| MENSCH UND
SPRACHE
UBoeschenstein |
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1 / I ERKENNEN - WISSEN Es regnet. Mit diesem Satz hat mein Interesse an der Sprachwissenschaft angefangen. Ich hatte meinen Deutschlehrer gefragt: Wer regnet? Der Deutschlehrer wusste keine Antwort. Meine Frage war eine dumme Frage, nur ein dummer Schüler fragt, wer regnet. Der Regner? Wer ist dieser Regner? Es ist warm. Wer ist warm? Während der Grammatikstunden träumte ich oft zum Fenster hinaus weitere “dumme” Fragen: Wozu brauchen Menschen ihre Sprache? Wie brauchen Menschen Sprache? Wie entstand Sprache? Wie verstehen Menschen Sprache? Erklären Grammatiken, wie die Sprache funktioniert? Was ist ein Subjekt? Was ein Objekt? Was bedeuten solche Wörter? Erkären Grammatiken, wie wir Sprache verstehen? Lerne ich hier im Deutschunterricht etwas über das Denken, über das Sprechen, die Fähigkeit, mit Schallwellen Gedanken zu übertragen und das Verhalten meiner Mitmenschen zu beinflussen? Was geht beim Sprechen in meinem Kopf vor? Es muss doch im Kopf etwas vorgehen. Was? Wie haben die Menschen das gelernt? Wann? Wo? Wozu? Beim Nichtaufpassen im Grammatikunterricht wurde mir klar, dass ich über Sprache mehr wissen wollte. 1 Ist Sprache eine vom Gott verliehene Fähigkeit, die nur dem Gottähnlichsten aller Lebewesen, dem Menschen, eigen ist? Oder ist Sprache ein Ergebnis der Evolution, eine Fähigkeit grosser Gehirne zu lernen und Neues zu erfinden? Wie ist Sprache entstanden? 2 Können Menschen durch
Nachdenken über das Denken ihr Denken verstehen lernen? Können
sprechende Menschen - durch ebendieses Sprechen - ihren eigenen Geist erkennen?
Oder bleibt der Geist ein metaphysisches Geheimnis? Was ist Geist? Wie
entsteht Bewusstsein?
4 Wozu hat der Mensch Sprache
entwickelt? Um sich Befehle zu erteilen und den nächsten Jagdzug zu
planen? Oder vielleicht um sich besser zu verstehen, um Beziehungen zu
pflegen?
Ich wollte wissen, wie Sprache die Menschen verbindet, wie Menschen kommunizieren. Von Kommunikation hatte ich in der Literaturstunde, bei der Lektüre von Kafkas Schloss gehört. Der Deutschlehrer brauchte das Wort “Kommunikationslosigkeit”. Ich habe ihn nie gefragt, was dieses Wort bedeutet. Man lernt ja als dummer Schüler sehr schnell keine dummen Fragen zu stellen, Fragen, auf die der Lehrer keine Antwort weiss. Was heisst Kommunikationslosigkeit? Was ist Kommunikation? Heisst Kommunikationlosigkeit Sprachlosigkeit? Ist Schweigen Kommunikationlosigkeit? Können sprachlose Lebewesen nicht kommunizieren? fragte ich mich beim Tagträumen während der Grammatikstunden. Liegt es an der Sprache, wenn Menschen sich nicht verstehen? Wie verstehen sich Menschen? Wie verstehe ich meine Welt? Verstehen die andern die gleiche Welt? Sprechen Sie und ich die gleiche Sprache? Ich studierte dann an der Universität Sprachwissenschaft, weil ich hoffte, auf solche Fragen eine Antwort zu finden. Mir schien das Problem der Kommunikation zwischen den Menschen das wichtigste Problem überhaupt zu sein. Während der sechs Jahre Sprachstudium lernte ich viel. Ich erwarb viel Wissen über Sprachstrukturen, aber Antworten auf meine Fragen nach dem Verstehen, nach dem Miteinander der Menschen, fand ich keine. Ich lernte, dass der Satz “Es regnet” ein grammatisches Subjekt haben muss, aber - warum muss in unserer deutschen Sprache jede Handlung einen Urheber haben? Es gibt Sprachen, die den Prozess des Regnens ohne ein grammatisches Subjekt ausdrücken: Regnen geschieht. So sagen es die Finnen. Wie sind solche Unterschiede der Sprachen zu erklären? Als ich anfing, Linguistik zu studieren, lernte ich fleissig mittelenglische und altfranzösische Formenlehre. Ich lernte Grammatikregeln. Ich studierte Stammbäume und Sprachverwandtschaften. Die Strukturen der Grammatik, die Inhalte von Wörtern gaben mir aber keine Auskunft auf meine zentrale Frage: Wie verstehen wir Sprache? Es lächelt der See, er ladet zum Bade. Haben Sie schon einmal einen See lächeln sehen? Der See ladet auch zum Bade. Das ist nett vom See. Mich hat er allerdings noch nie lächelnd eingeladen. Liegt das an mir oder am See? Liegt es vielleicht an der Sprache? Warum kann in unserer Sprachwelt ein See handeln? Warum kann der See lächeln, warum kann er etwas tun? Warum erfindet unsere Sprache einen Regner? Wozu braucht sie einen Wärmer? Wie schafft die menschliche Vorstellungskraft solche gedankliche Gebilde?
Der spinnt, werden Sie nun sagen. Sie haben ganz recht. Der spinnt. Er spinnt kreative Gedankenfäden. Er fragt. Wie erkennen wir die Welt mit unserer Sprache? Wie beschreibt Sprache die Welt? Ist Sprache ein Spiegel der Welt? Oder - schafft Sprache unsere Welt? Wie verstehen Menschen ihre Welt? Wie ist diese Fähigkeit entstanden? Wann und wie haben die Menschen gelernt mit Sprache zu kommunizieren? Wozu studieren wir Sprache? Die Menschen möchten etwas über Sprache
wissen, weil sie hoffen, dass dieses Wissen ihnen Erkenntnisse über
das Wesen des Menschen verschafft. Steven Pinker
1 ERKENNEN - WISSEN EPISTEMOLOGIE Ich frage in einem ersten Kapitel nach den Grundlagen des menschlichen Erkennens und des Wissens. Revolutionäre Umwälzungen erschüttern
die kognitiven Wissenschaften. Die alten Vorstellungen darüber, wie
Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle im Gehirn entstehen, werden revidiert
- und mit ihnen unser Bild von uns selbst.
Unser Selbstbild? Wir Menschen sind die gescheitesten unter den Lebewesen - da kann es keinen Zeifel geben. Kein Tier kann sprechen, keines kann reflektieren, keines über sein Schicksal nachdenken. Wir Menschen sind die erfolgreichsten unter den Lebewesen. Auch da kann es keinen Zweifel geben. Kein Tier kann die Welt nach seinen Wünschen verändern, keines sein Schicksal in die Hand nehmen, keines das Unsichtbare schauen. Wir sind die Krone der Schöpfung. Dieses Selbstbild ist zu revidieren. Es ist nicht nur falsch, es ist dieses anmassende Bild von uns selbst, das unsere Welt in die Katastrophe treibt. Wir sind nichts weiter als eine Primatenart mit der Fähigkeit, uns gegenseitig darüber zu informieren, wer wem was getan hat, indem wir Geräusche modulieren, die beim Ausatmen entstehen. Steven Pinker Wir Menschen haben von unseren Vorfahren, den gescheiten
Menschenaffen, soziale Fähigkeiten geerbt, die uns das Zusammenleben
in Gruppen ermöglichen. Wir haben im Verlauf von vier Millionen Jahren
Sprache als Medium der Gruppenkoordination entwickelt. Gruppentiere müssen
wissen, wer wem was wann und wozu getan hat. Der Mensch hat als Gruppenwesen
gelernt, dieses “Wer-wem-was” mitzuteilen, mit anderen zu teilen. Erkennen
heisst miteinander teilen.
2 VERSTEHEN KOMMUNIKATION Wie verstehen wir die Welt? Dies ist die Frage des zweiten Kapitels. Unser Verstehen der Welt ist ein komplexer Prozess des “In-Beziehung-Setzens”. Wir bilden keine äussere Welt ab, wir konstruieren eine Welt, in der unsere Handlungen “Sinn machen”. Wir bringen gemeinsam eine Welt hervor (Varela). Sprache ist ein soziales Phänomen. Sprache ist nicht ein Mittel zur Darstellung der sogenannten Objektwelt, sie ist ein Mittel zur Darstellung der sozialen Welt. Menschen kommunizieren über wer, wem, was, tut. Die Fähigkeit miteinander zu kommunizieren
haben die Menschen von ihren Vorfahren übernommen. Sich Gedanken machen
über die anderen, wissen was die anderen glauben, ist schon bei Affen
beobachtbar. Entwicklungspsychologen nennen dies eine Theorie des Geistes
(Theory of Mind). Es sind diese Annahmen über den “Geist der anderen”,
die uns “Verstehen” ermöglichen.
3 ERINNERN ENTWICKLUNG DES GEDÄCHTNISSES Im dritten Kapitel möchte ich über das Gedächtnis nachdenken. Wie ist die Fähigkeit zur Erinnerung entstanden und welche Funktion hat das Gedächtnis für die Entstehung der Sprache? Menschen speichern ihre Erinnerungen mit Symbolen, mit “etwas das etwas bedeutet”. Die Entwicklung von symbolischer Speicherung begann schon lange vor den Menschen. Schon die Primaten können mit Symbolen kommunizieren. 4 NACHDENKEN - REFLEKTIEREN Die ersten Homo haben ihre Fähigkeit zum Denken mit Symbolen auf eine neue Ebene weiterentwickelt, sie können Nach-Denken. Die Fähigkeit zur Reflexion ist das Thema des vierten Kapitels. Ein Hund und der sagen kann
5 SINGEN - DARSTELLEN - MIMEN - SPRECHEN Im fünften Kapitel möchte ich Ihnen die
Entwicklungsstufen der Sprache von der Erfindung von Wörtern zur Erfindung
von Geschichten aufzeichnen. Der amerikanische Linguist Merlin Donald beschreibt
vier verschiedene Formen der Menschenkultur, eine episodische Kultur für
die ersten Zweibeiner, die Australopithekinen. Eine mimetische, d.h. auf
der Darstellung von Handlungen aufbauende Form der Kommunikation, entstand
bei den Homo habilis und den Homo erectus.
6 KOMMUNIZIEREN Im sechsten Kapitel steht die “theoretische” Kultur der letzten dreitausend Jahre im Zentrum. Ich möchte Ihnen über ein paar fundamentale Denkfehler dieser “Theoretiker” berichten. Sprachentstehungstheorien des 19. Jahrhunderts beschrieben die stetige Verbesserung der Werkzeuge der Menschen und sahen das Wachsen des Gehirns als Folge verbesserten Naturbeherrschung. Die Archäologen von heute beschreiben die Entwicklung ganz anders. Von der ersten “chopper”-Technologie der Homo habilis bis zu den “Steinbeilen” der ersten Homo erectus verändert sich der Werzeugkasten unserer Vorfahren kaum. Während fast zwei Millionen Jahren machten die Frühmenschen die gleichen Werkzeuge. Die geistige Entwicklung kann nicht von einer technischen
Revolution bestimmt gewesen sein. Es gibt noch heute “Steinzeitmenschen”,
die mit den gleichen Techniken ihre Werkzeuge bearbeiten, wie ihre Vorfahren
vor hundert tausend Jahren. Was diese “primitiven” Kulturen veränderte,
war die sprachliche Kommunikation. Es entwickelten sich soziale Strukturen,
die sich von denjenigen der Menschenaffen unterscheiden. Die Gruppen wurden
grösser und umfassten etwa 150 Individuen. Die Sprache dient als Kommunikationsmedium
im Zusammensein. In Jäger und Sammlerkulturen sind die Formen des
Zusammenlebens von Geschichten bestimmt. Die Sprache ist der Kitt der Gesellschaft.
ERKENNEN - WISSEN - DARSTELLEN EPISTEMOLOGIE Wie erkennen wir die Welt? Welche Rolle spielt die Sprache beim Erkennen der Welt? Ich hätte Antworten auf meine vielen Fragen nicht bei den Sprachwissenschaftern sondern bei den Philosophen suchen müssen. Philosophen fragen nach den Fundamenten des Erkennens. Sie fragen, wie unser Geist die Welt darstellt. Die Welt ist gegeben. Es gibt eine Realität. Wir bilden diese objektive Welt in unserem Geist ab. Unsere Sinne vermitteln uns Abbilder der Realität (R.Rorty ). Philosophen suchten nach den zeitlosen Elementen
dieser Abbilder. Gibt es ein solches zeitloses Fundament des Erkennens?
Dies wird bei vielen modernen Philosophen in Frage gestellt. Ich hätte
Wittgenstein und Heidegger lesen sollen: Erkennen ist nicht Darstellen
- und schon gar nicht “genaues” Darstellen. Das Bewusstsein ist nicht ein
Spiegel. Wir beziehen unser Wissen über die Welt nicht von aussen,
wir spiegeln mit unserer Sprache keine Wirklichkeit. Wir konstruieren mit
der Sprache miteinander eine Wirklichkeit .
DENKEN - FÜHLEN - WAHRNEHMEN - ABBILDEN - KONSTRUIEREN Auch die empirischen Wissenschaften, die Wahrnehmung, Denken und Fühlen studieren, mussten erkennen, dass unsere Sinne nicht wie Kameras oder Tonbandgeräte funktionieren. Wahrnehmung ist nicht Abbilden. Der Neurobiologe Walter Freeman studiert die Gehirnprozess beim Riechen. Er zeigt auf, dass niemals Sinneseindrücke (sensory input) irgendwie gepeichert werden. Sinneseindrücke werden im Gehirn verarbeitet, indem sie mit früheren Erfahrungen verglichen werden, und das Gehirn konstruiert ein neues Muster. Dieses Muster erfasst die Bedeutung des Stimulus für das zukünftige Verhalten, es ist nicht ein Abbild . Alle Sinneswahrnehmung geschieht im Umfeld (Kontext)
unserer angeborenen und gelernten Erfahrung. Wir spiegeln mit unseren Sinnen
nicht die Welt, wir konstruieren mit unseren Gehirnen eine Welt. Bei diesem
Prozess der Weltkonstruktion hilft uns Menschen die Sprache.
Wissen ist nicht eine Sammlung von sogenannten Fakten, die wir in unseren Gehirnen gespeichert haben. Wissen ist Anpassung (adaptation). Unsere Gehirne ermöglichen uns eine immer neue Beziehung zur Welt (Horner ). Mehr als 2000 Jahre lang hatten die Philosophen angenommen, dass das gemeinsame Bild, das die sprechenden Menschen entwickelten, seinen Grund in einer objektiv gegebenen Realität hat, die abgebildet und dargestellt werden kann. Hinter den Erscheinungen (Phänomene) suchten sie Prinzipien, Ur-Ideen. Die griechischen Philosophen suchten den Ur-Grund (arché). Sie glaubten diesen Grund im transzendenten Geist zu finden, in den Ideen hinter den Erscheinungen. Unser Verstand, unser Denken - so meinten Denker, die Philosophen, die “Liebhaber der Weisheit” - kann hinter die Erscheinungen blicken, wir können denkend - kraft unserer Vernunft - die Welt der Ideen verstehen. Vor ein paar Jahrhunderten kamen dann die Naturbeobachter. Sie fingen an, mit der Natur zu experimentierten, um Regelmässigkeiten der Welt zu beschreiben. Naturwissenschafter beobachten Erscheinungen der Welt und berechnen Kräfte, die die Welt bewegen. Sie gingen davon aus, dass alles in der Welt einen Grund hat, dass alles von Kräften bestimmt und gelenkt wird. In der Welt des Lebendigen sind es aber nicht Kräfte, die das Zusammenspiel von Organismus und Umwelt formen. Lebewesen orientieren sich, indem sie unterscheiden. Sie nehmen Unterschiede wahr und reagieren auf Unterschiede. Unterscheidungen sind keine Kräfte, sie ermöglichen
Kenntnis von Beziehungen.
Information ist Unterscheidung, eine Unterscheidung, die eine “Unterscheidung macht”, “a difference that makes a difference”, wie Gregory Bateson sagte . “To dicriminate” - scharfe Unterscheidungen machen - nennen die Evolutions-pschologen die Tatsache, dass alle Wahrnehmung von Lebewesen eine Reaktion auf Unterschiede ist, Veränderungen im Gleichgewicht des Systems. Wir erkennen nie “das Ding an sich” (Kant), wir erkennen, was unser Denken aus den Wahrnehmungen macht. Unser Denken ist immer Vergleichen, es ist immer metaphorisch. Unser Denken behandelt Unterscheidungen von Unterscheidungen. Und es macht daraus in einem vielschichtigen Prozess unsere Geschichten. Wir verbinden Neues mit Erinnertem und formen in diesem Kombinationsprozess unsere Lebensgeschichte. Wir denken in Geschichten, wir erdenken Beziehungen (Relationen). Wir bilden sprechend eine Welt der Bedeutung. Wir konstruieren Sinn, indem wir Vorstellungen aufeinander beziehen und diese neuen Vorstellungen auf einer neuen Ebene miteinander in Beziehung setzen. Wir bilden Kontexte von Kontexten. Das ist der “Sinn” der Sprache. Diese Feststellung zwingt uns zum Umdenken. Wenn Sprache nicht ein Abbild der Welt ist, ist unser Wissen über die Welt nicht mehr aussen fundiert. Wir brauchen eine neue Wissenschaft des Wissens, eine neue Epistemologie. Wir werden bei unseren Gedankenspaziergängen in der Welt des Geistes vertrieben aus der ewigen Welt des Seins (Ontologie, Eternalismus), in der die Dinge in der Welt eindeutig, objektiv beschrieben werden können. Es gibt die Dinge nicht wirklich, die Dinge sind eine im Geist gedachte Welt. Diesen Gedanken dachten Denker schon vor langer
Zeit. Wir sind als einsame Bewusstseine immer ganz allein. Die Philosophen
nannten dies Solipsismus .
Caminante, son tus huellas
Wanderer, es gibt keinen Weg, wir machen den Weg beim Gehen. Ich musste lange nachdenken über diesen Satz. Ich verstand nicht. Ich war - nach einer langen Reise von Einsiedeln durch Frankreich und Spanien - ans Ende der Welt gekommen, nach “finis terrae”. Ich war einen langen Weg gegangen, bis ich dort am Strand sitzenbleiben musste, weil kein Weg weiterführte. Beim Sitzenbleiben am Strand dachte ich über den Weg nach. Ich war mit einem klaren Ziel vor Augen gereist, ich wollte nach Santiago de Compostella, und unterwegs verlor ich das Ziel aus den Augen. Am Ende der Welt wusste ich nicht mehr weiter. Was bedeutet “Wir machen den Weg beim Gehen”? Ich hatte den Inhalt dieses Satzes doch ohne Probleme vom Spanischen ins Deutsche übersetzt: “No hay camino” - es gibt keinen Weg, “se hace camino al andar” - der Weg macht sich beim Gehen. Ich verstand die Wörter. Aber der “Sinn” blieb mir verschlossen. Ich verstand nicht. No hay camino, das ist gelogen, das ist nicht richtig, das stimmt nicht. Natürlich gibt es den Weg, unsere “Wege” sind nicht zu übersehen, wir können sie sogar hören, wenn es von der Autobahn her brummt. Erst nach langem Nachdenken verstand ich, was der
Dichter meinte: Er fragte “Wie erkennen wir die Welt?” Wir erkennen die
Welt beim Gehen, beim Handeln. Wanderer, es gibt keine feste Erkenntnis,
Erkenntnis schaffen wir beim Handeln.
1/I ERKENNEN - WISSEN
VORLESUNGSPLAN: 1 ERKENNEN - WISSEN EPISTEMOLOGIE
EPISTEMOLOGIE: ERKENNEN - WISSEN - DARSTELLEN
BIBLIOGRAFIE
Steven Pinker Der Sprachinstinkt
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