Francois Jullien
Sein Leben Nähren
Merve 2006

Jullien-nähren14

Das Leben ernähren

Ernähren: europäisch gedacht!
"Ernähren" spaltet sich nach der großen Kodifizierung auf, die das Eigene und das andere gegenüberstellt, den Körper und die Seele; oder das Geistige und das Materielle; es teilt sich auf nach der großen Zweiteilung von Sichtbarem und Unsichtbarem, welches von da an als intelligibel verstanden wird. Ist eine solche Aufteilung beim "ernähren" aber nicht voreilig, und versteht es sich wirklich so von selbst, wie es den Anschein hat? Ich meine: besteht dabei nicht die Gefahr, dass die umfassendste Erfahrung von vornherein verdunkelt wird - die "Erfahrung", in sofern sie vollständig bleibt, zugleich am radikalsten und am allgemeinsten: "vital" - welche in einer einzigen Bewegung die unseres Unterhalts, unserer Entwicklung und unserer Verfeinerung werde? Denn "ernähren" dient auch dazu, das Ideal zu benennen. Warum sollte es, so grundlegend wie es ist, nicht irgend etwas Einheitliches bewahren, das heißt, warum sollte es sich nicht in sich selbst auf andere Weise als analog verbinden? Ja, warum muss es sein, dass wir von vornherein dieser Alternative ausgesetzt werden: Seinen Körper oder (metaphorisch) seinen Geist (sein Gefühl, seinen Elan, seine Hoffnung) nähren? Diese Spaltung ist primär. Folglich muss ich mit ihr beginnen, um anzufangen zurückzukehren und die Grundentscheidungen unseres Denkens zurückzuverfolgen, denn wir wissen nunmehr alle, beziehungsweise wir ahnen zumindest heute alle, dass hier eine entscheidende Verzweigung vorgenommen wird, von der aus so etwas wie ein "okzidentales" Schicksal des Geistes sich geschichtlich definiert hat. Denn was unsere religiöse Tradition betrifft, so hat sie diese Spaltung des Sinns oder der Bedeutung immer nur gutgeheißen: der wahre "Hunger" ist der nach dem Wort Gottes, die Mysterien sind dabei die "Nahrung", und der Herr hat für uns den "Weizen der heiligen Schriften" angesammelt...

Ernähren: chinesisch:
Wenn wir nun nach einer üblichen und typischen Formulierung auf Chinesisch sagen "sein Leben nähren" (yang sheng) kommt eine solche Spaltung dann nicht unversehens in Bewegung? Würde ihre - wenn auch insgeheime - Stichhaltigkeit nicht beginnen, zu verschwinden? Denn wenn ich sage: "sein Leben nähren", kann der Sinn nicht streng konkret und materiell sein, aber er ergießt sich auch nicht ins Spirituelle - es handelt sich hier nicht um das "ewige Leben". Dieser Sinn oder diese Bedeutung ist nicht produktiv irdisch und auch nicht dem Himmlischen zugewandt ."Mein Leben" ist, wenn ich es so ganz allgemein fasse, mein Lebenspotenzial. In der chinesischen Antike haben die ersten " naturalistischen" Denker, die auf jede Unterwerfung des menschlichen Verhaltens unter irgendeine transzendente Ordnung (ganz gleich, ob religiös oder rituell) reagierten, die menschliche Natur folgendermaßen definiert: "die menschliche Natur ist das Leben" und nichts sonst.
Sein Leben nähren oder seine Natur nähren, das ist ein und dasselbe. Die einzige Aufgabe meines Seins und meine einzige Verantwortung besteht in der Mühe, die ich darauf verwende, dieses Lebenspotenzial, mit dem ich ausgestattet bin, zu unterhalten und zu entfalten. Oder wie es in einem allgemein verbreiteten Ausdruck heißt, indem man die Essenz oder besser die "Quintessenz" nährt, die "Blüte" und die "Energie" (yang jing)), indem man sich von den "Schneidenden" (xu rui) hütet: das heißt nicht nur seine Kräfte in dem Maß wieder herzustellen, indem man sie für ausgab, sondern auch seine Fähigkeiten auffrischen, indem man sein physisches Sein gereinigt, gleichzeitig seine Schärfe schärfen und sich " in Form" halten, wie man so sagt (aber diese Formel lässt sich, wohl gemerkt, nicht auf den Körper reduzieren). Eine gängige Formulierung, die man buchstäblich übersetzen kann:"Ruhe nähren" (yang jing) kann keineswegs als seine Ruhe bewahren (nourrir son calme) verstanden werden - eine allzu konstruierte Bedeutung, die durch die Projektion unserer Grammatik zu Stande kommt, eine Sackgasse; sondern sie bedeutet eher und in lockerer Form (wobei sie von dieser "Lockerheit" profitiert): seine Kräfte durch die Ruhe und in der Ruhe "nähren" und erneuern, indem man sich von den alltäglichen Geschäften und Sorgen zurückzieht, in dem man sich erholt und beruhigt, indem man sich "entspannt". Sie ist weder physisch noch psychologisch, oder, wenn man noch an diesen Klassifizierungen hängt, sie ist untrennbare beides. Diese Ungeschiedenheit ist kostbar, und von ihr will ich mich nun - versuchsweise - leiten lassen.

Des weiteren bedeutet "Leben studieren" (xue sheng), in diesem Kontext (vgl. Zhuangzi 19) weder studieren, was das Leben ist (die Sichtweise der Erkenntnis), noch zu studieren, wie man leben soll (die Sichtweise der Moral), sondern zu lernen, die Lebensfähigkeit zu entfalten und zu schützen, mit der ich ausgestattet bin, und sie voll zur Entfaltung zu bringen.

Francois Jullien

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