| MENSCH UND SPRACHE
UBoeschenstein |
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5/II SINGEN - DARSTELLEN - MIMEN - SPRECHEN HOMO HABILIS KNM 1470 Die Paläontologen nehmen an, dass mit der Entstehung eines neuen Zweiges der Hominiden, der Entstehung der sogenannten “geschickten Menschen”, der Homo habilis, die früheste Form einer Wortsprache entstand. Der ca. 2 Millionen Jahre alte Schädel KNM 1470 hat eine Brocaregion. Diese Gehirnregion in der linken Gehirnhälfte steuert bei uns modernen Homo sapiens die motorische Feinproduktion von Sprache. Homo habilis entwickelte aber auch entscheidende Regionen im Stirnhirn, dem “präfrontalen Cortex”. Diese Gehirnregion ist wichtig für die Verbindung des Gefühlshirns, des limbischen Systems, mit dem Denkhirn, dem Neocortex. Die präfrontale Region ist, so meinen die Neurophysiologen, der Sitz des Selbstbewusstseins. Eine früheste Form des “Bewusstseins von sich selbst” lässt sich schon bei den Schimpansen feststellen. Unser Trommler Mike wusste, wer er ist. Homo habilis entwickelt diese Fähigkeit weiter. Sein Gehirn ist auch schon viel stärker “lateralisiert”, d.h. die beiden Gehirnhälften unterscheiden sich in ihrer Funktion. Die Homo habilis entwickelten bei ihren sozialen Ritualen eine neue Form von “Sich-selber-in-der-Welt-Wahrnehmen”, sie wurden “aufmerksam”. Diese neue Form der Selbstwahrnehmung ist wahrscheinlich ebenfalls vom präfrontalen Cortex gesteuert und hat im Homo sapiens Verbindungen zu den Sprachzentren der linken Gehirnhälfte. Die Homo habilis hatten offenbar gelernt, ihre Lautäusserungen zu kontrollieren und willentlich zu steuern. Das können Schimpansen nicht . SINGEN - TROMMELN - TANZEN Die Homo habilis lernten Singen, das was Darwin
“rudimentary song” nannte.
Tanzen muss aus einer Gestensprache entstanden sein. Es ist eine grundlegende Fähigkeit zum Ausdruck von Emotion durch den menschlichen Körper, die der Verbalsprache vorausgeht. Zum Tanz gehört Rhythmus, die Fähigkeit, Ordnungen im Zeitablauf wahrzunehmen (Donald). Schimpansen sind zur Wahrnehmung solcher Muster noch nicht fähig. Rhythmus ist eine Erfindung der Homo. Rhythmische Ordnung ist “supramodal”, d.h. alle Sinneswahrnehmungen, Hören, Sehen, Spüren sind beim Tanzen und Trommeln beteiligt. Diese supramodale Integration mussten die frühen Homo in einem langsamen Prozess bei ihren Gemeinschaftsritualen ausbilden. Die Entwicklung der Fähigkeit, Emotionen in Ritualen zu steuern, Emotionen in der Gemeinschaft der Gruppe im Ritual einzusetzen, hat die Menschen zu musikalischen Genies gemacht. Musik ist die früheste gemeinsame Sprache. Die Geschichten der Urhorde sind Gesänge. Die Musik ist das verbindende Element der Rituale der mimetischen Kultur. Zusammengehören heisst tatsächlich zunächst nicht viel anderes, als sich zusammen hören... P. Sloterdijk Das Geheimnis des Zusammenseins der Menschen liegt in der “sound-scape”. Der kanadische Komponist Murray Shaffer hat diesen Ausdruck geprägt, eine Verbindung von Ton und Raum, ein Begriff, der an das Wort “land-scape” anklingt. Shaffer meint, die Urmenschen hätten in einem “Tonraum” gelebt, den sie sich selber schufen. Die Gesänge und Tänze sind, wie das Peter Sloterdijk sagt, “die psycho-sphärische Synchronisation der Horde”. Die Musik synchronisiert die Gruppe, sie schafft gemeinsame Zeit (synchron) und gemeinsame Stimmung, sie ist ein soziales Phänomen. Die Menschen der mimetischen Kultur haben beim Singen und Tanzen lange trainiert, bis ihre Fähigkeit, Symbole zu kreieren, Sprache ermöglichte, bis eine Geschichtenkultur entstand. Die Wortsprache entstand aus einer Sprache der Gesten. Sprache hat sich anfangs als System von Gesten
entwickelt... Zu einer bestimmten Zeit muss das System von Gesten aus biologisch
zwingenden Gründen zu einem Lautsystem umgewandelt worden sein. Daraus
folgt wiederum, dass nicht alle Eigenschaften von Sprache, wie wir sie
kennen, von Angang an vorhanden gewesen sind und dass die Sprache sich
in der Tat aus Nicht-Sprache entwickelt hat. Lyons
Folie : Gestensprache Eine solche Theorie der Sprachentstehung wurde schon im 17. und 18. Jahrhundert von Erforschern der Glottogenese vertreten. Man nannte die Idee, dass die Zunge beim Sprechen Gesten nachahme “Tata”-Theorie und stellte sie in eine Reihe anderer “anrüchiger” Sprachentstehungvorstellungen . Ich gehe davon aus, dass bei den Australopithekinen
im Laufe einer drei Millionen Jahre dauernden Entwicklung die Gruppenkoordination
gesteigert wurde durch gemeinsame Gesänge, die noch nicht “sprachlich”
waren, und dass die ersten Homo anfingen, eine Körpersprache des Tanzes
und der Töne zu entwickeln. Die willentliche und zielgerichtete Darstellung
von Ereignissen in mimetischen Akten machte “metaphorische” Körpersprache
möglich. Die Vorstellungsmöglichkeiten der Homo habilis erreichen
Stufe II, sie werden zu “Meta-Vorstellungen”, d.h. Vorstellungen von Vorstellungen.
(Werkzeuge ) Vor ungefähr zwei Millionen Jahren tauchte eine neue
Menschenform auf, die Homo erectus. Sie hatten grössere Gehirne (1000cm3)
und waren viel graziler gebaut als die Habilinen.
HOMO ERECTUS Folie: Peking-Mensch Die Homo erectus sind die ersten Menschen, deren
Ausbreitung in Europa und Asien nachgewiesen ist. Früheste Erectus-Funde
in Asien werden neuestens auf 1,8 Millionen Jahre datiert. Im Laufe von
zwei Millionen Jahren verbreiteten sich die Homo erectus in allen gemässigten
Klimazonen, sie erfanden die Gruppenjagd auf Grosstiere, und sie zähmten
das Feuer. Paläontologen meinen, dass die Möglichkeit, Fleisch
zu braten, dazu beigetragen hat, dass unsere Kauwerkzeuge und unsere Stimmorgane
sich veränderten. Entscheidend aber sind die Veränderungen der
Denkmöglichkeiten, die Vergrösserung des Gehirns.
Die Fähigkeit, im Ritual gemeinsames Fühlen und Denken darzustellen, ist ein entscheidender Schritt in Evolution des Menschengeistes. Die Menschen erfanden “Religion”, sie entwickelten gemeinsame Weltbilder und lernten diese Vorstellungen in den wachsenden assoziativen Zentren ihrer Gehirne zu speichern. Es entwickelte sich das semantische Gedächtnis, jene massive Vergrösserung des Neocortex, die die Entwicklung der Homo im Verlauf der letzten zwei Millionen Jahre prägte. Die Neuerungen der mimetischen Kulturen, die Darstellung von Ereignissen, sind auf dem episodischen Gedächtnis aufgebaut. Solche Repräsentationen sind immer noch an die Gegenwart gebunden. In mimetischen Kulturen entwickelte sich das Handeln.
Die Menschen lernten das Planen von Handlungen (Donald ). Die “mimetischen”
Rituale waren beabsichtigt, sie waren gerichtet auf ein Ziel . Die Menschen
der mimetischen Kulturen konnten Wissen teilen. Sie konnten ein gemeinsames
Weltbild aufbauen. Die Gruppen der Homo erectus waren in ganz anderen sozialen
Formen verbunden als die übrigen Grossaffen. In diesen Gruppen spielten
die einzelnen veränderliche Rollen, ihr Verhalten war kreativ. Flexibles
Rollenverhalten konnte nur entstehen in Gruppen, die eine zugrundeliegende
Weltanschauung teilten.
Die Jungen der Gruppe übten ihre Rollen beim Spiel und im Ritual . Komplexe soziale Beziehungen zu unterhalten, erfordert
enorme geistige Fähigkeiten. Im Gegensatz zur typischen physischen
Umwelt eines Primaten, die sich nur sehr langsam verändert, bleibt
sein soziales Umfeld nie konstant; vielmehr besteht es aus einem Geflecht
von Intrigen und ständig wechselnden Allianzen, einem Spiel, in dem
viele verschiedene Mitspieler alle ihre eigenen Interessen verfolgen.
HOMO SAPIENS Der moderne Mensch, der Homo sapiens sapiens, erscheint
vor 150 000 Jahren auf der Bühne des Lebens. Die Paläontologen
streiten sich über den Anfang unserer Spezies. Manche Forscher glauben
Anzeichen zu sehen, dass wir uns an verschiedenen Orten im Laufe der Jahrhunderttausende
entwickelten. Die neuen Theorien der Genetiker gehen davon aus, dass Homo
sapiens in Afrika entstand und sich im Verlauf der letzten hunderttausend
Jahre über den ganzen Erdball verbreitete .
Folie: Verbreitung des Homo sapiens Die frühesten Funde von Nachkommen dieser Eva ausserhalb des Kontinents Afrika fanden die Archäologen in Palästina. Sie sind etwa hunderttausend Jahre alt. Von Palästina aus verbreiteten sich die modernen Menschen vor etwa 60 000 Jahren über den Kontinent Asien, sie fuhren in Schiffen über Meerengen nach Australien und begannen um 40 000 vor unserer Zeit, sich in Europa zu verbreiten. Die neuen Menschenkulturen sind fundamental anders als die vorangegangenen mimetischen Kulturen. Es sind Kulturen von sprechenden Menschen. Merlin Donald nennt sie mythische Kulturen. DIE MYTHISCHE KULTUR Mythische Kultur bedeutet Sprache, eine vollausgebaute komplexe Menschensprache. Der Mensch wird ein Homo loquens, ein sprechender Mensch. Er kann Wissen in Geschichten sammeln. Die Menschen der mimetischen Kultur konnten - wie wir gesehen haben - Können an die nachfolgenden Generationen weitergeben, die sprechenden Menschen vermitteln gesammeltes Wissen. Der Übergang von der Stufe der mimetischen Kultur zur Sprachkultur dauerte eine sehr lange Zeit. Wir können das erste Auftreten einer voll ausgebauten Sprache nicht genau datieren. Es müssen in diesem Entstehungsprozess die Beschränkungen der pantomimischen Tanzsprache verändert worden sein. Die ersten Wörter entstanden wahrscheinlich schon auf der Stufe der Homo habilis. Die singenden Menschen benannten Dinge und Prozesse. Sie erfanden Substantive und Verben. Derek Bickerton nennt diese neue Ebene der Repräsentation ein “secondary representation system”. Mit den Wörtern entstand eine Protosprache. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Menschensprache in ähnlichen Stufen entwickelte, wie sie die Psychologen beim Sprechenlernen der Kinder unterscheiden. Kinder lernen ab etwa 18 Monaten einzelne Wörter. Sie verbinden sie erst im Alter von drei Jahren zu ganzen Sätzen. In der Menschheitsentwicklung dauerte die Phase der Wörterlernens über zwei Millionen Jahre. Namen für Dinge und Namen für Geschehnisse, für Prozesse, nennen die Entwicklungspsychologen Holophrasen (4/II/5). Sie ermöglichen schon sehr effiziente Kommunikations-formen. Es fehlt aber dieser Protosprache die Grammatik, die syntaktischen Prozesse, mit denen sprechende Menschen ihre Sätze und Geschichten formen. Es gibt nur einzelne Wörter, sie stehen nicht in einem Zusammenhang. Es gab bei den Homo habilis “Wasser” und “Regnen” aber noch keine Möglichkeit “Regnen” als Handlung zu beschreiben. Es gab noch kein Subjekt und kein Prädikat. Agent und Handlung konnten nicht verbunden werden. Bei den Homo erectus hat sich wahrscheinlich diese Verbindung von Objekt und Verhalten langsam entwickelt. Sie erfanden eine Prä-Syntax. “Wasser fallen” - “Regnen geschieht”. Was dieser Vorform von Sprache fehlte, ist die Fähigkeit, Agenten und Handlungen durch Einbettungen von Eigenschaftszuschreibungen auszubauen. Die ersten Sprecher konnten keine Phrasen bilden. Phrasen sind die Grundmodelle aller Satzbildung
in modernen Menschensprachen. In hochkomplexen Ebenen bauen Sprecher Satzteile
mit eingeschobenen, d.h. eingebetteten Zuschreibungen und verbinden diese
Teile zu ganzen Sätzen. Die Fähigkeit der Phrasenbildung (embedding)
ist die Erfindung der modernen Menschen, der Homo sapiens.
Alle vorangegangenen Kommunikationssysteme der Tiere und der Menschen waren in ihren Anwendungsbereichen beschränkt, sie waren geschlossene Systeme. Die pantomimischen Darstellungen der Homo erectus waren immer auf die Gegenwart bezogen, sie waren in einem episodischen Gedächtnis gespeichert. Unmittelbare Stimmungen und Situationen bestimmten die Kommunikation, es gab keine Möglichkeit der Verständigung über Fernliegendes oder Zukünftiges, keine Darstellung abstrakter Vorstellungen. Diese Kategorien des Denkens waren den mimetischen Menschen nicht zugänglich. Die Menschensprache ist ein offenes System. Sie erlaubt aus einem Bestand von 20-60 Lauten (Phonem) ein Kombinieren zu Wörtern mit Bedeutung (Morphem). Diese doppelte Gliederung der Sprache ist das Grundmerkmal des neuen menschlichen Kommunikationssystems. Linguisten nennen diese Eigenschaft der Sprache Dualität. Sie ist verwandt mit einem zweiten Merkmal der Menschensprache, der Produktivität. Im Vergleich zu anderen Codes oder Kommunikationssystemen ist das auffälligste Merkmal von Sprache vielleicht ihre Flexibilität und Vielseitigkeit.Wir können Sprache benutzen, um unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, um unser Handeln mit dem unserer Mitmenschen zu koordinieren, um zu drohen oder etwas zu versprechen, um Befehle auszugeben, Fragen zu stellen und Erklärungen abzugeben. Wir können uns auf die Vergangenheit beziehen, die Gegenwart und die Zukunft; auf Dinge, die vom Augenblick der Äußerungssituation weit entfernt sind - selbst auf Dinge, die nicht existent sind oder sein können. Kein anderes menschliches oder nicht-menschliches Kommunikationssystem weist die gleiche Flexibilität und Vielseitigkeit auf. Zu den spezifischeren Eigenschaften, die zu dieser Flexibilität und Vielseitigkeit von Sprache (d. h. von jedem Sprachsystem) beitragen, gehören vier, die oft besonders hervorgehoben worden sind: Arbitrarität, Dualität, Diskretheit und Produktivität. Lyons Diese neuen Eigenschaften der Verbalsprache ermöglichen es, aus einer begrenzten Zahl von Satzstrukturregeln eine unbeschränkte Menge von Sätzen zu generieren. Aus Sätzen bauen sich die Menschen ihre Geschichten, und die Menge der möglichen Geschichten ist ebenso unbeschränkt. Diese ins Unendliche ausgeweitete Vergrösserung der Kreativität ist die Grundlage der mythischen Kultur. Die Erfindung und Entwicklung der offenen, produktiven Menschensprache durch die Homo sapiens ermöglichte in den mythischen Kulturen ganz neue Möglichkeiten des gemeinsamen Ausdrucks. Die Denkmöglichkeiten der Menschen wuchsen. Mit der Sprache lernten die Menschen das Vorstellen (Imagination) und das Planen, sie erfanden die Kategorie der Zeit und konnten Abläufe in diesem neuen Denkraum darstellen. Es entstanden Geschichten, und die Geschichten der Menschen wurden für ihr Zusammenleben entscheidend. Das Hauptmerkmal der neuen Sprachkultur ist das Sammeln und Weitergeben von Erfahrung. In den Geschichten teilen die sprechenden Menschen Erinnerungen und Vorstellungen, sie teilen Wissen über ihre Umwelt, sie können in der Zeit planen und “phantastische” Vorstellungen entwickeln. Die früheren Kulturen der singenden und tanzenden
Homo erectus hatten Rituale entwickelt, deren Grundstrukturen in der musikalischen
rechten Gehirnhälfte gespeichert waren. Das Zusammenleben der Erectusmenschen
war weitgehend von den Gefühlen bestimmt, die sie im Miteinander
schufen. Die Kulturen der Homo sapiens bauten auf dem Fundament der Gefühlssprache
Kosmologien - Geschichten und Geschichte.
ZUSAMMENFASSUNG Episodische, mimetische und mythische Kultur. In
diesem Rahmen beschreiben Evolutionstheoretiker die Entstehung von Sprache.
Der Erfindung der Syntax ist eine lange Phase des Aufbaus eines Lexikons
vorausgegangen. Zwei Millionen Jahre lang lernten die Menschen Wörter
zu gebrauchen. In den letzten hundertausend Jahren ermöglichte die
Entwicklung von Satzbildungszentren im Gehirn das Konstruieren von Geschichten.
5/II SINGEN - DARSTELLEN - MIMEN - SPRECHEN HOMO HABILIS - SINGEN - TROMMELN - TANZEN
BIBLIOGRAFIE Dean Falk Braindance Henry Holt
1992
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