MENSCH UND SPRACHE
UBoeschenstein

2 / I   VERSTEHEN 
 

HANDELN - INTERAGIEREN  

Wir sprachen das letzte Mal vom Erkennen. Wir fragten, wie Menschen wissen können.Wir sind dabei grundlegenden Gehirnprozessen begegnet, dem Unterscheiden, dem Vergleichen, dem Lernen und dem Handeln. Erkennen ist nicht das Sammeln von Fakten über die Welt. Aus Lernen und Handeln ist Kommunikation entstanden, die Möglichkeit die Welt zu beeinflussen. Lebewesen lernten zu interagieren, miteinander zu handeln. In dieser Koordination von Handlungen liegt der Ursprung unserer Fähigkeit zu sprechen und Gesprochenes zu verstehen. 

KOMMUNIZIEREN - VERSTEHEN

Menschen können gegenseitig ihr Bild der Welt verändern. Sie können sich durch Laute, Wörter, Sätze und Geschichten beeinflussen. Sie können bewirken, dass der andere einen anderen Standpunkt einnimmt. Verstehen heisst anders stehen, die Welt vom Blickpunkt der anderen sehen. Alle Mitteilung, alle Kommunikation, hat zum Ziel, dem Interaktionspartner eine neue Sicht der Welt zu ermöglichen. Wir haben unseren Verstand, um die Welt der anderen zu ver-stehen.   

Viele Linguisten studieren heute den Prozess der Kommunikation und fragen, wie dieser Prozess das Medium Sprache hervorgebracht hat. Kommunikation ist ein Erfahrungsprozess. Unser Kommunizieren ist ein ein System von Sprechhandlungen. Dieses Netzwerk bestimmt unser Miteinander. Es definiert unsere Rollen, unsere Stellung innerhalb der Gruppe. 

Kommunikation ist zu verstehen als die wechselweise Gestaltung und Formung einer gemeinsamen Welt durch gemeinsames Handeln: Wir bringen unsere Welt in gemeinsamen Akten des Redens hervor.
    Varela 

Wir nennen diese gemeinsamen Akte des Redens “Sprechakte”: Aussagen, Versprechen, Erklärungen, Bitten. Sprache ist Handlungsanweisung. Dieser Feststellung sind wir schon begegnet. Sie erinnern sich an Antonio Machados: Caminante, no hay camino, se hace camino al andar. Wir erkennen die Welt beim Gehen, beim Handeln. Das heisst, wir brauchen Sprache nicht, um die Wahrheit von Aussagen festzustellen, sondern um miteinander zu handeln. Diese grundlegende Überlegung verdanken wir dem englischen Philosophen J.L. Austin, der 1955 seine William James Lecture “How to Do Things with Words” betitelte : Wie man mit Wörtern etwas tut!  
Austin hinterfragte mit seiner Frage eine der Grundannahmen der Sprachphilosophen des Anfangs unsere Jahrhunderts, dass Sprache der Darstellung von Tatsachen dient, logische Wahrheiten beweist. Unsere Menschensprache hat noch andere Funktionen. Wir können bitten, fragen, versprechen usw. Kommunikation ist nicht primär ein Austausch von Mitteilungen, sondern eine Funktion in einem Handlungsprozess . Sprache dient dem Miteinanderhandeln. 

Die Sprechakttheorie beschreibt eine Grammatik des Sprachverhaltens. Sie unterscheidet verschiedene Handlungstypen. Handlungen sind in Menschengruppen konventionell geregelt. Wir haben gelernt unsere Rollen zu spielen. Wenn ich mich entschuldigen will, weiss ich, dass ich sagen muß: "Bitte verzeihen Sie... " oder "Es tut mir sehr leid, dass..." -, und mein Gegenüber weiss, dass ich mit diesen Worten die Handlung "ich entschuldige mich” vollziehe . 

Sprechakttheoretiker untersuchen die Regeln der sprachlichen Handlungen. Sie unterscheiden zwischen dem Inhalt (dem "propositionalen Gehalt") einer Äusserung und deren kommunikativer Funktion. Was wir sagen, ist nicht immer das, was wir sagen wollen und wir sagen manchmal durch Nichtsagen mehr als durch Reden. 
 
 

INTERPRETIEREN - BENENNEN

Unser Verstehen der Welt ist ein komplexer Prozess des “In-Beziehung-Setzens”. 
Wir bilden keine äussere Welt ab, wir konstruieren eine Welt, in der unsere Handlungen “Sinn machen”. Wir bringen gemeinsam eine Welt hervor. Wir verstehen eine gemeinsam hervorgebrachte Welt.

1    Sprache ist ein Medium des Verstehens der Welt, ein Mittel durch Handeln und Erkennen eine innere Welt zu ordnen, die in Beziehung steht mit dem Aussen, der Welt, in der wir handeln. Wir interpretieren die Welt durch unsere sprachlich geprägten Weltbilder.

2    Sprache ist ein Medium der Kommunikation. Der eigentliche Kern aller Kommunikation besteht in der Fähigkeit, Bedeutung und Sinn zu erzeugen und diesen Sinn (das Erkannte) auszutauschen.

Wir nennen den Inhalt solcher kommunikativer Austauschprozesse “Information” und wir beschreiben Kommunikation als Informationsaustausch. Information fliesst in diesem Bild zwischen Kommuniationspartnern hin und her. Wir messen dann die Information in “bits”, in Informationseinheiten und wir berechnen dann den Inhalt unserer Kommunikationsakte in Quantitäten von bits. Information ist aber keine Quantität. Es fliegt nicht irgendwie “Information” zwischen Sprechern hin und her, es fliesst keine Information in Informationskanälen. Information entsteht, wenn Lebewesen interpretieren, wenn sie Reize verstehen, und handeln. 
Den Interpretationsprozessen liegen Erfahrungen von Individuen zugrunde. Unser Denken ist mit unserer individuellen Lebensgeschichte verbunden  (Historizität). Wir ordnen Erfahrungen nach sprachlichen Modellen. Diese Modelle haben sich aus Erfahrungen von Menschen gebildet, die gelernt hatten, ihre subjektiven Erfahrungen zu vergleichen. Sie bilden nicht eine objektive Welt ab. 

ANNAHMEN - HYPOTHESEN - KONZEPTSYSTEME

“Bleiben wir objektiv”, pflegte der Lehrer zu sagen. Die Wirklichkeit ist objektiv, sie existiert - unabhängig von unserer Wahrnehmung. Wir können sie mit unseren Sinnen wahrnehmen und im Gehirn abbilden. Dieser Objektivismus beschreibt eine Welt der Dinge, die “sind”. Dinge haben Eigenschaften, und wir ordnen die Dinge der Welt nach ihren Eigenschaften. Gruppen von Dingen mit “gleichen” Eigenschaften fassen wir zusammen und nennen sie Allgemeinbegriffe, univeralia. Nach dieser Sicht der Dinge, existieren die Dinge und ihre Eigenschaften unabhängig von unserem Geist. 

Nun stellten die Erforscher der Wahrnehmung zu ihrem grossen Erstaunen fest, dass es die Kategorien der Wahrnehmung nicht in der Welt draussen gibt. Wir machen die Kategorien - durch unsere Interaktion mit der Welt. Es gibt in der Welt draussen keine Farbe, unsere Gehirne machen Farbe. Die Gehirnphysiologen studieren sogar, mit welchem Gehirnzentrum wir Farbe “erschaffen”. Farbsehen ist ein Produkt unseres Gehirns. Mein Büsi sieht keine Farben. Es kann sie nicht konstruieren. 

Es gibt dort draussen keine Objekte und keine Eigenschaften, wir machen sie. Wir können drum auch keine Welt abbilden, wir müssen sie selber formen. Sprache bildet nicht die Wirklichkeit ab, Sprache ist eine Landkarte, eine Orientierungshilfe. Die Wahrnehmungsforscher sagen uns, dass unsere Wahrnehmung nicht objektiv ist, sie ist subjektiv. Was wir erkennen, ist abhängig von unseren Wahrnehmungs-kategorien, unserem “conceptual system” (Lakoff ). 

Solange die Bedeutungsforscher davon ausgingen, dass unsere Wörter Abbildungen von real-existierenden Objekten sind, suchten sie nach Bedeutungsatomen. Sie gingen davon aus, dass die Bedeutung der Wörter aus den Eigenschaften der Objekte zuammengesetzt sein müssen. Dabei war allerdings vielen Sprachphilosophen klar, dass wir die Bedeutung von Sprache nicht aus Berechnungen ableiten. Verstehen ist nicht ein Rechenprozess. 

Bedeutung ereignet sich nicht in der syntaktisch-semantischen Analyse eines sprachlichen Textes, sondern in einem potentiell endlosen Rückkopplungsprozess zwischen dem vorgängigen Sinnhorizont oder Vorverständnis des Leser/Hörers und den Text. Dieser “hermeneutischer Zirkel” genannte Interpretationsvorgang liegt offenbar ausserhalb des linguistischen Zuständigkeitsbereichs.     Sollberger  

Sprache ist nicht ein Mittel zur Darstellung der sogenannten Objektwelt. Sprache vermittelt nicht Fakten über die Welt, sie ist ein Mittel zur Darstellung der sozialen Welt. Menschen kommunizieren über wer wem was tut. Sie kommunizieren über Annahmen über die Welt. 

Wenn zwei Individuen nicht gemeinsame Annahmen (assumptions) über die Welt haben, ist Kommunikation zwischen ihnen nicht möglich.
    Dunbar 

Menschen entwickelten ein verbindendes, verbindliches Weltbild. Sie verstehen eine sprachlich geprägte Welt und sie können miteinander kommunizieren, weil sie mit ihrem Lexikon, ihrem Wort-Schatz, diese Welt teilen. Wir verstehen einander, weil wir Annahmen über die Welt teilen. Unsere Sprache ist  ein Werkzeug der zwischenmenschlichen Kooperation.
 
 

SPRACHSTRUKTUR - SPRACHSYSTEM

Ein Werkzeug!? Der Ausdruck “Werkzeug” verführt uns dazu, Sprache als “Ding” zu verstehen. Sprache: ein Dingwort, ein Abstraktum. Seit hundert Jahren sprechen die Linguisten von “langue”. Es ist ein Ausdruck, den der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure geprägt hat. 

Die Sprache, vom Sprechen unterschieden, ist ein Objekt, das man gesondert erforschen kann.   Saussure  
“Langue”, das heisst das Sprachsystem, die Struktur der Sprache. Linguisten studieren nicht das Gesprochene, sondern die Regeln, die Gesprochenes generieren. Dieses Regelsystem nannten die Linguisten Code. Die Wissenschafter gingen dabei von einem einfach zu verstehenden Modell der Kommunikation aus. 
 

Folie: CODEMODELL

Es gibt in diesem Modell einen Sender, einen Kanal auf dem eine Nachricht tansportiert wird und einen Empfänger. Im Falle der Kommunikation mit Sprache sind Sender und Empfänger Menschen, die einander Schallwellen zusenden. Zentraler Begriff dieses Kommunikationsmodells ist der Code. Code ist die Struktur, die dem Sender ermöglicht, seine Information in Schallwellen zu transformieren und dem Empfänger, der in seinem Gehirn den gleichen Code haben muss, ermöglicht der gemeinsame Code das Decodieren, d.h. das Verstehen der Nachricht. 

Nach der Meinung von Ferdinand de Saussure ist es die Aufgabe der Linguistik, diesen Code zu entschlüsseln, d.h. die Strukturen dieses Codes, die “langue” zu beschreiben. Grundlegend ist für einen Code, dass er für die Produktion und das Interpretieren von Botschaften gleich sein muss. Es gelten für Sprecher und Empfänger die gleichen Regeln. Codieren und Decodieren - das war die nichtausgesprochene Annahme - sind umkehrbare Prozesse. 

Es wird immer klarer, dass diese Annahme für die menschliche Kommunikation falsch ist. Die Prozesse des Verstehens sind nicht eine einfache Umkehrungen der Sprachproduktion. Die Linguistik studierte seit Saussure die abstrakten Strukturen des Codes, das heisst man studierte die Regeln der Produktion von Sprache. 

Auch die mathematische Theorie der Kommunikation, die Informationstheorie, die vor fünfzig Jahren ausgearbeitet wurde, arbeitet mit der Grundannahme der Umkehrung. Die Regeln der Codierung im Sender müssen vom Empfänger umgekehrt angewandt werden. Nach diesem Modell arbeiten unsere Computer. Sie verwandeln Menschensprache in eine Maschinensprache, den binären Code, und die Textverarbeitungsregeln dieser Maschinenprogramme verwandeln binären Code zurück in Wörter. Der Computer “versteht” dabei gar nichts. Es braucht sowohl für das Programmieren, wie auch für das Lesen der Resultate einer Computation, Menschen, die verstehen, die der Ausage Bedeutung geben. 
 

MITEINANDER HANDELN - AUFEINANDER ABSTIMMEN 

Nur Menschen können Bedeutung verstehen, die codierten Information interpretieren. Wie? Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist eine neue Sparte der Linguistik entstanden, die versucht die Grundfrage des Verstehens zu ergründen. Die neue Wissenschaft heisst Pragmatik, nach dem griechichen  “pragma, die Handlung”. Sie beschreibt den Sprachgebrauch, sie studiert “parole”, das Sprechen, den Dialog. 

KOLLEKTIVES GEDÄCHTNIS                  PRAGMATIK

Das Interesse der Linguisten verlagerte sich von der abstrakten Sprachstruktur (langue) zum Sprachgebrauch (parole). Dabei verschob sich der Suchscheinwerfer ins Dunkel unseres Geistes vom Individuum und seiner “eingebauten” Sprachstruktur auf die Prozesse des sprachlichen Miteinander, auf die Situationen des Dialogs und auf die Phänomene des gemeinsamen Wissens, die uns erst Verstehen ermöglichen. Die Forscher sprechen von “Hintergrundwissen” oder “common sense”.  Menschliche Sprachen sind ein kollektives Gedächtnis. 

Unser Sprachorgan Gehirn analysiert beim Verstehensprozess nicht nur Wortbedeutungen und Satzbedeutungen, es zieht Schlüsse (Inferenzen) aus nicht-linguistischer Information und setzt gemeinsame Kommunikationsmaximen voraus. 
Der Prozess des Verstehens kann nicht als eine Menge von Interpretationsregeln beschrieben werden. Wir agieren in einer Umwelt, indem wir sie bewerten, indem wir Qualitäten unterscheiden. Wir verstehen immer Qualitäten. Sie sind nicht berechenbar. Wir können auch nicht aus uns heraustreten und unsere Bilder der Welt mit der “Realität” vergleichen. Wir brauchen Sprache zum Aufbau einer Welt . Wir ordnen Wahrnehmungen nach bestimmten Mustern, die wir Kategorien nennen. Die nach diesen Mustern entstehenden Bilder (images, mental schemata, Gestalten, Vorstellungen, Konzepte) verbinden wir mit Lautformen, und die Verbindung von Lautform und Vorstellung nennen wir Sprache. Menschen bauen sich eine Sprachwelt aus Zeichen.
 

BEZEICHNEN                SEMIOTIK - SEMIOLOGIE

Als vor hundert Jahren Ferdinand de Saussure das Studium der Sprachstruktur ins Zentrum der Linguistik stellte, forderte er auch eine neue Wissenschaft der Codes. Er nannte diese neue Wissenschaft Semiologie, Zeichenlehre. Sie soll Zeichensysteme untersuchen. Die Struktur dieses Wortcodes - so sagten die Strukturalisten - ist konventionell bestimmt. Die Sprecher einer Sprache müssen sich darauf geeinigt haben den Löwen Löwen zu nennen. Diese Konventionalität der Sprache ist eine der wichtigen Erkenntnisse, die uns Ferdinand de Saussure deutlich formulierte: Wortsprache ist ein Medium, das durch Übereinkunft entsteht. 
Die Verbindung zwischen Ding und dem Namen für das Ding ist konventionell bestimmt. Menschen kommunizieren aber nicht nur mit konventionellen Zeichen. Körperhaltungen, Gestik und Mimik sind Zeichen einer anderen Art. Sie werden nicht nach gelernten, konventionell vereinbarten Regeln interpretiert, sondern gewissermassen reflexhaft aus Empfindungsqualitäten und Gefühlsreaktionen gedeutet.  Verstehen ist dabei nicht Ableitung von logischen Schlüssen, es sind nicht Berechnungen des Gehirns.

Bei den Bemühungen ein umfassenderes Verständnis des kommunikativen Austausches wurde deutlich, dass die Humankommunikation - anders als die klassische Kommunikations-theorie angenommen hatte - überhaupt nur zum Teil über Codesysteme abgewickelt wird, bei denen explizite Codevereinbarungen die semantische Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem regeln. Der Informationsaustausch beim Menschen stützt sich vielmehr in hohem Masse auf Zeichensysteme, denen keinerlei linguistische Konvention zugrunde liegt.                             Frey,Kempter,Frenz 
 

BERECHNEN         EXKURS: UNSER GEHIRN IST (K)EIN COMPUTER

Die meisten Sprachforscher der letzten fünfzig Jahre sind davon ausgegangen, dass unsere Gehirne wie Computer funktionieren. Nach diesem Modell verarbeitet das Gehirn Information aus der Aussenwelt. Denken ist ein Prozess, in dem Symbole, Bilder der Dinge in der Aussenwelt “manipuliert” werden durch ein rechnendes Gehirn. Diese Rechenprozesse des Gehirns untersuchten die Erforscher der Kognition. 

Sie hatten die Idee der Rechenprozesse des Gehirns bei den Mathematikern entlehnt. Allan Turing und John von Neumann hatten bewiesen, dass alle logischen Prozesse durch mathematische Modelle abgebildet werden können. Diese Erkenntnis machte die Konstruktion von Rechenmaschinen, von Computern möglich. Die Erforscher des Geistes fanden im Modell der Mathematiker eine Möglichkeit die Prozesse des Denkens streng formal zu beschreiben. Sie nannten ihre neue Wissenschaft Kognitivismus, Wissenschaft der Kognition, des Denkens. 

Nach dem kognitivistischen Modell berechnet das Gehirn “Symbole”. Symbole sind Elemente, die ein “Etwas” abbilden oder vertreten, sie sind Repräsentationen. 

Ein Rechenprozeß ist eine Operation, die über Symbolen ausgeführt wird, das heißt über Elementen, die das repräsentieren (vertreten; abbilden), wofür sie jeweils stehen sollen. Der entscheidende Begriff hier ist der der »Repräsentation« oder der »Intentionalität«, der philosophische Begriff des »Bewußtseins von etwas« bzw. des »Über-etwas-Seins« (»aboutness«) (Varela). 

Repräsentationen sind Symbole, die Bedeutung haben. Sie bekommen Bedeutung durch ihre Verbundenheit mit dem, was dargestellt wird. Sie beziehen sich auf “Referenten”. Wir fanden vor einer Woche, dass ein solches Abbildungs- oder Darstellungsmodell nicht erklären kann, wie Lebewesen sich in ihrer Umwelt orientieren. Die Wahrnehmungsforschung hat ganz klar gezeigt, dass es keine direkte Verbindung von Symbol und Referent geben kann. Lebewesen konstruieren im Gehirn, in ihrem Innern ein Modell. Dieses Modell kann niemals direkt mit der äusseren Realität verglichen werden. 

Die Theorie der Berechnung, die im Laufe der letzten vierzig Jahre den globalen Siegeszug der Computer ermöglichte, hat sich mit dem Begriff Verstehen schwer getan. Computer können nicht verstehen, sie können nur Rechnen. So kann ein Schachkomputer schneller rechnen, als ein Schachgrossmeister. Das Computerprogramm wird aber nie verstehen, warum es im Schachspiel siegte. Es wird nie Freude haben an seinem Sieg. Freude haben ist aber eine Form des Denkens, es ist ein Prozess unserer Gehirne. Und da scheinen die Erforscher der “künstlichen Intelligenz” mit ihrer Vorstellung der Berechenbarkeit nicht weiterzukommen. Menschen sind keine Maschinen, sie berechnen nicht - oder mindestens nicht alles. Unsere Gehirne sind nicht gebaut, wie Computer. In unseren “Denkapparaten” gibt es keine Speicher, die den Programmen erlauben, Informationen abzurufen. Unser Denk-Organ funktioniert anders, es ist keine Rechenmaschine.

Kommunikationsprozesse können nicht beschrieben werden durch die Hypothese eines Codes, der in Sprecher und Empfänger identisch ist. Es gibt keinen Prozess, der die Identität der Denkprozesse in den kommunizierenden Partnern garantieren kann. “Die Menschen müssen die Bedingungen des Verstehens aus sich selbst entwickeln... Der Sender kann niemanden veranlassen, ein Signal in einem bestimmten Sinne zu verstehen” (Frey,Kempter,Frenz). 

In der menschlichen Kommunikation bestimmt nicht der Sender die Interpretation des Empfängers. Der Hörer einer Nachricht entscheidet, welche Bedeutung die Nachricht für ihn hat. Er interpretiert. 

Etwas ist ein Zeichen nur deshalb, weil es durch jemanden als Anzeichen für etwas gedeutet wird.  Charles Morris 

Diese Definition des “Zeichens” stammt von Charles Morris, einem amerikanischen Philosophen, der erkannt hatte, dass wir Kommunikation nicht als reziprokes Zeichensystem beschreiben können, welches von Sender und Hörer in unkehrbaren Codierungs- und Decodierungsprozessen berechnet wird. Die Strukturen der Wortbedeutung und die Satzbildungsregeln - Semantik und Syntax - sind vorwiedend für die Produktion von Sprache entscheidend, für das Verstehen spielen Deutungsvorgänge auf der Seite der Empfänger eine entscheidende Rolle.
 
 

ZUSAMMENFASSUNG

Die Sprache entwickelte sich aus der Notwendigkeit gemeinsame Vorstellungen gemeinsam zu nutzen, sie entwickelte sich aus der uralten Kommunikation, dem Miteinander allen Lebens. Dieser fundamentalen Funktion der Kommunikation war ich seit meiner “dummen” Frage nach dem Regner auf der Spur. Ich bin in den vielen Jahren des Nachdenkens immer wieder zum gleichen Schluss gekommen: Leben heisst kommunizieren. Die menschliche Grundproblematik ist immer das Verstehen der Mitmenschen. 
 

Die Modelle der Kommunikation mit denen die Kognitionsforschung arbeitete, sind zu einfach und zu einseitig. Die Prozesse des Sprachverstehens sind nicht eine einfache Umkehrung der Produktionsregeln. Wir können die Regeln des Verstehens nicht mit linearen Programmen beschreiben. Unser Verstehen der Welt ist komplex und jenseits mathematischer Logik. 

Die Ideologie des rationalen Verstandes, die das Denken der Philosophie seit den Griechen gefangenhält, ist zu ergänzen. Es gibt kein rationales Denken ohne Gefühl (Markowitsch). Diese Erkenntnis der Gehirnforschung verändert fundamental unser Selbstbild. Wir müssen unser Ideal vom beherrschten,  rationalen Denker vergessen. Es gibt ihn nicht, den abstrakten Verstand. Alles Verstehen ist mit Gefühlen gekoppelt. Die Trennung von Gefühl und Verstand war ein Irrtum.  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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BIBLIOGRAFIE:
 
 

Francisco Varela   Kognitionswissenschaft 
  Suhrkamp 1989 
J.L. Austin   How to Do Things with Words 
  Oxford University Press 1955
Hans Hannappel/ Hartmut Melenk 
  Alltagsprache  Semantische Grundbegriffe 
  Wilhelm Fink Verlag München/UTB 1990
Robin Dunbar   Grooming, Gossip and the Evolution of Language
  Faber&Faber 1996 S.83
Derek Bickerton Language and Species
  University of Chicago Press. 1990. 
Robin Dunbar   Grooming, Gossip and the Evolution of Language
  Faber&Faber 1996 
F. de Saussure Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft
  Berlin 1967 
Diane Blakemore  Understanding Utterances
  Blackwell 1992
Hans J. Markowitsch   Neuropsychologie de menschlichen Gedächtnisses
  Spektrum der Wissenschaft September 1996