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三十輻,共一轂,當其無,有車之用。埏埴以為器,當其無,有器之用。鑿戶牖以為室,當其無,有室之用。故有之以為利,無之以為用。
The use of what has no substantive existence
The thirty spokes unite in the one nave;
but it is on the empty space (for the axle), that the use of the wheel depends.
Clay is fashioned into vessels;
but it is on their empty hollowness, that their use depends.
The door and windows are cut out (from the walls) to form an apartment;
but it is on the empty space (within), that its use depends.
Therefore, what has a (positive) existence serves for profitable adaptation,
and what has not that for (actual) usefulness.
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三 十 輻, 共 一 轂,
san shi fu gong yi gu
drei(mal) zehn Speiche zusammen eine Nabe
當 其 無, 有 車 之 用。
dang qi wu you che zhi yong
dort wo sein Nichts haben Wagen dessen Gebrauch
nicht dort ist seinen
埏 埴 以 為 器,
shan zhi yi wei qi
kneten Lehm damit machen Gefäss
當 其 無, 有 器 之 用。
dang qi wu you qi zhi yong
dort wo sein Nichts haben Gefäss dessen Gebrauch
nicht dort ist sein
鑿 戶 牖 以 為 室,
zao hu you yi wei shi
meisseln Tür Fenster damit machen Raum/Haus
當 其 無, 有 室 之 用。
dang qi wu you shi zhi yong
dort wo sein Nichts haben Raum dessen Gebrauch
nicht dort ist sein
故 有 之 以 為 利,
gu you zhi yi wei li
also haben dessen damit machen Nutzen
無 之 以 為 用。
wu zhi yi wei yong
Nichts dessen damit machen Gebrauch Übersetzung Wohlfart
Möller: In der Mitte des Kreises 153
Präsenz und Nicht-Präsenz
Die Grundstruktur, die der philosophische Daoismus immer wieder ins Spiel bringt, ist im Bild des Rades durch die beiden Komponenten Nabe und Speichen und deren Beziehung zueinander dargestellt. Oder anders gesagt, die Nabe und die Speichen im Bild des Rades stellen im wesentlichen als konkrete Illustration die zwei abstrakten Komponenten daoistischen Denkens und deren Relation zueinander dar. Diese beiden abstrakten Komponenten der Struktur daoistischen Denkens, auf denen die daoistische Bild und Vorstellungswelt aufgebaut ist, werden durch zwei Worte benannt, die nicht nur in der daoistischen Philosophie, sondern in der chinesischen Philosophie insgesamt zu den am häufigsten verwendeten zählen und die auch in der chinesischen Alltagssprache - im alten wie im neuen China - sehr geläufig sind. Diese beiden Worte heißen you und wu.
You bedeutet als Werk soviel wie "da sein" oder "vorhandensein" bzw. "haben" oder "besitzen", es kann sowohl die Existenz als auch den Besitz von etwas anzeigen. Als Substantiv hat you die Bedeutung von Dasein, Existieren, oder Sein.
Wu ist die Verneinung von you, kann also "nicht da sein" oder "nicht haben" ausdrücken. Dementsprechend bedeutet es als Substantiv Nicht-Dasein, Nicht-Existenz oder - als Verneinung des "Seins" - auch einfach das "Nichts".
Häufig kann man dieses gegensätzliche Begriffspaar im Wortfeld von "Sein und Nicht-Sein", aber auch viel konkreter als "Fülle" und "Leere" verstehen und dort, wo etwas ist, oder dort, wo es etwas gibt, ist Fülle, während dort, wo nichts ist, oder dort, wo es nichts gibt, Leere herrscht. In diesem Sinne bezeichnet you einen Ort oder einen Platz, wo etwas ist, während wu einen Ort oder einen Platz bezeichnet, an dem sich nichts befindet, also gewissermaßen eine Leerstelle. So besitzen eben im Bild des Rades die Speichen den Ort des you, d.h. Den Ort der Fülle, des Daseins oder des Seins, während die Nabe den Ort des wu, d.h. Den Ort des Nichts oder eben die Leerstelle "besetzt". Dieser spezifische Zusammenhang von you und wu, von Lehre und Fülle, von Sein und Nichts ist die Struktur daoistischer philosophischer Entwürfe.
In einem abstrakteren oder formaleren Sinne kann man die Konzeption des Gegensatzes von wu und you als die Konzeption des Gegensatzes von Gegenwärtigkeit und Nichtgegenwärtigkeit, bzw. Als den Gegensatz von Präsenz und Nicht-Präsenz bezeichnen. Der Zusammenhang zwischen Präsenz und Nichtpräsenz in der daoistischen Ordnungsstruktur ist zugleich der Zusammenhang von Zentrum und Peripherie, von Ruhe und Wechsel, aber vor allem auch der Zusammenhang von Einheit und Vielheit (bzw. Zweiheit) - und insofern auch im Kontext der altchinesischen Zahlenspekulation angesiedelt. Die Nichtpräsenz steht ruhend im Zentrum und ist einfach, während sich um die Nichtpräsenz herum die Präsenz in Vielheit bzw. in Zweiheit bewegt.
Vgl. Laozi 40 und Laozi 42
Allan Watts
Der Lauf des Wassers
Insel Taschenbuch 2003
37
Die Schönheit chinesischer Kalligraphie ist...die gleiche, die wir in fließendem Wasser, im Schaum, in der Gischt, in Wirbeln und Wellen erkennen sowie in Wolken, Flammen und Dunstschleiern im Sonnenlicht. Die Chinesen nennen diese Art von Schönheit "dem li folgen", dargestellt mit einem Ideogramm, das sich ursprünglich auf die Maserung von Jade und Holz bezog. Needham übersetzt es mit "organischer Struktur", obwohl seine allgemeinere Bedeutung der "Sinn" oder das "Prinzip" der Dinge ist.
Li ist das Verhaltensmuster, das sich einstellt, wenn man im Einklang mit dem Dao, dem Wasserlauf der Natur, lebt. Die Strömung der fließenden Luft hat denselben Charakter, und daher drückt der Chinesisch seine Vorstellung von Eleganz mit "feng-liu" aus, dem Fließen des Windes...
So wie die chinesische Schrift wenigstens um einen Schritt der Natur näher steht als die unsrige, so besteht die uralte Philosophie des Dao darin, dem Lauf, der Strömung, dem "Strich" der Naturphänomene geschickt und intelligent zu folgen und das menschliche Leben als einen integralen Bestandteile des ganzen Weltprozesses zu sehen, nicht als etwas Fremdes, ihm Entgegengesetztes.
Bisher hat die westliche Wissenschaft die Objektivität betont - eine kalte, berechnende und distanzierte Haltung, die den Anschein erweckt, als seien alle Naturphänomene, der menschliche Organismus inbegriffen, nichts als Mechanismen. Aber wie das Wort selbst besagt ein Universum aus lauter Objekten ist unannehmbar. Wir nehmen uns das Recht, es rücksichtslos auszubeuten, aber jetzt erkennen wir, dass die Misshandlungen der Umwelt und selbst Schaden bringt, aus dem einfachen Grund, weil wir und unsere Umgebung dem Prozess eines geschlossenen Feldes angehören. Das nennen die Chinesen Dao.
Wir haben auf lange Sicht keine andere Wahl, als an diesem Prozess durch eine Einstellung und durch Methoden mitzuwirken... da wir als menschliche Wesen das Risiko des gegenseitigen Vertrauens auf uns nehmen müssen, damit eine Gemeinschaft funktionieren kann, müssen wir auch riskieren, unsere Segel nach den Winden der Natur zu richten. Denn unser "Selbst", ist untrennbar von diesem Universum, und wir haben keinen anderen Ort.
44
Das chinesische Denken und Fühlen wurzelt in dem Prinzip der Polarität, das nicht zu verwechseln ist mit dem Begriff des Gegensatzes oder Konflikts...
Daoisten betrachten die Welt als identisch mit oder untrennbar von ihrem "Selbst", so das Laozi sagen konnte: "Ohne aus dem Haus zu treten, er kenne ich die ganze Welt". Das bedeutet, dass Lebenskunst sich mehr mit der Kunst der Schifffahrt als mit der Kriegsführung vergleichen lässt, denn wichtig ist, die Winde, die Gezeiten, die Strömungen, die Jahreszeiten und das Prinzip des Werdens und Vergehens zu begreifen, so dass man sie handelnd nutzen kann und nicht dagegen ankämpft. Im Chinesischen heißen die beiden Pole der kosmischen Energie yang (positiv) und yin (negativ)...Der Schlüssel zur Beziehung zwischen yang und yin wird hsiang sheng (xiang sheng) genannt, beiderseitiges Entstehen oder Unzertrennlichkeit.
Laozi 2 :
Sein und Nichtsein erzeugen sich gegenseitig.
Schwer und leicht verwirklichen sich gegenseitig.
Lang und kurz unterscheiden sich gegenseitig.
Vorher und Nachher folgen sich gegenseitig.
...Mit unserer Logik lässt sich schwer begreifen, dass Sein und Nichtsein sich gegenseitig erzeugen und fördern, denn es ist der große Schreckens Wahn des westlichen Menschen, dass das Nichts das ewige Ende des Universums sein könne. Wir erfassen nicht so leicht, dass die Leere schöpferisch ist und das Sein aus dem Nichtsein kommt wie der Klang aus der Stille und das Licht aus dem Raum.
Laozi 11
Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe:
Durch ihr Loch in der Mitte (Nichtsein)
wird das Rad brauchbar.
Forme Ton und bilde ein Gefäß:
Es ist die Leere, die es brauchbar macht.
Schneidet Türen und Fenster aus, damit ein Raum entsteht:
Es sind die Löcher, die in brauchbar machen.
Also kommt gewinnen durch das, was da ist,
Brauchbarkeit durch das, was nicht da ist.
50
Yang und Yin entsprechen in mancher Hinsicht der späteren buddhistischen Auffassung von Gestalt, se, und Leerheit, k'ung. Darüber steht in dem Hridaya-Sutra:
"Das Gestaltete ist auch das Leere, und das Leere ist auch das Gestaltete".
Diese scheinbare Paradox leuchtet sofort ein, wenn wir uns den Begriff von Klarheit ch'ing , vor Augen führen, denn wir verstehen unter Klarheit gleichzeitig den durchsichtigen, unverstellten Raum sowie die in allen Einzelheiten deutliche Gestalt,... und das führt uns wieder zu Laozi zurück und zur Brauchbarkeit von Türen und Fenstern. Durch das vollkommene Nichts sehen wir das vollkommene Etwas. Das yin-yang Prinzip ist daher nicht ein gewöhnlicher Dualismus, sondern eine explizite Zweiheit, die eine implizite Einheit zum Ausdruck bringt. Die beiden Prinzipien sind einander nicht entgegengesetzt (wie das Ahura-Mazda und Ahriman des Zoroaster), sondern in Liebe vereint.
60
Die fünf Energien wurden symbolisiert, als Holz; dieses erzeugt Feuer; dieses erzeugt Asche und daher die Erde; diese enthält in ihren Minen Metall; dieses zieht den Tau an und erzeugt daher Wasser, das wiederum Nahrung ist für Holz. Das wird hsiang sheng (xiang-sheng) oder gegenseitig erzeugende Ordnung der Kräfte genannt.
So fantastisch und das anmutet, wird doch ein Zyklus von besonderem Interesse beschrieben, indem Ursache und Wirkung nicht einander folgen, sondern gleichzeitig geschehen. Die Kräfte sind wechselseitig so voneinander abhängig, dass keine ohne alle anderen existiert, sowie es kein yang ohne ein yin geben kann. Dies hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem buddhistischen "Gesetz von Ursache und Wirkung" (pratityasamutpada).
Laozi
Allan Watts
Hans-Georg Möller
Günter Wohlfart
Daoismus
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