individuum in seinen kommunikativen Chancen durch diese Medien einerseits determiniert sehen muss und welche Chancen es andererseits hat, etwa zwischen verschiedenen Medien zu wählen, um seine Inkommunikabilität zu kommunizieren. baecker-reclam90

...
die soziologische Medientheorie von Talcott Parsons und Niklas Luhmann versteht
Medien als strukturelle Vorentscheidungen des Raums der Möglichkeiten, der von der Kommunikation in Anspruch genommen werden kann. Nicht nur wird vorentschieden, welche Sinnselektionen in Medien wie Geld, Wahrheit, Macht, Kunst und Liebe jeweils vorgenommen werden können; es werden durch diese Medien auch entscheidende, also vorgreifende Motivationen in Anschlag gebracht, die die Kommunikation und mit ihr das Individuum dazu bestimmen können, sich auf diese Vorentscheidungen einzulassen. baecker-reclam90

Die Massenmedien erlauben eine Beobachtung von Beobachtern in großem Stil. Sie universalisieren den Verdacht gegenüber allen Mitteilungen und allen Informationen, aber sie steigern auch die Fähigkeit der Gesellschaft, sich selbst zu irritieren, in bisher ungekanntem Maße.
Sie bilden eine Sinnmaschine, die niemals eindeutig funktioniert und dennoch oder gerade deswegen in vielen Hinsichten vorhersehbar operiert.

Während sie dem Individuum Abweichungschancen in Hülle und Fülle bieten, fangen sie es doch immer wieder auch ein, indem sie es doppelt einbinden in das Interesse daran, für andere beobachtbar zu bleiben einerseits und andere beobachten zu können andererseits. Die Beobachtung von Beobachtern gibt dieser wie jeder anderen Kommunikation eine Struktur, die nicht mehr die Konformität, sondern die Abweichung präferiert. Denn nur die Abweichung liefert Ansatzpunkte für Imitation und Kopie, die für andere Individuen interessant sein können. baecker-reclam90

Dirk Baecker
Form und Formen der Kommunikation

Suhrkamp 2005

Seite 7: Vorwort baecker_kom7
Seit einigen Jahren ist Kommunikation in aller Munde. Ob Kriege ausbrechen, Liebeserklärungen unerhört bleiben, Politiker einen Prestigeverlust erleiden, Waren nicht auf dem Markt platziert werden können, Reformvorhaben im Sande verlaufen oder Jugendliche sich nicht mit ihren Berufsaussichten anfreunden können, man ist in einem ersten Schritt fast immer geneigt, Fehler der Kommunikation zu diagnostizieren und in einem zweiten Schritt Vermutungen darüber anzustellen, wie man es hätte besser machen können. Man hat gelernt einzusehen, dass Kommunikation scheitern kann, glaubt jedoch unverdrossen, man könne etwas dafür tun, dass sie gelingt. Die Ratgeber-literatur blüht, das Beratungsgeschäft ebenso, und die Journalismusstudien an den Universitäten mausern sich zu Kommunikationswissenschaften, die mit keiner Empfehlung geizen, welcher Kanal und welches Medium für welchen Typ von Botschaft an welche Adressaten geeignet sind und welche nicht.

Kommunikation, so lernt man aus alldem, ist auch nur eine Handlung, und man kann lernen, wie das geht. Vielleicht geht es ein wenig subtiler zu, weil bei der Kommunikation eine Wechselseitigkeit, ein Hin und Her und damit auch eine Unwägbarkeit im Spiel ist, die umso schwerer einzuschätzen sind, je mehr man selbst mittendrin steckt, aber das gilt für eine Handlung ja auch und im Prinzip lässt sich sortieren, was hier wann passiert, und dementsprechend klären, welche Aktionen in diesem Feld richtig und welche falsch sind.

Das vorliegende Buch wahrt zu diesem pragmatischen Umgang mit Kommunikation eine gewisse Distanz. Ich bezweifle nicht, dass man mit Kommunikation umsichtiger umgehen kann, als dies vielfach der Fall ist. Und ich bezweifle noch weniger, dass man zumindest im Nachhinein oft ganz gut wissen kann, was man falsch gemacht, und in einigen Fällen auch, was man richtig gemacht hat.

Grundsätzlich jedoch glaube ich, dass Kommunikation etwas anderes ist als eine Handlung und es daher auch nur wenig Sinn macht, nach Absichten, Regeln und Normen zu fragen, Ursachen und Wirkungen zu unterstellen und an deren besserer Abstimmung zu arbeiten. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass es weiter führt, den Begriff der Kommunikation in eine gewisse Opposition zum Begriff der Kausalität zu bringen und ihn dementsprechend für die Beschreibung von Verhältnissen zu reservieren, in denen Überraschungen die Regel sind.

Das heisst allerdings nicht, dass im Bereich der Kommunikation alles beliebig wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings ist die Bestimmtheit, mit der man es hier zu tun bekommt, nicht das Ergebnis von Ursache und Wirkung, sondern, so zumindest die These dieses Buches, der Einführung und Konditionierung von Freiheitsgraden. Kommunikation heißt, es mit mehr Möglichkeiten zu tun zu haben, als man bewältigen kann, und es von überraschenden Seiten her mit Einschränkungen zu tun zu bekommen. Diese Einschränkungen lassen sich nur selten im Schema guter Gründe und böser Absichten beschreiben, von dem die europäische Aufklärungstradition ausgegangen ist. Sondern man bekommt es hier mit einer sozialen Eigendynamik zu tun, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist, sich jedoch einem Blick erschließt, der, wie der soziologische, nach den Bedingungen sozialer Ordnung zu fragen gelernt hat.

Seite 175: baecker-kom175











Was ist ein Medium?

Was heißt es, den Computer als ein Medium zu interpretieren?
Verändern sich unsere Wirklichkeitsvorstellungen im Zusammenhang mit der durch digitale Medien eröffneten Virtualisierung? Diese Themen umreißen ein ziemlich ausgedehntes Feld. Gibt es nun eine Perspektive, in der einleuchtend wird, daß diese Fragen tatsächlich ein zusammenhängendes Feld markieren? kraemer-medien9

...der Begriff »Medialität«.
»Medialität« drückt aus, daß unser Weltverhältnis und damit alle unsere Aktivitäten und Erfahrungen mit welterschließender - und nicht einfach weltkonstruierender - Funktion geprägt sind von den Unterscheidungsmöglichkeiten, die Medien eröffnen, und den Beschränkungen, die sie dabei auferlegen. kraemer-medien9


Martin Seel Medien der Realität und Realität der Medien
...Medien sind eigentlich nichts Besonderes. Wir sehen im Medium des Lichts, wir hören im Medium von Geräuschen, wir kommunizieren im Medium der Sprache, wir tauschen im Medium des Geldes. Medien eröffnen jeweils ein Spektrum von Differenzen, denen im Wahrnehmen, Erkennen und Handeln eine bestimmte Gestalt zugewiesen werden kann. Martin Seel Medien der Realität und Realität der Medien

Wir orientieren uns im Medium von Unterschieden, die einen Unterschied machen. Dies tun wir nicht nach Lust und Laune, dann und wann, sondern fast jederzeit und überall. Denn unser Verhältnis zu allem, wozu wir ein intentionales Verhältnis haben, ist durch und durch medial. Martin Seel Medien der Realität und Realität der Medien

Unter Medien versteht Luhmann »lose gekoppelte Elemente« einer bestimmten Art, die zur »festen Kopplung« bestimmter Formen gerinnen können. Medien fungieren wie Bausteine, mit denen so oder anders gebaut werden kann; als Bausteine einer bestimmten Art (als Lego-Bausteine, sagen wir) sind sie (im Baukasten) »lose« miteinander ~ . verbunden und können sich zu beliebigen »festen« Formen verbinden, etwa zu einer Garage für Spielzeugautos. Ein seriöses Beispiel ist wiederum
die Sprache. Die Worte einer Sprache können in die Gestalt einzelner Sätze gebracht werden; sie fungieren dabei als das »Medium« eines Vokabulars, dem die »Form« eines bestimmten Satzes gegeben wird. Medien stellen einen Spielraum von Möglichkeiten der Formbildung dar.
Martin Seel Medien der Realität und Realität der Medien


Medium und Form:
Niklas Luhmann
Kommunikation ohne Rationalitätsprätentionen

Kraemer-sprache154...Gewöhnlich bedeutet Kommunikation zu erörtern selbstverständlich auch: den Sprachgebrauch zu erörtern, da die Sprachlichkeit zur Bedingung der Möglichkeit von Kommuni
kation wird. Nicht so bei Luhmann: Der Witz seines Kommunikationsbegriffes besteht darin, daß er die für die Moderne zum Gemeingut gewordene Präokkupation durch die Sprache als ein so universales wie fundamentales Erklärungsmuster zuerst einmal außer Kraft setzt. Er hat das selbst als eine Umstellung von der Sprachtheorie auf Kommunikationstheorie charakterisiert. Und doch fördert diese kommunikationstheoretische "Umstellung" etwas an der Sprache zutage, das in den logosorientierten Sprach- und Kommunikationstheorien gewöhnlich verdeckt bleibt. Das, was dabei zutage tritt, ist die konstitutionelle Medialität der Sprache.

Die Medientheorie als eine neuartige Theorie der Form:
Das Verhältnis von Medium und Form ist zuerst einmal ein kombinatorisches Phänomen, ein Kombinationsspiel »loser und strikter Kopplung der Elemente«. Das Medium bildet dabei ein Repertoire lockerer Elemente, aus denen durch feste Zusammenfügung die Form entsteht: so, wie aus Sprachlauten Worte, aus Worten Sätze, aus Sätzen die Gespräche sich fügen; oder so, wie die unverbundenen Sandkörner sich zur Fußspur verdichten können. Drei Merkmale der Medium/Form-Differenz sind wichtig:
(I) Medium und Form bedingen sich wechselseitig: »Ohne Medium keine Form und ohne Form kein Medium.« Doch das Verhältnis beider ist asymmetrisch: Die Form setzt sich durch, dafür aber braucht sie Zeit und wird auch selber dabei verbraucht. Das Medium dagegen bleibt passiv, es ist ein Potential, welches durch Formgebung nicht verbraucht, vielmehr erneuert wird. So sind die Formen also durchsetzungsstark, jedoch temporär und flüchtig; die Medien jedoch sind - gemessen an der Form - dauerhaft. Überdies ist die Form sichtbar - das Medium bleibt dagegen unsichtbar.
(2) Medien eröffnen einen Raum kombinatorischer Möglichkeiten, also Formbildungen potentialiter. Im Horizont dieser Modalisierung des Medienbegriffes - Medien stellen Möglichkeiten bereit - ist jede aktualisierte Form immer in je zwei Versionen thematisierbar: Einmal als Form in genau der bestimmten Kopplung, die sie eben ist; und zum andern als Form, die ihre Konsolidierung dem Ausschluß all der anderen ebenfalls möglichen Formen verdankt. Formen sind somit immer bezogen auf »ausgeschaltete Possibilitäten«, also auf abwesende, nicht realisierte Formversionen: Das Charisma der Form - das ist ein das Luhmannsche Oeuvre durchziehendes Motiv - wurzelt in und spielt mit diesem Sichtbarmachen des Unsichtbaren.
(3) Medien und Formen sind keine Entitäten, sondern Differenzen, also Unterscheidungen, die es nicht einfach gibt, sondern die von einem Beobachter gemacht werden. Was in einer bestimmten Perspektive ein Medium ist, kann dann in einer anderen Perspektive zur Form werden. Es ist dieser Stellungswechsel, der deutlich macht, daß Luhmanns Medium/Form-Unterscheidung nicht mit der traditionellen Materie/Form-Unterscheidung zur Deckung kommt. Gemäß dieser Medium/Form- Unterscheidung ist eine Form immer sichtbar, das Medium jedoch, durch dessen Koppelung Form erst entsteht, bleibt der blinde Fleck. Medien sind unsichtbar bleibende Formenreservoire.

5. Verbreitungsmedien: mehr Information und weniger Akzeptanz
Verbreitungsmedien wie Schrift, Buchdruck und die Massenmedien erweitern, aber anonymisieren auch den Empfängerkreis der Kommunikation. Die Vorgänge des Informierens, Mitteilens und Verstehens treten zeitlich auseinander. Dies ändert nichts an dem Tatbestand, daß erst das Verstehen einer Differenz von Information und Mitteilung Kommunikation ist. Nicht also der Schreibakt selbst, sondern erst das Lesen erzeugt schriftliche Kommunikation. Mit dem zeitlichen Auseinandertreten der drei Komponenten der Kommunikation sind alle »Sofortreaktionen« unterbunden. In dieser Distanzierung von Alter und Ego, bei der die Kommunikation gleichwohl fortsetzbar bleibt, entstehen neuartige Modalitäten des Kommunizierens. Verbreitungsmedien kompensieren also nicht einfach die verlorengegangene Nähe oraler Kommunikation, sondern schaffen etwas Neues, für das es im Nexus des Mündlichen kein Vorbild gibt und geben kann. Ebendarin besteht die kulturstiftende Leistung der Telekommunikation. Diese durch Telekommunikation erschlossenen neuartigen Spielräume können exemplarisch an der Schrift erörtert werden: (1) Die Buchstaben der phonetischen Schrift repräsentieren nicht Laute, sondern fixieren Unterschiede zwischen den Lauten. Die Schrift symbolisiert die Form der Sprache; sie macht damit erst die Differenz von Laut und Sinn definitiv, von der unser Sprachbegriff zehrt. So bringt Schrift durch Markierung der Sprachform die Sprache als ein rationalisierbares Sujet überhaupt erst hervor. Das ist Luhmanns eigene Version von Derridas Diktum des Primats der Schrift gegenüber der Sprache. Kraemer-sprache154


Das Medium Sprache:
baecker-kom175
Die
Sprache ist ein erster und dramatischer Fall. Sie ist, worauf Luhmann immer wieder hingewiesen hat, ein so auffälliger Wahrnehmungs-sachverhalt, dass vor allem sprachfähige Organismen wie die menschlichen kaum an ihr vorbeikommen. Wenn jemand spricht, hört man nicht unbedingt zu, aber auf jeden Fall hin, in der eigenen Familie, im Büro, im Zug oder im Fernsehen. Wenn jemand spricht, ist nicht zu leugnen, dass er handelt (weswegen die Sprache ein erstes und zivilisations-entscheidendes funktionales Äquivalent zur Gewalt ist) und als Beobachter erster Ordnung Feststellungen in die Kommunikation einsteuert, deren Inhalt möglicherweise Beobachtungen zweiter Ordnung sind. Wie kann man dazu motiviert werden? Gibt es nicht unzählige Gründe, lieber den Mund zu halten und sich nicht festzulegen? Und nimmt die Anzahl der Gründe nicht eher zu denn ab, wenn man sich einmal auf Sprache eingelassen und mit ihr Erfahrungen gesammelt hat? Es verfügt ja nicht jeder über die Eloquenz, mit jeder sprachlichen Festlegung auf einen spezifischen Sinn auch mögliche andere Festlegungen immer in Reserve zu halten. Und ist nicht das mögliche Hauptmotiv der Sprache, seine eigenen Vorstellungen versuchsweise so zu artikulieren, dass ein anderer seine Vorstellungen mit diesen Vorstellungen beschäftigen kann, ebenfalls eher ein Grund, sich auf die entsprechenden Risiken des Missverständnisses und des allzu genauen Verstehens gar nicht erst einzulassen?

Wie überwindet die Sprache diese Unwahrscheinlichkeitsschwelle der Besetzung von Situationen mit Ausrufen, Ausdrücken, Mitteilungen und Geschichten, die andere mitbekommen und die erst einmal im Raum stehen, bevor dann die Zeit über sie hinweggeht und sie mehr oder minder zuverlässig wieder vergessen werden? Welche Selektivität kann sicherstellen, dass im genannten Sinne trotzdem zum Sprechen motiviert werden kann? Zum einen ist es sicherlich hilfreich, dass sprachliche Kommunikation, wie gerade angedeutet, ereignishaft verfasst ist. Jemand sagt etwas und schweigt dann wieder, wie lange auch immer man zuweilen darauf warten muss. Die Kommunikation ist ein Ereignis, das auftaucht und wieder verschwindet und in dieser Form ein Reproduktionsproblem stellt (wie geht es weiter?), das in kritischen Momenten mächtiger als das Motivationsproblem ist. Das heißt, man steuert etwas bei, damit es weitergeht, verlässt sich dabei darauf, dass auch der eigene Beitrag wieder verschwindet, und spricht möglichst so, dass andere anschließen können, ohne dass man sich auf Dinge festgelegt sähe, auf die man sich nicht festlegen möchte. Das setzt eine Kunstfertigkeit voraus, die Teilnehmer unterschiedlichster Konversationen, wie Harvey Sacks gezeigt hat, perfekt beherrschen. Und zum anderen ist es sicherlich ebenso hilfreich, dass sich vielleicht nicht in den gängigen Theorien der Sprache und der Kommunikation, dafür aber in der gesellschaftlichen Praxis die Auffassung durchgesetzt hat, dass wir einander nicht in die Köpfe schauen können und daher zwischen dem, was jemand sagt, und dem, was jemand meint, immer eine Differenz besteht, die anschließend bearbeitet werden kann, wenn man feststellt, dass die Kommunikation entgleist ist.

Entscheidend jedoch für die Motivation zur Sprache scheint neben ihrer Ereignishaftigkeit und der Differenz des Bewusstseins ein dritter Umstand zu sein, nämlich die nur sprachlich gegebene Fähigkeit, zu allem, was in der Welt gesprochen und besprochen werden mag, sowohl Ja als auch Nein sagen zu können. Ich kann mir etwas anhören und anschließend Nein dazu sagen. Ich kann sogar selbst etwas sagen und anschließend mehr oder minder elaboriert Bedingungen mobilisieren, die es mir erlauben, es zu verneinen, obwohl ich selbst es gesagt habe: »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?« Das kann man zwar nicht oft sagen und nicht zu jedem, aber man kann es sagen. Rene A. Spitz hat die menschliche Fähigkeit, Nein zu sagen, auf bestimmte Verhaltensoptionen im Umgang zwischen Mutter und Kind (die Brust annehmen oder ablehnen) zurückgeführt und als Element der Bewusstseins- und Urteilsfunktion des Ichs beschrieben, die gegeben sein muss, damit jemand sich auf die Kommunikation beziehen, aber auch wieder von ihr zurückziehen kann. Wir übersetzen dies in unserem Zusammenhang in die Formulierung, dass die Möglichkeit, Ja und Nein zu sagen, die Teilnehmer an einer Kommunikation mit dem immer mitlaufenden und sehr unterschiedlich zu dosierenden und zu nuancierenden Zwang konfrontiert, Ja oder Nein zu sagen. Das geschieht in den seltensten Fällen in binärer Ausschließlichkeit, sondern kulturell codiert in mehr oder minder ausgebauten Möglichkeiten, Ja zu sagen, wenn man Nein meint, und umgekehrt, aber es geschieht immer und garantiert in einer Form, die sicherstellt, dass man sich dosiert und nuanciert auf ein Sprechen einlassen kann, dessen Sinnimplikationen je nach fremder und eigener Reaktion (à la Karl Weick - oder war es Karl Valentin: »Wie kann ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?«) anschließend zwar nicht restlos, aber doch vielfältig wieder umgebaut werden können. Um unsere mit Blick auf die Zweiwertigkeit unserer Logik (wahr oder falsch) eingeschränkte Optik für den Blick auf diese Dosierungen und Nuancierungen zu öffnen, empfiehlt Matthias Varga von Kibed das Studium der zahlreichen Negationsmöglichkeiten in der buddhistischen Logik: »Ja«, »Nein«, »Ja, aber«, »Nein, und doch« usw.

Mit anderen Worten, wer spricht, muss sich entscheiden und kann sich anschließend, je nach Geduld der Gesprächspartner, umentscheiden. Das ist die Selektivität, die mich motivieren kann, es auch einmal zu versuchen, und die mich auch dazu motivieren kann, jemandem zuzuhören. Die Vermutung ist hier nicht, dass wir uns zur Sprache motiviert sehen, weil es so reizvoll ist, den anderen dennoch zu überzeugen. Die Selektivität, auf die es in unserem Modell ankommt, ist nicht der beschränkte Horizont des anderen, den ich wieder und wieder bearbeite, damit er auch in das Glück kommt, zu verstehen, was ich schon verstanden habe. Sondern die Vermutung, auf die es uns ankommt, ist, dass wir uns zur Sprache motivieren, weil wir wissen, dass wir im unbestimmten Raum ihrer Möglichkeiten immer nur bestimmte Möglichkeiten auswählen, diese anschließend korrigieren können und mit alldem keinen bestimmenden Einfluss darauf haben, wie der andere versteht und korrigiert, was er sagt und was er hört. Wir lassen uns auf die Sprache ein, um herauszufinden, was sie leistet, und weil wir genau das nicht wissen. baecker-kom175

Das Medium Schrift:
fuchsweltbild291
...Wird Schrift in Anspruch genommen, wird genau deswegen immer mehr Schrift in Anspruch genommen werden müssen.

Schrift ist das Gegenbild beseelter Kommunikation. Beseelung, das ist die primäre Rede- und Wechselrede, in der die Verschiedenartigkeit der Menschen zur Geltung kommt - im unmittelbaren Hinhören, Reagieren, Zurücknehmen und Bekräftigen. Vor allem ist die primäre Rede die jemandes, der sich aussuchen kann, zu wem er spricht und auf wen er hört.

Die Schrift auf den Schriftdingen erzeugt eine Öffentlichkeit, in der nicht ausgemacht ist, wer das Geschriebene liest und wie es interpretiert wird. Schrift kann sich auch nicht wehren, kann keine Zumutungen zurückweisen, keine Richtigstellungen vornehmen. Sie kann nicht nachgefragt werden, denn das Schriftding ist durch und durch tot, und wenn man nachfragen will, stößt man nur auf die Wiederholung desselben. Wirkliches Wissen, so Plato, ist ungeschriebenes Wissen. fuchsweltbild291


Elena Esposito
Soziales Vergessen
Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft

Suhrkamp 2002

...was es für die Gesellschaft bedeutet, über ein Gedächtnis zu verfügen, das, wie beschrieben, Redundanz und Varietät erzeugt, Kohärenz testet und permanent zwischen Erinnerung und Vergessen unterscheidet, wobei diese drei Eigenschaften auch als ein und dieselbe behandelt werden können. Es soll auch erläutert werden, welche Formen von Gedächtnis die Gesellschaft kennt, wie sich diese Formen verändern und woher die Veränderungen rühren, und schließlich welche Implikationen eine Veränderung der Form des Gedächtnisses beinhaltet.

Das Gedächtnis kondensiert, wie wir bereits erläutert haben, Identitäten - oder, allgemeiner, mehr oder weniger abstrakte Schemata, die reproduziert werden und dabei Redundanz organisieren. Um deutIich Abstand von der platonischen Vorstellung zu nehmen, dass das Gedächtnis aus statischen Ideen besteht, die nach Bedarf abgerufen werden können, empfiehlt es sich auch in Bezug auf Semantik, statt von Ideen von Schemata zu sprechen. Unter "Schemata" sind Regeln zu verstehen, die dem Vollzug von Operationen dienen. Man kann dann sagen, dass im Gedächtnis zum Beispiel nicht das Bild eines Kreises gespeichert, sondern die Regel bereitgestellt wird, nach der ein Kreis gezogen werden kann. Auf diese Weise erlaubt das Gedächtnis die Wiederverwendung von Ergebnissen aus vergangenen Operationen (Redundanz), ohne dabei das Spezifische der laufenden Operation zunichte zu machen (Varietät).

Im Falle der Gesellschaft sind die Schemata die Themen der Kommunikation. Sie bilden die Identitäten - oder Strukturen - aus, die wiedererkannt werden. Um die Themen herum wird die Varietät der Beiträge angeordnet, die nach und nach - als Operationen - erfolgen. Das Thema bestimmt nicht darüber, was gesagt wird, aber es sorgt dafür, dass die einzelnen Beiträge, sofern diese einem Thema zuzuordnen sind, aneinander und an vergangene Operationen des Systems anschließen. Auf diese Weise wird die Kohärenzprüfung flexibel genug gehalten und ist somit auch mit Innovationen vereinbar (der Sinn eines Themas wird im Verlauf der Argumentation verändert). Dabei wird die Kohärenzprüfung umso flexibler gehalten, je höher der Abstraktionsgrad des Themas ist.

Wovon aber hängt der Abstraktionsgrad von Themen ab? Oder anders ausgedrückt: Wie verändert sich das Themenrepertoire, das für Kommunikation zur Verfügung steht? Und wie und weshalb wandelt sich Semantik, bzw. wie operiert das Gedächtnis? esposito32

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