Francois Jullien
Sein Leben Nähren

Merve 2006


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Von der Hygiene oder vom Dauerwunsch nach Dauer

Seitdem infolge von langanhaltenden Erschütterungen die politischen und gesellschaftlichen Strukturen des chinesischen Reiches zerstört wurden, hat das Individuum angesichts der wiederholt auftretenden Entfesselung der Gewalt und der Zunahme von Willkürmaßnahmen kaum einen anderen Ausweg, als zu versuchen, Zuflucht im persönlichen Leben und dem Rückzug auf sich selbst zu finden. " Sein Leben nähren" (yang sheng) wird zum bevorzugten Thema der Meditation vieler Gebildeter.
Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des dritten Jahrhunderts, Xi Kang, der auch einer der brillantesten und kultiviertesten Geister seiner Epoche war, hatte es zum Titel seiner wichtigsten Abhandlung gemacht "yang shen lun". Jahrhunderte nach Zhuangzi kommt er auf dessen Lehre zurück, die er fortsetzt, um die Langlebigkeit zu denken. Er versteht den Ausdruck "das Leben nähren", wie Donald Holzman in der Einführung in das Denken dieses Autors sagt, " im reichsten und höchst variiertem Sinne: den Körper nähren, den Geist nähren, die Seele nähren; es handelt sich im Grunde um das religiöse Problem par exellence, und das Ziel von Xi Kang ist sein Heil, sein "Langes Leben", wie er sagt, sein ewiges Leben".

Wenn man gern anerkennt, dass das Leben zu nähren im Mittelpunkt der Bemühungen dieses Denkers steht, so glaube ich, dass man allein schon bei diesem Satz, den ich hier als Kostprobe zitiere, auch feststellen wird, in welchem Maße dieses Thema seine eigentliche Bedeutung verliert, zugleich verdünnt und entstellt wird, wenn scheinbar ganz selbstverständlich europäische Begriffe eingeführt werden, die hier recht arglos aufgelistet werden: der Körper, der Geist, die Seele, das Religiöse (natürlich als Problem gefasst), und auch das Ziel, das Heil, das ewige Leben.

Ich finde diesen Fall besonders lehrreich und halte ihn für ein warnendes Beispiel. Indem er mit einem Schlag unser ganzes theoretisches Arsenal auftischt und es, um es besser hörbar zu machen, in einem Satz entfaltet, findet sich der westliche Sinologen zugleich von einer begrifflichen Verkettung gefangen und geleitet, über die er von nun an keine Kontrolle mehr hat; und die nur immer weiter von dem Denken weg führen kann, dass ihr kommentieren möchte. Denn so wie man "Körper" eingesetzt hat, beschwört man die "Seele" herauf. Das "Religiöse" drängt sich dann als Ebene auf, die für ihren Ausdruck notwendig ist. "Problem" und "Ziel" stehen sich gegenüber (von da angestaltet sich die Existenz als Problem, für das man sich ein Ziel setzt). Die Ebene ist aufgespannt zwischen diesen beiden Enden des Denkens. Und in Begriffen des "Heils" wird schließlich (logisch) der einzige Ausweg konzipiert: Wie sollte das "ewige Leben" somit nicht in fine als legitime Fermate jeder Hoffnung herangezogen werden?

Nun hat das alte China aber nicht die Ewigkeit (verbunden mit dem Sein) gedacht, sondern das „Endlose“ der Dauer; und der chinesische Denker spricht nur von „Langem Leben“. Nun wird plötzlich, ohne dass der europäische Kommentator es gemerkt hätte, eine Kohärenz darüber gestülpt, die unsere Erwartungen projiziert, wodurch die ideologische und intellektuelle Matrix Europas wiederhergestellt wird, die ein System oder eine Faltung bildet - eben die, welche meine vorherigen Ausführungen destabilisieren sollten; oder angesichts derer diese versuchen, geduldig einen anderen Weg im Denken zu öffnen. Solange man nicht - lokal - begonnen hat, zu de- und re-kategorisieren, solange man meint, sich von vornherein des Netzes unserer allgemeinsten Begriffe (vor allem der allgemeinsten) bedienen zu können, mag man zwar glauben, auf Reisen gegangen zu sein, aber man ist in seinem Sessel sitzen geblieben. Und es sind immer die bereits bekannten Arten - unsere vertrauten "Existentiale" -, die man ohne weitere Früchte mit dem Netz einfangen wird.

Der chinesische Denker (Xi Kang) hat, was ihn selbst betrifft, die Alternative aufgestellt, die als Rahmen für sein Denken dient:
Manche auf der Welt behaupten, dass man durch das Studium zum Unsterblichen werden kann, das heißt, dass man dahin gelangen kann, nicht zu sterben. Andere sagen dagegen, dass das längste Leben hundertzwanzig Jahre dauert und dass dies heute genauso ist wie einst; dass man dieses Alter überschreiten könnte, ist nur ein Märchen und Unsinn. "Diese beiden Positionen entfernen sich von der Wirklichkeit". Denn einerseits kann man an die Existenz von Unsterblichen glauben, indem man sich auf die überlieferten Zeugnisse stützt, auch wenn man sowas noch nie gesehen hat, aber es ist jedenfalls klar, dass solche Wesen mit einem Energie-Atem ausgestattet gewesen sein müssen, der sich deutlich vom unsrigen unterscheidet, und dass dieses von Ihnen ganz natürlich erreicht wurde und nicht durch Studium oder durch Fleiß. Lassen wir daher die Suche nach der Unsterblichkeit beiseite, da sie uns nicht betrifft aber andererseits ist man, wenn man in sich selbst den energetischen Hauch "leitet und nährt", in der Lage, sich an die Logik des Vitalen anzupassen und dadurch voll und ganz dieses Erbteil des vitalen zu entfalten, das uns individuell zuteil geworden ist: auch kann man "im besten Fall einige Tausend Jahre und zumindest einige Hundert" erreichen. Es geht nun also um die Frage, sein Leben zu verlängern, da diese Möglichkeit ganz und gar von unserer Handhabung bzw. von unserer Verwaltung abhängig ist. Und wenn die Menschen bei diesem Unterfangen gemeinhin scheitern, so liegt das daran, dass sie nicht genügend auf das achten, was schon zu Anfang ganz fein von dieser Ambition abweicht und einen von ihr abbringt. Sie haben nicht verstanden, dass unser Lebenspotenzial einen höheren oder niedrigeren Ertrag haben kann, so wie man von einer Ertragsdifferenz in der Landwirtschaft oder im Finanzbereich spricht... Es geht hier nicht um mehr oder weniger fantastischen Hoffnungen, sondern einzig um die Kunst des Management. Warum sollte unser Lebenspotenzial also nicht verwaltet werden wie jedes andere Kapital, das von vornherein dazu verurteilt ist, sich zu erschöpfen, wenn wir es nicht verstehen, es zu bewirtschaften.

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Das Leben nähren…dass unser Lebenspotential einen höheren oder niedrigeren Ertrag haben kann.

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Menzius, II, A, 2, 16

Grundentscheidungen des Denkens
…Sie beziehen auf das, was als das Unmittelbarste was am wenigsten Abstrakte erscheint: nicht etwa, welches Leben man wählen soll – was bereits sehr abstrakt ist und was die Philosophie seit Platon besonders liebt, diese Überprüfung und Verteilung von Rollen -, sondern wie man sein Leben handhaben oder besser „managen“ soll.

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Welchen Begriff findet man dagegen nun im Mittelpunkt der Abhandlung von Xi Kang, der seine gesamte Reflexion befruchtet und ins allgemeine Denken eingehen könnte? Ich übersetzte ihn mit "Struktur" oder "innere Kohärenz" ind der "Entwicklung das Vitalen" (sheng-li), wobei sich aus der Sicht der Gesundheit und der Langlebigkeit alles um die Fähigkeit dreht, ein bisschen von der Kohärenz abzuweichen, die am Leben erhält. Bevor dieser Begriff in der modernen Zeit in wissenschaftlicher und restriktiver Weise dazu diente, den europäischen Ausdruck "Physiologie" wiederzugeben, hat er innerhalb einer selben Artikulation die Medizin, die Hygiene und die Philosophie miteinander verbunden. Aus diesem Blickwinkel der Verwaltung des Vitalen nähert man sich dem Denken des Lebens in noch grundlegenderer, noch verwurzelterer und weniger projizierter Weise als in der Moral und in der Religion. Außerdem kann die Frage der Hygiene, wenn sie einmal gestellt ist, die Rolle eines mächtigen theoretischen " Entwicklers" spielen denn sie lässt aufscheinen, welche Konfiguration von Begriffen und Ideen die Entwicklung hier begünstigt hat und welche Konfiguration sie anderswo gehemmt hat: durch welche verschiedenen, aber logisch miteinander verbundenen Verzweigungen eine solche Reflexion durch die impliziten Grundentscheidungen des chinesischen Denkens unterstützt und bei einem Gebildeten wie Xi Kang zentral wird...

Selbst-Verwaltung: zhi – pflegen, verwalten

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Welchen Begriff findet man dagegen nun im Mittelpunkt der Abhandlung von Xi Kang, der seine gesamte Reflexion befruchtet und ins allgemeine Denken eingehen könnte? Ich übersetzte ihn mit "Struktur" oder "innere Kohärenz" in der "Entwicklung des Vitalen" (sheng-li), wobei sich aus der Sicht der Gesundheit und der Langlebigkeit alles um die Fähigkeit dreht, kein bisschen von der Kohärenz abzuweichen, die am Leben erhält.

Auch die Chinesen haben die Gesundheit als Gleichgewicht wahrgenommen, aber sie haben dieses wie immer bei ihnen in der Perspektive des Ablaufes eines Prozesses verstanden (und nicht nach mathematischen Berechnungen und Proportionen): nicht als Norm des Richtigen mit einem archetypischen Wert, sondern als das, was es im Laufe der Welt oder des Lebens durch Alternieren und Kompensation nach dem Vorbild des Himmels Laufes ermöglicht, sich zu erhalten und somit sein Leben zu verlängern... Es ist übrigens auch nicht der Gesundheits-Zustand, der mehr oder weniger abstrakt, weil stillgestellt ist, den er im Auge hat und mit dem er sich beschäftigt, also der Zustand, dessen ideale Konstitution die Griechen gedacht haben; sondern er gründet auf dem Lebenskapital, welches unterhalten und zum prosperieren gebracht werden muss, indem man die verschiedenen Korrelationen spielen lässt, die aus der Polarität des Lebens hervorgegangen sind (als zugleich entgegengesetzte und komplementäre Faktoren, yin und yang.

Ich würde die korrelative Logik der Chinesen der konstitutiven Logik der Griechen gegenüberstellenIch würde die korrelative Logik der Chinesen der konstitutiven Logik der Griechen gegenüberstellen und auch die synthetische Harmonie letzterer (welche aus dem Verhältnis Teile-Ganzes hervorgeht) der regulativen Harmonie der Chinesen (welche die unendliche Fortsetzung des Prozesses ermöglicht).

Denn so wie sich die Chinesen dem Realen nicht in Thermen des "Seins", sondern der investierten "Fähigkeit" (de), des Quellgrunds (der Immanenz: das dao) oder der Ressource genähert haben, so haben sie sich auch kaum für die Zweckbestimmung interessiert und sich ausschließlich auf die Funktionalität konzentriert (das yong: der diskrete und kontinuierliche Lauf der Dinge und nicht das große "Warum" der Welt), dass das Leben selber in ihren Augen nur als Lebenskraft zu verstehen ist. So bedeutet das selbe chinesische Verb, sheng, sowohl "leben", "zur Welt kommen" als auch "erzeugen".

Francois Jullien

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