Dirk Baecker
Studien zur nächsten Gesellschaft“

Suhrkamp 2007

Seite 98
Die nächste Universität

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...Umstellung der Idee der Universität von der alten Buchdruckgesellschaft auf die heraufziehende Computergesellschaft.

Es ist zunächst einmal keine Frage, dass sich die Universität seit der griechischen Akademie über die mittelalterlichen Hochschulen für Theologie und Recht und die Ausbildungsstätte für Lehrer und andere Staatsbeamte des 19. Jahrhunderts bis zur Massenuniversität erheblich gewandelt hat.
Nicht uninteressant ist dabei, wie sich Leitdisziplinen oder Leitwissenschaften etablieren und wieder verschwinden, die die Aufgabe haben, für das Universelle, das Übergreifende, das Übergreifende und damit auch den politischen und wirtschaftlichen Zugriff Entzogene Sorge zu tragen und geradezustehen.
Das ist, als Inbegriff aller Schriftgelehrsamkeit, zunächst die Philosophie, wird dann die Theologie, die den Zugriff der Kirche auf die Universität sowohl sicherstellt als auch in Grenzen hält, indem sie sich, eine Art unfreiwilliger Geburtshelfer der Naturwissenschaften, am Vorbild der wissenschaftlichen Argumentation und nicht nur an der Religionslehre orientiert, und werden schließlich die Naturwissenschaften, die zusammen mit den Ingenieurwissenschaften im 19. Jahrhundert von der Reputation der Universität im Dienst der Beamtenausbildung profitieren, die Wirtschaftswissenschaften hinter sich herziehen und die Geisteswissenschaften inklusive der Philosophie zunehmend in die Verteidigungs Haltung zwingen.

Allerdings macht sich die Universitäten nie von einer dieser Leitdisziplinen abhängig. Im Kern der Institution steht von Anfang an und bis heute die Idee einer Wissenschaft, die von der Notwendigkeit und Attraktivität der Lehre lebendig gehalten wird. Der Gang der Wissenschaft, so Wilhelm von Humboldts Argument für die Universität, also die Lehre, und gegen die Akademie, also die Versammlung der Gelehrten, sei unter kräftigen, rüstigen und jugendlichen Köpfen rascher und lebendiger. Deswegen ist die Universität bis heute und damit gegen das Interesse von Hochschullehrern, die sich ihrer Reputationsgewinne aus ihren Forschungsbeiträgen versprechen, von der Lehre her zu denken.

Die Universität ist primär nicht eine Stätte der wissenschaftlichen Forschung, sondern eine Sozialisierungsagentur für die Heranführung des Nachwuchses an die komplexeren Fragen von Welt, Leben und Gesellschaft. Wissenschaftliche Forschung ist innerhalb der Universität, worin auch immer ihre eigenen Ziele bestehen, auf ihren Beitrag zu dieser Art von Lehre zu befragen. Und das trifft sich noch nicht einmal schlecht, wenn man davon ausgehen darf, dass die gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft nicht in der Feststellung überprüfbaren Wissens besteht, sondern in einer kontrollierten Form von Ungewissheitssteigerung, die es erlaubt, immer wieder neue Fragen so aufzuwerfen, dass neue Probleme gestellt werden können.

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Ich möchte an dieser Stelle ein kleines Stück Soziologie beziehungsweise Medienkunde anbieten. Ich würde vorschlagen, die von Marshall McLuhan, Manuel Castells, Niklas Luhmann und anderen formulierte Vermutung, dass nur weniges eine so große Bedeutung für die Strukturen der Gesellschaft hat wie das jeweils dominierende Verbreitungsmedium.

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Die Verbreitungsmedien Schrift, Buchdruck oder Computer determinieren nicht, wie die entsprechende Gesellschaft und ihre Akademien und Universitäten aussehen. Der Zusammenhang ist verwickelter. Jeweils neu auftretende Verbreitungsmedien schaffen ein Problem im Umgang mit Kommunikation, dass die Gesellschaft lösen muss, soll sie nicht an der Einführung dieser Verbreitungsmedien scheitern.

Im Medium der Schrift kommunizieren auch Abwesende, das heißt Leute, deren Vorschläge und Forderungen man nicht durch den Verweis auf die Grenzen von Ritualgemeinschaften kontrollieren kann.
Im Medium des Buchdrucks wird die Möglichkeit des kritischen Vergleichs massenhaft verfügbar und kann nur dadurch aufgefangen werden, dass verschiedene Funktionsbereiche der Gesellschaft autonom gesetzt werden, um sie so zu befähigen, mit ihre eigenen Unruhe fertigzuwerden, um sie so zu steigern, dass die Unruhe der Gesellschaft in immer neuen Gleichgewichten bewältigt werden kann.
Und die Medium des Computers beginnen „unsichtbare Maschinen“, die von ihrem eigenen Gedächtnis kontrolliert werden, sich auf eine Art und Weise an der Kommunikation zu beteiligen, wie man dies bislang und ganz anders nur vom Bewusstsein der Menschen, ebenfalls unsichtbar und ebenfalls Gedächtnis gesteuert (wobei ein Gedächtnis nicht nur darin besteht, erinnern, sondern auch vergessen zu können), gewohnt ist.

Das sind jeweils Katastrophen für die überlieferten Formen der Gesellschaft, in denen diese den Sinnüberschuss verarbeiten, den sie selber erzeugen. Aber es sind Katastrophen, das heißt Zustandswechsel im System, die die Gesellschaft durchlaufen hat, indem sie Strukturen entwickelt hat, die mit diesem Überschusssinn jeweils umzugehen erlaubten.
Die antike Idee, dass alles seinen Platz und seinen Zweck hat (telos), bändigte den Schriftsinn.
Die moderne Idee, dass die Unruhe, der Zweifel, dass prekäre Gleichgewicht eine bessere Verankerung für die Selbstgewissheit liefern (Descartes‘ cogito ergo sum, indem das Denken vor allem ein Zweifeln ist) als jede Beschwörung der Substanz, des Wesens der Dinge, bändigte bis heute den Überschusssinn des Buchdrucks. Unsere mathematische Idee einer Form (George Spencer Brown), die sowohl Anschlusssicherheit im Moment als auch mitlaufende Beobachtung des eigenen Nichtwissens gewährleistet, könnte geeignet sein, die Probleme der Einführung des Computers aufzufangen.

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...die zentrale Idee dieser kleinen, nämlich verdichteten, auf einen beschränkten Anspruch bezogenen, jedoch dennoch und nach wie vor am gesamten Wissen orientierten Universität besteht nach meinem Eindruck darin, jeden einzelnen Studiengang als eine Form im genannten Sinne zu konzipieren.
Es geht darum, Studierende und Dozenten zu jenen minimalen Trittsicherheit zu befähigen, die man im Umgang mit einer komplexen Gesellschaft braucht, in der jedes nur denkbare Wissen, das Fachwissen ebenso wie das Prozesswissen, das Wissen der Theoretiker ebenso wie das Wissen der Praktiker und das Wissen der Natur und Lebenswissenschaften ebenso wie das Wissen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, in denkbar enger Nachbarschaft zu seinem eigenen Nichtwissens steht.
Die Kompetenzen, zu denen die Universitäten jetzt zu befähigen beginnen, ebenso wie die Talente, nach denen Industrie, politische Organisationen, Militär, Kirchen und Kultur suchen, sind Kompetenzen und Talente, die ihre Expertise daraus beziehen, dass sie es methodisch, theoretisch und praktisch gelernt haben, mit Nichtwissen umzugehen. Wer das nicht kann, kann gar nichts. Aber wer das kann, kann darauf aufbauend jedes nur denkbare Wissen erwerben, ohne dieses Ziel mit Gewissheit zu verwechseln und so seine Kompetenz und sein Talent wieder aufs Spiel zu setzen.

Boe: The Wisdom of Insecurity – Alan Watts; Machado – Caminante

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Erziehung zur Wissenschaft
Wissenschaftliches Arbeiten in der Universität hat es mit zusätzlichen Restriktionen zu tun. Forschungsergebnisse, die im Kontext des Lernens und der Lehre stehen, werden anders geprüft als solche die sich als wissenschaftliche Problemstellungen bewähren müssen.

Geht es in der Wissenschaft vor allem darum, Wissen und Nichtwissen so aufeinander zu beziehen, das fruchtbare Fragen gestellt werden können, so muss die Universität zusätzlich dazu erziehen, wissenschaftliche Theorien und Methoden als solche von anderen Formen des Wissens und Fragens unterscheiden zu können. Wie aber lernt und lehrt man etwas über ein Abenteuer des Denkens, indem es auf die Kunst der sicheren Frage ankommt, während diese Frage in einem Raum gestellt wird, indem die Antwort unsicher ist? Wie weckte man Geschmack und Gefühl für den Umgang mit der Paradoxie, dass man wissen kann, dass man nicht wissen kann, welches Wissen auf eine Frage dann antwortet, wenn sie präzise gestellt wird?

Dirk Baecker
Dirk Baecker Die Nächste Gesellschaft

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