Henrik Jäger
Mit den passenden Schuhen vergisst man die Füsse

Herder 2003


Jäger 63
Kapitel 2
Das Wissen lassen und natürlich werden

Dass Wissen eine unverzichtbare Grundlage jeder Kultur ist, wussten auch die Daoisten, nur sahen sie in der Kultur eine alles erfassende Maschinerie, die den Menschen von seiner natürlichen, schlichten Eigentlichkeit entfremdet. Wissen befreit den Menschen nicht, bringt ihn nicht in einen Zusammenhang mit dem größeren Leben; es engt ihn ein, macht ihn unfähig, von sich und seine Wichtigkeit abzusehen, er missbraucht es eher für seine Machtspiele (die Erkenntnis soll ihm helfen, "zu sein wie Gott".

Zhuangzi 21
Wo es keine Entfremdung und keinen inneren Konflikt gibt, da bist du nicht mehr davon abhängig, den schönen Schein aufrecht zu erhalten. Du bist nicht mehr von der Aufrechterhaltung des schönen Scheins abhängig (dai), dann bist du sicher auch von anderen Dingen nicht mehr abhängig.

Zhuangzi 17
Wie es ist eine Elritze zu sein

Zhuangzi und Huizi gingen auf einer Brücke über dem Hao-Fluss spazieren (you). Zhuangzi sagte: Schau, wie die Elritzen aus dem Wasser springen und munter umherschwimmen (you)! Das ist die Freude der Elritzen!
Huizi sagte: du bist kein Fisch, wohin willst du die Freude der Fische kennen?
Zhuangzi antwortete: Du bist nicht ich, wohin willst du wissen, dass sich nicht die Freude der Fische kenne?
Huizi erwiderte: ich bin nicht du, deswegen weiß ich sicher nicht, was du weißt. Du bist aber sicher kein Fisch, das heißt doch, dass du nicht wissen kannst, was die Freude der Elritzen ist!
Zhuangzi sagte: lasst uns zum Ausgangspunkt zurückkehren. Du fragtest mich, wo wir nicht die Freude der Fische kenne, und als du das sagtest, da wusstest du bereits, dass ich sie kenne, und fragtest mich dennoch. Ich weiß es (von der Brücke) über den Hao-Fluss her.

Das Wasser ist ein wichtiges Symbol für das dao, für das weibliche Element im Kosmos, dem alle Wesen zuströmen.(vgl. Laozi 8, 17, 66, Möller 42). Sich wie ein Fisch im Wasser zu vergessen, ist ein immer wiederkehrendes Bild für den Menschen, der sich im dao vergisst oder auch, bildlich in unserer Sprache übertragen, der "sich wie ein Fisch im Wasser fühlt". Wer sich wie ein Fisch im Wasser fühlt, ist tief zufrieden mit seiner momentanen Situation, er ist "in seinem Element", und das ist auch mit dem "Müssigen und freien Wandern" (you) gemeint.

Im Zhuangzi gibt es viele Dialoge zwischen Zhuangzi und dem Sophisten Huizi, dem Zhuangzi zeigt, dass er bei all seinem Verstand keine Ahnung davon hat, wie es ist, sich wie ein Fisch im Wasser zu fühlen. Er braucht ihn jedoch, um seine Kritik am reinen Vernunft denken anschaulich werden zu lassen. Der kleine Dialog zeigt den Unterschied zwischen den beiden sehr klar: Huizi versucht, eine objektive Aussage zu treffen, und von seinem Standpunkt aus ist es sicher richtig, dass Zhuangzi nicht wissen kann, was Fische empfinden. Zhuangzi dagegen "wandert" (you) auf der Brücke - die Fische "schwimmen umher" (you): vielleicht könnte man diese schwer zu übersetzende doppelte Bedeutung mit "sich tummeln" wiedergeben.

Zhuangzi steht in einer Beziehung zu den Fischen, die nicht logisch begründbar ist, die eine Erfahrung ist; eine Erfahrung, die nicht mitgeteilt werden kann. Er bewegt sich in derselben Dimension, in der sich die Fische tummeln. Er bittet Huizi "zum Ausgangspunkt" zurückzukehren. "Ausgangspunkt (ben) hat noch die weiter elementare Bedeutung "Wurzel, Grundlage". "Zur Wurzel zurückkehren" bedeutet im daoistischen Denken, zum dao, aus der Verschiedenheit zum einen zurückkehren (Möller 47). Somit sagt Zhuangzi auch: Lass uns aufhören, in logischen Kategorien des unterscheidenden Denkens etwas über die Wirklichkeit herausfinden zu wollen, wir wollen uns der Wahrnehmung des Ganzen überlassen...

Auch wenn Huizi logisch recht hat, so ist er doch nicht mit seiner Natur und deren Ordnung, der lebendigen Ordnung des Kosmos, in Einklang. Zudem ist er vom Rechthaben bestimmt und versäumt dabei, anderes wahrzunehmen; er versäumt, Dimensionen der Wirklichkeit zuzulassen, die mit Recht haben nicht zu erfassen sind.

Diese Offenheit erst ermöglicht die Freiheit, sich dem Fluss des Lebens anzupassen, "dem zu folgen, was ist" (vgl.Seite 109) - ging, was jetzt ist, intuitiv zu erspüren und darauf zu reagieren und nicht "die eigenen Wurzeln ausreißen, um sie zu untersuchen". So wird das Leben zu einem Strom, indem man sich tummelt (you) wie die Elritzen. Diese Bewegung lässt sich vermutlich durch kein logisches (physikalisches) Konzept vorherberechnen. Der Fisch (und der sich tummelnde Mensch) kann immer wieder neue seine Richtung bestimmen - in dem Maße, indem dies im Einklang mit seiner Ordnung geschieht, hat er teil an einer elementaren Freude, die nicht als Gefühl zu verstehen ist, sondern als Ausdruck der Verbundenheit mit dem Ganzen der Welt. So findet der Mensch in der Welt seine Heimat. Dies nennt Zhuangzi: der Welt in der Welt ein Zuhause geben (Zhuangzi 6)

Boe: Be-Weg-ung, Be-dao-ung

Jäger 65
Zhuangzi 2. 12

Nie Que fragte Wang Ni: Weisst du, was alle Wesen gleichermassen als richtig betrachten?
Dieser antwortete: Woher soll ich das wissen?
Nie Que fragte: Weißt du, was du nicht weißt?
Dieser sagte: Woher soll ich das wissen?
Nie Que fragte weiter: Dann sind die Wesen also ohne Wissen?
Wang Ni antwortete: Woher soll ich das wissen? Gleichwohl will ich versuchen, etwas darüber zu sagen. Wie soll ich wissen, ob das, was ich Wissen nenne, in Wirklichkeit nicht Nicht-Wissen ist? Wie soll ich wissen, ob das, was ich Nicht-Wissen nenne, in Wirklichkeit nicht Wissen ist? Nun lass mich dir einige Fragen stellen: Wenn Menschen an feuchten Orten schlafen, bekommen sie Hüftschmerzen und sind halbegelähmt; geht es den Schlammbeissern ebenso? Wenn sie in Bäumen wohnen, dann sind sie ängstlich und voller Furcht; geht es den Affen ebenso? Wer von diesen dreien weiss letztlich, welches der richtige Wohnort ist? Die Menschen essen das Fleisch von Tieren, die mit Gras und Korn gefüttert werden, die Hirsche essen Gras die Tausenfüssler kleine Schlangen, und die Eulen verschlingen Mäuse. Wer von diesen vieren hat den richtigen Geschmacksinn? Affen paaren sich mit Äffinen, Hirsche mit Hindinnen und Fische tummeln (you) sich mit ihresgleichen. Die Menschen bewundern klassisch schöne Frauen wie Maoqiang und Madame Li. Doch wenn ein Fisch sie sieht, taucht er schnell ab in die Tiefe, wenn ein Vogel sie sieht, fliegt er schnell davon in die Höhe, wenn ein Hirsch sie sieht, rennt er schnell davon. Wer von diesen vieren weiss nun, was in der Welt wahre (richtige) Anziehungskraft (se – Ausstrahlung des Gesichtes) ist? Meiner Meinung nach sind die Ansätze von Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die Wege von Bejahung (shi) und Verneinung (fei) hoffnungslos verworren, woher soll ich da ihren Unterschied kennen.

Lin Yunming Zhuangziyin 1688: ...das Wissen verfällt immer in eine Einseitigkeit, daher ist es Nicht-Wissen. Und das Nicht-Wissen wohnt immer im Ungeschiedenen. Daher ist es Wissen.

Auch in diesem Gespräch geht es um Erkenntnis und Wissen. Auch hier wird das Thema vor dem Hintergrund einer Welt entfaltet, in der Tieren der gleiche Rang zugesprochen wird wie Menschen. Die Frage nach der Absolutheit des menschlichen Bewusstseins wird humorvoll kontrastiert mit den existenziellen Grundbedürfnissen anderer Gattungen. Die von Zhuangzi sooft spöttelte Tendenz des einzelnen, sich als Zentrum der Welt zu empfinden, wird als Gattungsmerkmal gesehen.

Was hat nun das Wissen mit dem zu tun, was die Wesen als "richtig" betrachten? Lässt sich die Ebene in instinktgeleiteter Bedürfnisse so einfach zu der von Wissen und Erkenntnis in Beziehung setzen? Oder gibt es Überschneidungen bei der Suche nach dem "Richtigen"? Welche Möglichkeit bietet die Rückbesinnung des menschlichen Wissensdrangs auf das instinktive und existenziell Notwendige?

Die Frage der Erkenntnis ironisch durch die Frage der wahren sexuellen Anziehungskraft auszudrücken, hat ihren Reiz - wird doch in allen patriarchalischen Hochkulturen das Geistige vom Leiblichen getrennt... wenn durch die Frage nach wahrer sexueller Anziehung die Frage nach dem "wahren" Wissen gestellt wird, dann wird deutlich, wie fraglich wahres Wissen ist.

Es passiert vielleicht das, was geschieht, wenn man verliebt ist: es wird einem der Kopf verdreht. Alles, was man bis dahin fraglos als eigenes Ich, als eigene Welt empfunden hat, verliert seine Absolutheit.... Darin liegt eine große Chance zur Wandlung: bin ich nicht anders erlebe, kann ich auch andere, mir bis dahin verborgene Möglichkeiten entdecken. Ob ich mich dann der allein zu leistenden Arbeit der Wandlung unterziehe - das ist eine andere Frage. Aber wie kann ich mich wandeln, wenn ich nicht erst einmal deutlich spüre, dass mein Leben größer ist als alle meine Gedanken darüber? So kann es dem Zhuangz-Leser passieren, dass sein Wertesystem und seine alten Prägungen ins Wanken geraten.... er muss es zulassen, dass er nichts weiß, nicht weiß wie er mit der Situation vernünftig umgehen soll...


Boe: beobachten = unterscheiden + bezeichnen / Nicht-Wissen = unmarked space (George Spencer Brown) / „wahres Wissen“ ist un-unterschieden / nur Ego unterscheidet (beobachtet) vgl. Möller-Luhmann 10: Ego-Trinität
Wahrnehmung-Perzeption: spezies-spezifisch!!


Henrik Jäger


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