Dirk Baecker
Wozu Gesellschaft
Kulturverlag Kadmos 2007

307 Bildung
311… erlaubt es die Bildung, das Problem der Intelligenz noch einmal in ein sowohl günstiges als auch skeptisches Licht zu rücken und so auch in dieser Form noch einmal das System in das System und in die Gesellschaft, in der es ausdifferenziert wird, wieder einzuführen.
Denn ebenso wie alle Intelligenz letztlich auf Bildung, nämlich auf die Fähigkeit, einschätzen zu können, was man wissen kann und was nicht, hinausläuft, so ist es doch genau diese Bildung, die das Interesse an Intelligenz zu relativieren vermag. Dabei geht es einerseits um die bereits zitierte Weisheit, die jedes Wissen als Nichtwissen und umgekehrt darzustellen vermag, andererseits jedoch um die Erinnerung und Mitführung von Verhaltenskompetenzen, die mit Wissen und Nichtwissen nichts, dafür jedoch sehr viel mit Stil, Geste und Habitus zu tun haben.
Wer mit Bildung vertraut ist, weiß, dass es in der Kommunikation eben nicht unbedingt auf die Darstellung von Wissen und das Eruieren von Nichtwissen in einem sachlichen Sinne ankommen muss, sondern dass sie sich sehr weit gehend darauf kaprizieren kann, das Wissen um die Kommunikation selber vorzuführen beziehungsweise andere am Nichtwissen um diese Kommunikation gesellschaftlichen Schiffbruch erleiden zu lassen.
Das Medium der Intelligenz erfährt im Bildungsgedanken eine Selbstreflexion, die sich mitbestimmten Formen der Intelligenz niemals ganz beruhigen lässt, sondern die immer den Wechsel und die Bewährung der einen, zum Beispiel sachlichen, an der anderen, zum Beispiel sozialen, Intelligenz sucht. Deswegen spricht man zum Beispiel von „Herzensbildung“, wenn eine Form emotionaler, an Solidarität appellierender Intelligenz vorliegt, die ihr eigenes Wissen und Nichtwissen hat und sich darin von sachlichen Einwänden und zeitlichen Vorwänden nicht beeindrucken lässt.

Dirk Baecker

HOME | | BOE