Felix Lau
Die Form der Paradoxie

Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der „Laws of Form“ von G. Spencer Brown
Carl-Auer 2008


Zitate und Kommentare:
Ich bin beim Lesen und Wiederlesen - beim Durcharbeiten - dieses Buches auf ganz neue "Gedankenwege" gestossen. Ausgänge in Gedankenwelten die mir in meinem "Gedankengänge Eins" - Offene Weite - Nichts von Heilig - noch nicht zugänglich waren. Ich finde in Zitaten aus Lau Wegmarken (cross-roads) für "Gedankengänge Zwei"

LauForm9
: Einleitung: Das Besondere an den Laws of Form ist, dass sie etwas ganz und gar Allgemeines, also gerade nichts Besonderes, veranschaulichen. Ihr spezielles Thema ist das Allgemeine, das Alltägliche und deshalb leicht aus den Augen zu verlierende Immer-Gegenwärtige: das Treffen von Unterscheidungen. George Spencer Brown entdeckte mit den Laws of Form das einfachste Fundament, das heißt die einfachsten Aussagen über den mathematischen Anfang. Er erkannte, dass die gesamte mathematische Welt – aber nicht nur diese – darauf basiert, dass jemand eine Unterscheidung trifft.

Boe: dass jemand eine Unterscheidung trifft. Das scheint mir die wichtigste und zentrale Aussage der Laws of Form. Öpper seit öppis. Jedes Sagen braucht einen "motivierten" Beobachter. vgl. Lau 156

Der Neurobiologe und Kognitionsforscher Humberto R. Maturana war einer der ersten, der die Bedeutung des Beobachters für jede Erkenntnis über die Welt, die Realität oder das Universum wissenschaftlich klar herausstellte. Eine seiner bedeutsamsten und radikalsten Aussagen ist: „Alles, was gesagt wird, wird von jemandem gesagt.“ (MATURANA; VARELA 1987: 32) Mit den Laws of Form kann man diesen Satz umformulieren in: „Alles, was unterschieden wird, wird von einem Beobachter unterschieden.“ Mit den Laws of Form wird wie bei Humberto R. Maturana die These vertreten, dass jedes Erkennen einer Realität, einer Welt, die Leistung eines Beobachters mit seinen Unterscheidungen, das heißt Wertungen, Erwartungen, Präferenzen etc., ist. (LAU 2005: 156)

Seite 11: Von Objekten oder Gegenständen werden wir deshalb nicht mehr sprechen, weil wir im Anschluss an den Kalkül von George Spencer Brown festhalten können,
dass unser Erleben solcher Objekte ein Ergebnis des Unterscheidens ist. Beispielsweise ist damit „Materie“ nur eine Seite einer Unterscheidung, deren andere (zum Beispiel „Geist“ oder „Form“) erst mitfestlegt, was mit „Materie“ gemeint ist, wenn jemand von „Materie“ spricht. Mit anderen Worten: Das, was als Ausgangspunkt genommen wird, um Aussagen über Erkenntnis zu machen, wird nicht mehr aufgefasst als eine zu entdeckende Wirklichkeit, sondern liegt in dem Prozess (und der Faktizität) des Treffens von Unterscheidungen.

Boe: von Ontologie zu Epistemologie; von statischem Sein-Denken zu dynamischem Prozess-Denken; von Was- zu Wie - Fragen (Luhmann)

Lau Form 23: Die Methode von Befehl und Betrachtung: Der deutschen Auflage der Laws of Form, die 1997 erschien, stellt George Spencer Brown eine Diskussion der Unterscheidung zwischen den Methoden „Befehl und Betrachtung“ sowie „Gerede und Interpretation“ voran.
(
Man findet diese Unterscheidung in der ersten Vorbemerkung zu den Gesetzen der Form, überschrieben mit „Vorstellung der internationalen Ausgabe“, die sich in keiner anderen Ausgabe der Laws of Form findet.)
Da die Darstellungsmethode einen inneren Zusammenhang mit dem Thema der Laws of Form aufweist, wird sie hier kurz dargestellt. Der Unterschied der beiden Methoden beruht auf einer unterschiedlichen Sprachverwendung (anweisend – beschreibend), die mit einer Erkenntnis über Sprache korreliert:
Gesagtes kann man glauben – aber nicht wissen.
Die von George Spencer Brown verwendete Methode beruht darauf, dass der Lernende bzw. Noch-nicht-Wissende Aufforderungen befolgt, bestimmte Operationen selbst durchzuführen und dann zu betrachten, wohin er mit ihnen gelangt. In herkömmlichen mathematischen Texten findet man keine Aufforderung, etwas selbst zu tun. (Ausgenommen natürlich die floskelhafte Aufforderung: „Den einfachen Beweis möge der interessierte Leser selbst finden.“
Die dort verwendete Formulierung „Es sei...“ verschleiert die Herkunft einer Unterscheidung.
Es wird also unentwegt unterstellt, dass bestimmte Dinge so-und-so sind (tatsächlich und von sich aus). Die Sprachform ist dann beschreibend und lässt insofern einen Spielraum für Meinungen und Interpretationen.

Boe:...dass Erkenntnisleistungen immer Konstruktionsleistungen sind.

Aber gerade die Mathematik kann sehr schön zeigen,
dass das, was wir (als wahr) erkennen, von dem abhängt, was wir tun (müssen), um dorthin zu gelangen. Dann ist sie anweisend, mithin unabhängig von Meinungen, und impliziert, dass Erkenntnisleistungen immer Konstruktionsleistungen sind.
Das heißt, die Definitionen und Unterscheidungen, die wir treffen, legen den Rahmen dessen fest, was wir erkennen können.

Boe: Definition = Abgrenzung, Begrenzung - Unterscheiden = Grenze ziehen

Diese Auffassung widerspricht dem Glauben an Tatsachen und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Bedingungen und Vorannahmen, unter denen jemand etwas (als wahr) erkennen kann. Insofern wird mit der Methode von Befehl und Betrachtung auch herausgestellt, was wir unter der „Form von Gesetzen“ verstehen können.

Die didaktische bzw. methodische Vorgehensweise von George Spencer Brown in den Laws of Form basiert demnach auf einem grundlegenden Wissen:

Überhaupt nichts kann durch Erzählen gewusst werden.“ (SPENCER BROWN 1997: XII)

Was man erzählt bekommt, kann man glauben oder lernen, aber nicht wissen. Wissen erlangt man allein durch eigene Erfahrung. Ohne Erfahrung ist „Wissen“ abstrakt und leer – und mithin kein Wissen, sondern eben Glaube oder Meinung.

Diesen Erfahrungshorizont des Wissens kann der Lehrende nur durch die Methode von Befehl und Betrachtung öffnen. Auf diese Weise wird der Lernende angeleitet, selbst zu entdecken, was es ist, das er weiß – er wusste vorher lediglich nicht, wie und wohin zu schauen.

In diesen Zusammenhang fällt, dass George Spencer Brown auf der Ebene der Rhetorik den Imperativ verwendet. Damit stellt er unentwegt heraus, dass es die Lesenden selbst sind, die die Unterscheidungen treffen, und nicht der Autor, der lediglich Vorschläge für zu treffende Unterscheidungen macht.

(In diesem Sinne ist auch die Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann zu verstehen: Durch Kommunikation wird keine Information übertragen. Der Sprecher kann nicht wissen, wie der Hörer seine Aussagen versteht, was sie bei ihm bewirken, auf welchen Boden an Bedeutungen sie fallen; er kann nicht einmal sicherstellen, dass der Hörer die verwendeten Begriffe mit den von ihm gemeinten Unterscheidungen assoziiert, geschweige denn, dass er überhaupt zuhört. Deshalb ergibt sich: Wollte man Wissen vermitteln, müsste man dem Gesprächspartner mitteilen, was er zu tun hat (welche Unterscheidungen er wie einzusetzen hat), so dass er das zu vermittelnde Wissen selbst erfährt. Denn dann gibt es keinen Zweifel und es ist keine Frage von Meinung mehr, dass das Befolgen der Anweisungen zu dem Ergebnis geführt hat. Gibt man beispielsweise einem Musiker die Anweisung, bestimmte Töne auf bestimmte Art und Weise zu spielen, ist es keine Frage von Meinung, wie das Stück klingt – wohingegen es Sache von Meinung und Geschmack bleibt, ob es einem gefällt oder wie man die Qualität der Aufführung einschätzt.

Da es auch eines seiner inhaltlichen Anliegen ist
zu zeigen, dass wir selbst es sind, die unsere Welt durch die Beobachtung erzeugen, ist die Verwendung des Imperativs (als Aufforderung) Ausdruck seines Verständnisses von Welt. Er vertritt und betreibt diese These, indem er die Lesenden, die Beobachter seines Kalküls, anleitet, sich selbst als die Schöpfer der Form zu erkennen.

Seite 25:
Als Beispiel für seine methodische Vorgehensweise und dafür, wie man zu Wissen statt zu Glauben kommt, führt er einen (altbekannten) Beweis für die Unendlichkeit der Primzahlen an, in dem er das Augenmerk auf die anweisende Lehrform lenkt. Ausgangspunkt ist folgender: Ich habe jetzt zwar geschrieben – und Sie haben es vermutlich andernorts auch schon gehört –, dass es unendlich viele Primzahlen gibt, nur: damit wissen Sie noch nicht, dass das tatsächlich der Fall ist. Sie können es mir oder anderen nur glauben – bis Sie es wissen. Und wenn Sie es wissen, können und brauchen Sie es nicht mehr zu glauben. Um etwas zu wissen, muss man es „tiefer“ erfahren haben – das hängt mit eigener Tätigkeit zusammen – als es das bloße Hören oder Lesen bewirken kann. In diesem Fall muss man selber nach- oder mitgedacht haben.

Seite 27:
Da es eine der Absichten dieses Textes ist, anhand der Laws of Form zu zeigen, dass Objekte oder andere Manifestationen von Unterscheidungen in diesem Sinne nicht wirklich (objektiv, unabhängig) sind, da die Welt keine Unterscheidungen enthält, sondern wir Beobachter es sind, die diese mit dem Prozess des Beobachtens mit-produzieren, geraten wir in das Problem,

„dass wir in einem Buch Worte und andere Symbole in einem Versuch gebrauchen müssen, das auszudrücken, was der Gebrauch von Worten und anderen Symbolen bislang verschleiert hat.“ (SPENCER BROWN 1997: XXXIV)

Denn Sprache ist, da sie auf den Gebrauch von Unterscheidungen ange-wiesen ist, einerseits unfähig zu beschreiben, wie Realität entsteht, anderer¬seits ist sie aber gerade das Medium, das wir benötigen oder zumindest einsetzen, so dass Realität erzeugt und wahrgenommen werden kann. Erst indem die Aufmerksamkeit auf das Treffen von Unterscheidungen gerichtet wird, können wir erkennen, wie Realität zu Existenz gelangt, und einen Versuch unternehmen, durch Sprache das Unsagbare zu sagen. So benutzt die Lehr- oder Darstellungsmethode von Befehl und Betrachtung Sprache, um zu einer letztlich nicht-sprachlichen Erfahrung, Erkenntnis oder Einsicht zu führen.

Man kann hier eine Verwandtschaft zu Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie vermuten, die auch George Spencer Brown in seinen Anmerkungen bestätigt. Matthias Varga von Kibéd hat diese Zusammenhänge beleuchtet in: „Wittgenstein und Spencer Brown“ in WEINGARTNER/SCHURZ 1989.

Sprache ist nur vorstellbar, indem mit ihr abgegrenzt wird, beispielsweise indem jemand über etwas spricht, und indem sie (bzw. mit ihr) zwischen dem, über das jemand spricht, und anderem, über das er nicht spricht, zu unterscheiden ermöglicht. Sprache gebraucht notwendig Unterscheidungen; und zwar in jeder Wortverwendung, da jedes Wort von anderem Unterschiedenes meint.

Wie wir aus dem Kalkül ersehen, sind Worte oder Namen nicht als Verweise auf eine unabhängige Realität zu verstehen. Vielmehr markieren sie Grenzziehungen eines Beobachters, denn sie erhalten ihren Gehalt eben nur durch einen Beobachter, der eine Anzeige verwendet, um eine Unter¬scheidung operativ brauchbar zu machen. Deshalb ist es unmöglich, die Welt oder Wirklichkeit, wie sie unabhängig von einem Beobachter sein könnte, zu beschreiben. Jede Beschreibung ist die Beschreibung eines Beobachters. Und jede Unterscheidung ist eine Unterscheidung eines Beobachters. Das, was der Fall ist, ist immer für einen Beobachter der Fall.

Zudem scheint Sprache dafür verantwortlich zu sein, dass wir die Unterscheidungen, die sie trifft oder die wir in oder mit ihr treffen, für wahr halten. So, als dächten wir, die Unterscheidungen und Bezeichnungen fänden sich in einer Wirklichkeit als objektiv gegeben, spiegelten diese gleichsam wider. Dies zu realisieren, dass Worte nichts Wirkliches bezeichnen oder anzeigen, sondern von jemandem verwendet werden, um die Welt handhabbar zu gestalten, meint George Spencer Brown, wenn er von „Entlernen“ redet. In der „Einführung“ in die Laws of Form spricht er vom

Entlernen der geläufigen deskriptiven Superstruktur, welche, bis sie abgelegt ist, irrtümlich für die Wirklichkeit gehalten werden kann.“ (SPENCER BROWN 1997: XXXIV)
Unlearning of the current descriptive superstructure which, until it is unlearned, can be mistaken for the reality.“ (SPENCER BROWN 1969: XX)

Für einen klaren Blick auf Realität wird es unerlässlich sein, die Unter-scheidung zwischen dem Namen und dem Benannten nicht aus den Augen zu verlieren und in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen. Hier soll die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, dass wir leicht die Realität verwechseln mit der Beschreibung von Realität, respektive mit unseren Gedanken über Realität, die beide Unterscheidungen benötigen. Ein Beispiel ist der Begriff „Mensch“. Für die moralische oder (straf-) rechtliche Beurteilung von Abtreibung stellt sich unter anderen die Frage: Ab wann ist ein Fötus ein Mensch? (Oder auch: Wofür wird eine Unterscheidung zwischen Fötus und Mensch benötigt?) Man kann das nicht wissen. Man kann sich nur entscheiden und es dann so (oder anders) leben, indem man Abtreibung verbietet (oder gestattet). Am Beispiel des Begriffes „Mensch“ wird auch deutlich, dass Begriffe je nach dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht werden, Verschiedenes bezeichnen: Je nachdem, ob man von der Unterscheidung Mensch-Gott, Mensch-Tier oder Mensch-Maschine ausgeht, erhält der Begriff „Mensch“ eine andere Bedeutung. Die Bedeutung eines Begriffes hängt an dem, was mit dem Begriff nicht gemeint ist. Das heißt, Sprache verschleiert, dass die Dinge nicht so sind, wie wir sie benennen, sondern wir durch die Benennung die Welt unterteilen – und letztlich die Freiheit haben, die Grenzen zu ziehen, wo es uns beliebt.

Boe: Korzybski: The map is not the territory - Gregory Bateson

Im vorliegenden Text wird die Methode von Befehl und Betrachtung nicht durchgehalten. Er ist explizit beschreibend, erläuternd und interpretierend. Die Laws of Form wurden derart geschrieben, um die Form von Gesetzen demonstrieren zu können.
Gesetze sind Aufforderungen und keine Beschreibungen von Ist-Zuständen. Der vorliegende Text zieht sich auf einen beschreibenden und erklärenden Standpunkt zurück, er beschreibt und erläutert die Anweisungen und Betrachtungen, die in den Laws of Form vorgenommen werden.

Lau Form der Paradoxie 32: Im Folgenden wird unter „Eintritt“ (entry) das Treffen einer (ersten) Unterscheidung verstanden. Der Begriff veranschaulicht ein Durchschreiten, eine Veränderung, ein Losgehen oder Anfangen. Beim Eintreten wird eine Grenze überschritten. Zudem verweist der Begriff auf eine Tätigkeit, da immer jemand eintritt, sowie auf jemanden, der die Grenze kreuzt, und schließlich auf eine eigene Aktivität, da man nicht eingetreten werden kann.

Laozi 1
: Der Anfang von Himmel und Erde ist namenlos.

Diese Voranstellung ist konzeptionell bedeutsam. Der Satz besagt, dass der Urgrund der folgenden Ausführungen, also der „Zustand“ noch vor dem Ausgangspunkt des Kalküls, Unterschiedslosigkeit ist. Denn: Wir können den Anfang von Himmel und Erde als ein Bild für die anfängliche, grundlegende Unterscheidung für ein Universum, wie George Spencer Brown das nennt, identifizieren. Wenn der Anfang namenlos ist, gibt es kein Motiv für eine Unterscheidung, er ist ununterschieden. Denn ein Name zeigt immer etwas in Unterscheidung zu anderem an, was eben nicht mit dem Namen gemeint ist. Und umgekehrt: Wenn der Anfang von Himmel und Erde unterschieden wäre, müsste etwas auf diesen Unterschied hinweisen; es bräuchte einen Namen oder eine Anzeige (Bezeichnung), um den Unterschied festzustellen. Wenn es diese(n) nicht gibt, kann der namenlose Ur-Anfang auch nicht unterschieden sein.
(
In den Abschnitten im dritten erkenntnistheoretischen Kapitel über die Zusammenhänge der Laws of Form mit Daoismus und Buddhismus werden wir diesen Ausgangspunkt wiederfinden. Den Raum, der vor einer ersten Unterscheidung ist (genaugenommen ist er nicht einmal, da man, um ihn so zu beschreiben, schon auf die Unterscheidung Sein – Nicht-Sein zugreift), nennt George Spencer Brown empty space. Im Daoismus wird der namenlose Ur-Anfang Dao genannt. Er ist das Unwandelbare. Das aus dem Dao stammende Prinzip von Yin-Yang symbolisiert den ständigen Wandel.Yin-Yang symbolisiert den ständigen Wandel. Von beidem wird in dem Abschnitt zum Daoismus im erkenntnistheoretischen Teil dieses Textes noch die Rede sein.)

Seite 35:
Die Ideen der Unterscheidung und der Anzeige werden voneinander unterschieden und sie werden bezeichnet (nicht nur: angezeigt ).
Der Gebrauch dieser Unterscheidung verdeckt ihre Einheit.

Auch dies könnte man als Eintritt, als Anfang des Kalküls betrachten. Es ist sicherlich der Anfang dessen, was George Spencer Brown in den Laws of Form demonstriert, und es ist der Boden, aus dem wir die Axiome für den Indikationenkalkül gewinnen werden. Dieser Beginn ist notwendig um zu verstehen, was (später) mit der konstruktiven Anweisung „Triff eine Unterscheidung!“ gemeint ist, die gemeinhin als Eintritt verstanden wird.

Boe: indication - Anzeige; anzeigen - zeigen - hinweisen - anmerken - hervorheben - anmerken - aufmerken - Bezeichnung: Signal - Zeichen

Im englischen Original verwendet George Spencer Brown den Begriff indication, was in der deutschen Sekundärliteratur zu den Laws of Form zumeist mit „Bezeichnung“ übersetzt wird. Wie bereits im „Einführenden Überblick“ erwähnt, übersetzen wir diesen Begriff mit „Anzeige“. Zum Verständnis dieser Entscheidung ist es hilfreich, andere Bedeutungen zu kennen, die mit indication mitgemeint sind: vor allem „Andeutung“ und „Hinweis“. Die Anzeige hebt eben die eine Seite einer Unterscheidung hervor, sie zeigt die eine an bzw. weist auf die eine der Seiten hin. Von den genannten Übersetzungsmöglichkeiten ist „Anzeige“ gerade wegen des darin enthaltenen „Zeigers“, der auf die eine oder die andere Seite einer Unterscheidung zeigt, am prägnantesten.
Im Zusammenhang mit einem Beobachter, der eine Unterscheidung trifft, können wir auch von einer Lenkung von Aufmerksamkeit sprechen. Ein Beobachter schenkt einer Seite einer Unterscheidung mehr Aufmerksamkeit als der anderen. Von daher leuchtet auch ein,
dass mit einer Anzeige noch nicht unbedingt der Gebrauch eines Namens gemeint ist. Um anzuzeigen wird noch nicht einmal ein (Schrift-) Zeichen benötigt.

Das heißt, um die Welt als unterschiedene zu erkennen, bedarf es nicht notwendigerweise einer symbolischen, die Welt repräsentierenden Ebene. (Das „Zeichen“ markiert eben nicht außerhalb der wahrgenommenen Welt, das „Zeichen“ ist die Welt.) Hinter einer Anzeige steht lediglich ein Motiv dafür, etwas als unterschiedlich im Wert zu erkennen. Das kann durch eine Bezeichnung fixiert werden. Die Anzeige kann die Form einer Bezeichnung oder eines Namens haben.

Boe: Wahrnehmung, Perzeption: Treffen einer Unterscheidung -
Kognition: Vorstellung einer Unterscheidung, Reflektion, Imagination (imaginär)
merken, anmerken, aufmerken, hervorheben, asymetrieren (unterscheiden)

Zum Beispiel merkt man zuerst, dass es kalt ist, bevor man es denken oder sagen kann. Jedes Zeichen und jeder Name ist eine Anzeige, aber eine Anzeige muss kein Name sein.

Mit der Idee der Anzeige wird ausgedrückt, dass man eine Seite einer Unterscheidung durch ihre Hervorhebung von der anderen unterscheidet. Mit einer Anzeige ist demnach etwas Allgemeineres gemeint als mit einer Bezeichnung oder einem Zeichen, weshalb in diesem Text indication mit „Anzeige“ übersetzt wird.

Es ist in dem Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen „Zeiger“ und „Zeichen“ aufschlussreich, zwischen dem Treffen einer Unterscheidung und der Vorstellung einer Unterscheidung zu unterscheiden.

Wenn man eine Unterscheidung trifft, zeigt man eine ihrer Seiten an. Und die Unterscheidung, das heißt die Einheit der beiden Seiten, verschwindet aus dem Blickfeld. Oder mit anderen Worten: Das Treffen einer Unterscheidung kann nie bewusst, also gedanklich miterlebt werden. Es geschieht jetzt.

Das kann man nur mit einer weiteren Unterscheidung beobachten – und dass man beobachtet, kann wiederum nur mit einer weiteren Beobachtung, die eine Unterscheidung trifft, erkannt werden.

Boe: beobachten: unterscheiden - bezeichnen; Operation des Unterscheidens
Beobachtung zweiter Ordnung


Stellt man sich hingegen eine Unterscheidung vor, wie beispielsweise die zwischen gut und böse, ist die Unterscheidung selbst angezeigt (und auch bezeichnet, da man beide Seiten kennt); die vorgestellte Unterscheidung wird von anderen (unangezeigten) Unterscheidungen unterschieden.

Boe: Wahrnehmung - unbewusst! Reflexion - bewusst!
Fuchs/Heidegger: welten!


Eine Unterscheidung zu treffen meint nicht, sich eine Unterscheidung ins Bewusstsein zu rufen. Dann kennt man immer beide Seiten, aber man trifft die Unterscheidung eben nicht, sondern stellt sie sich vor und trifft dabei eine andere Unterscheidung, die mit der momentanen Aktivität des Bewusstseins einher geht:
Man unterscheidet Unterscheidungen. Eine Unterscheidung treffen kann man nur (und immer wieder) jetzt. Insofern ist das Vorstellen einer Unterscheidung auch ein Treffen einer Unterscheidung – allerdings: einer anderen als der vorgestellten.

Das heißt, das aktuelle Getroffensein einer Unterscheidung kann ein Beobachter nur mittels einer weiteren Unterscheidung, einer weiteren Beobachtung erkennen – und dann sieht er nicht mehr die aktuelle, sondern eine vergangene Unterscheidung.

Davon setzt sich das Vorstellen einer Unterscheidung ab. In diesem Fall
kennt man die Unterscheidung und hat Namen für beide Seiten, so dass man sie bewusst einsetzen kann. Man trifft dann aber eben eine Unterscheidung zwischen Unterscheidungen. Über eine bestimmte Unterscheidung nachzudenken, zu reden oder zu schreiben, ist immer die Vorstellung einer Unterscheidung.

Wenn man eine Unterscheidung trifft, hebt man durch eine Anzeige eine der beiden Seiten hervor und asymmetrisiert so die Unterscheidung.

Die Anzeige macht erst den Unterschied aus, da die Seiten der Unterscheidung ohne sie nicht verschieden voneinander wären. Wir hätten lediglich zwei Seiten, aber nichts, was sie unterscheidet.

Eine Anzeige meint immer dieses, das Angezeigte, und nicht anderes. Das heißt, wenn unterschieden wird, wird eine Anzeige herangezogen. Eine Anzeige kann nicht alles anzeigen – oder höchstens in Abgrenzung von nichts. Deshalb ist eine Unterscheidung Bedingung der Möglichkeit für eine Anzeige. Umgekehrt formuliert, gehen aber auch mit einer Anzeige zwei Seiten einher, eben die angezeigte und die unangezeigte, und von daher ist ebenso eine Anzeige die Bedingung der Möglichkeit für eine Unterscheidung. Das heißt aber nicht, dass Unterscheidung und Anzeige identisch wären. Sie gehen zwar jeweils miteinander einher, bleiben aber dennoch klar unterschieden. Das Auftreten von Unterscheidung und Anzeige vollzieht sich nicht in der Logik des Nacheinander, sondern ist als gegenseitig bedingtes Entstehungsverhältnis zu denken.

Boe: konditionierte Koproduktion

Der Akt des Unterscheidens allein erzeugt noch keine Asymmetrie und setzt nur den Unterschied zwischen Unterschiedenem und Nicht-Unterschiedenem. Die Unterscheidung ohne die Anwesenheit einer Anzeige trifft also noch keine konkrete Unterscheidung; wenn man so will, weiß man noch nicht, welche Unterscheidung es ist.

Die Idee der Unterscheidung für sich erzeugt also keine Ordnung im Raum und gibt keine Präferenz für eine der Seiten an, solange ihr das Motiv für eine Hervorhebung, für eine Anzeige fehlt. (Und solange das Motiv fehlt, wird die Unterscheidung nicht getroffen.)

Seite 52: Die Form der Unterscheidung ist für jede Unterscheidung dieselbe, sie ist immer
Zwei-Seiten-Form, wobei die eine Seite angezeigt ist. Wenn wir verschiedene Unterscheidungen (vorstellend, nicht treffend) vergleichen, so ist Form das allen Gemeinsame, und unterschiedlich sind sie, weil sie Verschiedenes anzeigen bzw. bezeichnen.
Das heißt, in dem, was eine Unterscheidung unterscheidet, unterscheidet sie sich von allen anderen Unterscheidungen; und darin, in welcher Form sie unterscheidet, ist sie mit allen Unterscheidungen identisch (vgl.
BAECKER 2002: 70). Da also jede Unterscheidung die gleiche Form hat, ist es gleichgültig, mit welcher Unterscheidung wir beginnen. Sie ist nur die erste Unterscheidung und unterscheidet sich ansonsten von keiner anderen.
Die Form ist der Raum, der durch jedwede Unterscheidung gespalten wurde, zusammen mit dem gesamten Inhalt, den beiden Seiten und der Grenze zwischen ihnen.
Der Spencer Brownsche Formbegriff bringt also schon insofern Selbstbezüglichkeit mit sich, als er beides, die beiden Seiten einer Unterscheidung und die Seite einer Unterscheidung (Raum), in der diese Unterscheidung getroffen wird, zusammenbringt.
Jeder Raum ist eine Seite einer Unterscheidung und eine Unterscheidung wird in einer weiteren Unterscheidung (einer ihrer Seiten) getroffen. Auch oben hatten wir schon erkannt, dass eine Unterscheidung in einem „Raum“ getroffen wird und diesen in „Räume“ unterteilt. Wenn man so will, umfasst der Formbegriff alle drei Räume einschließlich einer Grenze.
Seite 54: Begriff des „Mediums“: ...dass wir zu dem Begriff der Form (zunächst) kein Gegenüber, keine andere Seite finden können, da wir dazu eine Unterscheidung gebrauchen müssten und diese nach der Definition wieder in der Form wäre.
Jede Unterscheidung ist eine Trennung der Welt in zwei Seiten und jedes Treffen einer Unterscheidung erzeugt Form. Mit jeder Gegenüberstellung würde man wieder eine Form schaffen, die Form von Form und Nicht-Form, wie auch immer Nicht-Form benannt würde.
Im Gegensatz zur aristotelischen, scholastischen und ästhetischen Tradition, die dem Formbegriff die Differenzbegriffe Materie, Substanz und Inhalt gaben, besitzt für den Spencer Brownschen Formbegriff lediglich der Begriff des „Mediums“ von Fritz Heider (siehe HEIDER 1926: Ding und Medium) als Gegenbegriff (zu Form) Überzeugungskraft. Er beschreibt die unverfügbaren Voraussetzungen jeder Formbildung, den Kontext der Unterscheidung.

LauForm87
: 1. Gleichungen zweiten Grades
Seite 88: Nun sind Gleichungen zweiten Grades nur dann stets einer Lösung zugänglich, wenn man einen bisher nicht benötigten und betrachteten Wert gebraucht. Als Lösung für Gleichungen zweiten Grades führt George Spencer Brown den so genannten
imaginären Wert ein, den er beschreibt als Oszillation zwischen dem markierten und dem unmarkierten Zustand. Diese Oszillation, die Zeit benötigt, unterwandert die Grenze der Unterscheidung, was durch das Bild des Tunnels dargestellt wird.
Für die mathematische Form, mit der der imaginäre Wert entdeckt wird, prägte George Spencer Brown den Begriff re-entry (Wieder-Eintritt): Eine Unterscheidung wird auf ihrer bezeichneten Seite in sich selbst wieder eingeführt. Sie ist dann einerseits die getroffene, gerade verwendete Unterscheidung, die Grundlage einer Beobachtung, aber auch der Gegenstand der Beobachtung. In der oben erwähnten Terminologie können wir formulieren, dass die Unterscheidung einerseits getroffen und andererseits vorgestellt wird (siehe im Abschnitt „Grundlegende Ideen: Unterscheidung und Anzeige“ in I. 1.: S. 36). Niklas Luhmann spricht dabei vom re-entry der Unterscheidung in das Unterschiedene. So führt ein re-entry beispielsweise zu Fragen wie: Ist die Unterscheidung zwischen wahr und falsch selbst wahr oder falsch? Ist die Unterscheidung zwischen gerecht und ungerecht selbst denn überhaupt gerecht?

Seite 96 : Das Bild des Tunnels:
Mit dem imaginären Wert wird die Grenze zwischen den Seiten einer Unterscheidung unterwandert. Eine Unterscheidung, die in sich selbst auf einer ihrer Seiten wieder vorkommt, trennt ihre beiden Seiten nicht mehr perfekt, da man von einer Seite auf die andere gelangt, ohne die Grenze zu kreuzen.
Das Bild des Tunnels symbolisiert genau dies: auf die andere Seite zu gelangen, ohne zu kreuzen, dafür aber Zeit in Anspruch zu nehmen. Wir hatten ihre Perfektion bezüglich Be-Inhaltung die ganze Zeit angenommen und finden nun, dass sie so nicht ist; perfekte Be-Inhaltung „beinhaltet“ Imperfektion.
George Spencer Brown gibt jedoch keine neue Definition an. Er stellt lediglich veranschaulichend heraus, dass die ursprüngliche Definition der Unterscheidung erweitert werden muss, da man mit der Zeit von einer Seite auf die andere gelangt, ohne deren Grenze zu kreuzen.

Seite 97:
Auch mit der Unterscheidung zwischen Raum und Zeit kann veranschaulicht werden, was mit der Definition, wie wir sie ursprünglich kennen gelernt haben, hier geschieht: Zu Beginn hatten wir die Unterscheidung nur für ihre räumliche Hinsicht definiert. In der Zeit kann die Grenze der Unterscheidung überschritten werden, wobei die räumliche Trennung perfekt bleibt. Alles wandelt sich, und dennoch können Beobachter an bestehenden Identitäten festhalten.

Die Änderung der Definition der Unterscheidung können wir auch lesen als: Mit Festlegung finden wir Veränderung. Insofern sind die beiden Seiten nicht verschieden. Sie gründen in einer Einheit (Verbundenheit), die man mit Zweiheit nicht erreichen kann. Mit der Einführung von Selbst-bezüglichkeit kommt die Einheit in der hier vorliegenden Form wieder in den Blick.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist etwas so oder anders, es ist festgelegt. Aber alles ist im Wandel, in Bewegung, und das können wir mit Hilfe der Idee von Zeit erkennen.

Eine offenkundige und angesichts der den Laws of Form vorangestellten chinesischen Schriftzeichen naheliegende Analogie finden wir in dem Symbol von Yin-Yang, das aus der daoistischen Tradition stammt.




Die weiße und die schwarze Fläche stehen für die Form einer Unterscheidung. Diese Unterscheidung steht auf einer Seite einer weiteren Unter¬scheidung, die durch den Kreis angezeigt ist. Zusätzlich zu der Grenze sind die Seiten über eine weitere Verbindung verknüpft: die Punkte der jeweils anderen Farbe auf beiden Seiten (wir werden im erkenntnistheoretischen Teil darauf zurück kommen: „Yin-Yang und der re-entry“ in III. 3., S. 186).

LauForm102

Der re-entry, wie er nun vorgeführt wird, bezieht sich auf die Form als solche. Es ist ein spezieller re-entry: der re-entry der Form in die Form. Wie wir im Folgenden sehen werden, können wir davon sprechen,
dass mit dem Wieder-Eintritt eine Beobachterposition eingenommen wird, mit der wir hinter den Eintritt zurückgehen und von dort die Legitimität des Eintrittes begründen können.

Seite 103: Einführung und Entdeckung des Beobachters.

Lau Form 112:
Teil II: Zu den Grundlagen der Mathematik:
Die Form der Paradoxie:
Selbstbezüglichkeit
und Negation werden hier als die konstitutiven Elemente der Form der Paradoxie herausgestellt ebenso wie die charakteristische Oszillation zwischen zwei Zuständen, den zwei Seiten einer Unterscheidung.

Boe: Selbstreferenz - self-reference - Paradoxie - Diesen Begriffen bin ich seit vielen Jahren auf der Spur ohne sie verstehen zu können. Felix Lau ermöglicht mir ein erneutes Nachdenken - ein "unlearning" meiner festgefahrenen Meinungen, dh. meiner falschen Präsuppositionen.

Seite 116: ...Verlust der Fähigkeit, Selbstbezüglichkeit darzustellen, gerade heutzutage niederschmetternd. Nähmen wir die Typentheorie konsequent ernst, so dürften wir beispielsweise nicht über Sprache sprechen; und auch der Gebrauch komplexer Zahlen, die in vielen Zweigen der Mathematik unverzichtbar sind, müsste, streng genommen, untersagt werden, wie wir unten ausführen (siehe II. 2. „Imaginärer Wert und komplexe Zahlen“, S. 129ff.). Es ist offenkundig, dass unsere Welt ohne Selbstbezüglichkeit unvorstellbar ist, nicht zuletzt vor dem Hintergrund diverser Forschungsansätze und -ergebnisse aus den letzten Jahrzehnten.

Seite 121: Jede zweiwertige Logik schließt Paradoxien aus, weil es nur die beiden Werte geben kann, beispielsweise „wahr“ und „falsch“. Jede Aussage ist entweder „wahr“ oder „falsch“ (in der Regel wird dann noch eingeräumt, dass eine Aussage auch sinnlos oder frei von einem Wahrheitswert sein kann), und jedem „Ding“ kommt eine Eigenschaft entweder zu oder nicht. Zumindest für selbstbezügliche Zusammenhänge handelt man sich andernfalls unüberbrückbare Probleme ein. Denn wie kann man mit Aussagen umgehen, die etwas über ihre eigene Wahrheit oder Falschheit behaupten?

Boe: wahr/falsch - sinnlos: Sinn - Unsinn ? -

Auch der „Satz der Identität“, der besagt, dass etwas zu sich selbst identisch ist, und der in allen gängigen Logiken vorausgesetzt wird, lässt sich mit dem Konzept von Selbstbezüglichkeit nicht vereinbaren. Man denke an ein abgeschlossenes System, etwa einen Beobachter, der im Modus Bewusstsein operiert.
Für einen Beobachter dieses ersten Beobachters stellt er eine Einheit dar. Er ist, was er ist; er ist mit sich identisch; auch wenn er mal so und mal anders ist, bleibt er der, der er ist. Durch seine Operationen schafft und erhält er eine Grenze zu seiner Umwelt. Für diesen ersten Beobachter selbst gilt das auch, solange er nicht selbstbezüglich operiert, solange er sich etwa die Frage nach seiner Identität nicht stellt.
Doch wenn er sich selbst beobachtet, ist er nicht mehr mit sich selbst identisch: er hat sich (die Einheit, die er war) in Beobachter und Beobachtetes unterteilt.
Operational bleibt er natürlich eine Einheit, das heißt er wird nicht zu zwei Systemen, aber für sich ist er nicht mehr eines.
Er sieht sich als der-und-der an, ist aber zugleich der, der sich so sieht. Er kann nicht mehr entscheiden, ob er Einheit oder Zweiheit ist: Wenn er sich als Einheit betrachtet, schafft er durch die Differenz, die die (Selbst-)Betrachtung macht, eine Zweiheit. Diese Zweiheit operiert aber als ein System.


Seite 133:
die nicht angezeigte Seite einer Unterscheidung ist nicht die Negation der angezeigten, es ist die andere Seite, die unangezeigte. Nur wenn es zwei bestimmte Seiten gibt, entspricht gleichwohl die Negation der einen Seite der anderen.

Das heißt, wenn man über das Konzept der Negation verfügt, findet man es unwillkürlich in der Zwei-Seiten-Form, aber die Form ist ursprünglicher als die Negation. Da sie ursprünglicher ist, ist sie weniger beschränkt, das meint, dass sie allgemeiner ist.
(
Eine, wenn man so will, ontogenetische Vorrangigkeit des cross vor der Negation findet man in der Tierwelt. Wie zum Beispiel Gregory Bateson herausstellt, können Tiere zwar unzweifelhaft unterscheiden, verfügen aber über keine Negation (vgl. dazu die dritte Session der erwähnten AUM-Konferenz und vor allem BATESON 1972: 547).

Boe: Negation: Sinn - Unsinn; Cross: Sinn - auch Sinn
Für uns Menschen gibt es keinen Unsinn, denn alles was wir denken können denken wir im Medium Sinn, alles hat für uns „Bedeutung“.
(vgl. Luhmann, Fuchs)
Negation kann es nur für sprechende Menschen geben. Sie "bezeichnen", dh. sie "benennen" Wahrnehmungen und sie "glauben" dann an ihre Begriffe.
(vgl. Spencer Brown LoF -Vorstellung, Seite IX)

...
ontogenetische Vorrangigkeit des cross vor der Negation: Wahrnehmung geht der Bezeichnung voraus, Wahrnehmung = Anzeige (indication) - Denken = bezeichnen. (vgl. Lau Form 32 )
Wahrnehmung, Perzeption: Treffen einer Unterscheidung -
Kognition: Vorstellung einer Unterscheidung, Reflektion, Imagination (imaginär) - merken, anmerken, aufmerken, hervorheben, asymmetrieren (unterscheiden)
.
Seite 138: Das Paradoxe jeder Unterscheidung: Für jede Unterscheidung gilt, dass sie eine Einheit trennt, so dass zwei Seiten entstehen. Eine Unterscheidung produziert immer eine Zweiheit, eine Zwei-Seiten-Form. Und die Zweiheit verdeckt die Einheit, die ihr zu Grunde liegt. Beide Seiten sind „anwesend“, jedoch nur nacheinander aktualisierbar. Wir können mit Niklas Luhmann auch von der „Paradoxie der Form“ sprechen (siehe den gleichnamigen Aufsatz in BAECKER 1993a), um zu bezeichnen, dass jede Unterscheidung und damit jede Beobachtung auf einer Paradoxie gegründet ist (LUHMANN 1993: 198).

Boe:
..von einer entweder-oder Logik zu einer "entweder-und-oder" Logik; sowohl-als-auch Logik (Tetralemma?)

Seite 142: Unter Vorgriff auf den erkenntnistheoretischen Teil dieses Textes kann weiterhin festgestellt werden:
„Im Augenblick, in dem dann die Welt nur noch als Beobachtungswelt "beobachtet" werden kann, wird ein logischer Strukturreichtum erforderlich, der sich den Paradoxien stellen kann, die der Begriff des Beobachtens impliziert.“ (FUCHS 2003a: 76)

Dies leistet der Indikationenkalkül, aufgefasst als Formalisierung des Treffens von Unterscheidungen bzw. Formalisierung von Beobachtung.

Jede Beobachtung beruht auf einer Unterscheidung. Und: Jede Unterscheidung beruht auf einer Paradoxie der Identität des Differenten. Denn jede Unterscheidung teilt eine Einheit. In der Beobachtung, während des Treffens einer Unterscheidung, entzieht sich ihre Einheit der Beobachtbarkeit. Nur mit einer weiteren Unterscheidung kann die erste Beobachtung beobachtet werden. So folgt auf eine Beobachtung eine weitere. An die Stelle der für den Beobachter unsichtbaren, weil paradoxen Einheit tritt die Rekursivität der Beobachtungen.

Die Anweisung „Triff eine Unterscheidung!“ macht deutlich, dass alles Erkennen letztlich im Unterscheiden besteht, also letzten Endes auf Paradoxien beruht.

„Paradoxien sind unvermeidlich, sobald die Welt (der `unmarked space´ Spencer Browns) durch irgendeine Unterscheidung verletzt wird.“ (LUHMANN 1992: 129)

Dementsprechend kann es nicht darum gehen, Paradoxien vermeiden zu wollen. Viel eher führen Paradoxien zu der Einsicht, dass unser rationales, zweiwertiges Denken nicht der „Weisheit letzter Schluss“ sein kann. Die „letzten Fragen“ führen uns immer wieder in Paradoxien.

LauForm 152:
Beobachtungen des Beobachters:
Im 20. Jahrhundert wurde in mehreren Naturwissenschaften eine epistemologische Entdeckung gemacht, die das bisher vorherrschende wissenschaftliche Paradigma ins Wanken brachte: Es wurde die Bedeutung des Beobachters für das Beobachtete entdeckt.
Von der Entdeckung des Beobachters wird gesprochen, um zu kennzeichnen, dass das Beobachtete nicht unabhängig vom Beobachter ist: Der Beobachter bedingt das von ihm Beobachtete (mit). Für die Neurobiologie hat Humberto Maturana gemeinsam mit Francesco Varela die Bedeutung des Beobachters und seiner Maßstäbe und Wertungen für jegliches Wahrnehmen und Erkennen herausgearbeitet.
Dieses Kapitel erläutert die Entdeckung der Figur des Beobachters, wie sie sich in den Laws of Form darstellt. Dazu kommen wir zunächst noch einmal auf das letzte Kapitel des Indikationenkalküls zurück, in dem der die ganze Zeit implizite Beobachter durch den re-entry der Form in die Form explizit gefunden wurde. Von dort aus wird eine Definition der Beobachtung sichtbar, die auch der Systemtheorie von Niklas Luhmann zugrunde liegt.
Seite 153: Seite 153:
Der re-entry ist die Beobachtung oder das Gewahrwerden des unserem Standpunkt umschriebenen Kreuzes, des ungeschriebenen Kreuzes. Zum Beispiel: Wenn wir etwas mit unseren Sinnen wahrnehmen, befindet sich die Wahrnehmung in unserem aktuellen Bewusstsein bzw. ist diese Wahrnehmung unser Bewusstsein, das heißt, die Aufmerksamkeit ist bei dem Gegenstand unserer Wahrnehmung. Dies kann alles sein: ein Gedanke, eine körperliche Empfindung oder ein Gefühl etc. Nun kann ein (weiterer) Gedanke auftreten, dass wir mit der Aufmerksamkeit „wo-auch-immer“ gewesen sind. Wir sehen uns selbst als Beobachter. Wir könnten beliebig lange fortfahren zu beobachten, dass wir gerade beobachteten, das heißt ungeschriebene Kreuze aufspüren, und erkennen, dass auch sie in der Form sind. Re-entry der Form in die Form heißt deshalb, den Beobachter zu entdecken; wahrzunehmen, dass man permanent Zeuge dessen ist, was man erlebt.
Wir können zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Unterscheidung und Anzeige beobachten , und zwar mit dieser Unterscheidung selbst. Das heißt, wir beobachten diese Unterscheidung und können erkennen, dass wir für die Beobachtung unterscheiden und anzeigen: Wir beobachten diese Unterscheidung und nicht andere und wir zeigen ihre Seiten sogar mit Namen an. Wir erkennen mit Beobachtung die Beobachtung. Insofern, als es für die Beobachtung keine Vorrangigkeit von Unterscheiden oder Anzeige gibt, da sie zugleich stattfinden, kann man davon sprechen, dass Beobachtung die Einheit der Differenz von Unterscheidung und Anzeige ist. Sie treten als Beobachtung nur zusammen und zugleich auf.

Seite 154:
Es lässt sich beobachten, dass der Beobachter immer gegenwärtig ist. Solange ein System seine Operationen fortsetzt, das heißt auch: solange es beschrieben werden kann als in oder mit einer Umwelt agierend, ist sein Bewusstsein jetzt. Mit anderen Worten: Wir leben in der Gegenwart. Wir können aber noch unterscheiden, ob das Bewusstsein mit dem Hier-Jetzt befasst ist, oder ob es denkt – und im Denken auf Vergangenheit oder Zukunft bezogen ist. Man mag denken, dass Denken auch im Hier-Jetzt stattfindet, und zweifelsohne ist das Gehirn unentwegt jetzt aktiv. Mit der Formulierung der Distinktheit von Hier- Jetzt und Denken soll darauf hingewiesen werden, dass ein Sein im Hier-Jetzt frei ist von Wertungen, Motiven und Zielen. Und also auch frei von einem darauf bezogenen Denken.
Boe: vgl. Huineng Platformsutra20: The wisdom of Prajna is neither great nor small: these differences are due to the differences in the delusion and enlightenment of the minds of all living beings. Those with deluded minds and externalist views cultivate practices to seek Buddhahood without having realised their own essential nature; they are the ones with small faculties. If you open to understanding of the teaching of immediacy, you do not cultivate practice grasping externals; you simply activate accurate perception at all times in your own mind, so afflictions and passions can never influence you. This is perception of essential nature. Good friends, when you do not dwell on the inward or the outward, coming and going freely, you are able to eliminate the clinging mentality and penetrate without obstruction.
Platformsutra 21: Good friends, insight sees through inside and out, clearly penetrating, discerning your own original mind. If you know your original mind, you are fundamentally liberated. If you attain liberation, this is prajna-samadhi, which is freedom from thought.
What is freedom from thought? If you
see all things without the mind being affected or attached, this is freedom from thought. Its function pervades everywhere, without being attached anywhere. Just purify the basic mind, having the six consciousnesses go out the six senses into the six fields of data without any defilement or mixing up, coming and going freely, comprehensively functioning without stagnation: this is prajna samadhi, freedom and liberation. This is called the practice of freedom from thought. If you do not think at all, you will cause thoughts to be stopped entirely. This is dogmatic bondage; this is called a biased view.


Seite 156: Dieser Abschnitt zum Beobachter spiegelt die Schwierigkeit der sprachlichen Produktion einer Figur, die nicht im Subjekt-Objekt-Dualismus situiert ist. Der Beobachter repräsentiert eine Welt und entsteht selbst im Prozess des Treffens von Unterscheidungen. Er ist nicht zu denken als jemand, der Unterscheidungen willkürlich trifft, er geht den Unterscheidungen zeitlich nicht voran. Er ist nach dieser Konzeption lediglich die Instanz, in der wir als Beobachter den Prozess der Beobachtung feststellen können. Der Beobachter ist das selbstreflexive, selbstbezügliche Moment „innerhalb“ der Form.
Der Beobachter kann beobachten, dass er in der Form ist, dass er mit Formen/Grenzen „spielt“ – wie auch mit der Grenze zwischen ihm als Beobachter und ihm als Beobachtetem.
Der Neurobiologe und Kognitionsforscher Humberto R. Maturana war einer der ersten, der die Bedeutung des Beobachters für jede Erkenntnis über die Welt, die Realität oder das Universum wissenschaftlich klar herausstellte. Eine seiner bedeutsamsten und radikalsten Aussagen ist:
Alles, was gesagt wird, wird von jemandem gesagt.“ (MATURANA; VARELA 1987: 32)
Mit den Laws of Form kann man diesen Satz umformulieren in:
Alles, was unterschieden wird, wird von einem Beobachter unterschieden.“ (LAU 2005: 156)
Mit beiden Sätzen wird ein Unterschied zu einer, man muss es wohl so sagen: obsoleten Auffassung von Welt hervorgehoben. Von einer objektiven, also Beobachter unabhängigen Welt ausgehend, muss der Beobachter aus der Welt heraus gehalten werden. Spielte der Beobachter der Welt eine Rolle für das „Dasein“ der Welt, würde zumindest der Zugang zur Welt in Frage gestellt sein, wenn nicht eine objektive Realität überhaupt. Mit den Laws of Form wird wie bei Humberto R. Maturana die These vertreten, dass jedes Erkennen einer Realität, einer Welt, die Leistung eines Beobachters mit seinen Unterscheidungen, das heißt Wertungen, Erwartungen, Präferenzen etc., ist.
Seite 157: Beobachtungen erster und zweiter Ordnung

Lau Form 163

2. Von Existenz zu Leere
Nachdem der erste Abschnitt dieses erkenntnistheoretischen Teils den Prozess der Beobachtung und den Beobachter thematisierte, handelt dieser zweite Abschnitt von der Realität, die einem Beobachter erscheint. Dabei geht es nicht darum zu skizzieren, wie eine Welt ohne Beobachter aussehen könnte (von einer solchen Vorstellung soll hier ja ganz im Gegenteil Abstand genommen werden), sondern zunächst um die Begriffe Existenz und Wahrheit und anschließend darum, wie sie im Sinne einer Differenztheorie und einer Theorie, die vom Beobachter ausgeht, verstanden werden können.
Das folgende Zitat dient als Leitfaden für diesen Abschnitt:
Wir müssen, um die Welt klar zu erfahren, Existenz auf Wahrheit reduzieren, Wahrheit auf Bezeichnung [Anzeige; F. L.], Bezeichnung auf Form und Form auf die Leere.“ (SPENCER BROWN 1997: 88)
To experience the world clearly, we must abandon existence to truth, truth to indication, indication to form, and form to void.“ (SPENCER BROWN 1969: 101)
Im Folgenden sollen diese Schritte nachvollzogen werden. Zusammenfassend: Mit Existenz wird auf das Bezug genommen, was ist, was ein Beobachter von Augenblick zu Augenblick erlebt. Wahrheit bezieht sich auf
Aussagen über Existenz. Die Aussagen, die man wahr nennt, hängen vom Standpunkt ab, von den Unterscheidungen und den Werten, die man mit ihnen verknüpft. Jeder Standpunkt, jede Unterscheidung ist eine Form, die auch immer anders möglich ist. Form entsteht mit Leere und Leere mit Form. Dies ist die erste bzw. letzte Form.

Seite 164:
Die differenztheoretische Konzeption ermöglicht dagegen eine Beschreibung, nach der Zeit und Raum Produkte der Beobachtung von Welt sind. Wenn etwas beobachtet wird, muss es anders erscheinen als anderes. Dieses Anderssein kann sich verändern (Zeit) und verändert sich in einem erkennbaren Raum.
Die Welt enthält weder diese noch andere Unterscheidungen. Am Anfang der Laws of Form definiert George Spencer Brown „Zustände“, ohne dass er auf Konzepte wie Distanz, Größe oder Dauer etc. zurückgreifen müsste. Das einzige Konzept, das er einführt, ist das des Unterschiedes. Andere Qualitäten sind nicht notwendig, um alle Qualitäten zu erhalten.
Raum und Zeit sind Erscheinungen bzw. Formen von oder für Erscheinungen. Auch sie sind, was erschiene, wenn eine Unterscheidung getroffen würde.

Boe: vgl Spencer Brown A Lion's Teeth, pg 134: page 134
Confronted with the apparent universe, we all asked the question, 'What is it?'
We then looked for the answer in exactly the wrong direction.
We all searched for a set of descriptions of what it looked like.

The proper way is to discover the instructions how to make it.

Boe: Vor 10 Jahren gelesen und nicht verstanden:
Spencer Brown Only Two can Play this Game pg.127:

Space is a construct. In reality there is no space. Time is also a construct. In reality there is no time.
In eternity there is space but no time.
In the deepest order of eternity there is no space. It is devoid of any quality whatever.

This is the reality of which the Buddhas speak. Buddhists call it Nirvana. Its order of being is zero. Its mode is completeness. Its sex-emblem is female.
It is known to western doctrine, sometimes as the Godhead, sometimes as IHVH, or that which was in the beginning, is now, and ever shall be. This way of describing it, like any other, is misleading, suggesting that it has qualities like being, priority, temporality. Having no quality at all, not even (except in the most degenerate sense) the quality of being, it can have none of these suggested properties, although it is what gives rise to them all. It is what the Chinese call the unnamable Tao, the Mother of all existence. It is also called the Void.
...the unamable Dao, die Leere, das Unsagbare, das Un-Beobachtbare, das Un-Unterschiedene

Seite 170 Form und Leere: Die für Lebewesen erfahrbare Welt ist vollkommen in der Form. Dadurch, dass sie Form ist, ist sie erfahrbar. Lebewesen können etwas nur wahrnehmen oder erkennen, weil sie es von anderem unterschieden haben. Wäre es nicht von anderem unterschieden – in welcher Form auch immer –, dann wäre es nicht wahrnehmbar. Wäre es nicht von anderem unterschieden, würde es keinen Unterschied machen. Nur so kann es erkannt werden. Dies gilt für Gegenstände, den eigenen Körper, Gedanken, Gefühle und alles andere. Also ist alles, was auf irgend eine Art und Weise ist, also von einem Beobachter wahrgenommen oder erkannt wird, Form. Alles ist, wie auch immer es ist – jedenfalls verschieden von anderem.
Der „Logik“ der Form entspricht, dass mit Form auch eine andere Seite der Form ko-produziert wird. Wenn wir über das sprechen, was den Rahmen oder die Grundlage für die Unterscheidungen symbolisiert, benötigen wir einen Namen, der (für dieses „Unding“) jedoch keinen erläuternden Charakter haben kann, da er als Name schon Unterscheidungen trägt. Unter diesem Vorbehalt nennen wir ihn in Anlehnung an George Spencer Brown empty space.
Der Name und das Sprechen über etwas suggerieren schon, dass da etwas wäre. Das ist das Dilemma, in das wir uns begeben, wenn wir über das sprechen, in dem Unterscheidungen getroffen werden und das selbst unterschiedslos ist. Wir gebrauchen eine buddhistische Anschauung, um zu formulieren:
Das Medium der Form ist die Leere.

Seite 173: „The theme of this book is that
a universe comes into being when a space is severed or taken apart. The skin of a living organism cuts off an outside from an inside. So does the circumference of a circle in a plane. By tracing the way we represent such a severance, we can begin to reconstruct, with an accuracy and coverage that appear almost uncanny, the basic forms underlying linguistic, mathematical, physical, and biological science, and can begin to see how the familiar laws of our own experience follow inexorably from the original act of severance. The act is itself already remembered, even if unconsciously, as our first attempt to distinguish different things in a world where, in the first place, the boundaries can be drawn anywhere we please. At this stage the universe cannot be distinguished from how we act upon it, and the world may seem like shifting sand beneath our feet.“ (SPENCER BROWN 1969: V)
Boe: vgl. groundlessness - Francisco Varela
"Wir müssen lernen, sozusagen ohne festen Boden unter den Füssen zu leben, mit jener Bodenlosigkeit der Existenz, aus der viele verschiedenste Welten entstehen können, von denen keine ein fester Bezugspunkt ist."  
Caminante, son tus huellas
el camino, y nada mas.
Caminante, no hay camino, 
se hace camino al andar. 
Al andar se hace camino
y al volver la vista atras
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar. 
Caminante, no hay camino
sino estelas en el mar.
   Antonio Machado

Seite 177: Die zentrale Aussage, die sich hinter den Laws of Form für die Erkenntnistheorie zu erkennen gibt, ist dass die Leere – der empty space – Ausgangspunkt von allem ist. So schreibt George Spencer Brown in A Lions Teeth: „Ein Buddha ist jemand, der erleuchtet ist, das heißt der weiß, dass das, was erscheint, überhaupt nichts ist.“ (SPENCER BROWN 1995: 15)
"A buddha is one who is enlightened, that is, who knows that what appears is not anything". (Spencer Brown Lion's Teeth, pg 14)
Was wir beobachten, sind Dinge, die in der Form gründen, die Form sind, und die Form der Unterscheidung ist Leere. Insofern ist Erleuchtung auch kein Zustand.
Erleuchtet zu sein heißt vielmehr zu wissen, dass Selbst und Anderes identisch sind. Auch das ist eine Form. Aber wer kann das dann noch wissen?
Wenn das Universum bzw. die Form „Nichts“ ist, stellt sich die Frage, wie es dann zu der Erscheinung von „Allem“ kommen kann. Zentral ist die Idee des Von-selbst-Losgehens. Alles hat eine Ursache, nur DAS hat keine! Wir kommen damit auf den Ausgangspunkt der Laws of Form, den empty space, zurück: Wie ist dasjenige vorstellbar, das zulässt, die Unterscheidungen zu treffen (und da es nichts außer ihm gibt, trifft es sie selbst?), aber selbst keine enthält? Und vor allem, wie kann die Welt, wie wir sie erleben, dem empty space, dem Nichts, entspringen? Oder allgemeiner:
„Wenn man mit überhaupt nichts beginnt, wie kann dann aus diesem heraus etwas erscheinen?“ (SPENCER BROWN 1995: 149)
„(...) that, starting with nothing whatever, how anything could appear to come of it.“ (
SPENCER BROWN 1995: 148)
Die Antwort, die George Spencer Brown auf solche Fragen vorschlägt, lautet, dass nur das Nichts gewissermaßen sensibel genug ist, um durch nichts angestoßen zu werden und Alles zu produzieren.
Ich erkannte, dass das einzige Ding (d. h. Nichtding), das empfindlich genug wäre, um von einem Reiz, der so schwach ist, dass er gar nicht existiert, beeinflusst zu werden, das Nichts selbst war.“ (SPENCER BROWN 1995: 151)
I realised that the only thing (i.e. nonthing) that would be sensitive enough to be influenced by a stimulus so weak that it didn’t exist, was nothing itself.“ (SPENCER BROWN 1995: 148)

Felix Lau

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