Aleida Assmann
Weisheit
Wilhelm Fink Verlag 1991


15 Was ist Weisheit? Wegmarken in einem weiten Feld

Seit 5000 Jahren gilt Weisheit als ein Ideal menschlichen Strebens und Lebens. Weise Menschen sind Ausnahmen, weises Handeln und Verhalten selten. Aber darüber zu entscheiden, was im gegebenen Fall weise, und was unweise ist, vermag ein jeder. Für diese Kompetenz gibt es keine Spezialisten, den jeder besitzt so etwas wie ein implizites Wissen von Weisheit, dass er keinem Lexikon zu entnehmen braucht.

16 Cicero – Weisheit als rerum divinarum et humanarum scientia

Die Konzeption von Weisheit als einem anderen Wissen bzw. als dem anderen Wissen des Wissens entwickelte wohl zuerst Heraklit, der diese Wände der Weisheit nach innen exemplarisch vollzog.

Boe: AssmannWeisheit73: Heraklit über göttliche und menschliche Weisheit

17 Weisheit ist Wissen um ein gelingendes Leben, eine Ars vivendi und moriendi unter den Bedingungen menschlicher Unvollkommenheit und Gebrechlichkeit. Wissen und Handeln sind deshalb untrennbar verbunden. Die Signatur praktischer Lebensweisheit ist die Urteilsfähigkeit. Diese setzt vor allem Einsicht in Grenzen voraus: der Conditio humana, der endlichen Ressourcen, der beschränkten eigenen Möglichkeiten. Aus solchem Wissen entstammen Unterscheidungen, die in Entscheidungen praktisch werden, zum Beispiel die zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen, dem Relevanten und dem Irrelevanten, den Sinnvollen und dem Trivialen. Solche Weisheit beruht im wesentlichen auf Selbsterkenntnis und Selbstbeschränkung. Diese Weisheit ist der von Selbsterkenntnis aufgehellt der Horizont, in dem der Mensch sich selbst steuern kann, weil er sich selbst beschränken kann.

18 Das Prinzipweisheit zeigt, wie allein durch einen Perspektivenwechsel ein Bann gebrochen, eine Blockierung befreiend aufgehoben werden kann.

19 Weisheit gedeiht im Zwischenraum zwischen Gesetzlichkeit und Strukturlosigkeit.

23 Die langlebigste und einflussreichste Definition von Weisheit stammt von den Stoikern und lautet: sapientia est rerum divinarum et humanarum scientia.

Der umfassende Weisheitsbegriff spaltete sich und trat in verschieden Wegen auseinander. Augustin hat diesen Stand der Weisheitsdiskussion für Mittelalter und Neuzeit maßgeblich formuliert. Seine Theologisierung der Weisheit konnte sich auf verschiedene Überlieferungen berufen: alttestamentliche Stellen, die Weisheit und Glaube gleichsetzen, die altorientalische Personifizierung der Weisheit, die Gleichung von Weisheit und Wort, sowie die paulinischen Identifikation von Christus als Weisheit Gottes (1.Kor.1,24). Von Augustin erhielt die antike Weisheit ihr christliches Gewand: Sie wurde mit der zweiten Person der Trinität identifiziert, die den Namen Christus trägt. Diese göttliche Weisheit (sapientia) lässt alle menschlichen Wissenssphären, in die die Spekulationen oder die Erfahrung vordringt, weit unter sich.

26 Weisheit des Herzens – Nicolaus von Cues

35 Exkurs: Zum Strukturwandel des Lebenspraktischen Wissens

36 Mit dem Wandel von Lebensformen in Richtung Lebenskunst ändern sich diese Merkmale. Die Komponente "Kunst" in diesem Wort deutet auf einen Spielraum des Handelns und Verhaltens hin, wie er im Rahmen der Gruppen-Ethik undenkbar ist. Jenseits der autoritären Weisungen öffnet sich ein Horizont von Möglichkeiten, und damit aber auch von neuen Fragen und Problemen. Es gibt eine Reihe menschlicher Wünsche und Ziele, die von der sozialen Gruppenzugehörigkeit und der historischen Situation erstaunlich unabhängig sind. Zu ihnen gehören Glück, Geborgenheit, Zufriedenheit, Standvermögen, Leidensfähigkeit, Liebe, Gemeinsamkeit und Selbstachtung. Solche Werte liegen jenseits der Probleme schierer Daseinsbewältigung, sie stellen sich als Bedürfnisse ein, nachdem für das Nötigste gesorgt ist.

Die Probleme, um die es dabei geht, reichen von den kleinen schmerzfreien Lagen bis hin zu übergreifenden Fragen nach Sinn und Lebensorientierung. Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie unter der Bedingung der knappen Ressource Lebenszeit (vita brevis) ein nicht nur erträgliches sondern auch gelingendes Leben zu führen sei. Die Antworten auf diese Frage gehören zum Komplex der eudämonitischen Ethik und sind von den hellenistisch-römischen Moralphilosophen diskutiert worden. Gegenwärtig ist ihre Wiederentdeckung als legitimer Gegenstand der Philosophie hoch aktuell. Der "niedergelassene" Philosoph hat seine sprichwörtliche Lebensfremdheit und praxisferne abgelegt und eine Beratungsstelle eingerichtet. Bei der Frage nach dem gelingenden Leben steht nicht mehr die Unterordnung des Einzelnen unter das Gemeinwohl der Gruppe im Mittelpunkt. Den neuen Mittelpunkt bildet das Individuum selber. Lebenskunst verbindet sich mit einer „Strebensethik“ (Hans J. Krämer), die nicht mehr vordringlich das friedliche und konforme Zusammenleben, sondern das Glück des Einzelnen im Auge hat.

37 Ohne Rücksicht auf den Verbund der Generationen gilt allein die Frage, wie mein Leben in eine befriedigende Perspektive gestellt werden kann.

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Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Übergang - kurzgesagt - von den Lebensformen zur Lebenskunst eine tief greifende Transformation der lebenspraktischen Weisheit mit sich brachte. Diese erhielt ein reflexives Moment. Die zentralen Lebensprobleme, die vormals die Gestalt autoritativer Antworten und eingeschliffener Habitus hatten, wurden nunmehr offen gestellt. Damit ist ein solipsistisches Element verbunden.

41 Montaignes Weisheit steht im negativen, dem passiven Quietismus nahe. Er fasste die Weltordnung als Ganzes in ihrer antinomischen Struktur in den Blick. In diesem Ganzen sind Glück und Unglück, Heil und Unheil, Gutes und Böses untrennbar miteinander verflochten. Das erste Gebot der praktischen Lebensweisheit, die Unterscheidung zwischen Gut und böse, wird bei ihm ebenso zur Torheit wie beim Prediger:

"Man muss ertragen lernen, was man nicht vermeiden kann. Unser Leben ist, wie die Harmonie der Welt, aus widersprechenden Dingen, gleichfalls aus verschiedenen, langen und kurzen, hohen und tiefen, weiblichen und raueren Tönen zusammengesetzt...Unser Dasein kann ohne diese Vermischung nicht bestehen und eine Seite ist ebenso nötig dazu wie die andere".

Die Nivellierung der Gegensatz- Logik führt bei Montaigne nicht geradenwegs zum Nihilismus und Epkurismus. Er sieht nicht das vernichtende Einheitsgrau im Schatten des Todes, sondern eine menschliches Wollen und Wissen übersteigende Harmonie der Gegensätze. Diese Vertrauen der Einsicht führt zur Indifferenz als Lebenshaltung des Weisen....deren Devise die Gelassenheit des Laissez faire ist.

42 Gelassenes Mitschwingen, demütige Anpassung, sensible Empfangsbereitschaft gegenüber allem, was da kommt, kennzeichnet das Ethos dieser Weisheit, die nicht auf menschlichem Rat oder göttlichen Ruf sondern einzig auf die Stimme der Natur, den Rhythmus der Weltordnung hört. Diese Weisheit ist kontemplativ. Sie mündet nicht in konkrete Aktionen. Die spezifischeren Fragen des geglückten Daseins lässt sie hinter sich, indem sie einen höheren Begriff von Lebenskunst (Montaigne: „mon mestier et mon art, c’est vivre“) entwirft. Über das Glück stellt sich die Erkenntnis. Damit ist eine höhere Weisheit gemeint, die aus der Wissenskrise hervorgegangen ist: die wissende Unwissenheit. (docta ignorantia, von Augustin und Pseudo-Dionysius her stammend)

Exkurs Philosophie 1


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