Dirk Baecker
Studien zur nächsten Gesellschaft“

Suhrkamp 2007

BaeckerNGes14
Innovative Unternehmen

Kulturformen:
Die Bedeutung des Computers ist erst dann zu verstehen, wenn man seine Einfügung mit der Einführung der Schrift vor 3000 und des Buchdrucks vor 500 Jahren vergleicht. Jedes Mal hat sich die Form der Gesellschaft tief greifend verändert. Und jedes Mal hat man erst Jahrhunderte später begriffen, was sich abgespielt hat.

Niklas Luhmann hat sein Lebenswerk der Frage gewidmet, welche soziologische Theorie wir brauchen, um diesen Vorgängen auf die Spur zu kommen. Einer seiner zentralen Gedanken besteht darin, anzunehmen, dass jedes Kommunikationsmedium mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereitstellt, als die Gesellschaft zunächst bewältigen kann.
Die Gesellschaft, so formulierte er, bedarf daher so genannter Kulturformen, um das Mögliche auf das Bearbeitbare zu reduzieren.

Der Schrift verdanken wir die Erfindung der Kulturform der Teleologie. Die Gesellschaft kam mit der Explosion kommunikativer Möglichkeiten über die mündliche Kommunikation unter Anwesenden hinaus erst zurecht, als Aristoteles die Idee hatte, dass man jedes nur denkbare Sinnangebot der Prüfung unterziehen kann, welches Ziel es verfolgt, welchem Zweck es dient und welche geeigneten oder ungeeigneten Mittel es anwendet. Von dieser Erfindung profitiert die Betriebswirtschaftslehre bis heute. Ihr verdankt sie alle Rationalität. Aber entscheidend ist die Idee der Teleologie nicht nur unter dem Gesichtspunkt, wie sie die Welt nach Zweck und Mittel ordnet, sondern auch unter dem Gesichtspunkt, welchen Sinn sie abzulehnen erlaubt, weil er die Prüfung auf Zweck und Mittel nicht besteht. Die Magie, bislang (in oralen Gesellschaften) eines der wichtigsten Medien, um sich in der Welt zu orientieren und Einfluss auf sie auszuüben, bestand diese Prüfung nicht. Max Weber machte daraus eines der großen Themen seiner Soziologie: die Austreibung der Magie und die Entzauberung der Welt durch die Rationalisierung, das heißt durch die immer weiter getriebene Anwendung der Zweck-Mittel-Relation.

Dem Buchdruck verdanken wir die Erfindung der Kulturform des Gleichgewichts. Wieder waren die kommunikativen Möglichkeiten der Welt explodiert. Jetzt kommunizierten nicht nur die, die nicht anwesend waren, sondern jetzt wurde die schriftliche Kommunikation systematisch vervielfältigt, tausendfach kopiert und - womit niemand gerechnet hatte - untereinander vergleichbar gemacht. Bücher, Geldscheine, Gerichtsurteile, Flugblätter, Schulzeugnisse, wissenschaftliche Artikel, Zeitungsnachrichten müssen nicht nur zur Kenntnis genommen werden, sondern sie können nebeneinander gelegt warten, und man kann aus ihrem Vergleich Konsequenzen ziehen beziehungsweise, wie Leibniz hoffte, sogar errechnen, an die ein Gesprächspartner oder auch der Autor jedes dieser Dokumente nie gedacht hätte. Die Welt wird von einer für die Zeitgenossen ungeheueren Unruhe ergriffen, indem die Ordnungsfigur der Teleologie aufgerieben wird. Zweck und Mittel bewähren sich ab jetzt nur noch in Organisationen; es beginnt eine nicht enden wollende Kette von Versuchen, deren Ordnungsorteil angesichts der gesellschaftlichen Unruhe zu verallgemeinern und auch die Gesellschaft, wie man dachte: wieder, zu organisieren. Keine Organisation jedoch, keine Bürokratie, keine Planwirtschaft im Kleinen, und keine Planwirtschaft im Großen ist der gesellschaftlichen Unruhe gewachsen. Stattdessen bürgert sich der Name der Freiheit für sie ein. Das war jedoch erst möglich, nachdem Descartes auf der Grundlage von Überlegungen von Montaigne, Pascal und anderen auf die Idee gekommen war, sich von der Unruhe nicht mehr erschrecken zu lassen, sondern sie zum Material und zum Garanten individueller Beweglichkeit zu machen. „Cogito, ergo sum“ : Was immer dir widerfährt, Angenehmes und Unangenehmes, beziehe es auf dich und sei dir darüber im Klaren, dass es dich im Moment zu dem macht, wer und was du bist, ohne dabei auszuschließen, dass dir gleich anschließend wieder etwas widerfährt, was für das dasselbe gilt.

Der Gedanke ist philosophisch anspruchsvoll und unterliegt bis heute jedem denkbaren Verdacht. Was wird aus der Identität? Gibt es nichts Wesentliches? Wo bleibt die Substanz?, lauten die Fragen, mit denen der Gedanke einer stabilen Unruhe, eines dynamischen Gleichgewichts auf Abstand gehalten wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich die Ordnung der Gesellschaft seit der Neuzeit nur auf diesen Gedanken gründen lässt. Es entstehen politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche, religiöse und künstlerische Kalküle, die in nichts anderem verankert sind als in der selbstreferentiellen Frage danach, inwieweit nach jeder politischen Entscheidung, jeder Investition, jede Hypothese, jedem Gebet, jedem Kunstwerk auch weiterhin Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und Kunst möglich sein werden.

Der Buchdruck führt dazu, dass die Welt sich neu ordnet. Sie erscheint als Sachordnung, so als sei die Bibliothek, in der die Bücher nach Sachgebieten aufgestellt und bereitgehalten werden, das Maß aller Dinge. Mögliche Alternativen, vor allem die Sozialordnung, die in oralen und literalen Gesellschaften dominiert hatte, eine Ordnung nach Status und Respekt, und die Zeitordnung, die gleichwohl in Reserve gehalten wird, eine Ordnung nach Fortschritt, Dekadenz und Wiederkehr, werden in den Hintergrund gedrängt. Zur zentralen Tugend der Gesellschaft wird die Kritik, die beim Vergleich der Schriften untereinander und mit der Wirklichkeit die Fehler auffallen, die dann auch korrigiert werden müssen, was zu neuen Störungen des Gleichgewichts führt.

Und jetzt der Computer. Natürlich kann man fragen, ob nicht auch der Rundfunk, der Film und das Fernsehen dramatische Auswirkungen haben. Die Antwort liegt auf der Hand. Die Reproduktion der Töne verwandelt die mündliche Kommunikation, die Bewilligung der Bilder den gesamten Bereich der Kommunikation in wahrnehmbare Sachverhalte, die nicht mehr mit den Mitteln der direkten Auseinandersetzung und der kritischen Lektüre zu ordnen sind, sondern die entweder in ihren Bann ziehen oder in Bausch und Bogen abgelehnt werden. Bei Texten fällt das Nein leicht, zu Bildern nicht.

Die Kulturform der Form: Der Computer führt jedoch über diese Problematik hinaus. Er konfrontiert mit Kommunikationen, von denen wir nicht wissen, wer sie wollen und wie zu Stande gebracht hat.

Die Ordnungsfiguren der Teleolgie und des Gleichgewichts, das heißt die Frage nach Zweck und Mittel und das Vertrauen auf die eigene Unruhe, helfen hier nur noch scheinbar weiter. In Wirklichkeit bedarf es einer neuen Ordnungsfigur, von der wir nicht wissen, ob wir sie schon entwickelt haben. Der gegenwärtig aussichtsreichster Kandidat für eine neue Kulturform ist die Idee der Form, so wie sie der Mathematiker George Spencer Brown in seinem Buch Laws of Form entwickelt hat. Er stellt sich die Form als eine Unterscheidung mit zwei Seiten vor, deren eine etwas bestimmtes markiert und deren andere das Unbestimmte mitführt.
Nur so kann man sich Rechenvorgänge, Algorithmen, Kalküle vorstellen, die zu Ergebnissen kommen, dabei jedoch den Gedanken mitlaufen lassen, dass die Herkunft des Ergebnisses unbekannt und der Rechenvorgang frei schwebend ist.

Es ist innovativen Unternehmen gelungen, sich auf die Schrift ebenso wie auf dem Buchdruck einzustellen. Sie nutzen die Ideen der Zweckrationalität wie des unruhigen Gleichgewichts. Und sie haben sich auf die Abenteuer des „Wissensmanagements“ eingelassen, um anhand eigener Hoffnungen und Enttäuschungen allmählich herauszufinden, was vom Computer zu erwarten und wie mit ihm umzugehen ist. Die innovativen Unternehmen der nächsten Gesellschaft werden jedoch darüber hinaus gehen müssen. Sie werden sich selbst als „Form“im Sinne Spencer Browns beobachten und gestalten müssen, als etwas Bestimmtes in unmittelbarer Nachbarschaft des Unbestimmten

Seite 19
Eine erste Konsequenz ist aus der Herausforderung der Einführung des Computers schon jetzt zu ziehen. Die Rechenmöglichkeiten der Wirtschaft, auf die sich die Unternehmen bislang weit gehend verlassen haben, um die eigenen Chancen und Risiken zu beobachten und angemessene Entscheidungen zu treffen, genügen zwar unter den Bedingungen einer Schrift- und Buchdruckgesellschaft, jedoch vermutlich nicht mehr unter den Bedingungen einer Computergesellschaft.
Mit den Mitteln der Teleologie und des Gleichgewichts, so unverzichtbar sie auch fürderhin sein werden, wird die Navigation in der Welt der Formen nicht sicherzustellen sein. Innovative Unternehmen brauchen neue Rechner, die intelligenter sind, indem sie Wissen und Nichtwissen in unmittelbare Nachbarschaft bringen.

Seite 21
Die nächste Gesellschaft wird eine Gesellschaft sein, die die feudale Ordnung der Tradition ebenso hinter sich gelassen hat wie die funktionale Differenzierung der Moderne.
Natürlich wird es nach wie vor soziale Ungleichheit und soziale Schichten geben. Und nach wie vor wird man zwischen wirtschaftlichem, politischem, religiösem, wissenschaftlichem, erzieherischem, künstlerischem, rechtlichem und familiären Handeln unterscheiden können. Aber zugleich werden diese Muster zu Elementen einer Form gesellschaftlicher Selbstorganisation, die sowohl auf der mikrologischen als auch auf der makrologischen Ebene sehr viel mehr Variationen zulässt, als wir es bisher gewohnt sind.
Es werden Imperien entstehen und wieder vergehen, es werden Familienformen auftauchen und wieder verschwinden, es wird Milieus der Lebensführung geben die niemand sich bisher vorstellen kann, es werden soziale Bewegungen attraktiv und wieder unattraktiv, es werden Krankheiten drohen, ihre Opfer fordern und bekämpft werden, es hatten Sektenanhänger finden und wieder verlieren, es werden Schulen gegründet werden und wieder aufgelöst werden die wir uns im Moment nicht vorstellen können.

Innovative Unternehmen der nächsten Gesellschaft werden sich auf die Form einstellen, in der zustande, was überhaupt zu Stande kommen kann. Sie werden lernen, dass die gesellschaftliche Form sozialer Ordnung immer etwas mit Identität und Kontrolle zu tun hat. Sie werden lernen, dass es in Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Erziehung, Kunst und Religion und zwischen allen diesen Bereichen mit Netzwerken zu tun haben, in denen Leute, Ideen, Geschichten und Institutionen um ihre Identität kämpfen, indem sie mal sanft, mal rücksichtslos alle jene zu kontrollieren versuchen, von denen sie abhängig sind. Und sie werden lernen, dass es nur eine Form der wirksamen Kontrolle gibt, nämlich die Bereitschaft, sich von denen kontrollieren zu lassen, die man kontrollieren will. In diesem Punkt immerhin sind Machiavelli, die Netzwerksoziologie und die Kybernetik einer Meinung.

Bemerkenswert an dieser Form der sozialen Ordnung ist, dass es sich bei Identität, Kontrolle und Netzwerk ihrerseits um Formen im Sinne Spencer Browns handelt, um
Bestimmtes im immer mitlaufendem Kontext von Unbestimmtem. Eine Identität hat die offene Flanke ihrer Differenz zu anderen Identitäten, mit denen sie gemeinsam hat, dass sie sich von ihnen unterscheidet. Jede Kontrolle muss offen halten, wovon sie sich kontrollieren lässt, um die Kontrolle nichts zu verlieren. Und das Netzwerk ist von vornherein als ein Modus der Verknüpfung zu verstehen, indem jede Beziehung nicht nur als austauschbar, sondern als unberechenbarer austauschbar gelten muss.


Dirk Baecker
Dirk Baecker Die Nächste Gesellschaft


HOME