Francois Jullien
Der Weise hängt an keiner Idee
Das Andere der Philosophie
Wilhelm Fink 2001


JullienWeisheit131

Von selbst so - ziran

Die globale Sichtweise, auf die man zurückgreifen soll (yi ming, S.63,66 und 75), hat nichts von einer mystischen Visionen an sich - sie ist keine "Erleuchtung": es geht nicht darum, jenseits zu blicken, anderes zu sehen oder anders zu sehen, sondern im Gegenteil darum, zu sehen, was jeder andere auch sieht, und wie er sieht: Nicht mehr von der eigenen Seite aus und also einseitig zu sehen, sondern jedes Mal von der Seite aus, auf der die Realität sich entfaltet (auf eine Art und Weise zu sehen, die man nicht als "objektiv" bezeichnen kann - denn Ziel ist nicht die Erkenntnis - , sondern als umfassend verständnisvoll (compréhensive) in Bezug auf die Existenz: die Weisheit besteht darin, stets von der Seite aus zu sehen, auf der es gerechtfertigt ist). Wie die Globalität der Partikularität entgegengesetzt ist, so ist diese Sichtweise dem Blick- oder Standpunkte entgegengesetzt: statt jedermann dem eigenen Standpunkt - dem eines fest gewordenen Geistes - entsprechend zu sehen und die Existenz durch Trennung in Wahr und Falsch, Gut und Böse aufzuspalten, ja sie zu sich selbst im Gegensatz zu bringen, sieht der Weise jedes Mal, wo sich Kongruenz einstellt - seine Sichtweise ist harmonisch (he); statt an seiner Position zu hängen und somit auf eine feststehende Art und Weise zu sehen, ist seine Sichtweise flexibel wie ein Angelpunkt, um jede Situation zu "entsprechen" und sich unentwegt "anzupassen". Statt also in Disjunktionen zu erstarren, hat diese Sichtweise fortwährend Zugang zum "so" der Dinge (ran); sie sieht die Dinge jedes Mal unter dem Blickwinkel, unter denen sie "von selbst so" (ziran) sind. Ohne dass irgend etwas beiseite gelassen wird oder verloren geht. Derjenige, dessen Geist vollkommen offen ist - das Gegenteil eines "festgewordenen Geistes" - "passt sich den Disjunktionen der Welt an", "ist aber selbst ohne Disjunktion". Dass er, " ohne dem Weg der Disjunktionen zu folgen, diesbezüglich nicht zu fürchten braucht, "dass dies nicht adequat wäre", das " bringt direkt ans Licht, was natürlicherweise so ist, ohne dass etwas weggenommen wäre".

Wie aber realisiert man dieses "so" der Dinge, zu dem die Weisheit Zugang verschafft - und das den Geist "öffnet"? Was hat es mit diesem ohne jede Voreingenommenheit - des (fest)gewordenen Geistes - erfassten Sosein auf sich, dass dem "Natürlichen" zu eigen und dessen Quellgrund der "Himmel" ist?

Zhuangzi 2.1
(Man muss)... drei Musiken unterscheiden: die Musik der Menschen ist die Flötenmusik, zum Beispiel mit der Pan Flöte, wobei die erzeugten Töne sich entsprechend der Länge der Rohrstücke unterscheiden; die Musik der Erde ist die des Windes, der durch alle Erhöhungen pfeift, auf die er trifft.

Welche andere Musik könnte es denn noch geben Medien jene vom Menschen und von der Natur erzeugten? Eben die des Himmels, fährt unser Daoist fort. Doch weit davon entfernt, auf irgend einen übernatürlichen Urheber zurückzugehen, ist dies vielmehr eine Musik, bei denen es nichts und niemanden mehr gibt, der "blasen" würde: bei der alle ausgesandten Töne immer "jedesmal verschieden" sind, und zwar so, dass sie jedes Mal "ihrem Selbst gemäss" sind und "sich auf diese Weise alles von selbst erlangen".

shi qi zi ji ye xian qi zi qu
使 其

Nichts weiter - die Formulierungen können sich nur noch wiederholen, mehr könnte man nicht sagen. Jede Realität halte also ihre eigenen Beschaffenheit entsprechend wider, ohne dass irgend etwas von außen aufgerufen wäre, das Phänomen zu bestimmen oder auch nur zu bewirken... dieser "himmlische" Ton besitzt also keine andere Natur und bildet keine andere Kategorie als die irdischen oder menschlichen Töne, sondern mit ihm hat sich die ganze Perspektive verändert. Er wird nicht mehr in seiner Abhängigkeit (vom Atem, vom Wind) erfasst, sondern in seiner Immanenz. Indem wir vom menschlichen Ton ( der mit Hilfe "gleichgereiter Röhren" erzeugt wird) zum irdischen Ton (erzeugt durch die Höhlungen, auf die der Lufthauch trifft) und schließlich zum himmlischen Ton übergehen, steigen wir immer mehr ins Herz - auf den Grund - der Natürlichkeit zurück (vgl. Laozi25): jenseits des irdischen Tons wird der Ton des Himmels nicht mehr als erzeugter, sondern als spontaner Ton wahrgenommen.

Laozi25
人 法 地
ren fa dì
地 法 天
dì fa tian
天 法
tian fa dào

dào fa zì rán

Wir sind auf die Seite der Immanenz übergewechselt, sind vom trans-...zum auto-...übergegangen. Der Himmel erhellt nicht auf dem Blickwinkel des Agens, sondern aus dem des Geschehens (das von seinem eigenen Standpunkt aus betrachtet immer nur ein Von-selbst-Geschehen sein kann), Das Natürliche hat sich nunmehr vertieft: Es beruht nicht mehr auf der Natürlichkeit der Elemente (der Wind,die Bäume), sondern auf der Spontanität dessen, was auf diese Weise "kommt". Während auf der Ebene der Erde eine physikalische Schilderung möglich ist (es gibt eine Kraft, ein Agens - das kann man beschreiben), gibt es auf der Ebene des Himmels nichts mehr zu sagen: der Weise schweigt, um die Evidenz sprechen zu lassen. Alles Rauschen der Welt entsteht in der Sicht des Weisen einzig und allein aus ihrer Belebtheit: ein unendliches vielfältiges, ständig erneuertes Rauschen, in dem sich die Töne nicht mehr ausschließen, während sie sich gleichzeitig individualisieren - es ist das Rauschen der Existenz... Durch die Musik hindurch und von einer Ebene zur nächsten - vom Menschlichen zum Himmlischen - aufsteigend, denkt der Daoist also die Koexistenz als Gegenteil zur Ausschließung. Denn logisch betrachtet ist die Sicht des Weisen selbst nichts anderes als die Fähigkeit, koexistieren zu lassen (und eben darin besteht das Dao der Daoisten): indem er begreift, dass alle die verschiedenen Arten die Dinge zu sehen, sich wie der ausgesannte Ton "von selbst erlangen", dass sie jeweils die Resonanz eines spezifischen Dinges und als solche stets gerechtfertigt sind.

Zhuangzi
Francois Jullien



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