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Vorwort
Seit einigen Jahren ist Kommunikation in aller Munde. Ob Kriege ausbrechen, Liebeserklärungen unerhört bleiben, Politiker einen Prestigeverlust erleiden, Waren nicht auf dem Markt platziert werden können, Reformvorhaben im Sande verlaufen oder Jugendliche sich nicht mit ihren Berufsaussichten anfreunden können, man ist in einem ersten Schritt fast immer geneigt, Fehler der Kommunikation zu diagnostizieren und in einem zweiten Schritt Vermutungen darüber anzustellen, wie man es hätte besser machen können. Man hat gelernt einzusehen, dass Kommunikation scheitern kann, glaubt jedoch unverdrossen, man könne etwas dafür tun, dass sie gelingt. Die Ratgeber-literatur blüht, das Beratungsgeschäft ebenso, und die Journalismusstudien an den Universitäten mausern sich zu Kommunikationswissenschaften, die mit keiner Empfehlung geizen, welcher Kanal und welches Medium für welchen Typ von Botschaft an welche Adressaten geeignet sind und welche nicht.
Kommunikation, so lernt man aus alldem, ist auch nur eine Handlung, und man kann lernen, wie das geht. Vielleicht geht es ein wenig subtiler zu, weil bei der Kommunikation eine Wechselseitigkeit, ein Hin und Her und damit auch eine Unwägbarkeit im Spiel ist, die umso schwerer einzuschätzen sind, je mehr man selbst mittendrin steckt, aber das gilt für eine Handlung ja auch und im Prinzip lässt sich sortieren, was hier wann passiert, und dementsprechend klären, welche Aktionen in diesem Feld richtig und welche falsch sind.
Das vorliegende Buch wahrt zu diesem pragmatischen Umgang mit Kommunikation eine gewisse Distanz. Ich bezweifle nicht, dass man mit Kommunikation umsichtiger umgehen kann, als dies vielfach der Fall ist. Und ich bezweifle noch weniger, dass man zumindest im Nachhinein oft ganz gut wissen kann, was man falsch gemacht, und in einigen Fällen auch, was man richtig gemacht hat.
Grundsätzlich jedoch glaube ich, dass Kommunikation etwas anderes ist als eine Handlung und es daher auch nur wenig Sinn macht, nach Absichten, Regeln und Normen zu fragen, Ursachen und Wirkungen zu unterstellen und an deren besserer Abstimmung zu arbeiten. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass es weiter führt, den Begriff der Kommunikation in eine gewisse Opposition zum Begriff der Kausalität zu bringen und ihn dementsprechend für die Beschreibung von Verhältnissen zu reservieren, in denen Überraschungen die Regel sind.
Das heisst allerdings nicht, dass im Bereich der Kommunikation alles beliebig wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings ist die Bestimmtheit, mit der man es hier zu tun bekommt, nicht das Ergebnis von Ursache und Wirkung, sondern, so zumindest die These dieses Buches, der Einführung und Konditionierung von Freiheitsgraden.
Kommunikation heißt, es mit mehr Möglichkeiten zu tun zu haben, als man bewältigen kann, und es von überraschenden Seiten her mit Einschränkungen zu tun zu bekommen. Diese Einschränkungen lassen sich nur selten im Schema guter Gründe und böser Absichten beschreiben, von dem die europäische Aufklärungstradition ausgegangen ist. Sondern man bekommt es hier mit einer sozialen Eigendynamik zu tun, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist, sich jedoch einem Blick erschließt, der, wie der soziologische, nach den Bedingungen sozialer Ordnung zu fragen gelernt hat.
Die Undurchschaubarkeit dieser Eigendynamik für die Teilnehmer an Kommunikation hindert diese Teilnehmer interessanterweise nicht daran, sich subtil und raffiniert in den Verhältnissen zu bewegen. Kommunikativ können wir etwas, was uns bewusst nicht zur Verfügung steht.
Im Gegensatz zur jüngeren Philosophie der Neuropysiologie optiert dieses Buch jedoch nicht etwa dafür, das Gehirn oder gar, in den Philosophien anderer Naturwissenschaften, die Gene dafür verantwortlich zu machen, wovon das Bewusstsein nichts weiß, sondern dafür, sich die Bedingungen unserer sozialen Existenz genauer daraufhin anzuschauen, wie sich in ihnen ein Mischungsverhältnis von Ordnung und Unordnung bewährt, das bis in die Details hinein prägt, was wir unter Freiheit und Notwendigkeit verstehen, und das uns mal merklich, mal unmerklich bei jeder Geste und jedem Satz unterstützt, mit denen wir uns zu anderen und zu uns selbst in ein Verhältnis setzen. Es geht nicht immer so offenkundig zu, wie in Woody Allens Film »Play it Again, Sam« (USA, I972), in dem der Geist eines souveränen Humphrey Bogart, nur für Woody Allen sichtbar, diesem Tipps gibt, wie er Diane Keaton erfolgreich verführen kann. Aber im Prinzip trifft der Film den Kern der Sache. Wenn wir wissen wollen, wie Kommunikation funktioniert, müssen wir lernen, nicht nur die Teilnehmer, sondern darüber hinaus ein Drittes, die Eröffnung und Einschränkung von Spielräumen, zu beobachten.
Die Sozialtheorie zeigt sich vom Begriff der Kommunikation fasziniert, seit die mathematische Kommunikationstheorie von Claude E. Shannon ihn vor einem halben Jahrhundert ins Zentrum eines Typs von Wissenschaft rückte, die zur Beschreibung komplexer Phänomene nach neuen Grundbegriffen sucht. Komplexe Phänomene, so hatte man herausgefunden, sind solche, die weder einfach genug, um kausal, noch homogen genug sind, um statistisch beschrieben werden zu können. Sie bestehen aus vielfältigen Beziehungen zwischen heterogenen Elementen und überfordern damit ihren Beobachter, der deswegen nicht umhin kommt, anzunehmen, dass diese Phänomene ihre Probleme selber zu stellen und zu lösen in der Lage sind, auch wenn er nicht weiß, wie sie das tun. Selbstorganisation war das Stichwort der Stunde, und Kommunikation einer ihrer interessantesten Fälle.
Kommunikation war deswegen allerdings ein Begriff, der vor allem heuristisch überzeugte. Er benannte nicht etwa einen neuen Gegenstand, von dem man vorher noch nichts wusste, sondern eine neue Problemstellung, für die noch nicht klar war, für welche Gegenstände man sie fruchtbar machen konnte. Weit reichende Hoffnungen auf eine neue Grundlagenwissenschaft, die sich dann Informatik und Kybernetik nannte, waren für das, was dann kam, genauso typisch wie die Vorsicht der Sozialtheorie, sich zu schnell auf einen Grundhegriff einzulassen, von dem man noch nicht wusste, worauf er zielte. Weder Michel Serres noch Jürgen Habermas oder Niklas Luhmann schrieben die Theorie der Kommunikation, die man erwarten könnte, wenn man sieht, welche Grundlagenstellung der Begriff der Kommunikation in ihren Theorien bekommt. Serres arbeitet stattdessen an einer Dekonstruktion des Boten, Habermas an einer Handlungstheorie, die sich die Verbesserung der Verhältnisse wünscht, und Luhmann hielt sich an eine Systemtheorie, die dafür warb, sich von einer komplexen Gesellschaft nicht den Spaß an ihrer BeschreiLung verderben zu lassen.
Wenn mit allem Respekt vor der bisherigen Zurückhaltung der Sozialtheorie mit diesem Buch dennoch eine soziologische Theorie der Kommunikation vorgelegt wird, so liegt der Grund dafür in einer weiteren Überraschung. Nicht die außerordentlich skeptische geistes- und sozialwissenschaftliche Diskussion von Shannons mathematischer Kommunikationstheorie, sondern eine weitere und spätere mathematische Idee erlauben es, Shannons ursprüngliche Einsicht aus ihrer Begrenzung auf das Feld der technischen Signalübertragung zu befreien und für die Ausformulierung einer allgemeinen Theorie der Kommunikation zu nutzen. Diese Idee besteht darin, eine Unterscheidung im Hinblick auf ihre Form zu beobachten und unter einer Form nicht nur die beiden Seiten der Unterscheidung, sondern auch den Raum zu verstehen, der dadurch eröffnet wird, dass sie getroffen wird.
Aus der Perspektive der mathematischen Idee der Form der Unterscheidung, wie sie George Spencer Brown vorgelegt hat, zielt die ursprüngliche Einsicht Shannons nicht auf die Vorstellung eines Übertragungsbegriffs der Kommunikation, sondern auf einen Selektionsbegriff der Information. Information wird, auf der Seite des »Senders« ebenso, wenn auch abweichend, wie auf der Seite des »Empfängers«, verstanden, wenn sie als Selektion aus einem Auswahlbereich möglicher Nachrichten begriffen wird. Erst der Formbegriff Spencer Browns erlaubt es, in aller Deutlichkeit zu unterstreichen, dass es auf das Lesen einer Nachricht im Kontext des Mitlesens ihres Auswahlbereiches ankommt, wenn man von Information und dann auch von der Kommunikation dieser Information reden will.
Im Anschluss an die Reformulierung des Informationsbegriffs Shannons aus der Perspektive des Formbegriffs Spencer Browns braucht man dann nur noch die Annahme Shannons, dass der Auswahlbereich definiert ist, das heißt aus einer endlichen Menge möglicher Nachrichten besteht, zugunsten der Annahme eines unbestimmten, aber bestimmbaren Auswahlbereichs zu korrigieren, um die Anwendung der mathematischen Kommunikationstheorie auf Fragen technischer Kommunikation zugunsten ihrer Anwendung auf Fragen sozialer Kommunikation zu erweitern. Nicht mehr und nicht weniger als dies wird mit dem vorliegenden Buch versucht.
Ich greife damit ein weiteres Mal auf den Formkalkül von George Spencer Brown zurück, der mich seit meinen Überlegungen zur Form des Unternehmens (I993) in den vergangenen Jahren zunehmend in seinen Bann gezogen hat. Nach wie vor versteht sich ein Rückgriff auf diesen Kalkül jedoch nicht von selbst. Nach wie vor, obwohl Spencer Browns Buch Laws of Form bereits I969 in London erschienen ist, überwiegen in der wissenschaftlichen Rezeption Skepsis und Ablehnung. Explizite Bezugnahmen auf den Kalkül sind selten. Der Organisationsforscher Philip G. Herbst griff auf den Kalkül zurück, um Alternatives to Hierarchy (I976) denkbar zu machen. Der Mathematiker Louis H. Kauffman arbeitet an einer Knotentheorie auf der Grundlage von Spencer Browns Idee der Unterscheidung. Für den Neurobiologen Francisco J. Varela war der Formkalkül eine wichtige Inspirationsquelle auf der Suche nach einem Modell autonomer biologischer Formen. Niklas Luhmann machte die Idee der Zweiseitenform mit ihrer Möglichkeit, den Einschluss des Ausgeschlossenen zu denken, zu einer tragenden Säule der Letztfassung seiner Gesellschaftstheorie. Matthias Varga von Kibed arbeitet mit einem Kreis von Philosophen an einer NeubeschreiLung von Philosophie und Logik am Leitfaden des Unterscheidungsbegriffs von Spencer Brown. Aber das sind Ausnahmen, die überdies weit davon entfernt sind, ausgerechnet für den Aspekt ihrer Arbeit mit dem Formbalkül wissenschaftliche Anerkennung gefunden zu haben.
Es ist schwer zu sagen, worin Skepsis und Ablehnung begründet sind. Natürlich ist es die Mathematik selbst, die abschreckt, obwohl es sich hier um eine meines Erachtens hochgradig »qualitative« Mathematik handelt, die keine besonderen Ansprüche an Rechenkünste stellt, dafür aber mit allen Vorteilen der simultanen Darstellung der Unterscheidung und des Zusammenhangs von Variablen in einer Gleichung arbeitet. Eine sprachliche Darstellung komplizierter Sachverhalte ist demgegenüber ja immer auf eine sequentielle Form angewiesen, sosehr diese dann auch parataktisch mit rekursiven Verweisen aller Art arbeiten kann. Für die Ablehnung des Formbalküls von Spencer Brown sind vermutlich andere Gründe ausschlaggebend. Ich neige dazu, sie dort zu suchen, wo ich selbst eher Anlass zur Faszination sehe, nämlich im Anspruch des Formkalküls, mit dem Unbestimmten, aber Bestimmbaren zu rechnen.
Es liegt dem alteuropäischen Denken näher, entweder mit dem Unbestimmten, aber Bestimmenden zu rechnen und daran theologische (und neuerdings: medientheoretische) Erwartungen zu knüpfen oder aber sich ausschließlich auf das Bestimmte zu stützen und dies für die Aufklärungspflicht der Wissenschaft zu halten. Mit dem Unbestimmten, aber Bestimmbaren zu rechnen, bringt demgegenüber einen Beobachter ins Spiel, den man sich entweder nicht vorstellen kann oder nicht vorstellen will, weil man nicht wüsste, wie man die Freiheit für das Erproben von Bestimmungsleistungen wieder einfangen kann, die man ihm zurechnen müsste.
Mit dem Unbestimmten, aber Bestimmbaren zu rechnen, kommt jedoch einer soziologischen Theorie entgegen, die in der Lage sein will, die Ordnung des Sozialen nicht voraussetzen zu müssen, sondern für ein laufend neu auszuhandelndes, erstrittenes und verteidigtes Produkt der Auseinander-setzung um diese Ordnung halten zu dürfen. Eine soziale Ordnung ist so sehr der Inbegriff von Grenzsetzungen, in denen die Außenseite der Grenze mit bedingt, was sich auf der Innenseite der Grenze abspielt, dass man fast vermuten kann, dass der Formkalkül erfunden wurde, um davon einen angemessenen Begriff zu haben. Aber so zu denken, setzt voraus, gleichsam mit offenen Flanken denken zu können. Und das scheint nicht jedermanns Sache zu sein.
Aber noch etwas anderes spielt eine Rolle, was im vorliegenden Buch jedoch eher untergründig mitschwingt. Wenn man sich anschaut, wie radikal sich die großen Theoriebemühungen der Informatik und Kybernetik, Systemtheorie und Semiotik seit einem guten halben Jahrhundert, mit Vorläufern bis tief in das I9. Jahrhundert hinein, von dem unterscheiden, was man zuvor unter dem Namen »Theorie« kannte, und wenn man notiert, dass diese Theoriebemühungen Zeitgenossen des Auftretens des Computer sind, unterstützt von der Neurophysiologie des 19. Jahrhunderts und dem Auftreten bewegter Bilder um die Wende zum 20. Jahrhundert, dann liegt die Auffassung zwar nicht auf der Hand, aber auch nicht mehr sehr fern, von einer Zeitenwende zu sprechen. Die vom Buchdruck gestützte moderne Gesellschaft weicht einer vom Computer gestützten neuen Gesellschaft, die einen Theoriebedarf hat, der sich nicht mehr darin erschöpft, sachlich motivierte Problemstellungen formulieren zu können.
Die Zeitordnung und die Sozialordnung der Gesellschaft werden mindestens so prominent wie ihre Sachordnung, ohne dass es möglich ist, das eine auf das andere zu reduzieren. Der Formbegriff ist ein Begriff in einer Abstraktionslage, die möglicherweise geeignet ist, auf die sich gegenseitig durchkreuzenden Problemstellungen zu antworten, die unter dem Gesichtspunkt ökologischer Gefahren (Sachhorizont), kultureller Diversität (Sozialhorizont) und einer unbekannten Zukunft (Zeithorizont) die Gesellschaft beschäftigen. Der Anspruch einer soziologischen Theorie der Kommunikation, wie sie hier vorgelegt wird, liegt darin, zumindest Sensibilität für die Interdependenz der Probleme zu schaffen. Ob das genügt, zum Umgang mit diesen Problemen auch einen andersartigen Zugang zu finden, wird man sehen müssen.
Die folgende Einleitung beginnt recht unvermittelt mit dem Versuch, aus der mathematischen Kommunikationstheorie Shannons eine soziologische Kommunikationstheorie herauszupräparieren. Wem das zu schnell geht, der sei auf das parallel zu diesem Buch im Reclam Verlag in Leipzig erscheinende Buch Kommunikation verwiesen, das sich ausführlicher als dieses mit der Begriffsgeschichte befasst und aus einer ästhetischen Perspektive (»Wie ist eine Mitteilung möglich?«) der Frage nachgeht, warum bei aller Bewunderung immer auch verdächtig ist, wer sich auf die Kunst der Rede versteht.
KOMMUNIKATION
SYSTEMTHEORIE
MEDIENTHEORIE
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