Dirk Baecker
Studien zur nächsten Gesellschaft“

Suhrkamp 2007


Seite 7
Hinter der Rede von der nächsten Gesellschaft steckt mehr als ein Verlegenheitstitel. Wir haben es mit nichts geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks.
Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft,
die Einführung der Schrift die antike Hochkultur,
die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und
die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft.

Jedes neue Verbreitungsmedium konfrontiert die Gesellschaft mit neuen und überschüssigen Möglichkeiten der Kommunikation, für deren selektive Handhabung die bisherige Struktur und Kultur der Gesellschaft nicht ausreichen. Jede Einführung eines neuen Verbreitungsmediums muss daher zur Umstellung dieser Struktur und diese Kultur führen, soll sie auf breiter Front überhaupt möglich sein.

...die beiden Fragestellungen nach der Strukturform und der Kulturform einer Gesellschaft, das heisst die beiden Fragestellungen nach ihrer medialen Produktion von Sinnüberschuss und ihrer formalen Reduktion von Sinnüberschuss es bereits recht trennscharf ermöglichen, gesllschaftliche Phänomene in ihrer Aufstellung zu beobachten.

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...die nächste Gesellschaft, wenn sie sich den durchsetzt, wird in allen ihren Strukturen auf das Vermögen fokussiert sein, einen jeweils nächsten Schritt zu finden und von dort aus einen flüchtigen Blick zu wagen auf die Verhältnisse die man dort vorfindet. Sie wird sich nicht mehr auf die soziale Ordnung von Status und Hierarchie und auch nicht mehr auf die Ordnung von Zuständen und ihren Funktionen verlassen, sondern sie wird eine temporare Ordnung sein, die durch die Ereignis aller Prozesse gekennzeichnet ist und dieses einzelner Ereignis als einen nächsten Schritt in einem prinzipiell unsicheren Gelände definiert.

Aber sie wird nicht nur eine Temporalordnung sein, denn das ist die moderne Gesellschaft auch schon bereits; sie wird darüber hinaus, radikaler, als wir uns diese bisher vorstellen können, eine ökologische Ordnung sein; wenn Ökologie heißt, dass man es mit Nachbarschafts Verhältnissen zwischen heterogenen Ordnungen zu tun bekommt, denen es an jedem prästabilisiertem Zusammenhang, an jeder übergreifenden Ordnung, an jedem Gesamtsinn fehlt.

Daraus bezieht die Formidee von Georg Spencer Brown ihren Sinn. Sie ist dem Projektcharakter jeder einzelnen Form angemessen, der darin besteht, dass in einer solchen Ökologie Form nur noch als etwas gedacht werden kann, was in der Lage ist, rekursive Selbstreferenz mit einem Wissen um die Intransparenz der Verhältnisse zu kombinieren.

Die Nächste Gesellschaft wird man vermutlich dann am besten verstehen,wenn man sie als eine Population vom Kontrollprojekten beschreibt, die sich gegenseitig ergänzen, durchkreuzen und sonst wie in Anspruch nehmen, die jedoch weder in die Ordnung einer Statushierarchie wie in der Schriftgesellschaft noch in eine funktionale Sacheordnung wie in der Buchdruckgesellschaft gebracht werden können. Im Vergleich mit diesen immer noch beeindruckenden Entwürfen einer Gesamtordnung wird die nächste Gesellschaft am ehesten an die Stammesverhältnisse der oralen Gesellschaft erinnern. Auch das greift zu kurz, weil die nächste Gesellschaft nicht aus segmentär geordneten homogenen Einheiten (Stämmen), sondern aus ökologisch geordneten homogenen Einheiten (Kontrollprojekten) bestehen wird, wenn die gegenwärtigen Anzeichen nicht trügen.

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Wir stellen im Folgenden diese nächste Gesellschaft mit ihren noch undeutlichen Konturen in den Kontext der besser erkennbaren bisherigen Formationen der Stammesgesellschaft,
der antiken Hochkultur und
der modernen Gesellschaft.

Wir spielen daher die Überlegungen, die jeweils die nächste Gesellschaft einzugreifen versuchen, übungshalber an den anderen drei Gesellschaftsformationen einmal durch. Das dient der Schaffung der Fragestellung ebenso wie die Übung des soziologischen Blicks. Man wird sehen, dass wir damit gegen so manche historische Sorgfaltspflicht verstoßen. Wir haben es, gerechnet ab der mutmaßlichen Einführung der Sprache, mit vier Millionen Jahren Menschheitsgeschichte zu tun, da bleiben so mancher Unschärfe, so mancher Sprung und so manch eine waghalsige Vermutung nicht aus. Trotzdem macht es meines Erachtens Sinn, Überlegungen und Beobachtungen dieses Typs in einem skizzenhaft und Stadium vorzutragen. Es geht ja nicht um den Entwurf einer Universalgeschichte. Sondern es geht um das Ausprobieren einer Formtheorie der Gesellschaft, die mit einer einzigen Problemstellung auskommt, der Problemstellung der Rekursivität aller gesellschaftlichen Reproduktionen, und dieser Problemstellung durch testet, indem sie sie mit den vier Varianten eines dominierenden Kommunikationsmediums konfrontiert.

Kulturformen

Im Übrigen verdanke ich die These, von der ich im Folgenden ausgehe, einem der meines Erachtens spekulativsten Abschnitte in Niklas Luhmanns Buch über „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, indem er die Idee vorträgt, dass die Gesellschaft die Einführung von Schrift, Buchdrucker und Computer nur überlebt hat, weil es ihr gelungen ist, sogenannte Kulturformen des selektiven Umgangs mit dem durch die neuen Medien produzierten Überschusssinn zu finden.

Ich vergewissere mich diese Idee in den folgenden Studien immer wieder aufs Neue, so dass der Leser schon jetzt gebeten werden muss, Nachsicht mit der daraus resultierenden Redundanz zu haben. Aber man wird sehen, dass diese wiederholten Durchgänge ihren Sinn haben. Sie lenken den Blick auf jeweils relativ robuste Detailphänomene der Gesellschaft in einem jeweils relativ überraschenden Zusammenhang mit anderen Phänomenen, und hier vor allem: mit den jeweiligen Kulturformen der Gesellschaft.

Umgekehrt gewinnen auch diese Kulturformen ihrer Plausibilität nur daraus, dass sie sich eben nicht nur in der Welt der Werte und Diskurse abspielen, sondern inkorporiert werden in die Struktur der empirischen Wirklichkeit.

Die Grenzmagie der Schamanen,
die Teleologie des Aristoteles,
die Gleichgewichtsmetaphysik des Descartes oder
der Formkalkül des George Spencer Brown

verdanken sich Überlegungen, die mit einer Vielfalt von Problemen außerhalb des Zusammenhangs der Suche nach Verarbeitungsformen des Überschusssinns einer Gesellschaft zu tun haben. Aber sie gewinnen gleich anschließend eine Evidenz im Alltag einer Gesellschaft, in ihrem selbstverständlichsten Formen der Kooperation, im Verständnis dessen, was eine Familie ist und was sie sich schuldig ist, die theoretisch auf den Nenner der Selbstverständlichkeiten in den Strukturen einer Gesellschaft erbracht werden kann und praktisch dennoch verblüfft.

Luhmann hatte seine These von der Kulturform, im Singular, einer Gesellschaft auf einen von allen Kommunikationsmedien dieser Gesellschaft (Sprache, Schrift, Buchdrucker und Fernsehen,, Macht, Wahrheit und Liebe) produzierten Überschusssinn bezogen, gleich anschließend jedoch nur an Verbreitungsmedien (im Unterschied zu den Erfolgsmedien der Kommunikation) vorgeführt. Wir halten uns im folgenden an dieses beispielhafte Vorgehen, wollen damit jedoch nicht ausschließen, dass weitere Forschungsfragen explodiert werden können, indem man viel genauer als bisher nach dem Überschusssinn von Geld und Macht, Wahrheit und Liebe in ihrer Produktion und Reproduktion durch verschiedene Institutionen der Gesellschaft fragt, von der Familie über die Schule bis zur Universität, an der Kirche über das Theater bis zum Militär.

Selbstverständlich lösen sich die einzelnen Verbreitungsmedien in ihrer Produktion von Überschusssinn nicht ab, sondern sie überlagern sich, so dass die alten Kulturformen im Umgang mit Sprache und Schrift auch dann noch erforderlich sind, wenn neu hinzutreten, die den Buchdrucker und dem Computer gewachsen sind.

Das impliziert Kulturkriege unterschiedlicher Friedfertigkeit beziehungsweise Gewalttätigkeit, wenn die eine Kulturform, die am Umgang mit dem Überschusssinn der Schrift, den Anspruch erhebt, auch mit Strukturproblemen fertig werden zu können, die mit den Buchdrucker und dem Computer auftreten. Dann bekommt man es mit Fundamentalisten zu tun, die die schöne Idee des Aristoteles, machte er alles in der Gesellschaft einen ihm angemessenen Platz (seinen telos) hat, in Übereinstimmung mit der Seele des Individuums, der Gerechtigkeit der Stadt unter Harmonie des Kosmos, auf Verhältnisse anwenden, die in ihrer Sozial-, und Zeitdynamik so nicht mehr abgebildet werden können.

Wir konzentrieren uns auf die möglichst darin scharfe Unterscheidung zwischen den vier Struktur- und Kulturformen der von uns betrachteten Stammesgesellschaft, antiken Sklavenhaltergesellschaft, modernen Buchdruckkultur und nächstem Computergesellschaft.

In jedem der aktuellen Situation der sich zur Weltgesellschaft globalisierenden Gesellschaft liegen diese Struktur- und Kulturformen jedoch in einer reibungsvollen, zuweilen auch voneinander ab lenkenden Gemengelage vor. Die Diagnose von Strukturformen ist etwas für die Wissenschaft. Die Kulturformen der Gesellschaft jedoch betreffen uns alle. An ihnen hängen unser Herz und unser Verstand, wehmütig an den alten, zögerlich an den neuen.


Dirk Baecker
Dirk Baecker Die Nächste Gesellschaft


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