MENSCH UND SPRACHE
UBoeschenstein

4/I  NACHDENKEN - REFLEKTIEREN
 

Sie erinnern sich, wir sprachen das letzte Mal von der Fähigkeit sich zu erinnern. Ich beschrieb Ihnen Entwicklungsmodelle für unsere verschiedenen “Gedächtnisse” (prozedural, episodisch, semantisch). Wir sprachen von den Möglichkeiten Symbole zu brauchen. Erinnern Sie sich? Können  sie sich erinnern? Erstaunlich, unser Gedächtnis!

Ich will Ihnen heute über alte und neue Ideen des Erinnerns und des Speicherns von Wissen berichten. Da gibt es viele verschiedene Geschichten. 

SCHICHTEN - ERINNERN - PLANEN

Geschichten: Hinter diesem Wort steckt der Begriff “Schicht” oder “Schichtung”. Lebewesen bauen sich eine geschichtete Welt. Sie erkennen geschichtete Kontexte, Umwelten, in denen sie interagieren. Aus dieser  Schichtung beziehen wir Sinn, die Bedeutung unserer Handlungen, unseres Verhaltens. Für Menschen entsteht der Sinn ihres Tuns durch das Einordnen in einen Ablauf. Menschen erfinden Geschichte. Wir fragen, wie unsere Gegenwart entstanden ist. Wir erinnern uns. Wir fragen uns, wie die Zukunft sein wird. Wir planen. 

“Human beings perceive any current action within a large temporal envelope” (Carrithers).  Menschen nehmen alles in einem Zeitrahmen wahr, sie erfinden Geschichten des Zeitflusses. Diese Fähigkeit des “Ordnens von Zeit” hat sich erst mit der menschlichen Sprache entwickelt. Tiere leben in einer ewigen Gegenwart.  Sprechende Menschen  verbinden die Assoziationen ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens zu komplexen Geschichten. Menschen verstehen immer Geschichten.

Erinnern und planen sind so selbstverständliche Fähigkeiten, dass wir über sie nie nachdenken. Wir fragen uns auch nie, warum wir fragen können. Was braucht es, dass wir fragen können. Können auch sprachlose Tiere fragen? 

Erinnern - Planen - Fragen: Nur sprechende Menschen können das. Wie sind diese Fähigkeiten entstanden? Was war der Anfang der Sprache? Warum kann nur der  Mensch sprechen? Diese Fragen stellten die sprechenden Menschen schon vor tausenden von Jahren.

URSPRUNGSMYTHEN

In den Ursprungsgeschichten der verschiedensten Völker fanden die Mythenforscher die Figur des Ursängers, den Kulturschöpfer. Die Griechen nannten ihn Prometheus, sie nannten den Sänger Orpheus. Die Inder 
schrieben die Entstehung der Sprache den Rishis zu. Sie sind die Ahnherren der Sänger, Schöpfer der Sprache.
Das war der Rede erster Anfang, als (die Sänger) damit hervortraten, die Namengebung zu vollziehen. Das Beste und Reine, was sie hatten, das kam im Inneren verschlossen durch ihre Freundschaft zum Vorschein.   Rig-Veda 

Diese Verse stammen aus dem Rig-Veda, dem ältesten heiligen Buch der Hindu. Rig - das heisst in Versen, veda - das ist das bestehende Wissen. Wissen muss gesammelt werden, es entstand durch Singen “Wissenschaft”. Durch Freundschaft gelang den Sängern die Namensgebung. Wir würden heute mit neuen “Namen” sagen: Sprache entstand aus der Reflexion von Menschen, die gelernt hatten miteinander zu kooperieren. Sie sammelten gemeinsames Wissen in ihren Geschichten und Liedern. Es enstand eine mündliche (orale) Kultur mit Mythen und Ritualen, in denen die Menschen gemeinsam Wahrheit fanden. Wir nennen dies “Konsens”, Übereinstimmen, eine Kultur der Kooperation. Am Anfang dieser Kultur steht das Nachdenken, die Reflexion.

NACHDENKEN - REFLEKTIEREN

In den ersten schriftlichen Aufzeichnungen der Veden, die aus dem achten Jahrhundert stammen, erscheint uns eine hierarchisch geordnete Gesellschaft, in der die Nachfolger der Sänger “Brahmanen” genannt werden. Sie “singen” in heiliger Sprache “brahma”, nicht in der Alltagsrede. Sie hüten das Geheimnis. 

Auf vier Viertel ist die Sprache bemessen; die kennen die nachsinnenden Brahmanen. Die drei Viertel, die geheim gehalten werden, bringen sie nicht in Umlauf. Das vierte Viertel der Sprache reden die Menschen.                    Rig Veda  

Das Menschenwissen war Gottwissen geworden und musste den Kundigen vorbehalten bleiben. Nur die Elite kann “nachdenken”, nur die Priester dürfen “reflektieren”. Die nachsinnenden Brahmanen wahrten Geheimnisse und die unteren Schichten hatten zu gehorchen, ihnen war das Nachdenken verboten. Sie hatten zu glauben. Das gilt - wie mir scheint - für alle Herrschaftsreligionen der letzten dreitausend Jahre. Sie sind gekennzeichnet durch die Anmassung der Elite, den Schafen, dem gewöhnlichen Volk, das Geheimnis des Wissens voraus zu haben. Reflexion ist aber nicht ein Privileg der Elite. Es kann auch keine Geheimnisse geben, die nur dem Nachdenken einer privilegierten Gruppe zugänglich sind. Es waren die nachsinnenden Vorfahren von Mensch und Schimpanse, die gemeinsame Erkenntnisse schufen. Sie hatten gelernt durch Symbole Bedeutungen zu machen. Ihre Gehirne konnten über sich selbst nachdenken. Sie lernten zu wissen, dass sie wissen.

Ein Hund   und der sagen kann
der stirbt   dass er weiss
und der weiss  dass er stirbt
dass er stirbt  wie ein Hund
wie ein Hund  ist ein Mensch.                   Erich Fried

Wenn Hunde wüssten, dass sie wissen, dann könnten sie nachdenken. Sprechende Menschen können reflektieren. Wir “beugen”, wir “falten” einen Kreis (lat. re-flectere - zurückbiegen), wir verbinden verschiedene Ebenen (feed-back), wir verstehen verschiedene Ebenen. Sprache hilft uns Menschen, beim “Nach-Denken” über logische Ebenen zu springen. Sprechende Menschen können mental Treppen steigen (und Hunde können es nicht). Menschen können mit Symbolen über das Denken hinaussteigen zum Nach-Denken, Symbole sind geistige Treppenstufen, sie sind “über” etwas, sie machen Nachdenken möglich.

Wo die Weisen mit Nachdenken die Rede gebildet haben, so wie Schrottmehl durch ein Sieb reinigend, da erkennen die Genossen ihre Genossenschaft.                         Rig-Veda

Nachdenken und Genossenschaft - daraus enstand Sprache. Beides war jedoch schon vor den Menschen entstanden. Das Nachdenken erfanden die sozial lebenden Primaten, die eine Theorie des Denkens (Theory of Mind) entwickelten, weil sie lernen mussten, mit ihren Genossen umzugehen. Dass die Genossen die Genossenschaft erkennen konnten, ermöglichte erst das Nachdenken. Sowohl das Reflektieren, wie auch die Gruppe der gemeinsam Nachdenkenden, waren vor der Sprache entstanden. 

SELBSTERKENNEN

Menschensprache hat Reflexion nicht erfunden, Nachdenken ist dank Sprache nur ausgebaut worden. Symbole entstanden vor der Entstehung von Namen, aus der Fähigkeit zur Reflektion bei Lebewesen, die sich daran erinnern konnten, dass sie sich erinnern können. Lebewesen also, die wissen, dass sie wissen, und die dadurch sich selbst erkennen können. Gnothi se auton - Erkenne  Dich selbst -, der Spruch beim delphischen Orakel, ist so alt wie die erste Sprache. “Erkenne Dich selbst” ist nicht ein Befehl, alle Menschen erkennen sich selber. Man muss es ihnen nicht befehlen. Kenntnis von sich selber ist ein sozialer Prozess, er ist von den ersten Nach-Denkern, den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpansen, entwickelt worden. Dass die Fähigkeit der Symbolisierung, des Denkens über das Denken, schon lange vor den Menschen erfunden wurde, wissen wir seit Verhaltensforscher unsere Verwandten, die Schimpansen, intensiv beobachten und dabei entdeckten, dass Schimpansen “Menschen” sind. Sie erkennen sich im Spiegel. Sie können über sich selber nachdenken, sie können sich besinnen.Wir Menschen haben von unseren Vorfahren, den Menschenaffen, soziale Fähigkeiten geerbt, die uns das Zusammenleben in Gruppen ermöglichen. Diese Vorfahren haben im Verlauf von Millionen Jahren Werkzeuge der Gruppenkoordination entwickelt. Gruppentiere müssen wissen, wer wem was wann und warum getan hat. Sie müssen sich selber erkennen. 
Menschen haben diese Fähigkeit des Nachdenkens weiterentwickelt (Allman ).

KONTROLLIEREN - BEHERRSCHEN 

Mindreading - Gedankenlesen - ist ganz zentral wichtig für das Entstehen von Sprache.  Aber - so glauben immer noch viele Zeitgenossen - das menschliche Denken ist viel mehr als blosses Gedankenlesen, mehr als subjektives Einfühlungsvermögen, mehr als intuitiv aus dem Bauch heraus reagieren. 

Die sprechenden Menschen haben gelernt “rational” zu denken. Es ist diese Fähigkeit der logischen Analyse, die uns zur Krone der Schöpfung macht. Wir haben mit dieser Fähigkeit gelernt die Welt zu beherrschen. 

In einem Zeitraum von nur zwei Millionen Jahren entwickelte sich aus den bescheidenen Ansätzen eines noch recht affenähnlichen Geschöpfes ein Wesen, das Sonden ins Weltall schickt, die Nahaufnahmen von den Jupitermonden zur Erde zurücksenden. Unserem erfinderischen Geist scheinen kaum noch Grenzen gesetzt. Wir beherrschen, so scheint es, die Natur. Aber haben wir uns selbst unter Kontrolle? Eibl-Eibesfeldt  

Das ist ein Kürzest-Mythos: “Die Evolution der Menschenmacht” des Verhaltens-forschers Eibl-Eibesfeldt. “Dem erfinderischen Geist scheinen kaum noch Grenzen gesetzt”. Planen - Handeln - Kontrollieren - Beherrschen, diese Fähigkeiten bestimmen die Geschichte der Menschen. Herrschaft gibt es aber nicht seit den Anfängen, Herrschaft gibt es erst seit Geschichte geschrieben wird. Erst in Kulturen, die das Horten von Wissen erfanden, glauben die Menschen an Kontrolle, an die Herrschaft über Dinge und Menschen. Die Geschichte der Macht, ist nicht zwei Millionen Jahre alt. Sie geht nicht tausende von Generationen zurück, sondern höchstens vier bis fünftausend Jahre. Als sich die Menschen ihre ersten Häuptlinge schufen, als die Männer in den übermässig gewachsenen Gruppen die Führung übernahmen, als patriarchale Gesellschaften und Staaten entstanden, erfanden sie auch Beherrscher in ihrer Vorstellung. Sie erdachten sich mächtige Götter, die die Welt aus dem Jenseits regierten. Sie konstruierten den transzendenten Geist. Die Geschichten des allmächtigen Geistes wurden von gottgesalbten Priester-Kriegern erzählt. Diese Herren erfanden ein Weltbild, in dem das Handeln, das Kontrollieren und das Beherrschen zentral wichtig wurde. 

Seither erzählen sich die Herren Geschichten von der feindlichen Natur, die sie unter Kontrolle bringen müssen, von Mächten, die sie bekämpfen müssen. Sie erzählen Geschichten vom Kampf ums Dasein. Johann Gottlieb Fichte schrieb vor zweihundert Jahren über den Ursprung der Sprache:

Auf welchem Weg wurde die Idee von einer Sprache in dem Menschen entwickelt? - Es ist im Wesen des Menschen gegründet, dass er sich die Naturkraft zu unterwerfen sucht. Die erste Äusserung seiner Kraft ist gerichtet auf die Natur, um sie für seine Zwecke zu bilden.       Fichte  
 

WERKZEUGINTELLIGENZ

Wie ist die Idee des ewigen Kampfes ums Dasein entstanden? - Es sind Männerphantasien, Träume von Macht und Allmacht, von Weltveränderung und Heldentaten. Am Anfang kann nicht die Sprache sein, am Anfang steht die männliche Tat: Am Anfang war die Tat! So sieht es der “faustische” Mensch (J.W. Goethe ). Am Anfang war nicht das Wort. Am Anfang war die Tat!  Da steht am Anfang der  fleissige Täter, der Fabrikant, der Homo faber. So war es - in der Tat ! Der fleissige Schmiedmensch hat sich dann auch einen  mythischen Macher in den Himmel gesetzt: Einen Mann natürlich, der nur zu sagen braucht, was er will und schon ist es. Fiat lux. Es werde Licht. 

Unsere Sprache ist Männersprache, sie ist so sehr der Tat verpflichtet, dass wir für alle Prozesse einen Täter, einen Agenten erfinden müssen. Regnen kann nicht einfach geschehen. Die Männer erschufen einen Regner.

Und der Herr antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach: Wer hat dem Platzregen seine Bahn gebrochen und den Weg dem Blitz und Donner, dass es regne aufs Land. Wer ist des Regens Vater?     Hiob

Die Männer  feiern den grossen Vater, den grossen Macher. In diesen patriarchalen Vorstellungen ist Sprache eine Erfindung der Männer. Weiber tratschen, sie erzählen nur Geschichten, die Männer befehlen. 

Menschliche Intelligenz - hiess es bei den Sprachforschern noch bis vor wenigen Jahrzehnten - wuchs aus der Fähigkeit, Werkzeuge zu machen, und die ersten behauenen Steine waren nicht nur nützliche Werkzeuge, es waren Waffen, mit denen die “Mörderaffen” (Raymond Dart 1925) ihren Nächsten den Kopf einschlugen. 

Sprache brauchten in dieser Welt die Männer, um sich bei der Jagd Befehle zu geben. Bemerkenswert an dieser maskulinen Selbstüberschätzung ist der Ton, mit dem da “Wahrheit” behauptet wird: 

 Die nicht zu übersehende Wahrheit ist, dass sich die Sprache entwickelte, als sie notwendig wurde. Wann nun und zu welchem Zweck wurde die Sprache benötigt? Doch nicht für den Mann als einem Mitglied der Familie - er kann eine Frau freien und mit ihr schlafen, ohne dass ein Wort gewechselt werden muss. In vielen Sprachfamilien ist die Wurzel des Verbums der Imperativ. Dies kann nur bedeuten, dass die ursprünglichen Empfänger von Aufforderungen zur Aktion die Männer waren, und da die Männer physisch stärker sind, sollte das nicht überraschen. Deswegen können wir ohne weiters annehmen, dass die Urheber der Sprache Männer waren. Die Frauen sind ihrem Rufe nach sprachgewandt, aber die Männer sind die Neuerer und Schöpfer der Sprache“                  A.S. Diamond  

In diesen patriarchalen Vorstellungen ist Sprache eine Erfindung der Männer. Weiber tratschen, sie erzählen nur Geschichten, die Männer befehlen (M.Bréal ).
Sprache dient nicht der Betrachtung, nicht dem Geschichtenerzählen, sie dient einzig der männlichen Tat. Männer der Tat haben die Sprache erfunden. Sprache entstand aus dem männlichen Befehl. Sprache ist von Männern erfundenes zweckmässiges Handeln. 

In der Männerwelt geht es scheinbar nicht nur immer wieder um Selbst-Behauptung, eine Folge der Männer-Rangkämpfe ist die Behauptung. Männer behaupten nicht nur sich selber, sie behaupten überhaupt. Sie erfinden Wahrheit.

Die sprechenden Menschen sind mächtig geworden, sie können dank ihrer Intelligenz ihre Umwelt kontrollieren. Zwar glauben nur noch wenige Wissenschafter, dass uns der grosse Gott als sprachmächtige Herren über die anderen Lebewesen eingesetzt hat, aber der Glaube an die überlegene Intelligenz des Menschen ist auch heute noch weit verbreitet. Die menschliche Sprache ist der Höhepunkt der natürlichen Kommunikation . Lebewesen ohne Sprache stehen weit unter dem Menschen. Tiere sind dumm und nur der sprechende Mensch ist gescheit. 

Im Anfang unseres Jahrhunderts lachten gescheite Professoren über den klugen Hans. Wilhelm von Osten, ein ehemaliger Lehrer hatte seinem Pferd Hans das Rechnen beigebracht. Der kluge Hans konnte Addieren und Subtrahieren, er gab die Resultate seines Rechnens - da er natürlich nicht sprechen konnte - durch Scharren mit seinen Hufen bekannt. Man konnte Hans fragen: Wieviel ist drei und sieben, und Hans scharrte zehnmal mit dem Vorderbein. Ein rechnendes Pferd, das war eine Sensation. Es zeigte sich dann aber, dass der kluge Hans nicht rechnen konnte. 

Er konnte nur gut beobachten und “Gedankenlesen”, er scharrte immer solang, wie er in den Gesichtern seiner Zuschauer Spannung entdeckte. Bei der richtigen Zahl von Hufbewegungen zeigten die Zuschauer Erleichterung und Hans hörte auf zu scharren.

Man erzählt sich die Geschichte vom klugen Hans noch heute um klarzustellen, dass es eben doch mehr braucht als ein dummes Tierhirn, um die Geheimnisse der Mathematik zu verstehen. Der kluge Hans konnte nicht denken. Wir Menschen blieben die einzige Spezies, die abstraktes Denken entwickelt hatte, Menschen blieben die Krone der Schöpfung.

SOZIALE INTELLIGENZ

Mir zeigt der kluge Hans eine andere Moral. Seine Geschichte weist auf eine überraschende Erkenntnis der Künstlichen Intelligenz Forschung (KI-Forschung). Als man vor dreissig Jahren versuchte, intelligente Maschinen zu bauen, zeigte sich, dass es unmöglich war, die einfachsten alltäglichen Handlungen zu programmieren, Schuhbändel knüpfen, aus einer Tasse trinken. Wir können Programme schreiben, die das gesammelte Wissen eines Experten berechnet, aber Aufgaben, die schon kleine Kinder ohne Probleme lösen, sind nicht programmierbar. 

Es ist notwendig, die Position des Experten mit der des Kindes zu vertauschen, was die Rangfolge der Leistungen angeht. Es wurde klar, daß die weitaus komplexere und grundlegendere Art der Intelligenz die des Kleinkindes ist, das Sprache aus fragmentarischen alltäglichen Äußerungen aufbauen und dort bedeutsame Gegenstände konstruieren kann, wo es nichts als eine Lichterflut zu geben scheint.              Varela

Die Intelligenz des sprechenlernenden Kleinkindes ist eine soziale Intelligenz. Es geht beim Lernen der Kinder nicht um logisches Berechnen, sondern um jenes Gedankenlesen, das wir brauchen, um “das Verhalten anderer zu verstehen, indem wir uns vorstellen, was sie errreichen wollen, was sie wohl denken und welche Vermutungen sie in Bezug auf die Gedanken Dritter hegen” (Allmann S.80). 

Diese vorrationale Form des Denkens hat dem klugen Hans erlaubt, mit Menschen zu kommunizieren. Er scharrte mit seinem Huf, weil ihm der zufriedene Gesichtsausdruck seiner Examinatoren wichtig war. Er war in seinen Verstehensprozessen auf der Stufe der Intentionalität 2. Ordnung: Ich glaube, dass du glaubst. Hans konnte seine Kommunikationspartner erkennen und ihnen eigene, von den seinen verschiedene geistige Prozesse zuschreiben. Er konnte verstehen, was andere wollen. Meine Esel - ich habe zwei solcher Tiere als vierbeinige Rasenmäher - können mir manchmal sehr deutlich zu verstehen geben, was sie wollen. Das muss daran liegen, dass sie Zeichen brauchen, die ich lesen kann. Es sind vorsprachliche Zeichen. Die Sprache meiner Esel kennt noch keine Wörter, Esel brauchen Zeichen. Ich kann die Zeichen der Esel lesen, weil meine “soziale Intelligenz” mir das Vertstehen von Zeichen anderer Mitlebewesen ermöglicht. 

Was die überlegenen Professoren bei der Entlarvung des klugen Hans nicht mitdenken konnten, war die grossartige geistige Leistung des Pferdes, mit ihnen zu kommunizieren. Sie haben dies vielleicht auch gar nicht mitdenken dürfen, es hätte sie in eine ganz enge Verwandtschaft mit dem “dummen” Hans gebracht. Und - wir rechnenden Homo loquens sind doch die Krone der Schöpfung und stehen weit über den dummen Tieren. 

Diese Anmassung der Herrenmenschen ist zu hinterfragen. Fragen über Sprache sind immer Fragen über das Wesen des Menschen. Es sind Fragen, die unser Selbstbild verändern könnten. Es sind drum gefährliche Fragen. Die Antworten könnten uns zwingen, ein neues Bild im Spiegel zu sehen. Wir sind nicht die Herren der Schöpfung, es gibt keine Erde, die wir uns untertan machen könnten. Wir sind Teil einer Geschichte.
 

ENTSCHEIDEN -  WÄHLEN

Unsere Mutter, die Erde, hat eine lange Geschichte. Es sind unter den Lebewesen Fähigkeiten des Entscheidens entstanden. Viele Tiere und Menschen haben freien Willen. Sie können wählen. Sie schaffen sich durch Entscheidungen ihre Zukunft. Wichtig sind für das Planen dieser Zukunft die Beziehungen, die man mit anderen hat. Wie ein Lebewesen seine Beziehungen pflegt, entscheidet über die Qualität der Zukunft. 

Die Pflege der Beziehungen ist darum für alle sozialen Lebewesen der Inhalt ihrer Zukunftplanung. Man muss sich mit Vorteil so verhalten, dass man mit dem Interaktionspartner weiterhin rechnen kann. Das Beziehungsgeflecht mit den anderen der Gruppe ist für alle sozial lebenden Tiere im Zentrum ihrer Denkprozesse. Es gilt dies auch für den rational denkenden Homo sapiens. 
 

KOMMUNIZIEREN

Die Entwicklung von verbaler Kommunikation, die Entstehung von Sprache, war weitgehend von der Notwendigkeit der Beziehungspflege gesteuert. Die Geschichten der Menschen sind verbindend und verbindlich für die ganze Gruppe. 
Sprache ist eine soziale Fähigkeit. Sie entstand nicht im Gehirn von einzelnen, sie entstand in der Gesellschaft. Sprache ist Gesellschaft. In seinem Essay “Über den Ursprung der Sprache” schrieb Johann Gottfried Herder:

Der Mensch ist seiner Bestimmung nach ein Geschöpf der Gesellschaft: die Fortbildung einer Sprache wird ihm also natürlich, wesentlich, notwendig.                              Joh.Gottfried Herder 

Für dieses Geschöpf der Gemeinschaft ist nicht Konkurrenz das fundamentale Gesetz, es ist die Kooperation. Gesellschaft bedeutet für Menschen zuammenleben mit anderen, mit denen man das Weltbild teilt, mit denen man die Rituale, die dieses Weltbild darstellen, gemeinsam erlebt. Gesellschaft ist das Miteinander beim Singen und beim Tanzen. 

Gesellschaft hat nicht ein mächtiger Jemand befehlen können. Ordnung kommt nicht von oben. Gesellschaft ist ein Aufbauprozess von unten nach oben (bottom-up), ein Prozess des Miteinander. Der Mensch ist ein Wesen, das auf das Zusammenleben mit seinesgleichen angewiesen ist, weil er Sprache hat. Nur der Mensch der Gemeinschaft ist ein Mensch. Menschen sind die sozialsten Lebewesen, die es gibt. Sie können ohne Gemeinschaft gar nicht Menschen werden. Wir werden Mit-Glieder, wenn wir sprechen lernen. Das Sprechenlernen ist die Voraussetzung für unsere Existenz. Spezifisch menschlich ist nicht das rational denkende Individuum, es sind die “Miteinander-Sprechenden”, die Gesellschaft. Wir sind, was wir sprechen. Wir sind unsere gemeiname Sprachkultur. Dies hatte Heraklit erkannt: 

Man muss dem Gemeinsamen folgen. Der Logos ist gemeinsam. Und doch leben die meisten so, als ob sie ihren besonderen Verstand hätten.                             Heraklit 
 
 
 
 
 

4/I

NACHDENKEN - REFLEKTIEREN

SCHICHTEN - ERINNERN - PLANEN
URSPRUNGSMYTHEN

NACHDENKEN - REFLEKTIEREN
SELBSTERKENNEN
KONTROLLIEREN - BEHERRSCHEN 
WERKZEUGINTELLIGENZ
SOZIALE INTELLIGENZ

ENTSCHEIDEN -  WÄHLEN
KOMMUNIZIEREN
 
 
 

BIBLIOGRAFIE

William F. Allman   Mamutjäger in der Metro
  Wie dass Erbe der Evolution unser Denken und unser   Verhalten prägt.  Spektrum Akademischer Verlag 1996

Irenäus Eibl- Eibesfeldt  Der Mensch das riskierte Wesen
  Piper München. 1988.

Francisco Varela  Kognitionswissenschaft  Suhrkamp 1989

Mae-Wan Ho   The Biology of Free Will
  JCS vol 3, no 3, 1996 

Johann Gottfried Herder   Über den Ursprung der Sprachen
  in: Fritz Winterling Ursprünge der Sprache  
  Diesterweg 1987 

A.S. Diamond  The History and Origin of Language  Methuen 1959
  in Jonas/Jonas : Das erste Wort  Ullstein 1982 

Michel Bréal Essay de Sémantique. 1897
  in Jonas/Jonas: Das erste Wort: Wie die Menschen   sprechen lernten. Uhlstein Sachbuch. 1979

Robin Dunbar  Why Gossip is good for you. 
  New Scientist  21.11.1992 
Robin Dunbar  Der Weg des Menschen begann mit der 
  Erfindung des Tratschens. Weltwoche 17.12.1992

Steven J. Mithen  Thoughtgful Foragers
  Cambridge University Press 1990