WIE AUS GESCHEITEN AFFEN DUMME MENSCHEN WURDEN

Eine Geschichte der Sprache

Urs Boeschenstein


Es regnet. Mit diesem Satz hat mein Interesse an der Sprachwissenschaft angefangen. Ich hatte meinen Deutschlehrer gefragt: Wer regnet? Und der Deutschlehrer wusste keine Antwort. Meine Frage war eine dumme Frage, nur ein dummer Schüler fragt, wer regnet. Der Regner? Wer ist dieser Regner? Es ist warm. Wer ist warm? Der Wärmer? Während vieler Grammatikstunden träumte ich oft zum Fenster hinaus weitere “dumme” Fragen: Wozu brauchen Menschen ihre Sprache? Wie brauchen Menschen Sprache? Wie ist Sprache entstanden? Wie verstehen Menschen Sprache?

Erklären Grammatiken, wie die Sprache funktioniert? Was ist ein Subjekt? Was ein Objekt? Was bedeuten solche Wörter? Erklären Grammatiken, wie wir Sprache verstehen? Lerne ich hier im Deutschunterricht etwas über das Denken, über das Sprechen, die Fähigkeit, mit Schallwellen Gedanken zu übertragen und das Verhalten meiner Mitmenschen zu beeinflussen? Was geht beim Sprechen in meinem Kopf vor? Es muss doch im Kopf etwas vorgehen. Was? Wie haben die Menschen das gelernt? Wann? Wo? Wozu? Beim Nichtaufpassen im Grammatikunterricht wurde mir klar, dass ich über Sprache mehr wissen wollte.Ist Sprache eine vom Gott verliehene Fähigkeit, die nur dem Gottähnlichsten aller Lebewesen, dem Menschen, eigen ist? Oder ist Sprache ein Ergebnis der Evolution, eine Fähigkeit grosser Gehirne zu lernen und Neues zu erfinden? Können Menschen durch Nachdenken über das Denken ihr Denken verstehen lernen? Können sprechende Menschen - durch ebendieses Sprechen - ihren eigenen Geist erkennen? Was ist Geist? Wie entsteht Bewusstsein? Ist uns Sprache angeboren? Oder ist sie eine kulturelle Errungenschaft, die in all den verschiedensten Formen, die wir Sprachen nennen, von Generation zu Generation gelernt wird. Wie lernen Menschen sprechen? Lernen sie Wörterbücher auswendig und müssen ihnen die Regeln der Satzbildung eingetrichtert werden? Wozu hat der Mensch Sprache entwickelt? Um sich Befehle zu erteilen und den nächsten Jagdzug zu planen? Oder vielleicht um sich besser zu verstehen, um Beziehungen zu pflegen? Wie verbindet die Sprache die Menschen? Wie kommunizieren Menschen? Von Kommunikation hatte ich in der Literaturstunde, bei der Lektüre von Kafkas Schloss gehört. Der Deutschlehrer brauchte das Wort “Kommunikationslosigkeit”. Ich habe ihn nie gefragt, was dieses Wort bedeutet. Man lernt ja als dummer Schüler sehr schnell keine dummen Fragen zu stellen, Fragen, auf die der Lehrer keine Antwort weiss. Was ist Kommunikation? Was heisst Kommunikationslosigkeit? Heisst Kommunikationslosigkeit Sprachlosigkeit? Ist Schweigen Kommunikationslosigkeit? Können sprachlose Lebewesen nicht kommunizieren? fragte ich mich beim Tagträumen während der Grammatikstunden. Liegt es an der Sprache, wenn Menschen sich nicht verstehen? Wie verstehen sich Menschen?

Ich studierte dann an der Universität Sprachwissenschaft, weil ich hoffte, auf solche Fragen eine Antwort zu finden. Mir schien das Problem der Kommunikation zwischen den Menschen das wichtigste Problem überhaupt zu sein. Während der sechs Jahre Sprachstudium lernte ich viel. Ich erwarb viel Wissen über Sprachstrukturen, aber Antworten auf meine Fragen nach dem Verstehen, nach dem Miteinander der Menschen, fand ich keine. Ich lernte, dass der Satz “Es regnet” ein grammatisches Subjekt haben muss, aber - warum muss in unserer deutschen Sprache jede Handlung einen Urheber haben? Es gibt Sprachen, die den Prozess des Regnens ohne ein grammatisches Subjekt ausdrücken: Regnen geschieht. So sagen es die Finnen. Wie sind solche Unterschiede der Sprachen zu erklären? Auf diese Fragen gab mir mein Linguistikstudium keine Antwort. Ich lernte mittelenglische und altfranzösische Formenlehre. Ich lernte Grammatikregeln. Ich studierte Stammbäume und Sprachverwandtschaften. Die Strukturen der Grammatik, die Inhalte von Wörtern gaben mir aber keine Auskunft auf meine zentrale Frage: Wie verstehen wir Sprache? Wie verstehen wir einander?

Es lächelt der See, er ladet zum Bade. Haben Sie schon einmal einen See lächeln sehen? Der See ladet auch zum Bade. Das ist nett vom See. Mich hat er allerdings noch nie lächelnd eingeladen. Liegt das an mir oder am See? Liegt es vielleicht an der Sprache? Warum kann in unserer Sprachwelt ein See handeln? Warum kann der See lächeln, warum kann er etwas tun? Warum erfindet unsere Sprache einen Regner? Wozu braucht sie einen Wärmer? Wie schafft die menschliche Vorstellungskraft solche gedankliche Gebilde?

Der spinnt, werden Sie nun sagen. Sie haben ganz recht. Der spinnt. Er spinnt kreative Gedankenfäden. Er fragt: Wie erkennen wir die Welt mit unserer Sprache? Wie beschreibt Sprache die Welt? Ist Sprache ein Spiegel der Welt? Oder - schafft Sprache unsere Welt? Wie verstehen Menschen ihre Welt? Wie ist diese Fähigkeit entstanden? Wann und wie haben die Menschen gelernt mit Sprache zu kommunizieren? Wie erkennen wir die Welt? Welche Rolle spielt die Sprache beim Erkennen der Welt? Ich hätte Antworten auf meine vielen Fragen nicht bei den Sprachwissenschaftern sondern bei den Philosophen suchen müssen. Philosophen fragen nach den Fundamenten des Erkennens. Sie fragen, wie unser Geist die Welt darstellt. Philosophen suchten nach den zeitlosen Elementen dieser Abbilder. Gibt es ein solches zeitloses Fundament des Erkennens?

Dies wird bei vielen modernen Philosophen in Frage gestellt. Ich hätte Wittgenstein und Heidegger lesen sollen: Erkennen ist nicht Darstellen - und schon gar nicht “genaues” Darstellen. Das Bewusstsein ist nicht ein Spiegel. Wir beziehen unser Wissen über die Welt nicht von aussen, wir spiegeln mit unserer Sprache keine Wirklichkeit. Wir konstruieren mit der Sprache miteinander eine Wirklichkeit . Auch die empirischen Wissenschaften, die Wahrnehmung, Denken und Fühlen studieren, mussten erkennen, dass unsere Sinne nicht wie Kameras oder Tonbandgeräte funktionieren. Wahrnehmung ist nicht Abbilden. Der Neurobiologe Walter Freeman studiert die Gehirnprozess beim Riechen. Er zeigt auf, dass niemals Sinneseindrücke irgendwie gepeichert werden. Sinneseindrücke werden im Gehirn verarbeitet, indem sie mit früheren Erfahrungen verglichen werden, und das Gehirn konstruiert ein neues Muster. Dieses Muster erfasst die Bedeutung des Stimulus für das zukünftige Verhalten, es ist nicht ein Abbild . Alle Sinneswahrnehmung geschieht im Umfeld (Kontext) unserer angeborenen und gelernten Erfahrung. Wir spiegeln mit unseren Sinnen nicht die Welt, wir konstruieren mit unseren Gehirnen eine Welt. Bei diesem Prozess der Weltkonstruktion hilft uns Menschen die Sprache. Wir vergleichen beim Sprechen unsere Erfahrungen. Sprache ist ein Prozess des Vergleichens. Sprache ist nicht ein Ding, Sprache ist ein Prozess.

Wir haben nicht Sprache, wir sprechen. Wir haben keine Gedanken, wir denken. Wir haben keine Angst, wir angsten. Wir nehmen wahr, was für uns wichtig ist, und wir formen Vorstellungen. Wir denken und sprechen in Vergleichen (Metaphern). Wir verstehen Metaphern, weil alle Sprache Metapher ist, Vergleich. Es gibt ausserhalb der Sprache kein festes Fundament, das wir durch unsere “geistigen Fähigkeiten”, unsere Vernunft, erkennen können. Unsere Sprache ist kein Spiegel einer festen Welt draussen. Erkenntnis ist nicht jenseits der Sprache, im absoluten Urgrund zu finden, wir erleben Erkenntnis als Übereinkunft im Dialog mit anderen. Wir sprechen miteinander, um immer wieder eine gemeinsame Welt zu schaffen. Wissen ist nicht eine Sammlung von sogenannten Fakten, die wir in unseren Gehirnen gespeichert haben. Wissen ist Erfahrung, Wissen ist Anpassung. Unsere Gehirne ermöglichen uns eine immer neue Beziehung zur Welt. Mehr als 2000 Jahre lang hatten die Philosophen angenommen, dass das gemeinsame Bild, das die sprechenden Menschen entwickelten, seinen Grund in einer objektiv gegebenen Realität hat, die abgebildet und dargestellt werden kann. Hinter den Erscheinungen (Phänomene) suchten sie Prinzipien, Ur-Ideen. Die griechischen Philosophen suchten den Ur-Grund (arché). Sie glaubten diesen Grund im transzendenten Geist zu finden, in den Ideen hinter den Erscheinungen. Unser Verstand, unser Denken - so meinten Denker, die Philosophen, die “Liebhaber der Weisheit” - kann hinter die Erscheinungen blicken, wir können denkend - kraft unserer Vernunft - die Welt der Ideen verstehen. Vor ein paar Jahrhunderten kamen dann die Naturbeobachter. Sie fingen an, mit der Natur zu experimentierten, um Regelmässigkeiten der Welt zu beschreiben. Naturwissenschafter beobachten Erscheinungen der Welt und berechnen Kräfte, die die Welt bewegen. Sie gingen davon aus, dass alles in der Welt einen Grund hat, dass alles von Kräften bestimmt und gelenkt wird.

In der Welt des Lebendigen sind es aber nicht Kräfte, die das Zusammenspiel von Organismus und Umwelt formen. Lebewesen orientieren sich, indem sie unterscheiden. Sie nehmen Unterschiede wahr und reagieren auf Unterschiede. Unterscheidungen sind keine Kräfte, sie ermöglichen Wissen von Beziehungen. Lebewesen suchen nach Relationen, nach Verbindungen. In welcher Beziehung stehe ich zu allem Aussen, das ist die entscheidende Frage, auf die Lebewesen Antworten finden müssen, wenn sie überleben wollen. Wir verarbeiten Information, indem wir auf Unterschiede reagieren. Wir nehmen nicht Information aus der Umwelt auf, wir “machen” Information - durch unsere Reaktion auf unsere Unterscheidung. Information ist Unterscheidung, eine Unterscheidung, die eine “Unterscheidung macht, “a difference that makes a difference”, wie Gregory Bateson sagte. “To discriminate” - scharfe Unterscheidungen machen - nennen die Evolutionspsychologen die Tatsache, dass alle Wahrnehmung von Lebewesen eine Reaktion auf Unterschiede ist, Veränderungen im Gleichgewicht des Systems. Wir erkennen nie “das Ding an sich” (Kant), wir erkennen, was unser Denken aus den Wahrnehmungen macht.

Unser Denken ist immer Vergleichen, es ist immer metaphorisch. Denken behandelt Unterscheidungen von Unterscheidungen. Und es macht daraus in einem vielschichtigen Prozess unsere Geschichten. Wir verbinden Neues mit Erinnertem und formen in diesem Kombinationsprozess unsere Lebensgeschichte. Wir denken in Geschichten, wir erdenken Beziehungen (Relationen). Wir bilden sprechend eine Welt der Bedeutung. Wir konstruieren Sinn, indem wir Vorstellungen aufeinander beziehen und diese neuen Vorstellungen auf einer neuen Ebene miteinander in Beziehung setzen. Wir bilden Kontexte von Kontexten. Das ist der “Sinn” der Sprache. Diese Feststellung zwingt uns zum Umdenken. Wenn Sprache nicht ein Abbild der Welt ist, ist unser Wissen über die Welt nicht mehr aussen fundiert. Wir brauchen eine neue Wissenschaft des Wissens, eine neue Epistemologie. Wir werden bei unseren Gedankenspaziergängen in der Welt des Geistes vertrieben aus der ewigen Welt des Seins (Ontologie, Eternalismus), in der die Dinge in der Welt eindeutig, objektiv beschrieben werden können. Es gibt die Dinge nicht wirklich, die Dinge sind eine im Geist gedachte Welt. Diesen Gedanken dachten Denker schon vor langer Zeit. Wir sind als einsame Bewusstseine immer ganz allein. Die Philosophen nannten dies Solipsismus. Schwierig! Inakzeptabel! Ein Leben ohne feste Basis, ohne absolute Wahrheit, das darf es nicht geben. Das ist böser Nihilismus. Soweit kommt man, wenn man - wie mein Deutschlehrer zu sagen pflegte - dumme Fragen stellt. Beim spanischen Dichter Antonio Machado hab ich Trost gefunden: Wanderer, es gibt keinen Weg, man macht den Weg, beim Gehen.


Caminante, son tus huellas

el camino, y nada mas.

Caminante, no hay camino,

se hace camino al andar.

Al andar se hace camino

y al volver la vista atras

se ve la senda que nunca

se ha de volver a pisar.

Caminante, no hay camino

sino estelas en el mar. Antonio Machado

Wanderer, es gibt keinen Weg, wir machen den Weg beim Gehen. Ich musste lange nachdenken über diesen Satz. Ich verstand nicht. Ich war - nach einer langen Reise von Einsiedeln durch Frankreich und Spanien - ans Ende der Welt gekommen, nach “finis terrae”. Ich war einen langen Weg gegangen, bis ich dort am Strand sitzenbleiben musste, weil kein Weg weiterführte. Beim Sitzenbleiben am Strand dachte ich über den Weg nach. Ich war mit einem klaren Ziel vor Augen gereist, ich wollte nach Santiago de Compostella, und unterwegs verlor ich das Ziel aus den Augen. Am Ende der Welt wusste ich nicht mehr weiter. Was bedeutet “Wir machen den Weg beim Gehen”? Ich hatte den Inhalt dieses Satzes doch ohne Probleme vom Spanischen ins Deutsche übersetzt: “No hay camino” - es gibt keinen Weg, “se hace camino al andar” - der Weg macht sich beim Gehen. Ich verstand die Wörter. Aber der “Sinn” blieb mir verschlossen. Ich verstand nicht. No hay camino, das ist gelogen, das ist nicht richtig, das stimmt nicht. Natürlich gibt es den Weg, unsere “Wege” sind nicht zu übersehen, wir können sie sogar hören, wenn es von der Autobahn her brummt. Erst nach langem Nachdenken verstand ich, was der Dichter meinte: Er fragte “Wie erkennen wir die Welt?” Wir erkennen die Welt beim Gehen, beim Handeln. Wanderer, es gibt keine feste Erkenntnis, Erkenntnis schaffen wir beim Handeln. Unser Wissen hat keinen festen Grund.

Erkenntnis und Wissen sind keine Dinge, es sind Prozesse. Wir erkennen die Welt beim Gehen, beim Handeln. Wanderer, es gibt keine feste Erkenntnis, Erkenntnis schaffen wir beim Handeln. Die Funktion dieser geistigen Prozesse ist es, uns Modelle der Erscheinungen zu schaffen, die uns ermöglichen, uns in unserer selbergeschaffenen Welt zu bewegen. Was soll ich jetzt tun, wie soll ich reagieren, wie soll ich mich jetzt verhalten? Wie soll ich handeln? „Mehrzellige Lebewesen haben im Verlaufe einer langen Entwicklungsgeschichte ein Organ entwickelt, das ihnen gestattet, die Zukunft zu wählen - das Gehirn. Bei einfacheren Lebewesen sind die Entscheidungen noch festprogrammiert. Sie können nicht wollen. Das Wollen und das Entscheiden lernten Säugetiere und Vögel. Sie können Erfahrungen sammeln und ihre gelernten Erfahrungen für überlebensfördende Entscheidungen einsetzen“ (Margulis and Sagan, Alwyn Scott ). Wir Menschen haben dazu gelernt, unsere Erinnerungen in der Form von Symbolen zu speichern. Unsere Sprache hilft uns, Antworten auf die Frage: Was jetzt? zu finden. Sprache stellt Zusammenhänge her. Wörter sind Namen für Vorstellungen von Beziehungen. Substantive sind Wörter, die eine bestimmte Beziehung zu Verben haben. Verben bedeuten Relationen zum Subjekt. Wörter haben nicht eine Bedeutung in sich, wir interpretieren Zusammenhänge. Bedeutung ensteht aus dem Zusammenhang, aus dem Kontext. Sprache ist immer ein Prozess, Miteinander im Dialog.

Es geht in der Sprache immer um Beziehungen, um Handlungsanleitung. “Regen” ist für den Wanderer ein anderer Regen als für den Arbeiter im Büro. Was Regen bedeutet, ergibt sich aus dem Umfeld, in dem wir sprechen. “Es regnet” heisst für den einen dies, für den anderen das. Wir verstehen Sprache, weil wir - zusammen mit anderen - in einer Welt der Sprache leben und gelernt haben miteinander zu handeln. Unsere Welt ist eine Menschenwelt von Handelnden. “Es regnet”, weil hinter allem Geschehen Gründe liegen, kausale Zusammenhänge des Handelns. “Es regnet” und “es stinkt”, weil sprechende Menschen sich als Subjekte von der Aussenwelt unterschieden wahrnehmen, weil wir Menschen die Welt in Innen und Aussen einteilen und Menschen von Innen auf die Aussenwelt wirken können. Syntaxstrukturen, die ein grammatisches Subjekt verlangen, haben sich entwickelt, weil Menschen agieren und nicht nur re-agieren. Menschen sind Handelnde. Sie suchen darum überall nach Handelnden und erfinden für alle Prozesse den Bewirker. Menschen leben in einer Welt, in der alles einen Grund hat. Aller Wirkung muss ein Handeln vorausgegangen sein. Die Denker seit der Antike haben versucht, Regeln für diese Wirkungen zu beschreiben und mit solchen Regelmässigkeiten die Zukunft vorauszuberechnen.

In einer Welt, in der alles einen Ursprung hat, muss auch das Unberechenbare berechenbar sein, denn es ist nach Regeln vorausbestimmt. Die indogermanischen Völker glaubten an die Macht des Schicksals. Schicksal ist in den Glaubenssystemen der indischen Arier, der Germanen, der Griechen eine weibliche Gottheit, die über den Göttern steht. Die Fäden des Schicksals spinnt eine Agentin. In diesem Bild ist die Welt eine Ordnung (Komos), die aus Unordnung (Chaos) gemacht wurde. Das unberechenbare Ungeordnete geht der Ordnung voraus. Und dann kommt der Demiurg, der Macher der Ordnung, er sorgt für Ordnung. Er setzt - oben, an der Spitze - die Gesetze, und seine Ordnung wirkt von oben nach unten (top-down). Das Schicksal wird gemacht, es ist von Aussen vorgegeben (Prädestination). Die Indogermanen erleben die Welt nach dem Prinzip des Machens. In der Vorstellung der uralten, prähistorischen Kosmologien, in denen das Prinzip des Werdens im Zentrum stand, wurde Ordnung nicht von oben eingesetzt, sie entstand in Ordnungsprozessen von unten nach oben (bottom-up). Das Schicksal wurde nicht von oben gemacht, es wurde von unten gesponnen. Das Schicksal ist nicht vorbestimmt, wir machen es mit unseren Handeln. Wir tragen für unser Handeln die Verantwortung. Diese Erkenntnis haben vielleicht die “gescheiten” Affen den “dummen” Denkern voraus. Affen wissen, dass sie ihr Leben durch geschicktes Interagieren selber steuern. Das Schicksal kommt nicht von Aussen. Lebewesen machen ihre Lebensgeschichte durch eigenes Handeln.

Menschen haben dazu noch gelernt die Auswirkungen ihrer Handlungen auf andere zu reflektieren. Sie können ihr Handeln reflektieren. Sie denken nach über das Entstehen von Ordnung. Für die heutigen Evolutionstheoretiker ist das Entstehen von Ordnung ein Selbstorganisationsprozess, ein Prozess der Ordnungsentstehung von unten nach oben. Lebewesen sind offene, selbstregulierende Systeme. Sie bauen Ordnungen auf. Sie konstruieren sich ihre Ordnungsstruktur im Inneren durch ein System von Prozessen, das Beziehungen bezeichnet. Was Nervensysteme auszeichnet, ist ihre Abgeschlossenheit von allem Aussen. Lebewesen ordnen Unterscheidungen, die sie im Innenbereich treffen. Sie konstruieren artspezifische Modelle der Aussenwelt. Alle Lebewesen, die sich aus Unterscheidungen ein Modell der Aussenwelt im Gehirn schufen und lernten eigene Erfahrung zu ordnen und zu speichern, können “Wissen” auch zur Steuerung des Verhaltens einsetzen, sie agieren zusammen mit einer Aussenwelt und formen ihre “Re-Aktionen” in ihrer Innenwelt. Dieses Innen-Aussen-Schema erfahren wir Menschen als Säuglinge in unserem Umgang mit dem ersten “unterscheidbaren Objekt”, unserer ersten Bezugsperson, der Mutter, der wir Nahrung und Wärme abfordern. Das ist das früheste “Wissen”, das wir uns aneignen. Es ist unsere erste “Erfahrung”. Wir lernen zu inter-agieren. Daraus entwickelt sich unsere Vorstellung vom handelnden ICH und dem andern, dem Aussen, den Objekten. In einem langen Prozess lernen wir dann auch Unbelebtes von Belebtem zu unterscheiden.

Der Umgang mit Lebendem ist immer eine Interaktion, die nicht vorhersehbar ist. Mit Dingen lernen wir einfach umgehen. Sie fallen zu Boden, wenn man sie nicht festhält. Aber - sie springen einem nie in den Schoss. Das tun nur Lebewesen. Der Umgang mit Lebewesen ist viel schwieriger. Lebewesen handeln “spontan”, nicht voraussagbar. Es braucht viel mehr Denkkapazität, um die geeignete Strategie im Umgang mit denkenden Mitlebewesen zu planen. Durch Lernprozesse formen wir Vorstellungen von Personen und Dingen, von Aktionen und ihren Zusammenhängen. Menschen lernen dies mit der Sprache. In diesem Prozess der Suche nach Regelmässigkeit und Ordnung ist die Grundstruktur der Sprache bindend. Es geht immer um die Frage “Wer tut wem was”? Es geht immer um Subjekte, die handeln, die wirken, die tun. Es tut. Es regnet. Die Unterscheidung “Agent - Handlung - Ziel der Handlung” ist die fundamentale Ordnung aller Sprachen. Linguisten nennen sie die Subjekt-Prädikat-Relation.

Substantive und Verben, sind nicht Namen sind, sondern Bezeichnungen für Beziehungen. Dass in allen Sprachen der Welt Dingwörter und Tunwörter unterschieden werden, ist eine erste fundamentale Unterscheidung der Menschen. Sie müssen differenzieren zwischen Gleichbeleibendem und Veränderlichem. Was über eine bestimmte Zeitspanne sich nicht verändert, ist ein Ding oder ein anderes Lebewesen, was sich verändert, sind beobachtbare Prozesse. Wir nehmen für alle Prozesse einen Bewirker an, einen Agenten. Die Subjekt-Prädikat-Relation, die zweite fundamentale Ordnungsstruktur der Sprache, unterscheidet Ursprung und Ziel der Handlung. Die Unterscheidung von Innen und Aussen - die wir mit allen anderen Lebewesen teilen - ermöglichte den Primaten mit grossen Gehirnen das Erkennen von sich selbst als Handelnde, die auf die Objektwelt aussen wirken. Unser Denken wurde mit der Sprache rückbezüglich, selbstreferentiell.

Wir erfahren uns selber als Wünschende, als Wollende, wir handeln. Es - werde! Subjekt - Prädikat. Das ist die Grundstruktur unserer menschlichen Sprach-Welt. Alles, was sprachlich erklärbar ist, folgt diesem Schema. Eine Handlung muss einen Agenten haben. So erfinden wir den Regner. So erfanden wir auch den allmächtigen Gott, den unbewegten Beweger. Fiat lux! Es werde Licht! Wir erfanden so den grossen Macher. Wir trennen dabei das Gemachte (die Dinge) von ihrem Verhalten. Es gibt aber keine Dinge ohne Verhalten. Panta rhei. Alles fliesst (Heraklit). Die festen Dinge sind Erfindungen unserer Gehirne. Wir Menschen bauten uns eine Welt der Sprache. Wir brauchen diese Sprachwelt, um miteinander in Verbindung zu treten. Sprache ist auch Medium des Aufbaus unserer inneren Welt, unseres Bewusstseins. Der Sprachprozess hat Anteil am Aufbau unseres Bewusstseins und am Aufbau des Systems unserer Beziehung zu den anderen. Das Medium Sprache ist die Verbindung des Bewusstseins von Einzelnen mit dem Bewusstsein der Gesellschaft (kollektives Bewusstsein).

Mit der Sprache reflektieren und interpretieren wir Beziehungen. Wir lernten dabei zu unterscheiden zwischen einer Welt der leblosen Materie und der Welt des Lebendigen. In der Welt der Dinge wirken Kräfte. In der Welt der Lebewesen wirkt Information.

Wissenschafter versuchten Bausteinen der Welt auf die Spur zu kommen (Reduktionismus). Wissenschaft beschreibt die Kräfte, die diese Teilchen zusammenhalten. Die Wissenschafter “reduzierten” komplexe Gefüge (Systeme) auf ihre Bestandteile und verloren dabei aus dem Auge, dass Gefüge mehr sind, als die Summe ihrer Teile. Es muss in der Welt der Gefüge, in der Welt der Organismen, ein Muster geben, das Elemente verbindet . Dieses Muster - schreibt Gregory Bateson - sind ähnliche Beziehungen (Relationen) zwischen Teilen. Es sind nicht messbare Quantitäten, sondern immer Formen und Beziehungen, neue Qualitäten. In der Welt der Menschen ist es die Sprache, die verbindet. Das Medium Sprache ist ein neuer Rahmen. Wir müssen die Gesetze der Beziehungen studieren. Die “reduzierten” Einzelteile: Laute, Wörter, Sätze, erklären unsere Sprachwelt nicht. Wir müssen fragen, wie wir Sprache verstehen. Das Umfeld der sprachlichen Äusserung (Kontext) bestimmt den Interpretationsprozess. Wir verstehen Sprache mit unserer gesamten Erfahrung, mit unserem “Hintergrundwissen”. Mit anderen Worten: Wir verstehen nicht Wörter und Sätze, wir verstehen Geschichten.

Unser Kommunizieren ist ein ein Netzwerk von Sprechhandlungen. Dieses Netzwerk bestimmt unser Miteinander, es definiert unsere Rollen, unsere Stellung innerhalb der Gruppe. Wir nennen diese gemeinsamen Akte des Redens “Sprechakte”: Aussagen, Versprechen, Erklärungen, Bitten. Sprache ist Handlungsanweisung. Sprechakttheoretiker untersuchen die Regeln der sprachlichen Handlungen. Sie unterscheiden zwischen dem Inhalt (dem "propositionalen Gehalt") einer Äusserung und deren kommunikativer Funktion. Was wir sagen, ist nicht immer das, was wir sagen wollen und wir sagen manchmal durch Nichtsagen mehr als durch Reden. Unser Verstehen der Welt ist ein komplexer Prozess des “In-Beziehung-Setzens”. Wir bilden keine äussere Welt ab, wir konstruieren eine Welt, in der unsere Handlungen “Sinn machen”. Wir bringen gemeinsam eine Welt hervor. Wir verstehen eine gemeinsam hervorgebrachte Welt. Sprache ist ein Medium des Verstehens der Welt, ein Mittel durch Handeln und Erkennen eine innere Welt zu ordnen, die in Beziehung steht mit dem Aussen, der Welt, in der wir handeln. Wir interpretieren die Welt durch unsere sprachlich geprägten Weltbilder.

Menschen entwickelten ein verbindendes, verbindliches Weltbild. Sie verstehen eine sprachlich geprägte Welt und sie können miteinander kommunizieren, weil sie mit ihrem Lexikon, ihrem Wort-Schatz, diese Welt teilen. Wir verstehen einander, weil wir Annahmen über die Welt teilen. Unsere Sprache ist ein Werkzeug der zwischenmenschlichen Kooperation. Nur Menschen können Bedeutung verstehen, die codierte „Information“ interpretieren. Wie? Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist eine neue Sparte der Linguistik entstanden, die versucht die Grundfrage des Verstehens zu ergründen. Die neue Wissenschaft heisst Pragmatik, nach dem griechischen “pragma, die Handlung”. Sie beschreibt den Sprachgebrauch, sie studiert “parole”, das Sprechen, den Dialog. Das Interesse der Linguisten verlagerte sich von der abstrakten Sprachstruktur (langue) zum Sprachgebrauch (parole). Dabei verschob sich der Suchscheinwerfer ins Dunkel unseres Geistes vom Individuum und seiner “eingebauten” Sprachstruktur auf die Prozesse des sprachlichen Miteinander, auf die Situationen des Dialogs und auf die Phänomene des gemeinsamen Wissens, die uns erst Verstehen ermöglichen. Die Forscher sprechen von “Hintergrundwissen” oder “common sense”. Menschliche Sprachen sind ein kollektives Gedächtnis. Unser Sprachorgan Gehirn analysiert beim Verstehensprozess nicht nur Wortbedeutungen und Satzbedeutungen, es zieht Schlüsse (Inferenzen) aus nicht-linguistischer Information. Der Prozess des Verstehens kann nicht als eine Menge von Interpretationsregeln beschrieben werden. Wir agieren in einer Umwelt, indem wir sie bewerten, indem wir Qualitäten unterscheiden. Wir verstehen immer Qualitäten. Wir produzieren Bedeutung nach individuell gelernten Erfahrungen. Das bedeutet, dass wir die Bedeutung von Sprache nicht mehr als Struktur von der Art unserer Wörterbücher beschreiben können. Bedeutungsforschung ist nicht mehr - wie in der traditionellen Abbildungshypothese - eine Suche nach Übereinstimmung von Inhalt und Referent; pragmatische Bedeutungforschung untersucht, wie Sprecher Sprache brauchen, wie sie interpretieren.

Zentrales Problem ist dabei die Subjektivität der Interpretationsprozesse. Die Zuweisung von Bedeutung ist nicht objektiv fassbar. Es spielen beim Verstehen von Sprache subjektive Erfahrungen eine entscheidende Rolle. Mit solchen subjektiven Phänomenen konnte die objektive Wissenschaft mit ihrem Abbildungsmodell nicht umgehen. Menschen verstehen ihre Welt immer durch subjektive Interpretationsprozesse. Wir “wählen” Bedeutung. Was wir Wahrheit nennen, lässt sich nicht als Übereinstimmung unseres Bildes mit dem Objekt, dem “Ding an sich” beweisen, Wahrheit ist Übereinkunft von Denkern, deren subjektive mentale Prozesse, Gefühle und Gedanken einem Beobachter von aussen nicht zugänglich sind. Beobachtbar ist nur das äussere Verhalten. Die Verhaltensforscher der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts behaupteten, dass sich Verhalten durch das Beobachten von äusseren Anstössen (Stimulus) und Reaktionen (Response) erkären lasse. Lebewesen waren konditionierte Automaten. Es ist erst durch die Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung der letzten Jahrzehnte klar geworden, dass Entscheidungprozesse von Lebewesen eben gerade nicht automatisch sind, sondern kreativ, immer wieder neu. Besonders die Lebewesen mit grossen Gehirnen sind in der Lage, immer wieder neu und überraschend zu reagieren. Sie können entscheiden. Die Fähigkeit zu wählen macht den Umgang mit Lebewesen zu einem schwierigen Spiel. Im Falle der Handlungskoordination von Menschen, die ja ihre Absichten und Pläne besprechen können, zeigte sich, dass die Gedankenarbeit des Verstehens durch den Hörer kreativ ist. Hören und Verstehen heisst immer auch Ungesagtes ergänzen. Der amerikanische Sprachphilosoph Paul Grice nannte solche Ergänzungen Implikaturen. Spracheverstehen bedeutet vervollständigen, was der Codierungsprozess des Sprechers offen liess. Es wird beim Verstehen mehr mitbedacht, als tatsächlich gesagt wurde. Der Sprecher verlässt sich beim Reden darauf, dass ihn der Hörer verstehen wird. Es gibt zwischen Sprecher und Hörer einen ungeschriebenen und unausgesprochenen Vertrag, nach dem wir einander nur Sinnvolles und Wichtiges mitteilen (Relevanz). Stillschweigende Verhaltensregeln verpflichten die Sprecher, so zu kommunizieren, dass die Aussage für den Empfänger “relevant” ist . Kommunikation wird dabei definiert als aktives Beeinflussen eines anderen Individuums. Lebewesen kommunizieren, weil sie etwas beeinflussen wollen. Sprechende Menschen setzen voraus, dass die Lautfolgen, die sie hören, etwas bedeuten und sie geben sich beim Hören immer Mühe, etwas zu verstehen. Absichten unserer Mitmenschen verstehen, wissen, wer-wem-was tun will, das ist die grundlegende Fähigkeit des Kommunizierens.


Er: Ich verlasse Dich.

Sie: Wer ist sie? (Robin Dunbar )

Menschen können aus diesem Kürzest-Drama eine ganze komplexe Geschichte konstruieren, ein abendfüllendes Fernsehdrama. Evolutionpsychologen nennen diese Fähigkeit “soziale Intelligenz”. Es geht um Fähigkeiten der Kommunikation zwischen Individuen. Wo aus einer anonymen Herde eine Gruppe von Individuen entstanden ist, müssen die Partner immer wieder interagieren. Sie lernen sich gegenseitig beeinflussen. Das schnelle Erkennen von Wer-wem-was-tut und das Reagieren auf Zeichen ist die entscheidenste Denkfähigkeit aller soziallebender Wesen.

Verstehen heisst immer Zusammenhänge konstruieren, Beziehungen zu entdecken. Am Grund des Verstehens liegt die Fähigkeit, die Gedanken der anderen zu lesen. Im englischen Sprachbereich haben die Psycholinguisten dafür das Wort “mind-reading” geprägt. “Mind-reading” bedeutet, in der Lage sein, den anderen Motive zuzuschreiben, denken zu können, was in den anderen vorgeht, vorausberechnen können, wie die anderen reagieren. Unsere Erwartungen und unsere Erinnerungen bestimmen, wie und was wir verstehen. Wahrnehmen und Handeln sind Gehirnprozesse, die unabhängig von äusseren Einflüssen innere Bilder erzeugen und durch Anregungen unsere Motorik steuern. Lebewesen steuern ihr Verhalten auf Grund von Annahmen über die Welt (Hypothesen). Solche Annahmen (beliefs) sind auf vielen Ebenen möglich. Ich kann glauben und ich kann glauben, dass ich glaube. Ich kann glauben, dass sie glauben und ich kann glauben, dass sie glauben, dass ich glaube. Diese Ebenen des Verstehen nennen die Philosophen Intentionalitätsebenen, Verhaltensforscher sprechen von einer “Theory of Mind”. In sozial lebenden Gruppen entwickelte sich die Fähigkeit des Lesens von Gedanken anderer Gruppenmitglieder aufgrund von Annahmen über Annahmen der anderen.

Wir brauchen die in Wörtern gesammelte Erfahrung unserer Vorfahren in bestimmten sozialen Kontexten um uns gegenseitig einzustimmen auf gemeinsames Tun. Alles Sprechen ist Geschichtenerzählen. Honolulu! Ein Wort, und sie haben alle eine Geschichte verstanden. Hawai, Südsee, Hula-Hula, Vahine, Gauguin. Verstehen Sie diese Geschichten?

Als die Menschen lernten, sich Geschichten zu erzählen, veränderte sich die Struktur ihrer Gruppen. Es entstanden Gruppen mit gemeinsamen Erinnerungen (kollektives Gedächtnis). Geschichtenerzählen hat uns zu “langfristigen” Menschen gemacht. Wir können mit Geschichten Pläne machen und von den Ahnen der Traumwelt lernen. Wir lernten beim Ordnen von Erfahrungen in Geschichten, die Zeit im Ablauf zu verstehen. Wir können mit unseren erinnerten und erzählten Geschichten die Zeit ordnen. Wir erleben in Geschichten den Fluss der Erfahrungen, den Fluss der Zeit. Die Fähigkeit des langfristigen Denkens hat die Menschen zu engen Gruppen verbunden. Menschen lernten dabei das gemeinsame Planen, und diese Gruppenaktivität bestimmte den Aufbau der frühen Menschengruppen. Sie planten beim Palavern, beim Finden eines Konsens. Menschen suchen gemeinsame Ziele. Sie formulieren diese Ziele in Geschichten. Wir brauchen Sprache ganz anders als die Informationstheoretiker uns vorrechneten. Wir vermitteln nicht Botschaften, Mitteilungen, wir tauschen Erfahrungen. Information kommt uns nicht von aussen zu. Information ist die Ordnung, die sich aus dem Denken, den kognitiven Aktivitäten der Lebewesen selbst ergibt. Menschen sammeln nicht Informationen, sie verstehen die Welt, wenn sie Erfahrungen machen und diese Erfahrungen speichern. Verstehen bedeutet miteinander Erfahrungen sammeln, es bedeutet kooperieren. Das Lesen der geistigen Prozesse in den anderen Lebewesen - was wir “mind-reading” oder “Theory of Mind” nannten - geht weit vor die Entstehung unserer Wortsprache zurück. Lebewesen mit einer “Geisttheorie” verstehen sich selber und ihre Umwelt durch Einfühlung. Schauen Sie sich doch wieder einmal den “Denker” von Rodin an. Er denkt nicht mit einem abstrakten Computerprogramm, er denkt mit Gefühl. Sie dürfen ihn von heute an den “Fühler” nennen. Denken sie vielleicht auch an die zentrale Funktion des Gefühls, wenn Ihnen ein besonders gescheiter Politiker am Fernsehen die Resultate seines Denkens als logische Wahrheit verkaufen will. Lachen Sie, nehmen Sie solche Denker nicht mehr ernst. Sie lernen dabei möglicherweise auch, sich selber nicht mehr allzu ernst zu nehmen.


Die Sprache der Gefühle ermöglicht eine neue Form der Kommunikation zwischen Lebewesen. Tiere lernen “lesen”, sie verstehen emotionale Signale, Mimik, Droh- und Beschwichtigungsgebärden. Bei uns Menschen spielt diese Sprache immer noch eine entscheidende Rolle, wir nennen sie “non-verbale Kommunikation” und meinen damit die Zeichen, mit denen wir uns durch Gesten und Stimmlage und Ausdruck und Körperhaltung verständigen. Über die Sprache der Gefühle bauten sich die Homo sapiens eine Sprache des Verstandes, eine Wortsprache, in der die Symbole nicht mehr Ereignisse sind, sondern benannte Vorstellungen von Dingen und Handlungen (Substantive und Verben). Erst diese Form der Sprache ermöglicht gemeinsames Planen. Planen ist Denken übers Denken, oder wie die Systemtheoretiker sagen, Meta-Denken. Mit der Wortsprache erreichen wir die Stufe Meta-Meta-Denken, Denken übers Denken übers Denken. Jedes unserer Wörter ist “Meta-Meta”, vom verarbeiten Sinnesausdruck - Denken - zum Denken übers Denken der bildhaften Vorstellung und mit der Benennung zum Denken übers Denken übers Denken. Bei diesem abstrakten Treppensteigen haben Menschen gelernt rational zu Denken, es entstand der menschliche Verstand.

Mit der Wortsprache entstand ein neues Medium für die Ordnungsprozesse des Geistes, das Denken der sprechenden Menschen ist anders strukturiert. Die Gehirne der Homo sapiens sind nicht nur grösser als diejenigen ihrer Vorgänger, sie sind auch anders organisiert. Es sind - wie die Neurolinguisten sagen - neue Module entstanden. Solche spezialisierte Hirnbereiche gibt es nicht nur für die Sprache, sondern auch für andere Denkprozesse. Der Psychologe Howard Gardner untersuchte die Prozesse der Symbolisierung in anderen Bereichen: Als-ob-Spiele, zwei-dimensionale Abbildungen (Zeichnungen), dreidimensionale Abbildungen (Modellieren mit Lehm und Bauen mit Bauklötzen), körperlichen Ausdruck, Musik und Mathematik. Die Ergebniss seiner Arbeiten stützen die These, dass es für alle diese Symbolprozesse eigene Module gibt. Sie arbeiten bereichsspezifisch, doch lassen sich bestimmte Grundprozesse aller Module beschreiben: vereinfachen, generalisieren, abstrahieren.

Grundlegend ist die Fähigkeit des Gehirns, die Komplexität der Welt zu vereinfachen und kategoriell zu ordnen. Die Philosophin Patricia Churchland nennt diese Fähigkeit “kognitive Verdichtung”. “Aufgrund der kognitiven Sparsamkeit der Sprache - ihrer Tendenz , viele Begriffe unter einem Symbol zusammenzuziehen - vermögen die Menschen immer komplexere Begriffe einzuführen und damit ansonsten undenkbare Abstraktionsebenen zu erreichen”(Damasio). Die Verdichtung von Sinnesreizen geschieht auf drei Ebenen der kognitiven Verarbeitung: Wahrnehmungsebene, Vorstellungsebene, Sprachebene. Jede dieser Ebenen hat ihre eigenen Verarbeitungsmuster. Auf der Ebene der Wahrnehmung verarbeitet unser Gehirn die Sinneseindrücke nach Regeln fürs Unterscheiden und Vergleichen. Was ich sehe, habe ich immer schon einmal gesehen. Ich sehe nichts Neues. Das heisst: Ich sehe nur, wenn mein Gehirn neue Eindrücke mit alten Erinnerungen vergleichen kann. Alles was ich wahrnehme ist “ähnlich wie....”. Völlig Unbekanntes könnten wir nicht Wahrnehmen. Die Regeln dieses Vergleichens heissen Kategorien.

Kategorien sind unsere Unterscheidungs- und Vergleichsregeln. Sie erlauben uns, die Welt “ordentlich” zu erfassen. Es sind diese Ordnungsregeln, die kognitive Verarbeitung (Denken) ermöglichen. Wir speichern nicht Ab-bildungen. Es kann keine direkte Verbindung zwischen dem Objekt und den Sinneseindrücken geben. Unsere mentalen Landkarten sind nicht “direkt” mit der Dingwelt verbunden. Lebewesen, die ihren “Umgang” mit der Welt draussen über Sinnesorgane in ihrer Aussenhaut steuern, haben auch Nervenzentren entwickelt, die Sinneseindrücke verarbeiten. In einem Vereinfachungsprozess konstruieren Nervennetzwerke ein Reaktionmuster, eine Repräsentation. Repräsentation heisst “Abbildung”. Wie bildet unser Gehirn etwas ab? Wir haben im Kopf kein Fotoalbum und kein Filmarchiv. Wir holen beim “Erinnern” keine abgebildeten Gegenstände” aus ihren Schubladen. Wir haben keinen kleinen Mann im Kopf, der Bilder betrachtet. Die Philosophen nennen den Mann Homunkulus, er ist der kleine Mann der unsere Bilder betrachtet, und er muss wiederum einen kleinen Mann eingebaut haben, der seine Bilder betrachtet und so weiter, eine endlose Reihe von kleinen Männchen, die betrachten. Repräsentationen sind nicht Ab-Bilder, es sind Umwandlungen in ein anderes Medium. Der Sinneseindruck des Dings der Aussenwelt wird verwandelt in ein Reaktionsmuster von Nervenzellen. Bei diesem Transformationsprozess wird ausgewählt und verändert. Sinnesorgane reagieren auf bestimme Unterschiede, sie suchen die Umwelt nach Unterschieden ab, sie leiten solche Unterscheidungen weiter an Nervennetzwerke, deren einzelne Neuronen unterschiedlich reagieren.

Diese “unterschiedlichen” Reaktionen sind die erste Ebene der Repräsentation (primary representation system). Diese Ebene der Erinnerungskonstruktion haben wir Menschen mit allen jenen mehrzelligen Lebewesen gemeinsam, die ein zentrales Nervensystem entwickelt haben. Wir teilen auch die nächste Schicht des Abbildungsprozesses mit diesen Lebewesen: Wir ordnen diese Nervenreaktionen in bestimmte Muster, die wir Kategorien nennen. Kategorien sind Muster von Nervenreaktionen. Sie ordnen Sinneseindrücke. Wir ordnen nach den Regeln der Wahrnehmungskategorien unsere Sinneseindrücke zu “Bildern”, zu Vorstellungen, zu Gestalten - zu Konzepten. Dies ist die zweite Ebene unserer kognitiven Verarbeitung, eine zweite Stufe der Verdichtung, eine Abstraktion der Wahrnehmungsabstraktion. Die “Gestalten” sind nicht identisch mit den wahrgenommenen “Dingen”, aber sie müssen den Dingen gleichen. Die Struktur der Wahrnehmung kann sich nicht ohne die fundamentale Einschränkung entwickelt haben, dass Lebewesen sich in ihrer Welt zurechtfinden. Die Modelle, nach denen wir unsere Aktivität, unser Verhalten richten, müssen der Struktur der Welt entsprechen. Tiere, die “falsche” Konzepte entwickelt hatten, überlebten nicht und gehören deshalb nicht zu unseren Vorfahren. Brauchbare Landkarten, nach den jeweils arteigenen Kategorien zu Bildschemata geordnet, enthalten ein ganzes System von Konzepten. Es sind Modelle der Welt. Alle Lebewesen, die ihren Umgang mit ihrer Umwelt über Sinnesorgane und und Verarbeitung in Zentralnervensystemen steuern, entwickelten solche “Gestalten”. Gehirne verdichten Sinneswahrnehmungen. Sie strukturieren Stimuli nach kategoriellen Unterscheidungen und konstruieren aus der Verbindung von Wahrnehmung und Erinnerung Konzepte. Menschen haben dazu gelernt, diesen Gestalten einen Namen zu geben. Sie entwickelten Symbole. Sie entwickelten eine neue Ebene der Repräsentation, die Sprache, ein neues System der Referenz, eine sekundäre Repräsentationsebene der Namen. Unsere Wörter beziehen sich nicht auf Dinge. Wörter haben keine Referenten in der sogenannten “realen” Welt, Wörter sind keine Namen für Dinge, sondern Symbole für Vorstellungen (Konzepte).

Die Suche nach Referenten - nach dem Bezug der Sprache zur Realität - beschäftigt die Sprachphilosophen bis heute. Sprache spiegelt doch Realität. Aber eben - die Sprache spiegelt nicht, die Sprache bildet nicht ab. Die Sprache ist eine “mapping operation”, sie konstruiert eine Landkarte. Sie konstruiert “Namen” für Vorstellungen. Diese Namen deuten nicht auf “Referenten”, sie deuten auf Vorstellungen. Es gibt “kognitive Dimensionen” , die nur dem sprechenden Menschen zugänglich sind, die Zeit, die Vorstellung, das Darstellen, das Zählen. Unsere Cousins, die Schimpansen, können zwar lernen, Symbole zu brauchen. Sie können aber nicht lernen, sich Geschichten zu erzählen und sich in einer lachenden Gruppe als Hörer und Erzähler Fragen zu stellen über das Morgen und über das Nicht-Reale, das Fiktive, das Jenseitige, das Dort. Schimpansen können mit Zeichen, die etwas bedeuten, umgehen. Sie bleiben dabei in der Gegenwart. Sie planen nicht für morgen, ja, sie kennen kein Morgen. Schimpansen erzählen keine Geschichten, weil ihnen die analytisch-syntaktischen Gehirnzentren fehlen, die Satz- und Geschichtenstrukturen generieren können. Sie können aber im Geiste umgehen mit Beziehungen zu anderen, sie können von anderen etwas wollen und Strategien planen, wie sie ihre Ziele erreichen könnten. Mentales Probehandeln ist schon ganz eindeutig bei den Schimpansen möglich. Aber Schimpansen sprechen nicht. Sie können jedoch Menschensprache verstehen. An der Georgia State University (Sue Savage-Rumbaugh) arbeiten die Forscher nicht mit Schimpansen, sondern mit den sehr seltenen Bonobo, den Zwergschimpansen. Beim Training eines dieser Tiere war vor 10 Jahren ein Jungtier immer dabei. Dieses Zwergschimpansenkind “Kanzi” wurde nicht trainiert. Aber er war immer dabei, wenn seine Mutter in die Sprachstunde ging. Und Kanzi lernte mit. Er versteht Englisch. Sagt man ihm: Hol die Orange, dann holt er die Orange. Kanzi kann noch mehr. Er versteht auch den Satz: Hol die Orange im anderen Raum. Wenn man allerdings eine Orange vor ihn hinlegt und ihm sagt: Hol die Orange im anderen Raum, dann zögert er, blickt auf die Orange und geht erst nach langem Überlegen. Sagt man ihm aber: Hol die Orange, die im anderen Raum ist, dann geht Kanzi ohne zu Zögern in das andere Zimmer und holt die Frucht. Sue Savage-Rumbaugh, die Sprachlehrerin von Kanzi, geht davon aus, dass sich Denkfähigkeiten kontinuierlich entwickelten und schliesslich im Menschen ihren Höhepunkt erreichten. Sie findet bei ihrem Pflegling Kanzi schon Ansätze einer Syntax, das heisst der Fähigkeit, Wörter zu ordnen. Das sind Vorstufen von Sprache bei Primaten, eine Protosprache.

Um diese Vor-Sprache zu studieren, werden seit den 50er Jahren Schimpansen sprachlich trainiert. Die frühesten Versuche, einem Schimpansen das Sprechen beizubringen, misslangen. Schimpansen haben keinen adequaten Stimmapparat. Später brachten die Forscher ihren Zöglingen Zeichensprache bei, ASL (American Sign Language). Auch durch Symbolmanipulationen am Computer versuchten die Forscher mit ihren Zöglingen zu kommunizieren. Mit erstaunlichen Resultaten. Dass ein gescheiter Schimpanse mit farbigen Plastiktäfeli sagen kann: Gib Banane mir! ist schon viel. Schimpanse kann aber auch Fragen verstehen. Die Frage besteht aus drei Symbolen: Symbol - was ist? Symbol - welche Farbe? und Symbol - Apfel. Er setzt dann für Symbol - was ist? ohne Probleme das Symbol “rot” ein. Unsere Cousins haben die Fähigkeit zur Symbolverwendung auf der ersten Repräsentationsebene (primary representation system) hochentwickelt. Sie können im Geist symbolische Denkprozesse ausführen. Schimpansen können aber die zweite Repräsentationsebene ohne Training nicht erreichen, die Ebene der Namen. Die Fähigkeit des Benennens, das hatten die Denker uralter Mythen schon erkannt, macht den Menschen zum Menschen. Am Anfang war das Wort.

Benennen ist eine Verbesserung des Vorstellungsvermögens. Menschen entwickelten Vorstellungen von Vorstellungen. Die meisten einfacheren Tiere handeln instinktiv, nach angeborenen Verhaltensprogrammen. Auf einer höheren Entwicklungsstufe kommen sie mit angeborenen Lernprogrammen zur Welt. Zu diesen angeborenen Verhaltensprogrammen gehört auch unsere Sprachfähigkeit. Wir können (und müssen) Sprache in einem langen Prozess lernen. Kinder lernen beim Spielen, sie tun Als-Ob - sie tun, wie wenn es so wäre. Um durch Spielen lernen können, brauchen wir ein sehr leistungsfähiges Gehirn. Wir müssen uns die Welt im Kopf vorstellen und die Welt im Kopf verändern können. Das Vorstellungsvermögen (Imagination) gehört zu den Voraussetzungen für das Lernen durch Spielen und beim Menschen für das Lernen durch Sprache. Unser Wahrnehmungsapparat kann nicht nur “für wahr” nehmen, unser Gehirn kann auch Bilder vor uns stellen, “vor-stellen”, und diese Vorstellungen im Planungsprozess verändern. Menschen können also nicht nur denken über ihre Erfahrungen, sie können auch über ihre Vorstellungen, d.h. über ihre Phantasien denken. Dieses Nach-Denken ist eine neue Denkebene, eine Meta- Ebene, eine metarepresentative Fähigkeit (Gardner ). Schimpansen erreichen diese Ebene der Abstraktion nicht. Sie können sich zwar vorstellen, wie der andere reagiert, sie können aber nicht denken, dass die anderen denken. Sie können keine Annahmen zweiter Ordnung machen. Wenn ein Kind " so tut, als ob”, ist es mit einer geistigen Tätigkeit befaßt, die sich von einer Darstellung "erster Ordnung" unterscheidet. Wo es früher eine Banane erblickte und sie für sich selbst bezeichnete - "dies ist eine Banane” -, macht es jetzt im Kopf einen andersartigen Spielzug. Es hält sich die Banane an den Mund und "spricht" in sie hinein. Es geht über zu einer Darstellung zweiter oder höherer Ordnung, in der es versichert: "lch gebe vor, daß diese Banane ein Telefon ist, und im Augenblick versuche ich, sie auch so zu behandeln (Gardner ). Die Arbeiten von Entwicklungspsychologen, die Kinder und das Wachsen ihrer kognitiven Fähigkeiten studieren, lassen erkennen, dass kleine Kinder schon vor der Wortsprache eine Sprache des Denkens ausbilden, in der sie für sich selbst Tatsachen über die Welt ausdrücken (dies ist ein Stuhl, dieser Hund ist nahe, ich will dieses Essen haben, ich fühle mich gar nicht gut). Kinder entwickeln erste Theorien über die Welt . Sie lernen Regelmässigkeiten des Verhaltens der Menschen ihrer Umwelt einzuordnen, sie klassifizieren Erfahrungen. Diese Theorien sind sprachlich formuliert. Kinder beginnen sehr früh Regelmässigkeiten in ihrer Umwelt zu benennen, sie erfinden Namen. Kinder strukturieren ihre Erfahrungen in Geschichten. Psychologen sprechen von “scripts”, Grundgeschichten, nach denen Kinder beginnen, Ereignisse zu ordnen. Theorien über die Welt entwickeln sich vor der eigentlichen Sprache, d.h. bevor Kinder lernen Sätze zu bilden. Die ersten sprachlichen Äusserungen von Kleinkindern sind Laute. Schon mit sechs Monaten beginnen sie Laute zu üben, und mit etwa achtzehn Monaten sprechen sie ihre ersten Wörter: mamma, papa, ufe, abe. Meine Enkelin brauchte den Ausdruck “mii” für alles, was trinkbar ist, und sie erzählte mit diesem Kurzwort ganze Geschichten. Sie holte ihre Mutter, zog sie zum Kühlschrank, zeigte auf die Türe und sagte: Ich habe Durst, ich will etwas trinken, hier drinnen hat es etwas zum Trinken. Die Linguisten nennen solche Kurzgeschichten Holophrasen, Einwortsätze. Erst mit etwa drei Jahren sind Kinder in der Lage, mehrere Wörter miteinander zu richtigen Sätzen zu verbinden. Die neuen Formen des Zusammenhängens von Wörtern nennen wir Syntax. Entwicklungpsychologen gehen davon aus, dass sich erst im Alter von drei Jahren die Nervennetzwerke ausgebildet haben, die das Verbinden von Wörtern steuern (Satzbildungsmodule). Kinder entwickeln aber nicht nur eine Syntax der Sprache, sie bauen auch syntaktische Ordnungen anderer Symbolsysteme auf, sie lernen malen und zeichnen, sie entwickeln eine Grammatik des Singens, des Tanzens, sie bauen Strukturen aus Bauklötzen und “wissen”, dass man beim Bauen nicht das kleinste Element zuunterst hinstellen darf. Alle diese Symbolsysteme sind durch syntaktische Ordnungen gekennzeichnet. Am Anfang war der Satz.

Für die Kommunikation und das Denken der Menschen ist der Anfang aber nicht das Wort, auch nicht der Satz. Für uns Menschen gilt: Am Anfang waren die Geschichten. Es gibt es viele Geschichten. Geschichten: Hinter diesem Wort steckt der Begriff “Schicht” oder “Schichtung”. Lebewesen bauen sich eine geschichtete Welt. Sie erkennen geschichtete Kontexte, Umwelten, in denen sie interagieren. Aus dieser Schichtung beziehen wir Sinn, die Bedeutung unserer Handlungen, unseres Verhaltens. Für Menschen entsteht der Sinn ihres Tuns durch das Einordnen in einen Ablauf. Menschen erfinden Geschichte. Wir fragen, wie unsere Gegenwart entstanden ist. Wir erinnern uns. Wir fragen uns, wie die Zukunft sein wird. Wir planen. Menschen nehmen alles in einem Zeitrahmen wahr, sie erfinden Geschichten des Zeitflusses. Diese Fähigkeit des “Ordnens von Zeit” hat sich erst mit der menschlichen Sprache entwickelt. Tiere leben in einer ewigen Gegenwart. Sprechende Menschen verbinden die Assoziationen ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens zu komplexen Geschichten. Menschen verstehen immer Geschichten. Erinnern und planen sind so selbstverständliche Fähigkeiten, dass wir über sie nie nachdenken. Wir fragen uns auch nie, warum wir fragen können. Was braucht es, dass wir fragen können. Können auch sprachlose Tiere fragen? Menschensprache hat das Fragen, das Nachdenken nicht erfunden, Nachdenken ist dank Sprache nur ausgebaut worden. Symbole entstanden vor der Entstehung von Namen, aus der Fähigkeit zur Reflektion bei Lebewesen, die sich daran erinnern konnten, dass sie sich erinnern können. Lebewesen also, die wissen, dass sie wissen, und die dadurch sich selbst erkennen können.

Gnothi se auton - Erkenne Dich selbst -, der Spruch beim delphischen Orakel, ist so alt wie die erste Sprache. “Erkenne Dich selbst” ist nicht ein Befehl, alle Menschen erkennen sich selber. Man muss es ihnen nicht befehlen. Kenntnis von sich selber ist ein sozialer Prozess, er ist von den ersten Nach-Denkern, den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpansen, entwickelt worden. Dass die Fähigkeit der Symbolisierung, des Denkens über das Denken, schon lange vor den Menschen erfunden wurde, wissen wir seit Verhaltensforscher unsere Verwandten, die Schimpansen, intensiv beobachten und dabei entdeckten, dass Schimpansen “Menschen” sind. Sie erkennen sich im Spiegel. Sie können über sich selber nachdenken, sie können sich besinnen. Wir Menschen haben von unseren Vorfahren, den Menschenaffen, soziale Fähigkeiten geerbt, die uns das Zusammenleben in Gruppen ermöglichen. Diese Vorfahren haben im Verlauf von Millionen Jahren Werkzeuge der Gruppenkoordination entwickelt. Gruppentiere müssen wissen, wer wem was wann und warum getan hat. Sie müssen sich selber erkennen. Menschen haben diese Fähigkeit des Nachdenkens weiterentwickelt. Mindreading - Gedankenlesen - ist ganz zentral wichtig für das Entstehen von Sprache.

Aber - so glauben immer noch viele Zeitgenossen - das menschliche Denken ist viel mehr als blosses Gedankenlesen, mehr als subjektives Einfühlungsvermögen, mehr als intuitiv aus dem Bauch heraus reagieren. Die sprechenden Menschen haben gelernt “rational” zu denken. Es ist diese Fähigkeit der logischen Analyse, die uns zur Krone der Schöpfung macht. Wir haben mit dieser Fähigkeit gelernt die Welt zu beherrschen: „In einem Zeitraum von nur zwei Millionen Jahren entwickelte sich aus den bescheidenen Ansätzen eines noch recht affenähnlichen Geschöpfes ein Wesen, das Sonden ins Weltall schickt, die Nahaufnahmen von den Jupitermonden zur Erde zurücksenden. Unserem erfinderischen Geist scheinen kaum noch Grenzen gesetzt. Wir beherrschen, so scheint es, die Natur. Aber haben wir uns selbst unter Kontrolle?“ Das ist ein Kürzest-Mythos: “Die Evolution der Menschenmacht” des Verhaltensforschers Eibl-Eibesfeldt. “Dem erfinderischen Geist scheinen kaum noch Grenzen gesetzt”.

Planen - Handeln - Kontrollieren - Herrschaft, diese Fähigkeiten bestimmen die modernen Menschenkulturen. Herrschaft gibt es aber nicht seit den Anfängen, Herrschaft gibt es erst seit Geschichte geschrieben wird. Erst in Kulturen, die das Horten von Wissen erfanden, glauben die Menschen an Kontrolle, an die Herrschaft über Dinge und Menschen. Die Geschichte der Macht, ist nicht Millionen Jahre alt, sie geht nicht tausende von Generationen zurück, sondern höchstens vier bis fünftausend Jahre. Als sich die Menschen ihre ersten Häuptlinge schufen, als die Männer in den übermässig gewachsenen Gruppen die Führung übernahmen, als patriarchale Gesellschaften und Staaten entstanden, erfanden sie auch Beherrscher in ihrer Vorstellung. Sie erdachten sich mächtige Götter, die die Welt aus dem Jenseits regierten. Sie konstruierten den transzendenten Geist. Die Geschichten des allmächtigen Geistes wurden von gottgesalbten Priester-Kriegern erzählt. Diese Herren erfanden ein Weltbild, in dem das Kontrollieren und das Beherrschen zentral wichtig wurde. Seither erzählen sich die Herren Geschichten von der feindlichen Natur, die sie unter Kontrolle bringen müssen, von Mächten, die sie bekämpfen müssen. Sie erzählen Geschichten vom Kampf ums Dasein. Wie ist die Idee des ewigen Kampfes ums Dasein entstanden? - Es sind Männerphantasien, Träume von Macht und Allmacht, von Weltveränderung und Heldentaten. Am Anfang kann nicht die Sprache sein, am Anfang steht die männliche Tat: Am Anfang war die Tat! So sieht es der “faustische” Mensch (J.W. Goethe). Am Anfang war nicht das Wort. Am Anfang war die Tat! Da steht am Anfang der fleissige Täter, der Fabrikant, der Homo faber. So ist es - in der Tat !

Der fleissige Schmiedmensch hat sich dann auch einen mythischen Macher in den Himmel gesetzt: Einen Mann natürlich, der nur zu sagen braucht, was er will und schon ist es. Fiat lux. Es werde Licht. Unsere Sprache ist Männersprache, sie ist so sehr der Tat verpflichtet, dass wir für alle Prozesse einen Täter, einen Agenten erfinden müssen. Regnen kann nicht einfach geschehen. Die Männer erschufen einen Regner. Die Männer feiern den grossen Vater, den grossen Macher. In diesen patriarchalen Vorstellungen ist Sprache eine Erfindung der Männer. Weiber tratschen, sie erzählen nur Geschichten, die Männer befehlen.

Menschliche Intelligenz - hiess es bei den Sprachforschern noch bis vor wenigen Jahrzehnten - wuchs aus der Fähigkeit, Werkzeuge zu machen, und die ersten behauenen Steine waren nicht nur nützliche Werkzeuge, es waren Waffen, mit denen die “Mörderaffen” (Raymond Dart 1925) ihren Nächsten den Kopf einschlugen. Sprache brauchten in dieser Welt die Männer, um sich bei der Jagd Befehle zu geben. Bemerkenswert an dieser maskulinen Selbstüberschätzung ist der Ton, mit dem da “Wahrheit” behauptet wird:

„Die nicht zu übersehende Wahrheit ist, dass sich die Sprache entwickelte, als sie notwendig wurde. Wann nun und zu welchem Zweck wurde die Sprache benötigt? Doch nicht für den Mann als einem Mitglied der Familie - er kann eine Frau freien und mit ihr schlafen, ohne dass ein Wort gewechselt werden muss. In vielen Sprachfamilien ist die Wurzel des Verbums der Imperativ. Dies kann nur bedeuten, dass die ursprünglichen Empfänger von Aufforderungen zur Aktion die Männer waren, und da die Männer physisch stärker sind, sollte das nicht überraschen. Deswegen können wir ohne weiteres annehmen, dass die Urheber der Sprache Männer waren. Die Frauen sind ihrem Rufe nach sprachgewandt, aber die Männer sind die Neuerer und Schöpfer der Sprache“ (A.S. Diamond). Sprache dient nicht der Betrachtung, nicht dem Geschichtenerzählen, sie dient einzig der männlichen Tat. „Männer der Tat haben die Sprache erfunden. Sprache entstand aus dem männlichen Befehl“ (M.Bréal). Sprache ist von Männern erfundenes zweckmässiges Handeln. In der Männerwelt geht es scheinbar nicht nur immer wieder um Selbst-Behauptung, eine Folge der Männer-Rangkämpfe ist die Behauptung. Männer behaupten nicht nur sich selber, sie behaupten überhaupt. Sie erfinden Wahrheit. Die sprechenden Menschen sind mächtig geworden, sie können dank ihrer Intelligenz ihre Umwelt kontrollieren. Zwar glauben nur noch wenige Wissenschafter, dass uns der grosse Gott als sprachmächtige Herren über die anderen Lebewesen eingesetzt hat, aber der Glaube an die überlegene Intelligenz des Menschen ist auch heute noch weit verbreitet. Die menschliche Sprache ist der Höhepunkt der natürlichen Kommunikation . Lebewesen ohne Sprache stehen weit unter dem Menschen. Tiere sind dumm und nur der sprechende Mensch ist gescheit. Und - wir rechnenden Homo loquens sind doch die Krone der Schöpfung und stehen weit über den dummen Tieren. Diese Anmassung der Herrenmenschen ist zu hinterfragen.

Fragen über Sprache sind immer Fragen, die unser Selbstbild verändern könnten. Es sind drum gefährliche Fragen. Die Antworten könnten uns zwingen, ein neues Bild im Spiegel zu sehen. Wir sind nicht die Herren der Schöpfung, es gibt keine Erde, die wir uns untertan machen könnten. Wir sind Teil einer Geschichte des Lebens. Fragen über Sprache sind immer Fragen über das Wesen des Menschen. Es sind Fragen, die unser Selbstbild verändern könnten. Es sind drum gefährliche Fragen. Die Antworten könnten uns zwingen, ein neues Bild im Spiegel zu sehen. Wir sind nicht die Herren der Schöpfung, es gibt keine Erde, die wir uns untertan machen könnten. Wir sind Teil einer langen Geschichte. Unsere Mutter, die Erde, hat eine lange Geschichte. Es sind unter den Lebewesen Fähigkeiten des Entscheidens entstanden. Viele Tiere und Menschen haben freien Willen. Sie können wählen. Sie schaffen sich durch Entscheidungen ihre Zukunft. Wichtig sind für das Planen dieser Zukunft die Beziehungen, die man mit anderen hat. Wie ein Lebewesen seine Beziehungen pflegt, entscheidet über die Qualität der Zukunft. Die Pflege der Beziehungen ist darum für alle sozialen Lebewesen der Inhalt ihrer Zukunftplanung. Man muss sich mit Vorteil so verhalten, dass man mit dem Interaktionspartner weiterhin rechnen kann. Das Beziehungsgeflecht mit den anderen der Gruppe ist für alle sozial lebenden Tiere im Zentrum ihrer Denkprozesse. Es gilt dies auch für den rational denkenden Homo sapiens. Die Entwicklung von verbaler Kommunikation, die Entstehung von Sprache, war weitgehend von der Notwendigkeit der Beziehungspflege gesteuert. Die Geschichten der Menschen sind verbindend und verbindlich für die ganze Gruppe. Sprache ist eine soziale Fähigkeit. Sie entstand nicht im Gehirn von einzelnen, sie entstand in der Gesellschaft. Sprache ist Gesellschaft. In seinem Essay “Über den Ursprung der Sprache” schrieb Johann Gottfried Herder:„Der Mensch ist seiner Bestimmung nach ein Geschöpf der Gesellschaft: die Fortbildung einer Sprache wird ihm also natürlich, wesentlich, notwendig.“ (Joh.Gottfried Herder) Für dieses Geschöpf der Gemeinschaft ist nicht Konkurrenz das fundamentale Gesetz, es ist die Kooperation.

Gesellschaft bedeutet für Menschen zuammenleben mit anderen, mit denen man das Weltbild teilt, mit denen man die Rituale, die dieses Weltbild darstellen, gemeinsam erlebt. Gesellschaft ist das Miteinander beim Singen und beim Tanzen. Gesellschaft hat nicht ein mächtiger Jemand befehlen können. Ordnung kommt nicht von oben. Gesellschaft ist ein Aufbauprozess von unten nach oben (bottom-up), ein Prozess des Miteinander. Der Mensch ist ein Wesen, das auf das Zusammenleben mit seinesgleichen angewiesen ist, weil er Sprache hat. Nur der Mensch der Gemeinschaft ist ein Mensch. Menschen sind die sozialsten Lebewesen, die es gibt. Sie können ohne Gemeinschaft gar nicht Menschen werden. Wir werden Mit-Glieder, wenn wir sprechen lernen. Das Sprechenlernen ist die Voraussetzung für unsere Existenz. Spezifisch menschlich ist nicht das rational denkende Individuum, es sind die “Miteinander-Sprechenden”, die Gesellschaft. Wir sind, was wir sprechen. Wir sind unsere gemeiname Sprachkultur. Dies hatte Heraklit erkannt: „Man muss dem Gemeinsamen folgen. Der Logos ist gemeinsam. Und doch leben die meisten so, als ob sie ihren besonderen Verstand hätten“.

Wozu entstand die Menschensprache? Zur Beantwortung dieser Frage sind einige Grundannahmen der Sprachphilosophen aus den vergangenen dreitausend Jahren männlicher Vorherrschaft zu hinterfragen: Am Anfang stand nicht die männliche Tat. Sprache entstand nicht für das Befehlen. Sprache ist nicht ein Instrument, um effizient, zweckrational und zielgerichtet Information zu vermitteln. Sprache ist gemeinsames SEIN, Miteinander.

Sprache als Instrument der Beherrschung einer dem Menschen feindlichen Umwelt, das schien mir schon vor vierzig Jahren, am Anfang meines Linguistikstudiums, frag-würdig. Ich lernte damals fleissig Wahrheiten von Autoritäten auswendig. Dass die meisten dieser Wahrheiten “fragwürdig” waren, durchaus würdig “hinterfragt” zu werden, dies zu denken hatte ich vor lauter Auswendiglernen keine Zeit. Vielleicht hatte ich auch nicht den Mut zu fragen. Man hatte mir beigebracht, vor Autoritäten Ehrfurcht zu haben. Dumme Schüler lernten meist sehr rasch, die Autorität ihrer Lehrer nicht zu hinterfragen. Da scheint eine grosse Veränderung im Gange zu sein. Autoritäten sind nicht mehr, was sie waren. Ich selber lernte es nur unter grosser Mühe, Behauptungen zu hinterfragen und den Autoritäten hinter die Überlegenheitsfassade zu blicken. Ich entdeckte dabei eine ganz andere Antwort auf die Frage “Wozu entstand Sprache?” Sprache entstand nicht zur Beherrschung einer feindlichen Umwelt. Sie entstand als Medium der Kooperation. Bei Wildbeutern - bei Menschen, die in sozialen Gefügen leben, die jenen unserer Vorfahren ähnlich sind - wird das Gleichgewicht im Zusammenleben in einem gemeinsamen Koordinationsprozess immer wieder gefunden. Diese gemeinsame Koordination steht am Anfang der Sprache. Es braucht dafür keine Befehlshaber. Es erfordert konsensfähige Individuen. Soziale Koordinationsprozesse setzen voraus, dass die einzelnen Mitglieder der sozialen Gruppe in der Lage sind, sich Vorstellungen über ihre Nächsten zu machen und ihre Beziehungen zu den anderen zu planen. Sprache entstand als Medium der Vermittlung zwischen Menschen, ein Medium des Miteinander, der Kommunikation, und sie ist deshalb eine Ebene des Denkens über den Einzelhirnen. Der Logos, das Wort, ist gemeinsam. Sprache entstand nicht im Gehirn von einzelnen Individuen. Sprache wuchs nicht aus der Werkzeugintelligenz der Männer: Sie ist nicht das Resultat männlicher Tatkraft. Sie entstand aus der Einfühlungskraft der Frauen.

Unsere Denkfähigkeiten, unsere Denkmöglichkeiten, haben sich beim Zusammensein mit anderen entwickelt. Nicht der einsame Jäger ist der “Erfinder” unserer grossen Gehirne, sondern die miteinander Nahrung suchenden “Weiber”. Auch wenn Männer denken, tun sie dies miteinander. Wissen über die jagdbaren Tiere ist gemeinsames Wissen, das am Lagerfeuer miteinander geteilt wird. Das Tun der Männer ist in archaischen Gruppen ein kommunikatives Miteinander. Sprache ist für die Jäger ein Medium der gemeinsamen Planung - nicht des Befehlens. Die Kunst des Imperativs ist eine späte Blüte der väterlichen Herrschaft und nicht der Anfang von Sprache. Die Herren des Denkens schauten in den vergangenen Jahrhunderten mit grosser Selbstüberschätzung auf die Tiere herunter. Nur sie allein konnten verstehen. Nur der Mensch besass Verstand. Diese Denker vergassen die gemeinsame “emotionale Intelligenz” von Menschen und Tieren. Gefühle sind auch die Grundlage unseres “rationalen Denkens”. Menschen denken, indem sie bewerten, und sie bewerten nicht nur “richtig” und “falsch”, sie bewerten intuitiv, eben aus dem Gefühl heraus.

Lebewesen haben spezialisierte Denkmodule für bestimmte Aufgaben entwickelt: Sehmodule, Hörmodule, Riechmodule, Beziehungs-Erkennungs-Module, Sprachmodule etc. Das Nachdenken ist eine Form der Hirnaktivität, die viele solcher Module zusammenkoppelt, es ist eine neue Ebene des Denkens. Reflexion ist eine neue Qualität des Denkens, nicht eine messbare Quantität. Die Fähigkeit des rückbezüglichen Schliessens - so reflektierte Johann Gottfried Herder in seiner “Abhandlung über den Ursprung der Sprache”(1772) - ist der Ursprung des Sprechens: „Der Mensch, in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum ersten Mal frei würkend, hat Sprache erfunden. Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei würket, dass sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten und sich bewusst sein kann, dass sie aufmerke“. Herder ergründet die Sprachursprünge und beschreibt sie mit den Begriffen Besonnenheit und Aufmerksamkeit. Wir wissen auch heute - nach mehr als zweihundert Jahren intensiver Forschung - immer noch nicht, wie Besonnenheit operiert, was “Bewusstsein” wirklich ist. Im Zentrum der Experimente der Psycholinguisten steht das Phänomen der Aufmerksamkeit, die Frage, wie unsere Gehirne innere und äussere Sinneseindrücke verarbeiten. Niemand weiss, wie Aufmerksamkeit entsteht. Wir alle erfahren das Ausschalten der Aufmerksamkeit, wenn wir schlafen, wir alle erfahren das Erwachen unseres Bewusstseins, wenn wir aufstehen, aber niemand weiss bis heute, was dabei in unseren Gehirnen geschieht. Herder sprach von der Seele, in der “frei würkend“ die Sprache erfunden worden sei. Mit Seele meint er wohl das gleiche “mentale Phänomen”, die geistige Erscheinung, die wir als Psyche oder als Bewusstsein bezeichnen. Psycholinguisten versuchen dieses Bewusstsein zu beschreiben. Was heisst “Bewusstsein”? Herder meint, dass Reflexion - “wenn die Kraft seiner Seele frei würket”, dem Menschen “Aufmerksamkeit” ermöglicht - Bewusstsein. Die reflexive Rückbezüglichkeit ist die Voraussetzung der symbolischen Aufmerksamkeit. Auf der neuen Treppenstufe des Denkens erfindet der Geist “Symbole”. Die Welt bekommt Bedeutung. Symbole be-deuten, sie deuten auf “mentale Bilder”, sie deuten auf Vorstellungen, auf Modelle. Wie wurden diese mentalen Modelle zwischen den Modellbauern austauschbar? Wie tauschen wir Gedanken? Wie entstand das “kollektive Bewusstsein”? Wie verstehen wir uns gegenseitig?

Die meisten Philosophen fragten nach dem Entstehen des Einzelbewusstseins, wir müssen nach der Entstehung des gemeinsamen Bewusstseins fragen. Wie entstand der gemeinsame Logos? „Alles Sprechen, von dem einfachsten an, ist ein Anknüpfen des einzeln Empfundenen an die gemeinsame Natur der Menschheit ...Ohne daher irgend auf die Mitteilung zwischen Menschen und Menschen zu sehn, ist das Sprechen eine notwendige Bedingung des Denkens des einzelnen in abgeschlossener Einsamkeit. In der Erscheinung entwickelt sich jedoch die Sprache nur gesellschaftlich, und der Mensch versteht sich selbst nur, indem er die Verstehbarkeit seiner Worte an andren versuchend geprüft hat.“ (Wilh. von Humboldt) Die Gesellschaft prägt die Gedanken der Einzelnen, die Sprachgemeinschaft regt zum Denken an, sie “gewährt Überzeugung”. Humboldt fragt hier nach dem Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Kommunikation. Wie entstehen gemeinsame Weltbilder? „Es mag wohl in keiner Einöde eine wandernde Horde gegeben haben, die nicht schon ihre Lieder besessen hätte. Denn der Mensch, als Tiergattung, ist ein singendes Geschöpf, aber Gedanken mit den Tönen verbindend.“(Wilh. von Humboldt) Der Mensch ist ein singendes Geschöpf. Er produziert beim Singen nicht nur Töne, er verbindet mit diesen Tönen Gedanken. Menschen singen mit ihren Liedern Geschichten. Diese gesungenen Geschichten vermitteln nicht nur gedankliche Inhalte, sie haben in erster Linie einen emotionalen Gehalt. Lieder vermitteln Gefühle. Die Koordination von Individuen einer Gruppe ist nicht in erster Linie vom Informationsaustausch bestimmt, sondern von der emotionalen Abstimmung der Bewertung von Beziehungen. Dieses vorsprachliche Denken ist ein wichtiges Erbe, dass wir mit den “dummen” Tieren teilen. Das Sprechenlernen hat seine Wurzeln in den Denkfähigkeiten der Primaten. Darwin beschrieb in “The Descent of Man” (1871) die Entwicklung der Sprache aus geistigen Prozessen, die schon in der Tierwelt zu beobachten sind: „Die Unterschiede der Geisteskraft zwischen Mensch und höherem Tier sind nicht Unterschiede der Art, es sind Unterschiede des Grades...Sogar wenn gesagt wird, dass Selbstbewusstsein und abstraktes Denken einzig beim Menschen vorkommen, muss angenommen werden, dass sich diese Fähigkeiten aus dem kontinuierlichen Gebrauch einer hochentwickelten Sprache geformt haben“.

Sprache entstand aus der Verbindung von vorsprachlichen Denkoperationen mit neuen symbolischen Möglichkeiten, Eindrücke zu ordnen. Die Erfindung der Verbalsprache ermöglichte - so vermutet Darwin - die Konstruktion der typischsten menschlichen Fähigkeit, dem Konstruieren von "long trains of thought" - von Gedankenzügen. Menschen können mit Symbolen über das Denken hinaussteigen zum Nach-Denken, zum Fluss der Geschichten . Die ersten Anfänge dieser Fähigkeit des “Über-etwas-Denkens” sind schon bei den gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen zu finden. Diese Vor-Menschen entwickelten die Kunst des Nach-Denkens aus der Notwendigkeit des Erkennens von anderen. Am Anfang stand das Mitfühlen, die Empathie. Sie ermöglicht das Vorauserkennen des Verhaltens anderer. Lebewesen erwarben soziale Kompetenz, sie lernten ihre Beziehungen zu anderen zu steuern. In der Beziehung zu anderen erkannten diese Lebewesen zum ersten Mal “etwas über etwas anderes”. Im gegenseitigen Verhalten entstanden Symbole. Wir können Verhalten ver-stehen, d.h. wir können “stehen”, wo der andere steht. Aus diesem ersten Verstehen entwickelte sich in einem langen Prozess unser rechnender Verstand. Sprache entstand also nicht aus dem rationalen Verstand, sie entstand aus der Ordnung der Emotion. Die Sprache der Emotion entstand vor der Sprache des Verstandes. Die sozialen Organisationsformen der Frühmenschen ermöglichen die Ausbildung enger Kooperation (Kommunikation). Soziale Prozesse ermöglichten die Entstehung eines “kollektiven Bewusstseins”. Aus den gemeinsamen Vorstellungen über die von der Gemeinschaft akzeptierten Umgangsformen entstanden Weltbilder (Kosmologien), daraus wuchs die Sprache. Geteilte “Symbole” waren die Grundlage der gemeinsamen Sprache, der geteilten Kultur. Sprache ist nicht Information, sie ist nicht primär Mitteilung. Sprache vermittelt nicht (nur)Tatsachen. Sprache vermittelt Gefühle, eine geteilte Welt. Geschichten sind der Hintergrund, die Basis des Handelns (Mythos). Gemeinsames Handeln wird durch Rituale tradiert. Das ist die ursprüngliche Funktion der Religion.

Kulturen sind kollektive Systeme des Gruppenwissens und Gruppenverhaltens. Kultur entstand für alle Lebewesen, die semantische Gedächtnisse entwickelt hatten, und die Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben können. Wir können die Stufenpyramide des Denkens im zeitlichen Ablauf darstellen, als Aufeinanderfolgen von Kulturstufen. Merlin Donald (Origins of the Modern Mind) beschreibt vier Kulturstufen vom ersten Zweibeiner zum Homo sapiens: eine episodische, eine mimetische, eine mythische und eine theoretische Kultur. Eine episodische Kultur hatten die Australopithekinen. Sie lebten zwischen fünf und zwei Millionen vor unserer Zeit. Die Kultur der Homo habilis und Homo erectus zwischen 2 Millionen und etwa 100 000 v.Chr. nennt Merlin Donald mimetische Kultur. Die Homo sapiens, die sich vor 100 000 Jahren, begannen über den ganzen Globus zu verbreiten, hatten eine mythische Kultur. Mit der Erfindung der Schrift begann die theoretische Kultur.

Stellen Sie sich vor: Ostafrika. Vor 7 Millionen Jahren. Die Welt unserer Urgrosseltern. Irgendwann zwischen 5 und 7 Millionen Jahren trennte sich die Linie unserer Vorfahren, der Australopithekinen, vom Stamm der anderen Grossaffen. Die “Südaffen” (Australo-Süd / pithecus-Affe) gingen auf den Hinterbeinen. Dieser Übergang vom Tiergang zum Menschengang (Bipedie) soll - so können Sie in vielen Büchern lesen - diesen “Tieren” einen Überlebensvorteil gebracht haben. Es stellte die Hand frei zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen. Chabis! Von der Freistellung der Hand, von den Anfängen der Zweibeinigkeit zur Herstellung von Steinwerkzeugen vergingen drei Millionen Jahre. Der “Anpassungsvorteil” der Australopithekinen muss in einem anderen Bereich gesucht werden. Konnten sie vielleicht schon sprechen? Nein, sprechen konnten sie mit Sicherheit nicht. Aber - sie hatten die Sprache der Gefühle weiter entwickelt. Ihre “Theory of Mind” konnte höhere Ordnungen der Intentionalität verarbeiten. Geerbt hatten die Australopithekinen von den gemeinsamen Vorfahren - ausser ihren genetischen Programmen - die Sprache der Gefühle. Sie konnten in engen Gruppen kommunizieren und ihr Verhalten koordinieren. Sie hatten auch die Fähigkeit, Kulturen zu schaffen, von den gemeinsamen Vorfahren geerbt. Sowohl Schimpansen- wie Menschenvorfahren konnten Erfahrungen von einer Generation an die nachfolgende weitergeben, sie entwickelten Wissenstraditionen. Der entscheidende Bereich dieser frühesten Kultur war nicht handwerkliches Wissen, das kam erst viel später, es war der Bereich der Erfahrungen im Miteinander, der die früheste Menschenkultur prägte, es war eine Miteinanderkultur mit sozialem Wissen. Die Primaten entwickelten einen gemeinsamen Logos (Heraklit), eine gemeinsame Sprache ohne Wörter, eine Sprache des Umgangs miteinander.

Diese Sprache regelte den Verkehr unserer Ur-ur-Grosseltern. Sie waren nicht nur lieb miteinander, sie lernten auch das Streiten auf einer höheren Ebene. Sie konnten lügen und die anderen übervorteilen, sie konnten aber auch Streit schlichten und sich versöhnen. Paläontologen nennen diese ersten Formen von Kultur bei Primaten “episodische Kultur”. Sie ist auf dem “episodischen Gedächnis” aufgebaut. Die Gehirne dieser Vorfahren konnten “Episoden”, ganze Sequenzen von Ereignissen speichern, und sie konnten diese Abläufe von Erinnerungen zum Nachdenken brauchen, sie konnten ihre Erfahrungen nach den Masstäben ihrer Gefühlssprache ordnen. Sie hatten gelernt, Erfahrungen zu bewerten, und sie bewerteten nach einer gemeinsamen Ordnung von Werten: Ausgleich, Gleichgewicht, Gleichheit, Miteinander, Miteinanderteilen, Miteinanderleben, Freuen, Trauern, Lachen, Weinen - miteinander. In dieser frühesten Kultur lernten die Lebewesen ihre Gefühle zu steuern. Das Gefühlshirn (limbisches System) wurde mit dem Denkhirn (Neocortex) verkoppelt. Die Primaten lernten, den Ansturm von Gefühlen in ihrem präfrontalen Cortex abzubremsen, und sie begannen mit dem “Verstand” zu reagieren. Sie erprobten das Nachdenken. Sie lernten dabei auch sich selbst zu erkennen, sie wurden “selbstbewusst”. Sich selbst erkennen (self-awareness) heisst, wie Daniel Goleman schreibt, gewahrwerden von eigenen Gefühlen und eigenem Denken über die eigenen Gefühle. Es wird solchen Lebewesen ein bewusstes Erleben möglich. Und - das interessiert den Sprachforscher - sie können sich ihre Erlebnisse, oder wenn sie so sagen wollen, ihre Stimmungen auch mitteilen. Sie haben dafür ihre eigene Sprache entwickelt.

Und jetzt werden Sie denken, dass ich hier ein übertriebenes, ein allzurosiges Bild der geistigen Fähigkeiten unserer Verwandten zeichne. Affen mögen sehr gescheit sein, aber so gescheit wie wir, sind sie nicht. Stimmt. Affen senden keine Affenmänner auf den Mond, sie denken immer nur an Bananen. Ihr Denken und ihre Kommunikation ist immer gegenwartsbezogen, sie planen nicht, sie erfinden keine Symbole und sie ganz allgemein “unsaubere” Tiere, dumm, wie eben Tiere sind. Und doch sind die vorsprachlichen Erfindungen der Affen- und Menschen-vorfahren die notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklung von Sprache und Intelligenz. Affen können ver-stehen, sie können Zeichen lesen, sie können kommunikativ Handeln. Die Fähigkeiten der Kommunikation zwischen Individuen ermöglichte die Ausbildung von stabilen und engen Sozialgruppen, Gruppen, die gemeinsame Traditionen weitergeben konnten und die neue Formen des Umgangs untereinander entwickelten. Die Ausbildung von gemeinsamen Emotionen ist die Basis des Affenkultur.

Und wir modernen Menschen sind diesen primitiven Vorfahren weit überlegen, meinen seit ein paar hundert Jahren die Denker, wir haben Verstand. Seit den griechischen Philosophen ist es die Fähigkeit des rationalen Denkens, die unsere Überlegenheit ausmacht. Wer immer strebend sich bemüht, wird dem reinen Geist näherkommen. Wir müssen dazu nur unsere tierischen Anlagen, unsere Gefühle, überwinden. Die Ergebnisse der Hirnforschung der letzten Jahrzehnte haben dieses Selbstbild entscheidend verändert. Wir haben nicht einen überlegenen, vom Körper abgehobenen Verstand, der uns anleitet. Unsere Gehirne sind auf allen Ebenen vernetzt. Es gibt ebensowenig eine “reine Vernunft”, wie es eine reine “animalische”, unbewusste Triebhaftigkeit geben kann. Der Neurolinguist Antonio Damasio beschreibt die Sprachprozesse des Gehirns als cortikale (assoziative) und subcortikale (habituelle) Systeme, die parallel geschaltet sind. Beim sprachlichen Denken sind Stammhirn, Emotionshirn und Denkhirn beteiligt. Die habituellen (gewohnheitsmässigen) Nervenprozesse verbinden den Verstand der grauen Rinde mit den Gefühlen des Gefühlshirns. Wir müssen umdenken; wir denken nicht mit einem rationalen, intelligenten Verstand gegen die irrationalen Emotionen, wir denken mit Affektlogik. Der Berner Psychiater Luc Ciompi beschreibt ein qualifizierendes Fühlsystem, das mit einem quantifizierend-abstrahierenden Denksystem zu einem gefühlslogischen Gesamtsystem verbunden ist. Wir müssten erkennen, dass es kein Denken ohne Gefühl geben kann. Unsere rationale Intelligenz baut auf auf einer emotionalen Intelligenz. Wir verdanken diese emotionale Intelligenz der sozialen “Arbeit” unserer Affenvorfahren. „Zusammenarbeit und Teilen stehen am Beginn der Evolution des Menschlichen.“ (J.Herbig) Beim miteinander Spielen entwickelten die Vormenschen Kultur. Die Kunst des Miteinanderseins entstand nicht beim “Arbeiten”, es waren nicht die Instrumente (Werkzeuge), die Kultur “erzeugten”, es war das Spielen. Frühmenschen waren von Anfang an Homo ludens.

Das Lernen von sozialen Umgangsformen ist schon auf der Stufe der gemeinsamen Primatenvorfahren hochentwickelt. Die ersten Zweibeiner (Australopithecus) bauten kulturelle Traditionen weiter aus. Sie begannen immer mehr Zeit miteinander zu verbringen, sie erfanden das gemeinsame Essen, sie teilten ihre Nahrung. Schimpansenhorden durchstreifen ihre Reviere auf der Suche nach Nahrung, und sie fressen, was ihren über den Weg läuft. Die Südaffengruppen (Australopithekus) bewegten sich in einem viel grösseren Revier als Schimpansen, sie durchstreiften offene Savanne, suchten und sammelten und brachten ihre Funde in ein gemeinsames Lager zurück. Das Teilen von Nahrung erzeugte das Mit-Teilen von Kultur. Kultur ist Teilen von Erfahrung. Die Südaffen verbrachten mehr Zeit im Miteinander als die früheren Primaten und beim gemeinsamen Tun entstand die früheste Kunst, die Kunst der Mitteilung. Die Frühgeschichtsforscher datieren die Entstehung von Kunst meistens auf die Zeit der Anfänge des Homo sapiens vor 40 000 Jahren, und sie beschreiben dann die Entwicklung dieser Kunst bis zu den Meisterwerken von Lascaux und Altamira. Die Kunst der Mitteilung entstand aber Millionen von Jahren früher. Es war von Anfang an eine Kunst des Spielens, sie entwickelte sich, als die Südaffen lernten, in engen Gruppen miteinander zu teilen und viel mehr Zeit miteinander zu verbringen. Kunst entwickelte sich als Kunst der Kommunikation. Unsere Vorfahren der “episodischen Kultur” veränderten ihr Zusammenleben durch die Entwicklung gemeinsamer Weltbilder, die in Tanz, Gesang und Pantomime ausgedrückt wurden. Es entstand eine Kultur der Körpersprache. Merlin Donald nennt diese neue Kulturstufe “mimetische Kultur”, eine Kultur der Darstellung. In den Gruppen der zweibeinigen Primaten entwickelten sich neue Formen der Kommunikation. In gemeinsamen Ritualen lernten die Homo habilis und die Homo erectus das Darstellen von Episoden. Ihre Gehirne konnten Erinnerungen an Handlungen (episodisches Gedächtnis) umformen und mitteilen. Diese Fähigkeit der Darstellung (mimetic skill) bedeutet, dass die Kommunikation zwischen den Mitgliedern der Gruppe willentlich gesteuert wird. In den mimetischen Kulturen wird Kommunikation zum ersten Mal geplant. Darstellung (mimesis) ist bewusst, sie hat ein Ziel. In den Tanzkulturen der Homo erectus, ”singen” die Menschen zum ersten Mal Geschichten. Sie begannen ihre Erfahrung auf neue Weise zu strukturieren. Sie sammelten in ihren Ritualen Wissen (Information). Sie entwickelten eine Musiksprache, die ganz neue formale Eigenschaften hat, und die in neuen Gehirnstrukturen gespeichert ist. (Musikgehirn - rechte Hemisphäre).

Ich stelle mir die ersten Menschen - eben die Homo habilis vor zwei Millionen Jahren - gerne beim Mondanbellen vor. Sie haben solche “Songsessions” möglicherweise schon in regelmässigen Abständen eingeplant, quasi als regelmässiges Ritual. Gemeinsames Singen ist in allen archaischen Kulturen des modernen Menschen ein sehr wichtiger Teil des Miteinander einer Menschengruppe. Bei den Pygmäen im Kongo-Urwald müssen die Menschen miteinander singen, um Mutter Wald zu beruhigen, wenn es Streit gibt zwischen den Leuten. Solche Gesangssitzungen können, je nach Schwere des Verstosses gegen Gruppenregeln, mehrere Nächte dauern. Diese Gesänge bauen ein gemeinsames Grundgefühl der Gruppe wieder auf, und ich stelle mir gerne vor, wie die ersten Homo ebenfalls an ihrer gemeinsamen Stimmung “arbeiteten” beim Singen und Tanzen. Tanzen muss aus einer Gestensprache entstanden sein. Es ist eine grundlegende Fähigkeit zum Ausdruck von Emotion durch den menschlichen Körper, die der Verbalsprache vorausgeht. Zum Tanz gehört Rhythmus, die Fähigkeit, Ordnungen im Zeitablauf wahrzunehmen (Donald). Schimpansen sind zur Wahrnehmung solcher Muster noch nicht fähig. Rhythmus ist eine Erfindung der Homo. Rhythmische Ordnung ist “supramodal”, d.h. alle Sinneswahrnehmungen, Hören, Sehen, Spüren sind beim Tanzen und Trommeln beteiligt. Diese supramodale Integration mussten die frühen Homo in einem langsamen Prozess bei ihren Gemeinschaftsritualen ausbilden. Die Entwicklung der Fähigkeit, Emotionen in Ritualen zu steuern, Emotionen in der Gemeinschaft der Gruppe im Ritual einzusetzen, hat die Menschen zu musikalischen Genies gemacht. Musik ist die früheste gemeinsame Sprache. Die Geschichten der Urhorde sind Gesänge. Die Musik ist das verbindende Element der Rituale der mimetischen Kultur. Australopithekinen haben im Laufe einer drei Millionen Jahre dauernden Entwicklung die Gruppenkoordination gesteigert wurde durch gemeinsame Gesänge, die noch nicht “sprachlich” waren, und dass die ersten Homo anfingen, eine Körpersprache des Tanzes und der Töne zu entwickeln. Die willentliche und zielgerichtete Darstellung von Ereignissen in mimetischen Akten machte “metaphorische” Körpersprache möglich. Die Vorstellungsmöglichkeiten der Homo habilis erreichen Stufe II, sie werden zu “Meta-Vorstellungen”, d.h. Vorstellungen von Vorstellungen.

Vor ungefähr zwei Millionen Jahren tauchte eine neue Menschenform auf, die Homo erectus. Sie hatten grössere Gehirne (1000cm3) und waren viel graziler gebaut als die Habilinen. Die Homo erectus sind die ersten Menschen, deren Ausbreitung in Europa und Asien nachgewiesen ist. Sie erfanden die Gruppenjagd auf Grosstiere, und sie zähmten das Feuer. Paläontologen meinen, dass die Möglichkeit, Fleisch zu braten, dazu beigetragen hat, dass unsere Kauwerkzeuge und unsere Stimmorgane sich veränderten. Entscheidend aber sind die Veränderungen der Denkmöglichkeiten, die Vergrösserung des Gehirns. Die Fähigkeit, im Ritual gemeinsames Fühlen und Denken darzustellen, ist ein entscheidender Schritt in Evolution des Menschengeistes. Die Menschen erfanden “Religion”, sie entwickelten gemeinsame Weltbilder und lernten diese Vorstellungen in den wachsenden assoziativen Zentren ihrer Gehirne zu speichern. Es entwickelte sich das semantische Gedächtnis, jene massive Vergrösserung des Neocortex, die die Entwicklung der Homo im Verlauf der letzten zwei Millionen Jahre prägte. Die Neuerungen der mimetischen Kulturen, die Darstellung von Ereignissen, sind auf dem episodischen Gedächtnis aufgebaut. Solche Repräsentationen sind immer noch an die Gegenwart gebunden. In mimetischen Kulturen entwickelte sich das Handeln. Die Menschen lernten das Planen von Handlungen. Die “mimetischen” Rituale waren beabsichtigt, sie waren gerichtet auf ein Ziel . Die Menschen der mimetischen Kulturen konnten Wissen teilen. Sie konnten ein gemeinsames Weltbild aufbauen. Die Gruppen der Homo erectus waren in ganz anderen sozialen Formen verbunden als die übrigen Grossaffen. In diesen Gruppen spielten die einzelnen veränderliche Rollen, ihr Verhalten war kreativ. Flexibles Rollenverhalten konnte nur entstehen in Gruppen, die eine zugrundeliegende Weltanschauung teilten. Die Jungen der Gruppe übten ihre Rollen beim Spiel und im Ritual .

Der moderne Mensch, der Homo sapiens sapiens, erscheint vor 150 000 Jahren auf der Bühne des Lebens. Die Paläontologen streiten sich über den Anfang unserer Spezies. Manche Forscher glauben Anzeichen zu sehen, dass wir uns an verschiedenen Orten im Laufe der Jahrhunderttausende entwickelten. Die neuen Theorien der Genetiker gehen davon aus, dass Homo sapiens in Afrika entstand und sich im Verlauf der letzten hunderttausend Jahre über den ganzen Erdball verbreitete . Die frühesten Funde von Nachkommen dieser Adams und Evas ausserhalb des Kontinents Afrika fanden die Archäologen in Palästina, sie sind etwa hunderttausend Jahre alt. Von Palästina aus verbreiteten sich die modernen Menschen vor etwa 60 000 Jahren über den Kontinent Asien, sie fuhren in Schiffen über Meerengen nach Australien und begannen um 40 000 vor unserer Zeit, sich in Europa zu verbreiten. Die neuen Menschenkulturen sind fundamental anders als die vorangegangenen mimetischen Kulturen. Es sind Kulturen von sprechenden Menschen. Merlin Donald nennt sie mythische Kulturen.

Mythische Kultur bedeutet Sprache, eine vollausgebaute komplexe Menschensprache. Der Mensch wird ein Homo loquens, ein sprechender Mensch. Er kann Wissen in Geschichten sammeln. Die Menschen der mimetischen Kultur konnten - wie wir gesehen haben - Können an die nachfolgenden Generationen weitergeben, die sprechenden Menschen vermitteln gesammeltes Wissen. Der Übergang von der Stufe der mimetischen Kultur zur Sprachkultur dauerte eine sehr lange Zeit. Wir können das erste Auftreten einer voll ausgebauten Sprache nicht genau datieren. Es müssen in diesem Entstehungsprozess die Beschränkungen der pantomimischen Tanzsprache verändert worden sein. Die ersten Wörter entstanden wahrscheinlich schon auf der Stufe der Homo habilis. Die singenden Menschen benannten Dinge und Prozesse. Sie erfanden Substantive und Verben. Bei den Homo erectus hat sich wahrscheinlich die Verbindung von Objekt und Verhalten langsam entwickelt. Sie erfanden eine Prä-Syntax. “Wasser fallen” - “Regnen geschieht”. Was dieser Vorform von Sprache fehlte, ist die Fähigkeit, Agenten und Handlungen durch Einbettungen von Eigenschaftszuschreibungen auszubauen. Die ersten Sprecher konnten keine Phrasen bilden. Phrasen sind die Grundmodelle aller Satzbildung in modernen Menschensprachen. In hochkomplexen Ebenen bauen Sprecher Satzteile mit eingeschobenen, d.h. eingebetteten Zuschreibungen und verbinden diese Teile zu ganzen Sätzen. Die Fähigkeit der Phrasenbildung (embedding) ist die Erfindung der modernen Menschen, der Homo sapiens. Alle vorangegangenen Kommunikationssysteme der Tiere und der Menschen waren in ihren Anwendungsbereichen beschränkt, sie waren geschlossene Systeme. Die pantomimischen Darstellungen der Homo erectus waren immer auf die Gegenwart bezogen, sie waren in einem episodischen Gedächtnis gespeichert. Unmittelbare Stimmungen und Situationen bestimmten die Kommunikation, es gab keine Möglichkeit der Verständigung über Fernliegendes oder Zukünftiges, keine Darstellung abstrakter Vorstellungen. Diese Kategorien des Denkens waren den mimetischen Menschen nicht zugänglich. Die Menschensprache ist ein offenes System. Sie erlaubt aus einem Bestand von 20-60 Lauten (Phonem) ein Kombinieren zu Wörtern mit Bedeutung (Morphem). Diese doppelte Gliederung der Sprache ist das Grundmerkmal des neuen menschlichen Kommunikationssystems. Linguisten nennen diese Eigenschaft der Sprache Dualität. Sie ist verwandt mit einem zweiten Merkmal der Menschensprache, der Produktivität. Die neuen Eigenschaften der Verbalsprache ermöglichen es, aus einer begrenzten Zahl von Satzstrukturregeln eine unbeschränkte Menge von Sätzen zu generieren. Aus Sätzen bauen sich die Menschen ihre Geschichten, und die Menge der möglichen Geschichten ist ebenso unbeschränkt. Diese ins Unendliche ausgeweitete Vergrösserung der Kreativität ist die Grundlage der mythischen Kultur.

Die Erfindung und Entwicklung der offenen, produktiven Menschensprache durch die Homo sapiens ermöglichte in den mythischen Kulturen ganz neue Möglichkeiten des gemeinsamen Ausdrucks. Die Denkmöglichkeiten der Menschen wuchsen. Mit der Sprache lernten die Menschen das Vorstellen (Imagination) und das Planen, sie erfanden die Kategorie der Zeit und konnten Abläufe in diesem neuen Denkraum darstellen. Es entstanden Geschichten, und die Geschichten der Menschen wurden für ihr Zusammenleben entscheidend. Das Hauptmerkmal der neuen Sprachkultur ist das Sammeln und Weitergeben von Erfahrung. In den Geschichten teilen die sprechenden Menschen Erinnerungen und Vorstellungen, sie teilen Wissen über ihre Umwelt, sie können in der Zeit planen und “phantastische” Vorstellungen entwickeln. Die früheren Kulturen der singenden und tanzenden Homo erectus hatten Rituale entwickelt, deren Grundstrukturen in der musikalischen rechten Gehirnhälfte gespeichert waren. Das Zusammenleben der Erectusmenschen war weitgehend von den Gefühlen bestimmt, die sie im Miteinander schufen. Die Kulturen der Homo sapiens bauten auf dem Fundament der Gefühlssprache Kosmologien - Geschichten und Geschichte. Als die sprechenden Menschen auf der Lebensbühne erschienen, entstand eine “Geschichtenkultur”, die mythische Kultur der Homo sapiens. Was diese “primitiven” Kulturen veränderte, war die sprachliche Kommunikation. In Jäger und Sammlerkulturen sind die Formen des Zusammenlebens von Geschichten bestimmt. Die Sprache ist der Kitt der Gesellschaft. Die Menschengruppen überlebten nicht wegen verbesserter Technologie, sie überlebten wegen ihrer verbesserten Kommunikation . Die Gruppen überlebten, wenn die Gruppenmitglieder miteinander teilten. Konkurrenz in der Gruppe war kontraproduktiv. Solches Verhalten ist in allen Jäger-Sammlergruppen tabuisiert. Die Gruppe sorgt für den Ausgleich. Aus der Fähigkeit, miteinander Nahrung zu teilen, erwächst die Fähigkeit, sich mitzuteilen. Menschen können - durch ihre Sprache - ihre innere Welt teilen, ihre Freude, ihre Ängste, ihren Zorn, ihre Zufriedenheit. Menschen können durch Sprache Ausgleich schaffen: in Ritualen, in Religion, im gemeinsamen Fest, beim gemeinsamen Sein. Menschen erzählen Geschichten und sie lernen beim Geschichtenerzählen das Nach-Denken, das Denken über das Denken. Diese mythische Kultur, deren zentrales Verständigungsmittel die Sprache ist, dauerte in Europa vierzigtausend Jahre lang. In dieser Kultur prägten die Mythen über die Herkunft der Menschen, über die Regeln des Zusammenlebens das Leben der eiszeitlichen Wildbeuter. Die Entwicklung der Wortsprache brachte neue Fähigkeiten des Denkens mit sich, Denken wurde linear, analytisch und segmentiert. Die neuentstandenen Sprachzentren des Gehirns , das semantische Gedächtnis und die Wort- und Satzbildungssysteme (Syntaxmodule) sind bei den meisten Menschen in der linken Gehirnhälfte lokalisiert. Die Verarbeitung von Informationen ist in den links-hemishärischen Zentren auf Zeichen und ihre Ordnung bezogen, sie ist propositional, d.h. einteilend und ordnend. Die sprechenden Menschen entdeckten, dass Dinge von ihren Eigenschaften getrennt dargestellt werden können. In der Umwelt, der sogenannten Realität, gibt es diese Trennung nicht. Was uns der Sehsinn mitteilen kann, ist ein Gesamteindruck. Es gibt da draussen keine “grünen” Bäume, es gibt nicht Bäume mit der Eigenschaft grün, es gibt für die Augen nur den Eindruck “dieser” Baum. Die Zuschreibung von Farbeigenschaften schafft unser linkes Gehirn. Propositionales Denken ist eine neue Denkmöglichkeit, die sich unabhängig von Sprache entwickelt hat. Die oral-semiotische Kultur der Homo sapiens förderte auch die Entwicklung von Zeichen- und Symbolsystemen neben der Wortsprache. Alle diese neuen “Denkwerkzeuge” dienen der Kommunikation in den Gruppen der Homo sapiens.

Die sprechenden Homo sapiens schufen gemalte und geformte Geschichten, die Höhlenkunst. Höhlenmalereien sind nicht einfach Bilder, es sind gemalte Geschichten, es ist die früheste Form von Schrift. Die Kulturen von Homo habilis bis Homo sapiens sind gekennzeichnet durch eine ständig wachsende Fähigkeit des Miteinanderteilens. In den Kulturen der sprechenden Menschen steht das Teilen von Gefühlen und Gedanken im Zentrum. Koalitionen zwischen den Mitgliedern einer Gruppe von sprechenden Menschen und die Möglichkeiten Allianzen mit Nachbargruppen zu bilden, bestimmen den Alltag der Menschen in den mythischen Kulturen. Sprache ermöglichte den Homo sapiens die Erfindung gemeinsamer Weltbilder, die dem Miteinanderhandeln und dem gegenseitigen Verstehen zugrunde liegen. Die sprechenden Menschen formulierten in ihren Geschichten Antworten auf die Grundfragen ihres Daseins: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?

Soziologen beschreiben die Struktur der frühen Wildbeutersozietäten als “egalitär”, sie sprechen von “regulierter Anarchie”. Es gibt in solchen Gruppen keine Herrschaft, keine soziale Stratifizierung. Die Soziologen fanden die “guten Wilden”, von denen Jean Jacques Rousseau vor 250 Jahren schrieb. Es gibt sie wirklich. Wo immer die Menschenforscher lange Zeit mit den Wilden zusammenlebten, staunten sie über die Fähigkeit der “Primitiven”, ihr Zusammenleben zu ordnen, ohne die “weise” Führung einer Autorität. Die “Wilden” leben in funktionierenden Gemeinschaften. Man hat Rousseau vorgeworfen, ein romantisch verfälschtes Bild zu zeichnen. Denn - so kritisierten die objektiven Beobachter - der ursprüngliche Mensch ist nicht gut. Das ist richtig. Der Mensch ist nicht gut. Der Mensch ist immer nur ein Mensch. Er kommt nicht mit guten Anlagen zur Welt, und auch die guten Wilden haben ihre Güte nicht mit den Genen ererbt. Sie haben sich in einem komplexen Erfahrungsprozess eine soziale Ordnung geschaffen, in der es sich gut leben liess. Die “Wilden” brauchten zur Erhaltung ihrer sozialen Ordnung keine Dämonen, keinen Gott, der ihnen diese Ordnung aufzwingt. Sie brauchten überhaupt keine Autorität. “They had to sort it out themselves”, schreibt der Anthropologe Allan Campbell - sie schufen sich ihre Ordnung selber in jenen Ritualen, die “Gruppentherapiesitzungen” waren. Die Waiapi sind eine Gruppe von ungefähr 150 Menschen. Sie bewohnen ein Gebiet des Amazonas-Regenwaldes. Es gibt bei ihnen keine Institutionen der Macht, es gibt nichts und niemanden, der befehlen könnte. Sie leben in einer sozialen Welt ohne Herrschaft, “power-degree-zero, hierarchy reduced to a minimum, authority no more than a posture, coercion no more than a gesture!”

Wir können uns eine Welt ohne Autorität gar nicht vorstellen. In unseren patriarchal organisierten Gesellschaften geht ja nichts ohne von oben verordneten Befehl. Ohne Hierarchien gibt es keine Ordnung, und Ordnung gibt es nur durch Unterordnung . Rousseau hat dies ganz richtig gesehen, das Zusammenleben in sogenannten zivilisierten Gesellschaften ist nicht mehr durch “égalité” bestimmt. Die Zivilisation hat den Menschen verdorben. Wir haben gelernt die Unordnung zu fürchten, Unordentliches können unsere Führer nicht vorausberechnen, das macht Angst. Wir haben diese Angst so gut versteckt in unser Bild der Welt eingebaut, dass wir uns sogar davor fürchten, unsere Herren zu verlieren, wir glauben, dass wir ohne Herrschaft auch die Beherrschung verlieren müssten. Eine Gesellschaft ohne Herrschaft ist eine unordentliche Welt. Die Primitiven und die Wilden leben in Barbarei, meinten die Anthropologen des 19. Jahrhunderts. Aber -- wie funktioniert eine Gesellschaft? Die Antwort: Menschen sprechen miteinander. Sie brauchen ihre Sprachordnung, um in der sich stetig verändernden Umwelt ihre Probleme zu lösen. Es ist nicht der von oben verordnete “ewige” Frieden, der sie schützt, es ist das immer wieder neu zu findende Gleichgewicht, das sie beim Miteinander-Sprechen finden. Menschen brauchen kleine, überblickbare Gruppen, um ein menschenwürdiges Leben zu leben. Sie schufen sich diese Ordnungen im Laufe von Millionen von Jahren und sie überlebten diese lange Zeit, weil sie “miteinander” überlebten. Die Kulturen der letzten hunderttausend Jahre waren Hoch-kulturen. Über die Geschichte dieser Hochkulturen habe ich allerdings in der Schule nie etwas gelernt. Für die gescheiten Lehrer damals - und oft noch heute - begann die Kultur mit den alten Griechen, und seit den Griechen sind wir in einem stetigen Prozess des Fortschreitens in nur 3000 Jahren ganz schnell immer besser geworden. Unendlich langsam von episodischer zu mimetischer, von mimetischer zu mythischer, und dann rasant schnell von mythischer zu theoretischer Kultur ging der Weg. Ein Weg des unaufhaltsamen Fortschritts. In dieser theoretischen Kultur haben die Menschen gelernt mit Wissenschaft und Technik die Natur zu beherrschen.

Die Menschen lernten auf ihrem Weg Herren und Sklaven zu unterscheiden, und nur die Herren hatten Kultur. Die Herren erfanden immer Neues - Religion, Literatur, Philosophie, Kunst und Technik. “Die höchste und brauchbarste Erfindung der Menschen ist die Sprache. Ohne die Sprache gäbe es unter Menschen weder Gesellschaft noch Gesellschaftsvertrag, weder Frieden noch Gesellschaftsordnung, nicht mehr als unter Löwen, Bären und Wölfen.” schrieb Thomas Hobbes 1651. Sprache, Gesellschaft und Gesellschaftsvertrag sind aber keine Herrenerfindungen. Sie entstanden ohne Herrschaft. Thomas Hobbes irrte sich. Er dachte als Mensch der sogenannten Neuzeit, sein Ideal war der autonome, rationale, männliche Mensch, der Egoist. Er kann nur durch Zwang, durch Verordnung von oben, daran gehindert wird mit seinesgleichen einen steten Krieg zu führen. Homo homini lupus, der Mensch ist des Menschen Wolf. In unserer von Männern regierten Konkurrenzwelt können wir die fundamentale Funktion unserer Wortsprache für das Miteinander der Menschen nicht mehr erkennen. Sprache ist nicht als Speichermedium für Herrschaftswissen entstanden, sie wuchs aus dem Miteinander der singenden und tanzenden Mimetiker, entwickelte sich in einer 100 000 Jahre dauernden mythischen Kultur zur Pflege von zwischenmenschlichen Beziehungen in herrschaftslosen Kleingruppen. Es ist die Geschichte des Homo ludens, des spielenden Menschen. Wir Heutigen sind nicht mehr Homo ludens, im Laufe der letzten paar tausend Jahre wurden wir Homo faber, Schmiedmenschen. Seither glauben wir an unsere überlegene Fähigkeit, die Natur dank unserer Schmiedtechik zu beherrschen. Wir können machen und wir machen, machen, machen! Wir sind ernsthafte Arbeiter und spielen tun nur Kinder. Wir haben Vernunft entwickelt. Wir können sprechen. Wir leben in einer besseren Kultur als die Primitiven. Für uns beginnt die Geschichte der Menschheit vor drei-, viertausend Jahren in den Hochkulturen des Nahen Ostens. Die wachsenden Gruppen der Bronzezeit mussten eine neue Sprache erfinden. Sprache wurde zum Gebot, zum Befehl der Mächtigen.

Die Menschen bauten “abstrakte Gehäuse” (Sloterdjik), es entstand eine Sprache der Politik, die grosse Gruppen organisiert und zusammenhält. Es entstand das Schreiben. Die Herren schrieben ihre Gebote und ihre Gesetze. Das Wissen konnte in Bibliotheken gesammelt werden. Es wuchs auch eine Sprache des Jenseitigen, der Ideen, eine Sprache der Metaphysik. In der theoretischen Kultur konstruieren die Denker Gedankengebäude aus “vernünftigen” Ideen. Diese Geistkonstrukte haben ihren Grund nicht mehr in der alltäglichen Erfahrung, sondern in der Welt des reinen Geistes. Die Denker der theoretischen Kultur bauen “Theorien”. “theoria” heisst in der antiken Welt: Zuschauen, Betrachtung, Untersuchung, Erkenntnis. Urwort ist das griechische “thea-(u)oros” - jemand der ein Schauspiel sieht (thea - Schau; horáein - sehen). Theorie wächst aus dem Schauen, Erkennen ist gemeinsame Schau. Das ist noch ganz und gar mythisch. Aus dem gemeinsamen “théa”, dem Schauen war in Millionen von Jahren Wissen gewachsen. Es entstand Sprache, “Theater” mit Musik und Tanz. Die neuen Theoretiker schauen anders. Bei ihnen ist die Schau das Privileg einer Elite. Die Männer betrachten, und sie betrachten nicht mehr die Welt der Erscheinungen, ihre Schau zielt hinter die Phänomene, auf den Grund (arché). Sie bauen dabei eine Gegenwelt des Geistes, die den Gewöhnlichen nicht zugänglich ist, sie erfinden den “grossen Geist”. “Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos” (Johannes-Evangelium). Da ist das Wort nicht mehr bei den Menschen, es ist weit, weit weg im Geist. Es verbindet die Menschen nicht mehr, es trennt die Menschen, in Wissende und Unwissende, in freie Männer und Sklaven. Mensch heisst in den Herrschaftsideologien Mann. Das Wissen über die Regeln des Zusammenlebens, über die Notwendigkeit des Ausgleichs ist das Fundament von Gesellschaften, die wir als “regulierte Anarchien” bezeichen. Es ist die Erfahrung von tausenden von Generationen sprechender Menschen, die Formen des Beisammenseins entwickelt hatten, die ihnen ein menschenwürdiges Dasein möglich machten. Die Frage, wieviele Menschen heute kein menschenwürdiges Dasein leben können, wollen Sie sich bitte selber beantworten. Sie müssen es nicht aufschreiben, nur nach-denken. Seit die Herren das Schreiben erfunden hatten, um Untertanen zu regieren, wuchsen in den Menschengesellschaften Krieg, Gewalt, Angst und Unzufriedenheit. Für die schreibenden Herren ist Sprache nicht mehr ein Medium des Miteinanders, es ist ein Medium der Gewalt über andere. Die Herren, die ihre Untertanen beaufsichtigen, vergassen den gemeinsamen Logos. Wir Menschen der Neuzeit haben ein Menschenbild entwickelt, das blind ist für das Miteinander.

Unser Vorbild ist Robinson Crusoe, der einsame Held, der dank seines überlegenen Intellekts das Leben meistert, ganz allein. Wir erziehen unsere Kinder zu selbständigen Individuen, die sich selber helfen können. Denen, die sich selber helfen können, hilft sogar der grosse Gott. Der ideale Mensch ist männlich, stark und autonom. Wir vergessen dabei, wie grundlegend das Zusammensein mit anderen für die Gesundheit der menschlichen Psyche ist. Die menschlichen Formen der Vergesellschaftung entstanden aus der Fähigkeit, Gefühle auszutauschen und gemeinsame Gefühle zu pflegen. Gesellschaft ist nicht auf autonomer Rationalität gebaut, sondern auf der Intimität der Gefühle. Auf der Grundlage der kollektiven Gefühle entwickelte sich Sprache und unsere verbale Kommunikation ist wirklich - wie Thomas Hobbes sagte - “ die höchste und profitabelste Erfindung der Menschen ”. Sie dient aber nicht dem Profit eines Einzelnen, sie ist profitabel für alle. Alle - das waren in den Kulturen der sprechenden Menschen alle, die eine gemeinsame Sprache sprachen. Sie gehörten zusammen. Diese Sprachgemeinschaften waren in den mythischen Kulturen immer überblickbar klein, nicht grösser als die von Robin Dunbar aufgezeigte Idealgrösse einer Menschengruppe: 150 Individuen, die sprachlich interagieren. In den “theoretischen Kulturen” der letzten dreitausend Jahre sind die Gruppen auf Millionen von einsamen Agenten gewachsen. Die Menschen haben dabei das Zusammensein verlernt. Unsere Gruppen sind so gross geworden, dass kein Vertrauen in die Beziehungen mit den anderen entstehen kann. In diesen anonymen, d.h. “namenlosen” Massen von Menschenatomen, entstanden soziale Krankheiten, wachsende Gewalt, Krieg, Herrschaft, Unterdrückung. Und wir therapieren dann einsame, kranke Individuen, wenn sie Gemütsprobleme haben, und merken nicht, dass wir die Gesellschaft therapieren müssten. Wir sind nicht Individuen, die zufällig in dieser oder jener Umgebung mit anderen zusammentreffen, wir sind zutiefst abhängig von stabilen, langdauernden Beziehungen. Menschen haben im Laufe der Evolution gelernt in kleinen Gruppen miteinander zu leben, in anonymen Gesellschaften von lauter Fremden können wir nicht funktionieren. In diesen Gruppen von Fremden gilt der Kampf aller gegen alle. Das Menschenbild dieser Grossgruppen hat das Gefühl abgewertet; nur dumme Menschen haben Gefühl, die Gescheiten haben Erfolg. Wir sind nicht mehr fähig, die Grundlage unseres Wohlbefindens im gemeinsamen Tun zu sehen. Wir denken nicht mehr über unsere non-verbale Kommunikation nach, sondern erhoffen Besserung durch Verbesserung der rationalen Steuerung des Verhaltens. Wir “schmieden” immer besser Informationssysteme für einzelne, und wir vergessen, dass einzelne nur in der Geborgenheit der Gruppe zufrieden, im Frieden mit sich selbst, leben können.

Der Mangel an emotionaler Geborgenheit ist der Grund aller sozialer Krankheiten, vom Drogenkonsum bis zur Selbstmordepidemie der modernen Gesellschaften, vom endemischen Krieg bis zum Mobilitätswahn. Wir leiden an Krankheiten des Umgangs miteinander, wir können unsere Nächsten nicht mehr lieben. Die Moral, das heisst die Regeln unseres gemeinsamen Umgangs, beruht nicht - wie Thomas Hobbes meinte - auf von oben verordneten Gesetzen, sondern auf der moralgelenkten Interaktion von Lebewesen, die in sozialen Gruppen zusammen leben. Die Verhaltensforscher beobachten bei unseren Verwandten, den Schimpansen, eine ausgebildete Gruppenmoral, die nicht auf Druck von oben beruht. Schimpansengruppen leben nicht unter dem sogenannten Gesetz des Dschungels, in dem jeder gegen jeden kämpft, sondern unter Regeln des Zusammenlebens, das die Gruppen aus gegenseitigen Verpflichtungen konstruieren. Wer in Schimpansenhorden nicht mit den anderen teilt, wird bestraft. Der egoistische Schimpanse wird aus der Gruppe ausgestossen, die Gruppe nimmt Rache. Die Moral der Schimpansen ist eine Moral der Kooperation, nicht des Befehls von oben. Unsere Menschenvorfahren pflegten ebenfalls eine Moral der Zusammenarbeit. Sie besassen - wie die Schimpansen - ein emotionales Grundpotential zur Ethik. Hochkulturen sind bestimmt durch Macht von oben. In den Grossgesellschaften der frühen Staaten wird der Mensch “zum Umzug in abstrakte Gehäuse verdammt”. Menschen müssen zu Staatswesen abgerichtet werden. Wir nennen dies Erziehung. Wir werden sozialisiert durch Zwang, wir lernen Regeln des Umgangs, die auf Wettbewerb und Leistung beruhen. Das vielzitierte Gesetz des Dschungels, das ja im Dschungel - bei den Schimpansen - nicht gilt, ist das Gesetz der Grossgruppen von Menschen. Vielleicht liegt die krankmachende Veränderung der Gruppenmoral in der Überheblichkeit begründet, mit der wir uns als Krone der Schöpfung sehen. Vielleicht liegt es an den Geschichten, die wir uns erzählen.

Bei der Konstruktion von Gedankengebäuden, die allein auf der logischen Vernunft gebaut sind, vergassen die Denker der modernen Kultur, welche Prämissen, welchen Vorausannahmen (Präsuppositionen) sie voraussetzten. Die Liebe zur Weisheit der theoretischen Kultur musste sich notwendigerweise in abstrakte Hirnspiele versteigen.

Die Nähe ging verträumt umher...

Sie kam nie zu den Dingen selber.

Ihr Antlitz wurde gelb und gelber,

und ihren Leib ergiff die Zehr.

Doch eines Nachts, derweil sie schlief,

da trat wer an ihr Bette hin

und sprach: “Steh auf, mein Kind, ich bin

der kategorische Komparativ!

Ich werde dich zum Näher steigern,

ja, wenn du willst, zur Näherin!”-

Die Nähe, ohne sich zu weigern,

sie nahm auch dies als Schicksal hin

Als Näherin jedoch vergass

sie leider völlig was sie wollte,

und nähte Putz und hiess Frau Nolte

und hielt all Obiges für Spass. Christian Morgenstern


In den “theoretischen Kulturen” verloren die Philosophen die Nähe zum Leben. Der Geist kommt nie zu den Dingen selber (Kant), er kann sich den letzten Bodenteilchen immer nur nähern. Er bewegt sich im unendlichen Raum der Abstraktion, er ist Ferne, nicht Nähe. Nur als “gesteigerte” Frau Nolte wird der suchende Geist wieder körperlich nahe. Dieser verkörperte Geist ist dann aber halt so, wie Frauen eben sind, dumm; “die” Geist vergisst, was sie wollte, sie verliert das Ziel aus den Augen. Der männliche Geist vergisst nicht, was er “will”, er ist zielgerichtet “zweck-rational”. In der männlichen Welt der Theorie steigert sich der Sinn zum Blödsinn. Die Weisheitssucher erfinden den transzendentalen, schöpferischen Geist, die ewige Welt der Ideen; der Geist wird eine Substanz ohne Raumdimensionen, und die Denker streiten über die Idee der Zweifachheit (Dualismus) und über die Idee der Einheit (Monismus), und es ist kein Ende abzusehen.

Beim Studium der Geschichte der letzten hundert Generationen ist mir langsam bewusst geworden, dass Herrschaftsreligionen und Herrschaftsgesellschaften psychisch kranke Mitglieder in überaus hoher Zahl züchten. Es entsteht in Herrschaftsgesellschaften der Machbarkeitswahn, der Mobilitätsirrsinn und der Milliarden-Chüngelistall. Wir, die fortgeschrittenen Herren der Welt, sind nicht erfolgreich. Erfolg hiesse für die Homo sapiens langfristiges Überleben, und genau dieses Überleben in Frage zu stellen haben die “gescheiten” Männer geschafft. Menschen, die sich selber als gescheite Herren der Welt sehen, sind wahrhaftig dumm. Da tut ein neues Menschenbild not. Wir werden unser Wertsystem überdenken müssen. Es wird uns nicht erspart bleiben, unsere Ideale zu revidieren. Wir müssen “das Gute” neu definieren: Gut ist nicht mehr, gut ist auch nicht schneller. Gut ist nicht, was dem Einzelnen nützt.

Ein brauchbares Menschenbild stellt die Gemeinschaft ins Zentrum. Wir sind nicht einsame Individuen, die sich gern oder ungern vergesellschaften und dazu einen Gesellschaftsvertrag brauchen, wir sind soziale Lebewesen mit hochentwickelten, angeborenen Kommunikationsfähigkeiten. Wir sind im Laufe einer langen Geschichte von über fünf Millionen Jahren zu immer besseren Kommunikatoren geworden. Sie vermittelten Erfahrungen von einer Generation an die nächste. Das taten die Menschen bis vor etwa zwei-dreihundert Generationen. Damals veränderte sich die soziale Welt der Menschen, eine Katastrophe passierte. Aus den Homo ludens wurden Homo faber. Seither machen wir Männer - und Männer machten, mehr und mehr. Und Männer wurden immer dümmer. Sie glaubten an den Mehrwert, sie waren vom Fortschritt überzeugt und sie sahen sich selber als Krone der Schöpfung. In allen diesen schnell wachsenden Herrschaftsgesellschaften gingen die Erfahrungen der ursprünglichen kleinen Sozialgefüge verloren. Vor nur ein paar Tausend Jahren wurde die Sprache ein Herrschaftsinstrument und aus gescheiten Menschen wurden dumme Herren. Seit etwa viertausend Jahren produzieren Homo faber Überschüsse. Dieser moderne Mensch will mehr, immer mehr und noch mehr. Er denkt zweckrational und feiert seinen männlichen Verstand als nützliche Gabe, die ihm der grosse Gott verliehen hat. Sprache ist von den Denkern der letzten hundert Generationen als Fähigkeit zum logischen Denken betrachtet worden. Diese Fähigkeit haben “natürlich” nur die Männer, denn den Weibern fehlt nicht nur die Seele (Aristoteles), ihrem Denken fehlt auch die logische Folgerichtigkeit. Idioten, Kinder und Frauen denken mit dem Bauch, mit der Emotion. Und - wie alle christlichen Denker wissen - was unterhalb des Bauchnabels angesiedelt ist, muss abgelehnt werden. Dort ist der Sex zuhause und der ist gefährlich, dort ist das Reich der Sünde. Das Böse kam durch den Ungehorsam der Frau Eva in die Welt. Die Menschen vergassen das Miteinandersein. Vielleicht liegt es an der Herrschaftsstruktur, vielleicht an der allzu grossen Zahl der Menschen; vielleicht können wir so viele nicht als Nächste lieben, vielleicht ist unsere Speicherfähigkeit für Beziehungen beschränkt, vielleicht sind wir als Atome der Masse überfordert und werden krank. Die gescheiten Affen sind psychisch gesünder. Es gibt unter ihnen Gruppen, die Kommunikationstraditionen entwickelt haben, die ihnen innerhalb ihrer kleinen Gruppe ein schimpansenwürdiges Leben ermöglichen, mit aller Anregung des Streitens und der Freude beim Versöhnen, mit einer schimpansisch guten gemeinsamen Stimmung und ersten Ansätzen diese Stimmungen in Ritualen zu wiederholen. In einem neuen Menschenbild wird nicht die menschliche Rationalität als höchste Fähigkeit gepriesen. Unser Emotionssystem ist für unser Überleben viel wichtiger. Unser sprachliches Denken hat sich im Miteinander entwickelt. Erkenntnis und Selbsterkenntnis sind kollektive Phänomene. Diesen Grund der Sprache - die Gemeinschaft der Menschen - haben wir in unseren Massengesellschaften verloren. Wir brauchen Sprache zum Sammeln von Wissen, und wir sammeln - seit ein paar Tausend Jahren - immer mehr Wissen. Wir erfanden das Schreiben. Die Erfindung von äusseren Speichern für unser Wissen, das was die Soziologen “externales Gedächtnis” nennen, prägt das Denken aller Menschen, die das Lesen dieser Speicher gelernt haben. Die Sprache der Schrift ist eine sehr andere Sprache, und die Ordnung der Schrift beeinflusst unser Sehen, Fühlen und Denken. Die literarisch gebildeten Menschen sind Augenmenschen geworden. So haben denn alle Denker, die über Sprache nachgedacht haben immer die Schriftsprache ins Zentrum gesetzt. Sie entwickelten Grammatiken, die den Gebrauch der Schrift beschrieben. Sie vergassen, dass Menschen Sprache brauchen, um sich zu verstehen.


Wie kam der Mensch zur Sprache? Dies fragte ich am Anfang. Ich habe Ihnen eine „Geschichte“ der Sprache vorgestellt, eine Geschichte: „Was ist Sprache“? Ich fragte: Wie verstehen wir Sprache? Durch gemeinsames Bewerten der „Welt“. Und ich fragte: Wozu erfanden die Menschen Sprache? Zum Miteinander-Sein. Menschen erfanden Sprache als Mittel, um miteinander zu kommunizieren, um miteinander in einer kleinen Gruppe von Gefährten den Lebens-Weg zu gehen. Menschen machen diesen Weg im Miteinander. Sie “meistern” ihr Leben nie allein, sie brauchen die anderen, ihre Freunde und ihre Feinde. Sprache entstand als Medium des Ausgleichs, als Suche nach Gemeinsamkeit. Ich glaube sogar, Menschen erfanden die Sprache, um miteinander zufrieden zu sein. Zufrieden, im Frieden mit sich und den anderen, das nannten die Vorfahren “seelig”. Aus dem Wort “saelic” ist im Englischen das Wort “silly” - dumm - entstanden. Eigenartig! “Seelig” sind die geistig Armen, die Dummen. Nur die Dummen sind wirklich gescheit. Meister Eckehard , einer der sehr gescheiten Denker des Mittelalters, sagte über den dummen, geistig armen Menschen: Etliche liute hânt mich gevraget, waz armuot sî in ir selben und waz ein arm mensch sî. Her zuo wellen wir antwürten: daz ist ein arm mensch, der niht enwil und niht enweiz und niht enhât. Der nichts will, der nichts weiss und der nichts hat. Nur der kann “seelig” sein, nur der ist zufrieden. Dieser Satz fasst zusammen, er ist die Quintessenz aller Religionen, der Weisheit letzter Schluss: Wer gelernt hat mit anderen zu interagieren, wer gelernt hat zu sprechen, weiss, dass er nicht mehr wollen darf als der Nächste, er weiss, dass er nichts für immer “haben” kann, und er weiss auch, dass er nichts Endgültiges weiss und wissen kann.