MENSCH UND SPRACHE
UBOESCHENSTEIN

3/I   ERINNERN
 
 
 

ERINNERN               ENTWICKLUNG DES GEDÄCHTNISSES

Wer ist der sprechende Mensch? Auf diese Frage habe ich Ihnen “Antworten” versprochen. Ich fragte im ersten Kapitel nach den Grundlagen des menschlichen Erkennens. Wir fanden, dass die grundlegenden Fähigkeiten des Erkennens schon bei den allerersten mehrzelligen Lebewesen entwickelt wurden, das Unterscheiden, das Vergleichen und das Lernen. Alle Lebewesen mit komplexen Gehirnen können lernen und Wissen erwerben. Wissen ist nicht ein Privileg des sprechenden Menschen. 

Ich fragte im zweiten Kapitel, wie Menschen die Welt verstehen. Wir brauchen Sprache anders als die Informationstheoretiker uns vorrechneten. Wir vermitteln nicht Botschaften, wir tauschen Erfahrungen. Information kommt nicht von aussen. Information ist die Ordnung, die sich aus dem Denken, den kognitiven Aktivitäten der Lebewesen ergibt. Menschen sammeln nicht Informationen, sie verstehen die Welt, wenn sie Erfahrungen machen und diese Erfahrungen speichern. Verstehen bedeutet miteinander Erfahrungen sammeln, es bedeutet “sich erinnern”.

Wie können wir uns erinnern? Dies ist das Thema des dritten Kapitels meiner Fragen über die sprechenden Menschen.  

Wir speichern Erinnerungen in unseren Gehirnen. Mehrzellige Lebewesen entwickelten im Laufe der letzten 500 Millionen Jahre Nervenzentren, die das Verhalten steuern. Sie lernten das Lernen. Lernen ermöglicht die Anpassung an eine sich verändernde Umwelt, in der die Reaktionen nicht mehr  durch genetisch festgelegte Instinktprogramme gesteuert werden, sondern durch gelernte, gespeicherte Erfahrung. 

Es entstand in Vögeln und Säugetieren ein neues Steuerungsorgan, das Gefühlsgehirn (limbisches System). Diese neuerworbenen Gehirnzentren ermöglichen komplexe Kommunikation zwischen den Tieren. Emotional gesteuerte Lebewesen senden Signale, verstehen und reagieren auf Signale. Es entstand die Sprache der Gefühle. 

Hauptträger dieses nicht-verbalen Referenzsystems sind die mit dem Auge rezipierten visuellen Stimuli, also Gestik, Mimik, Körperhaltungen sowie die statischen Merkmale des äusseren Erscheinungsbildes. Diese Stimuli werden vom Betrachter - nach bisher erst ansatzmässig bekannten Interpretationsregeln - quasi reflexhaft ausgedeutet und meist direkt in Empfindungsqualitäten und Gefühlsreaktionen umgesetzt.   Frey, Kempter, Frenz 

Soziallebende Tiere kommunizieren mit Zeichen, die wir “non-verbal” nennen. Es sind Zeichensysteme, denen keine Konventionen zugrunde liegen. Die Verarbeitung dieser Stimuli geschieht in Gehirnstrukturen, die sich im Laufe einer langen Evolution gebildet haben. Es sind Nervennetzwerke, die auf ganz bestimmte Aufgaben spezialisiert sind. Sie speichern Erfahrung.

Die Evolutionsforscher (cognitive biology ) beschreiben vier Stufen der Intelligenzentwicklung, vier Stufen der Speicherung von Wissen: ein genetisches System, ein neurales System, ein mentales System und ein soziales System.
 
 

Folie: Müller - Informationsspeicherung                                         

1 Auf der ersten Stufe wird “Wissen” im genetischen Code (DNA-Desoxyribonukleinsäure) gespeichert und an die nächste Generation übermittelt. 

2 Die nächste Stufe des Denkens (evolutive Kognitionsentwicklung) wird durch die Ausbildung von Nervenzellen erreicht, die ein Reflex- und Instinktverhalten steuern. Ohne bereits über eigene Erfahrungen zu verfügen, sind Individuen auf dieser Stufe in der Lage, mit angeborenen Instinkten auf Veränderungen in ihrer Umwelt zu reagieren.

3 Die Stufe III ist durch die Ausbildung von Nervennetzen gekennzeichnet, die eine Speicherung von Individualerfahrung ermöglichen. Es entwickelten sich Lernmechanismen in Verbindung mit einem Gedächtnis. Auf dieser Stufe entstand ein mentales System, das nicht auf das einzelne Gehirn beschränkt ist. Erfahrungen der Gruppe können der nächsten Generation übermittelt werden, es entstehen Traditionen, es beginnt Kultur. 

4 Auf der Stufe IV entstanden Bewusstsein und Sprachfähigkeit. Das sind die  gegenwärtig höchsten Systeme der Informationsspeicherung. Wichtigste Fähigkeit der Lebewesen auf dieser Stufe ist die soziale Kooperation. Diese Lebewesen können  im Geiste Probehandeln, sie lernen zu planen und bauen dabei auf gelernte Erfahrungen, die geprägt sind durch die Gruppe der Nächsten (soziale Intelligenz) .

Die vier Aufbauebenen, die Stufen 1-4, sind nicht isoliert voneinander, jede neue Stufe baut auf der schon bestehenden auf. Oder anders: Auch wenn neue Speicherungsnetze entstehen, beeinflussen weiterhin die “alten” Systeme das Gesamtverhalten. Die unteren Stufen, die genetischen Baupläne und instinktive Steuerungnetzwerke, bestimmen auch für uns Menschen die Entwicklung. Unsere Erbanlagen sind das Fundament, auf dem unsere “überlegenen, krönenden” Gedächtnisfähigkeiten aufbauen.

GEDÄCHTNISEBENEN

Gehirnforscher beschreiben die Entwicklung des Gedächtnisses in einem Stufenmodell und unterscheiden ein prozedurales, ein episodisches und ein semantisches Gedächtnis. 
 

1    Prozedurales Gedächtnis speichert Handlungsmuster. In den einfachen Gehirnen der ersten Vertebraten werden nur solche Handlungsmuster erinnert, fixierte generelle Eindrücke, aus welchen neue Handlungen entwickelt (generiert) werden. Solche Verhaltensprogramme nennen die Biologen “instinktgesteuert”. Lebewesen mit solchen Gehirnen sind nicht fähig, sich an Vergangenes zu erinnern.

2    Episodisches Gedächtnis: Wenn Lebewesen ganze Handlungen zusammenfassend erkennen spricht man von “event perception”.  Säugetiere entwickeln ein “episodisches” Gedächtnis. Es entstehen sogenannte “scripts”. Diese Stufe der Speicherung erlaubt das Erinnern von Handlungssequenzen. Im episodischen Gedächtnis werden also nicht nur generelle Muster gespeichert (wie im prozeduralen Gedächtnis), sondern spezifische Einzelheiten von Ereignissen. Verarbeitet werden solche Erinnerungen im limbischen System (frühes Säugerhirn). Es steuert unsere emotionalen Reaktionen, unsere Bewertungen . 

Unser episodisches, emotionales Gedächtnis ist kein Fotoalbum und auch kein Filmarchiv, wir bilden ja nicht ab, stellen nicht etwas dar, sondern können mit unseren Gehirnprozessen Eindrücke wieder aufbauen, d.h. re-konstruieren. Das episodische Gedächtnis verbindet die Eindrücke von verschiedenen Sinnen (cross-modal), es bündelt Erfahrungen zu einem Ganzen, und bei diesem Wiederaufbau steuert das emotionale Gedächtnis die Details bei . 

Wichtige Aufgabe dieses Handlungsgedächtnisses ist die Speicherung von Erlebnissen mit anderen. 
Es ermöglicht es uns die Erinnerung an den 10. Geburtstag, an den ersten Schultag, oder an das erste Mal. Es gehören zu diesen Erinnerungen Einzelheiten wie Gerüche, Geräusche, der Geschmack jener ersten Banane oder der Gesichtsausdruck des Lehrers, als er sich auf den Reisnagel setzte. Das episodische Gedächtnis ermöglicht uns Gedanken “â la recherche du temps perdu”. 

3    Semantisches Gedächtnis: Affen und Primaten entwickelten die Grosshirnrinde (Neocortex). Das “semantische” Gedächtnis ist für unser Verstehen der Welt  der wichtigste Erinnerungsapparat. Wir speichern Erinnerungen in Form von Symbolen mit Bedeutung.

Säugetiere erbten ein prozedurales Gedächtnis  von ihren Vorfahren, den Reptilien, sie bauten im limbischen System ein episodische Gedächtnis auf. Eine Vorform der Speicherung von Symbolen (semantisches Gedächtnis) wurde schon auf der Stufe der frühen Säugetiere möglich. Menschenaffen lernten in einem langen Prozess mit Bewusstsein zu operieren. Sie entwickelten soziale Kompetenz durch die Erfindung gemeinsamer Traditionen. Lebewesen entwickelten neue Formen des Denkens. Die Sprache der Gefühle ermöglicht eine neue Form der Kommunikation zwischen den Tieren. Tiere lernen “lesen”. Sie verstehen emotionale Signale, Mimik, Droh- und Beschwichtigungsgebärden. 

Bei uns Menschen spielt diese Sprache immer noch eine entscheidende Rolle, wir nennen sie “non-verbale Kommunikation” und meinen damit die Zeichen, mit denen wir uns durch Gesten und Stimmlage und Ausdruck und Körperhaltung verständigen. 

Humans evolved a constellation of cognitive adaptations to social life. Our ancestors have been members of social groups and engaging in social interactions for millions and probably tens of millions of years. To behave adaptivly, they not only needed to construct a spacial map of the objects disclosed to them by their retinas, but a social map of the persons, relationships, motives, interactions, emotions, and intentions that made up their social world.        Cosmides/Tooby

 vgl. 2/II
Das Verstehen  der sozialen Welt ist für kleine Kinder eine viel schwierigere Aufgabe, als das Erkennen der Dinge (physikalische Umwelt). Das Überleben von Kleinkindern hängt weitgehend von ihren sozialen Fähigkeiten ab (social skills).    Dunbar
 

SEMANTISCHES GEDÄCHTNIS       WISSENSSYSTEM

Über die Sprache der Gefühle bauten sich die Homo sapiens eine Sprache des Verstandes, eine Wortsprache, in der die Symbole nicht mehr Ereignisse sind, sondern benannte Vorstellungen von Dingen und Handlungen (Substantive und Verben). Erst diese Form der Sprache ermöglicht gemeinsames Planen. 
Die Stufenpyramide der kognitiven Biologen lässt erkennen, dass Denken nicht  vom Menschen erfunden wurde. Denken - ein Prozess von Neuronennetzwerken im Gehirn - entstand schon in den instinktgelenkten Lebewesen der zweiten Stufe. Auf der dritten Ebene entwickelten sich Symbole, Zeichen, die “etwas bedeuten”, die deuten auf etwas. Das ist Denken übers Denken, oder wie die Systemtheoretiker sagen, Meta-Denken. Mit der Wortsprache erreichen wir die Stufe Meta-Meta-Denken, Denken übers Denken übers Denken. Jedes unserer Wörter ist “Meta-Meta”, vom verarbeiten Sinnesausdruck - Denken - zum Denken übers Denken der bildhaften Vorstellung und mit der Benennung zum Denken übers Denken übers Denken. Bei diesem abstrakten Treppensteigen haben Menschen gelernt rational zu Denken, es entstand der menschliche Verstand. 

VERDICHTEN

Wir erkennen drei Stufen der kognitiven Verarbeitung: vom “Sinneseindruck” zum gefassten Bild  (Konzept, Gestalt), vom Konzept zum Wort. Das Speichern von Erfahrung  ist Verdichten von Sinneseindrücken in Gehirnprozessen der Abstraktion, der Generalisierung. Bei der Entstehung der Sprachfähigkeit haben sich in unseren Gehirnen viele Ebenen des Ordnens und Einordnens entwickelt, viele complex geschichtete Verarbeitungsebenen.  

ABBILDEN - MAPPING

“Our knowledge of the world is derived by a series of mapping operations”, schreibt Derek Bickerton in seinem faszinierenden Buch “Language and Species”. Unser Wissen über die Welt ist abgeleitet durch eine ganze Reihe von ”mapping operations”. Wie übersetze ich diesen Ausdruck? Unsere deutsche Sprache kennt kein Verb für den Prozess des Landkartenmachens. Ich muss sagen “abbilden”: Wir beziehen unser Wissen über die Welt über eine Reihe von “Abbildungsprozessen”. Und damit bin ich in einem falschen Bild gelandet. Abbildung heisst eben ab-bilden, quasi eine Kopie eines Originals darstellen. (John M. Horner ).

Im englischen “mapping” steckt aber eine ganz andere Idee: eine Landkarte machen, heisst “ein Bild konstruieren”, aus Sinneseindrücken etwas herausfiltern, das Wichtige von Unwichtigem unterscheiden, und auf einer anderen Ebene ein vereinfachtes Schema produzieren. Die Fähigkeit der Symbolbildung, die der Namensgebung zugrunde liegt, hat sich entwickelt als neue Ebene der Modellbildung. Gehirne produzieren auf verschiedensten Ebenen Hypothesen. 

1    Was an Eindrücken unsere Sinnesorgane reizt, reizt Hirnnetzwerke zur Reaktion “Hypothesen aufstellen”.  “So könnte es sein”, sagt das arbeitende Gehirn. (Ich weiss, dass Gehirn kann nicht sprechen. Wir wissen drum auch nicht, ob es - quasi vor der Sprache - eine Sprache des Geistes gibt, ein “Mentalesisch”, wie viele Linguisten sagen.) Diese Hypothesen der untersten Ebene von Nervennetzwerken werden geprüft, indem die Netzwerke neue Eindrücke mit Erinnerungen vergleichen (Horner , Freeman )
2    Als Resultat dieser geistigen Arbeit bildet sich auf einer höheren Ebene eine Vorstellung.  Diese “Gestalten” sind eine massive Vereinfachung der Vielfalt in der Umwelteindrücke. Es sind dies unsere Ideen, unsere vorsprachlichen Gedanken. Hypothesen über die Welt draussen.
3    Durch den Prozess des Benennens, das heisst des Verbindens einer Vorstellung mit einer Lautform, vereinfachen (abstrahieren) wir auf einer weiteren, noch höheren Ebene, der Sprachebene. Dieser Prozess der Vereinfachung von Annahmen ist in jedem von uns verschieden. Wir denken mit “persönlich” gelernten und gespeicherten Erfahrungen, die jeder von uns als Einzelner macht. 

Es gibt Signale auf die wir direkt reagieren, die Reflexe. Wir reagieren auch auf Signale der zweiten Stufe, auf Geschichten von Geschichten, die wir im episodischen Gedächtnis speichern. Unsere Reaktionen auf non-verbale Miteilungen stehen ja immer in einem Zusammenhang, einem Kontext. Mimische Signale sind nur verständlich auf dem Hintergrund von Annahmen über die Annahmen der anderen. Das ist emphatisches Denken, Einfühlen. Auf der Stufe vier der Kommunikationspyramide entstehen dann unsere Menschengeschichten, Geschichten über Geschichten über Geschichten. Wir stellen Zeitbeziehungen her. Wir formulieren Geschichten aus Sätzen, aus Wörtern, aus Lauten, wir plaudern über Gott und die Welt. 

Beim Menschen war das Bedürfnis, seine individuelle Vorstellungswelt mit anderen zu teilen, stark genug, ein eigenes Kommunikationsmittel zu schaffen, das es dem Empfänger erlaubt, Vorstellungsinhalte des Senders zu rekonstruieren - eben die Sprache.          Norbert Bischof 
 

Mit der Sprache entstand ein neues Medium für die Ordnungsprozesse des Geistes, das Denken der sprechenden Menschen ist anders strukturiert. Die Gehirne der Homo sapiens sind nicht nur grösser als diejenigen ihrer Vorgänger, sie sind auch anders organisiert. Es sind - wie die Neurolinguisten sagen - neue Module entstanden. 

Solche spezialisierte Hirnbereiche gibt es nicht nur für die Sprache, sondern auch für andere Denkprozesse. Der Psychologe Howard Gardner untersuchte die Prozesse der Symbolisierung in anderen Bereichen: Als-ob-Spiele, zwei-dimensionale Abbildungen (Zeichnungen), dreidimensionale Abbildungen (Modellieren mit Lehm und Bauen mit Bauklötzen), körperlichen Ausdruck, Musik und Mathematik. Die Ergebniss seiner Arbeiten stützen die These, dass es für alle diese Symbolprozesse eigene Module gibt. Sie arbeiten bereichsspezifisch, doch lassen sich bestimmte Grundprozesse aller Module beschreiben: vereinfachen, generalisieren, abstrahieren.
 

VEREINFACHEN                

Grundlegend ist die Fähigkeit des Gehirns, die Komplexität der Welt zu vereinfachen und kategoriell zu ordnen. Die Philosophin Patricia Churchland nennt diese Fähigkeit “kognitive Verdichtung”

“Aufgrund der kognitiven Sparsamkeit der Sprache - ihrer Tendenz , viele Begriffe unter einem Symbol zusammenzuziehen - vermögen die Menschen immer komplexere Begriffe einzuführen und damit ansonsten undenkbare Abstraktionsebenen zu erreichen”.  Damasio

Die Verdichtung von Sinnesreizen geschieht auf  drei Ebenen der kognitiven Verarbeitung: Wahrnehmungsebene, Vorstellungsebene, Sprachebene. Jede dieser Ebenen hat ihre eigenen Verarbeitungsmuster, Kategorien.

KATEGORIEN

Das Gehirn ist kein »Monitor«, der dem Bewußtsein ein Punkt für Punkt übertragenes »Kamerabild« vorspielt. Wahrnehmen heißt von Anfang, das heißt vom Sinnesorgan an, Reizinformation im Hinblick auf adaptives Verhalten zu verarbeiten. Wichtige kognitive Kategorien, die unsere Erscheinungswelt mitgestalten, entstammen bereits dieser basalen Verarbeitungsebene: die Unterscheidung von »Figur« und »Hintergrund« etwa, oder von »Wirklichkeit« und »Schein«, von »Hauptsache« und »Nebensache«, um nur einige der Wichtigsten zu nennen.    Bischof

Auf der Ebene der Wahrnehmung verarbeitet unser Gehirn die Sinneseindrücke nach Regeln fürs Unterscheiden und Vergleichen. Was ich sehe, habe ich immer schon einmal gesehen. Ich sehe nichts Neues. Das heisst: Ich sehe nur, wenn mein Gehirn neue Eindrücke mit alten Erinnerungen vergleichen kann. Alles was ich wahrnehme ist “ähnlich wie....”. Völlig Unbekanntes könnten wir nicht Wahrnehmen. Die Regeln dieses Vergleichens heissen Kategorien. 

Kategorien sind unsere Unterscheidungs- und Vergleichsregeln. Sie erlauben uns, die Welt “ordentlich” zu erfassen. Es sind diese Ordnungsregeln, die kognitive Verarbeitung (Denken) ermöglichen. Wir speichern nicht Ab-bildungen. Es kann keine direkte Verbindung zwischen dem Objekt und den Sinneseindrücken geben. Unsere mentalen Landkarten sind nicht “direkt” mit der Dingwelt verbunden. Lebewesen, die ihren “Umgang” mit der Welt draussen über Sinnesorgane in ihrer Aussenhaut steuern, haben auch Nervenzentren entwickelt, die Sinneseindrücke verarbeiten. In einem Vereinfachungsprozess konstruieren Nervennetzwerke ein Reaktionmuster, eine Repräsentation. Repräsentation heisst “Abbildung”. Wie bildet unser Gehirn etwas ab?

Wir haben im Kopf kein Fotoalbum und kein Filmarchiv. Wir holen beim “Erinnern” keine abgebildeten Gegenstände” aus ihren Schubladen. Wir haben keinen kleinen Mann im Kopf, der Bilder betrachtet. Die Philosophen nennen den Mann Homunkulus, er ist der kleine Mann der unsere Bilder betrachtet, und er muss wiederum einen kleinen Mann eingebaut haben, der seine Bilder betrachtet und so weiter, eine endlose Reihe von kleinen Männchen, die betrachen.  Representationen sind nicht Ab-Bilder, es sind Umwandlungen in ein anderes Medium. Der Sinneseindruck des Dings der Aussenwelt wird verwandelt in ein Reaktionsmuster von Nervenzellen. Bei diesem Transformationsprozess wird ausgewählt und verändert. 

Sinnesorgane reagieren auf bestimme Unterschiede, sie suchen die Umwelt nach Unterschieden ab, sie leiten solche Unterscheidungen weiter an Nervennetzwerke, deren einzelne Neuronen unterschiedlich reagieren. Diese “unterschiedlichen” Reaktionen sind die erste Ebene der Repäsentation (primary representation system). 

GENERALISIEREN             

Diese Ebene der Erinnerungskonstruktion haben wir Menschen mit allen jenen mehrzelligen Lebewesen gemeinsam, die ein zentrales Nervensystem entwickelt haben. Wir teilen auch die nächste Schicht des Abbildungsprozesses mit diesen Lebewesen: Wir ordnen diese Nervenreaktionen in bestimmte Muster, die wir Kategorien nennen. Kategorien sind Muster von Nervenreaktionen. Sie ordnen Sinneseindrücke.

Wir ordnen nach den Regeln der Wahrnehmungskategorien unsere Sinneseindrücke zu “Bildern”, zu Vorstellungen, zu Gestalten - zu Konzepten. Dies ist die zweite Ebene unserer kognitiven Verarbeitung, eine zweite Stufe der Verdichtung, eine Abstraktion der Wahrnehmungsabstraktion.

KONZEPTE 

Die “Gestalten” sind nicht identisch mit den wahrgenommenen “Dingen”, aber sie müssen den Dingen gleichen. Die Struktur der Wahrnehmung kann sich nicht ohne die fundamentale Einschränkung entwickelt haben, dass Lebewesen sich in ihrer Welt zurechtfinden. 

Die Modelle, nach denen wir unsere Aktivität, unser Verhalten richten, müssen der Struktur der Welt entsprechen. Tiere, die “falsche” Konzepte entwickelt hatten, überlebten nicht und gehören deshalb nicht zu unseren Vorfahren. Brauchbare Landkarten, nach den jeweils arteigenen Kategorien zu Bildschemata geordnet, enthalten ein ganzes System von Konzepten. Es sind Modelle der Welt. Alle Lebewesen, die ihren Umgang mit ihrer Umwelt über Sinnesorgane und und Verarbeitung in Zentralnervensystemen steuern, entwickelten solche “Gestalten”.  

BENENNEN    

Gehirne verdichten Sinneswahrnehmungen. Sie strukturieren Stimuli nach kategoriellen Unterscheidungen und konstruieren aus der Verbindung von Wahrnehmung und Erinnerung Konzepte. Menschen haben dazu gelernt, diesen Gestalten einen Namen zu geben. Sie entwickelten Symbole . Sie entwickelten eine neue Ebene der Representation, die Sprache, ein neues System der Referenz, eine sekundäre Repräsentationsebene der Namen. 

3/I

ERINNERN               ENTWICKLUNG DES GEDÄCHTNISSES

GEDÄCHTNISEBENEN:   PROZEDURAL, EPISODISCH
SEMANTISCHES GEDÄCHTNIS WISSENSSYSTEM
VERDICHTEN
ABBILDEN - MAPPING  
VEREINFACHEN  KATEGORIEN
GENERALISIEREN   KONZEPTE 
BENENNEN  WÖRTER
 
 

 
 
 

BIBLIOGRAFIE

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John M Horner  If the Eye were an Animal.....
  The Problem of Representation
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  Spektrum der Wissenschaft September 1996
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  Die biologischen Wurzeln des Urkonflikts 
  von Intimität und Autonomie. Piper 1986 
Howard Gardner  Der ungeschulte Kopf
  Wie Kinder denken  Klett-Cotta  1993 
Antonio R. Damasio und Hanna Damasio: Sprache und Gehirn
  Spektrum der Wissenschaft. Nov. 1992