Dirk Baecker
Kommunikation
Grundwissen Philosophie
Reclam 2005

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Medien der Kommunikation

Die moderne Kommunikationsforschung bestätigt die ästhetische oder auch ästhetisierende Erwartung, dass es keinen objektiven Standpunkt gibt, von dem aus Kommunikation definiert werden könnte. Jede Definition von Kommunikation ist bereits dadurch gekennzeichnet, ob sie sich eher für die sprachlichen oder die individuellen Aspekte der Kommunikation, für ihre Einheit oder ihre Differenz, für ihr Gelingen oder ihr Misslingen, für die Kommunikation als Handlung oder für die Kommunikation als Erleben, für die Einschluss- oder für die Ausschlussoperation der Kommunikation interessiert. Dies ist mit ein Grund dafür, dass sich in jüngerer Zeit das Interesse den "Medien" der Kommunikation zuwendet. Auch dies kann noch durch die ästhetische Fragestellung abgedeckt werden, da die Frage nach den Medien der Kommunikation mit der Frage korreliert, wie sich das Individuum in seinen kommunikativen Chancen durch diese Medien einerseits determiniert sehen muss und welche Chancen es andererseits hat, etwa zwischen verschiedenen Medien zu wählen, um seine Inkommunikabilität zu kommunizieren.

Es ist daher kein Zufall, dass das Medienproblem im Rahmen der Literaturwissenschaften aufgeworfen wurde und nach wie vor auf größtes Interesse stösst. So macht Marshall McLuhan (1911-dass die Kommunikationstheorie sich nicht auf die Inhalte der Kommunikation und auch nicht auf den Transport dieser Inhalte zu richten hat, sondern in erster Linie auf das Verhältnis von Figur und Hintergrund. Man könne sich kommunikationstheoretisch nicht auf die Figur, also auf die jeweiligen aktuellen Kommunikationen konzentrieren, wenn deren Zustandekommen, Typ und Reproduktionschance bereits im Hintergrund entschieden werden. McLuhan orientiert sich hier zwar an gestalttheoretischen Überlegungen, doch man erkennt Shannons Definition der Nachricht als Selektion aus einem Raum von Möglichkeiten ebenso wie Spencer-Browns Berechnung einer Bezeichnung aus der Unterscheidung, die sie trifft.

Wir können es hier offen lassen, inwieweit die Gestalttheorie durch Shannons Kommunikationstheorie oder umgekehrt diese durch jene mitmotiviert ist. Wesentlich ist, dass hier wie in allen anderen Figuren, die in unserem Zusammenhang eine Rolle spielen, eine Differenz des Sichtbaren und des Unsichtbaren mitgedacht und jeweils neu formuliert wird. Und dabei wiederum ist wesentlich, dass man zwar immer wieder auch Versuche beobachten kann, sich ausschließlich für das empirisch Sichtbare oder das transzendental Unsichtbare zu entscheiden, die weiterführende Frage jedoch darin gesehen wird, die Differenz selbst zu beschreiben und als eine Operation zu verstehen, die sich selbst reproduziert.

McLuhans Arbeiten zur Medientheorie, von Understanding Media (1964, dt. 1968) bis zu The Medium is the Massage (mit Quentin Fiore,1967), müssen im Licht dieses Interesses an der Differenz von Figur und Hintergrund gelesen werden. Als "Medium" wird bestimmt, was im Hintergrund wirkt und Kommunikation determiniert. Harold A. Innis (1894-Medienwechsel. So leicht es jedoch dem Historiker fallen mag, die jeweiligen Medien zu bestimmen, so schwer fällt dies im jeweils aktuellen, durch bestimmte Medien bereits charakterisierten Kontext. Das jeweils aktuelle Medium entzieht sich allen Bestimmungsversuchen, weil es als Hintergrund (wie Husserls »Horizont der Lebenswelt«) nur weiter zurückweichen kann, wenn man sich ihm nähert. Als »Inhalt« eines Mediums kann daher, so Friedrich Kittler (* 1943), immer wieder nur ein weiteres Medium postuliert werden.

Auch die Philosophie der Dekonstruktion interessiert sich für die »différance«, die sich zurückzieht, wenn sie beobachtet wird, weil sie zu ihrer Beobachtung immer wieder weitere Differenzen voraussetzt. Zwar fällt bei Jacques Derrida nur selten, wenn überhaupt, das Stichwort der Kommunikation. Doch gerade deswegen, das kann man bei ihm lernen und an seinem Interesse an "Postkarten" festmachen (La carte postale de Socrate à Freud et au-dela, 1980, dt. Bd. 1: 1989, und Bd. 2: 1987), kann man seine Überlegungen zur "différance" und zur "Schrift" als Beitrag zu einer »unmöglichen« Kommunikationstheorie lesen. Wenn er die différance als "mediale Form" begreift, so kann man dies mithilfe des Formkalküls von Spencer-Brown als Verweis auf die in den beiden Seiten, die sie trennt, nicht enthaltene und somit sich der Beobachtung entziehende Operation der Unterscheidung verstehen, die von jeder Kommunikation getroffen wird, ohne dass sie in irgendeiner Kommunikation vorkäme.

In diesem Sinne arbeiten Medientheorien an der Bestimmung des dritten Werts der dreiwertigen Zweiseitenform der Kommunikation. Derridas Erkundung der "Schrift" in der Grammatologie kann diese Vermutung bestätigen, denn auch hier geht es um die "différance", die im Anwesenden (der Figur) als Abwesendes (als Hintergrund) anwesend ist und über ihren eigenen nachtragenden Aufschub »in ein und derselben Möglichkeit zugleich die Temporalisation, das Verhältnis zum Anderen und die Sprache eröffnet«.

Und auch die soziologische Medientheorie von Talcott Parsons und Niklas Luhmann versteht Medien als strukturelle Vorentscheidungen des Raums der Möglichkeiten, der von der Kommunikation in Anspruch genommen werden kann. Nicht nur wird vorentschieden, welche Sinnselektionen in Medien wie Geld, Wahrheit, Macht, Kunst und Liebe jeweils vorgenommen werden können; es werden durch diese Medien auch entscheidende, also vorgreifende Motivationen in Anschlag gebracht, die die Kommunikation und mit ihr das Individuum dazu bestimmen können, sich auf diese Vorentscheidungen einzulassen.

Unter dem Gesichtspunkt der ästhetischen Problemstellung ist an der Medienfrage interessant, dass jedes neue Medium unter dem doppelten Gesichtspunkt einer endgültigen Determination oder einer gefährlichen Freisetzung des Individuums beobachtet wird. Das galt für das Aufkommen der Verbreitungsmedien Schrift, Buchdruck und elektronische Medien bis hin zum Computer ebenso wie für die Beobachtung von Kommunikationsmedien wie Macht, Geld, Wahrheit, Kunst und Liebe. Jedes Mal muss man befürchten, dass die inkommunikable Individualität des Individuums nun endgültig keine Chancen mehr hat, sich als Einwand gegen die Kommunikation in der Kommunikation durchzusetzen. Und jedes Mal muss man entdecken, dass jedes dieser Medien neue Inkommunikabilitätschancen eröffnet. Nicht zuletzt die Kunst kann als immer mitlaufender und sich an jedem Medium neu bewährender Bereich der immer wieder neuen Durchsetzung der Einsicht in Inkommunikabilität beschrieben werden.

Sogar die Massenmedien Zeitung, Kino, Rundfunk und Fernsehen profitieren von diesem Problem der Inkommunikabilität des Individuums. Denn sie beziehen ihre Attraktivität daraus, in jeweils einem Zug und nahezu ununterscheidbar sowohl über die Zustände der Welt als auch über Abweichungs- und Profilierungschancen von Individuen nicht nur zu berichten, sondern diese Zustände und Chancen durch das Angebot der Selektion aus den Massenmedien zugleich auch zu realisieren: Nichts definiert unsere Welt präziser und durch nichts werden wir individueller als durch die Wahl der Zeitung, die wir zum Frühstück lesen, und durch die Art und Weise, wie wir sie lesen.

Die Massenmedien erlauben eine Beobachtung von Beobachtern in großem Stil. Sie universalisieren den Verdacht gegenüber allen Mitteilungen und allen Informationen, aber sie steigern auch die Fähigkeit der Gesellschaft, sich selbst zu irritieren, in bisher ungekanntem Maße. Sie bilden eine Sinnmaschine, die niemals eindeutig funktioniert und dennoch oder gerade deswegen in vielen Hinsichten vorhersehbar operiert. Während sie dem Individuum Abweichungschancen in Hülle und Fülle bieten, fangen sie es doch immer wieder auch ein, indem sie es doppelt einbinden in das Interesse daran, für andere beobachtbar zu bleiben einerseits und andere beobachten zu können andererseits. Die Beobachtung von Beobachtern gibt dieser wie jeder anderen Kommunikation eine Struktur, die nicht mehr die Konformität, sondern die Abweichung präferiert. Denn nur die Abweichung liefert Ansatzpunkte für Imitation und Kopie, die für andere Individuen interessant sein können.

Attribution und Codierung

Der Systembegriff und der Medienbegriff der Kommunikation laufen beide darauf hinaus, der Kommunikation eine eigene, vom Individunm unabhängige Referenz zuzuschreiben. Kommunikation wird als ein eigener Modus der Konstitution und Reproduktion von Gesellschaft beschrieben, der vom Individuum nicht initiiert werden kann und dennoch von ihm verantwortet werden muss. Denn dieser Konstitutions- und Reproduktionsmodus nimmt auf das Individuum als notwendig differenzielle, also systematisch abweichende, mit Intransparenz und mit Indifferenzchancen ausgestattete Voraussetzung seiner selbst Bezug.

Diese Referenzzuschreibung muss nicht unbedingt als Versuch interpretiert werden, Kommunikation zu einer Art Subjekt zu substanzialisieren. Es geht in diesen Begriffen weniger um die Identität der Kommunikation als um den Unterschied, den sie macht. Der Gewinn des im 19. und 20. Jahrhundert formulierten Kommunikationsbegriffs besteht darin, für die Produktion und Reproduktion der Form der Kommunikation eine Zurechnungsinstanz und Attributionsadresse, das soziale System oder Netzwerk als ein Phänomen aus eigenem Recht, ins Spiel zu bringen, die außerhalb des Individuums liegen. Damit wird an den Milieubegriff angeknüpft, dem zufolge man einen Organismus (und ein Individuum) nicht unabhängig von der Nische, vom Lebensraum, definieren kann, den er besetzt, in dem er sich als Differenz reproduziert und aus dem heraus er sich bestimmt. Der Psychologe Kurt Lewin (1890ganismen (Individuen), die sich in ihnen reproduzieren, verändern.

Der Kommunikationsbegriff ist somit eine Beobachtungsformel, die es ermöglicht, so Fritz Heider (1896-einen Wechsel der Attribution von der Person auf die Situation vorzunehmen und aus der Reproduktion bestimmter Situationen auf eine Gesellschaft zu schließen, die sich über den Wechsel der Personen und den Wechsel der Situationen hinweg reproduziert. Wir befinden uns in der »Gesellschaft der Gesellschaft«, um Luhmann zu zitieren, und dies nicht nur dann, wenn wir allein sind, vielmehr auch dann, wenn wir kommunizieren. Wir müssen entdecken, dass nicht wir es sind, die kommunizieren, sondern die Kommunikation. Die Kommunikation gewährleistet die Differenz der Codes, mit deren Hilfe wir uns verständigen. Gäbe es nur einen Code, so Lotman, müssten wir uns als eine Person verstehen.

So aber haben wir es mit mehreren Codes, mehreren Personen - und deswegen mit Kommunikation zu tun. Die Kommunikation selbst oszilliert notwendigerweise zwischen der Einsicht in unvollständige Übersetzbarkeit der Mitteilungen einerseits und vollständiger Unübersetzbarkeit andererseits. Und diese Oszillation wiederum ist das Ergebnis des Umstands, dass Kommunikation immer beides heißt: erstens wachsende Individualisierung, denn man braucht immer neue Möglichkeiten, sich abweichend auf die Kommunikation beziehen zu können, und zweitens wachsende Amplifikation der Generalisierung, damit die Kommunikation erkennbar bleibt.

Der Codebegriff, wie ihn vor allem Gregory Bateson in einem Beitrag zu seinem mit Jürgen Ruesch geschriebenen Buch Kommunikation entwickelt, zieht die Konsequenzen daraus, dass jede Kommunikation nur »ökologisch«, das heißt nur als Überbrückung der unüberbrückbaren Differenz von Individuum und Gesellschaft zustande kommt. Denn so kann Kommunikation als Codierung, als Schaffung einer eigenen Sequenz von Ereignissen verstanden werden, die für etwas außerhalb dieser Sequenz stehen mögen, tatsächlich jedoch dieses Für-etwas im Kontext der eigenen Sequenz von Ereignissen mitproduzieren. Diese Codierung kann nicht decodiert, sondern nur im Kontext eines anderen Codes recodiert werden.

Wenn man sich auf Kommunikation einlässt, bewegt man sich im Möglichkeitenraum unterschiedlicher Codes, die weder vollständig übersetzt noch im Hinblick auf irgendetwas entschlüsselt werden können, was nicht seinerseits ein Code wäre. Die ästhetische Zuspitzung des Kommunikationsbegriffs führt auf einen attributionalen Spielraum, den man nicht nur dazu nutzen kann, die Kommunikation als Kommunikation, sondern auch dazu, die Differenz der Codes als notwendige Prämisse der Kommunikation zu beobachten. Und nur dies bringt das Individuum gegenüber der Differenz der Kommunikation wieder ins Spiel. Es kann sich jetzt darauf kaprizieren, die Codes entweder besonders unauffällig oder besonders virtuos zu bedienen. Es kann sich dafür entscheiden, die Codes zu wechseln und mit dem Wechsel der Codes in verschiedenen Situationen zu spielen. Und es kann sich auf den Versuch einlassen, die Codes zu dekonstruieren und die Kommunikation dadurch fortzusetzen, dass die Kommunikation unmöglich gemacht wird. Dies alles sind im wahrsten Sinne des Wortes ästhetische Optionen. Denn sie ermöglichen es, im Vollzug der Kommunikation die Differenz des Individuums augenfällig werden zu lassen.

Zusammenfassung und Ausblick

»wie wenig machen wir uns klar, dass wir nicht an die welt, sondern an die kommunikation grenzen«, hat Oswald Wiener (*1935) in seinem Roman Die Verbesserung von Mitteleuropa (1969) festgestellt. Die ästhetische Akzentuierung des Kommunikationsbegriffs hat eines ihrer Motive darin, dieses Angrenzen immer wieder neu herauszuarbeiten, und zwar von beiden Seiten. Man kann die Entfaltung des Kommunikationsbegriffs so weit verfolgen, dass schließlich auch die Grenze selbst sichtbar wird und ihre mediale Operation zum Gegenstand von Kommunikationsforschung werden kann.

Die ästhetische Konturierung der Kommunikation, an der sich, wie gezeigt, jeder Kommunikationsbegriff zu messen hat, läuft darauf hinaus, die Singularität und Inkommunikabilität des Individuums festzuhalten. Als Begriff der Kommunikation kann dann nach theologischen und rhetorischen Vorläufern und begleitet durch sprachphilosophische Erwägungen nur ein Versuch überzeugen, die Individualität des Individuums als die »andere Seite« der Kommunikation mit in den Begriff zu integrieren. Bei diesem Kommunikationsbegriff bleibt das Individuum unbestimmt, das heißt frei, sich selbst zu bestimmen. Der ästhetisch akzentuierte Kommunikationsbegriff formuliert die Einsicht, dass ohne den Spielraum eines sich selbst bestimmenden Individuums von Kommunikation keine Rede sein kann.

Gemessen an seiner Intention und Intuition tritt der Kommunikationsbegriff im 20. Jahrhundert die Nachfolge des Kausalitätsbegriffs des 19. Jahrhunderts an. Er ersetzt die Beobachtung von Ursache und Wirkung durch die Beobachtung von in Grenzen wählbaren Beziehungen, die auf beiden Seiten Autonomie voraussetzen. Und er führt auf einen Begriff der Sprache, der jene Kommunikation bezeichnet, die sich über sich selbst verständigt. In diesem Sinne ist der vorliegende Text eine sprachliche Verständigung auf einen Kommunikationsbegriff, der offen lässt, was Kommunikation »ist«, weil nur so mit in den Begriff aufgenommen werden kann, dass Kommunikation darin besteht, nicht zu determinieren, wie sie fortgesetzt wird.

Wenn nicht alles täuscht, haben wir in der gegenwärtigen Gesellschaft Anlass genug, mit dem hier vorgestellten Kommunikationsbegriff in allen seinen Schattierungen zu arbeiten. Denn erstens bewährt sich in dieser Gesellschaft nur noch ein ökologischer Ordnungsbegriff, der mit Nachbarschaften unbestimmter, aber sich laufend bestimmender Art rechnet und ohne eine übergreifende, den Kosmos, die Geschichte oder den Staat zitierende Ordnungsvorstellung auskommt.

Was sich hier bestimmt, bestimmt sich kommunikativ. Und zweitens deutet sich eine Reihe von Beobachtungen an, die den Engpass dieser Gesellschaft in der Frage diagnostizieren, ob und wie lange es ihr noch gelingt, für ihre anspruchsvollsten kommunikativen Aufgaben - man denke nur an Mütter und Väter, Schüler und Lehrer, Politiker und Wähler, Vorgesetzte und Mitarbeiter, Techniker und Berater, Wissenschaftler und Priester, Künstler und Kunstbetrachter - nach wie vor Individuen zu finden, die bereit sind, mitzumachen, was ihnen bei der Erfüllung dieser Aufgaben geboten und von ihnen verlangt wird. Der Kommunikationsbegriff macht auf eine lose Kopplung zwischen Individuum und Gesellschaft aufmerksam, die beiden Seiten enorm viel Spielraum verschafft, aber auch immer wieder eine Uberforderung darstellt, die dazu verführen kann, mit Sozialmodellen aufzuwarten, die den Bindungsgrad durch Sinnangebote aller Art (und die dazugehörende Drohung mit Unsicherheit) zu erhöhen versprechen.

Dirk Baecker
Medientheorie


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