| MENSCH UND SPRACHE
UBoeschenstein |
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6/I KOMMUNIZIEREN MYTHOS UND THEORIE
Wir sprachen im fünften Kapitel von der episodischen Kultur der Australopithekinen und der “Darstellungskultur” der Homo habilis und der Homo erectus. Als die sprechenden Menschen auf der Lebensbühne erschienen, entstand eine “Geschichtenkultur”, die mythische Kultur der Homo sapiens. Was diese “primitiven” Kulturen veränderte, war die sprachliche Kommunikation. Es entwickelten sich soziale Strukturen, die sich von denjenigen der Menschenaffen unterscheiden. Die Gruppen wurden grösser und umfassten etwa 150 Individuen. Die Sprache dient als Kommunikationsmedium im Zusammensein. In Jäger und Sammlerkulturen sind die Formen des Zusammenlebens von Geschichten bestimmt. Die Sprache ist der Kitt der Gesellschaft. Sprachentstehungstheorien des 19. Jahrhunderts beschrieben die stetige Verbesserung der Werkzeuge der Menschen und sahen das Wachsen des Gehirns als Folge verbesserter Naturbeherrschung. Die Archäologen von heute beschreiben die Entwicklung anders: Von der ersten “chopper”-Technologie der Homo habilis bis zu den “Steinbeilen” der ersten Homo erectus verändert sich der Werzeugkasten unserer Vorfahren kaum. Während fast zwei Millionen Jahren machten die Frühmenschen die gleichen Werkzeuge. Die geistige Entwicklung kann nicht von einer technische Revolution bestimmt gewesen sein. Es gibt noch heute “Steinzeitmenschen”, die mit den gleichen Techniken ihre Werkzeuge bearbeiten wie ihre Vorfahren vor hundert tausend Jahren. Die Menschengruppen überlebten nicht wegen verbesserter Technologie, sie überlebten wegen ihrer verbesserten Kommunikation . Die Gruppen überlebten, wenn die Gruppenmitglieder miteinander teilten. Konkurrenz in der Gruppe war kontraproduktiv. Solches Verhalten ist in allen Jäger-Sammlergruppen tabuisiert. Die Gruppe sorgt für den Ausgleich. Aus der Fähigkeit, miteinander Nahrung zu teilen, erwächst die Fähigkeit, sich mitzuteilen. Menschen können - durch ihre Sprache - ihre innere Welt teilen, ihre Freude, ihre Ängste, ihren Zorn, ihre Zufriedenheit. Menschen können durch Sprache Ausgleich schaffen: in Ritualen, in Religion, im gemeinsamen Fest, beim gemeinsamen Sein. Menschen erzählen Geschichten (Goleman) und sie lernen beim Geschichtenerzählen das Nach-Denken, das Denken über das Denken (Goleman). Diese mythische Kultur, deren zentrales Verständigungsmittel die Sprache ist, dauerte in Europa vierzigtausend Jahre lang. In dieser Kultur prägten die Mythen über die Herkunft der Menschen, über die Regeln des Zusammenlebens das Leben der eiszeitlichen Wildbeuter. Die Entwicklung der Wortsprache brachte neue Fähigkeiten
des Denkens mit sich, Denken wurde linear, analytisch und segmentiert.
Die neuentstandenen Sprachzentren des Gehirns , das semantische Gedächtnis
und die Wort- und Satzbildungssysteme (Syntaxmodule) sind bei den meisten
Menschen in der linken Gehirnhälfte lokalisiert. Die Verarbeitung
von Informationen ist in den links-hemishärischen Zentren auf Zeichen
und ihre Ordnung bezogen, sie ist propositional, d.h. einteilend und ordnend
(Pinker/Bloom). Die sprechenden Menschen entdeckten, dass Dinge von ihren
Eigenschaften getrennt dargestellt werden können. In der Umwelt, der
sogenannten Realität, gibt es diese Trennung nicht. Was uns der Sehsinn
mitteilen kann, ist ein Gesamteindruck. Es gibt da draussen keine “grünen”
Bäume, es gibt nicht Bäume mit der Eigenschaft grün, es
gibt für die Augen nur den Eindruck “dieser” Baum. Die Zuschreibung
von Farbeigenschaften schafft unser linkes Gehirn. Propositionales Denken
ist eine neue Denkmöglichkeit, “a thought skill” (Pinker/Bloom ),
die sich unabhängig von Sprache entwickelt hat. Die oral-semiotische
Kultur der Homo sapiens förderte auch die Entwicklung von Zeichen-
und Symbolsystemen neben der Wortsprache. Alle diese neuen “thought skills”
dienen der Kommunikation in den Gruppen der Homo sapiens.
KOMMUNIZIEREN GEMEINSAME WELTBILDER Die wichtigste Funktion der neuen Denkstrukturen
betreffen das Miteinander der Menschen. Die Sprache ermöglichte neue
Formen des kooperativen Interagieres
Conflicts within the group are resolved by talking, sometimes half or all the night, for nights, weeks on end. After two years with the San, I came to think of the pleistocene epoch of human history as one interminable marathon group entcounter. Konner Koalitionen zwischen den Mitgliedern einer Gruppe von sprechenden Menschen und die Möglichkeiten Allianzen mit Nachbargruppen zu bilden, bestimmen den Alltag der Menschen in den mythischen Kulturen. Die gemeinsamen Feste, an denen getanzt, gesungen und erzählt wurde, bestimmten das Miteinander (Konner, Donald , Donald ). Sprache ermöglichte den Homo sapiens die Erfindung gemeinsamer Weltbilder, die dem Miteinanderhandeln und dem gegenseitigen Verstehen zugrunde liegen. Die sprechenden Menschen formulierten in ihren Geschichten Antworten auf die Grundfragen ihres Daseins: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Their mythical thought might be regarded as a unified, collectively held system of explanatory and regulatory metaphors. Donald Es entstand mit der Sprache ein ausformuliertes
System von Werten. Die Menschen lernten über ihre Beziehungen zu kommunizieren.
Es entstand Moral.
HERRSCHAFT Plato beschreibt im “Politicos” die Kultur der frühen Menschen. Er erzählt aus der Zeit vor dem grossen Zeus, aus der uralten Zeit des Zeitgottes Chronos: Die lebendigen Wesen nach ihren verschiedenen Gattungen
und Herden, hatten als göttliche Hüter unter sich verteilt die
Dämonen, deren jeder jedem, welches er beherrschte, für alles
genügte, so dass keines wild war, noch auch sie einander zur Speise
dienten; Krieg oder Zwiespalt schon gab es ganz und gar nicht unter ihnen.
Was aber von der Menschen mühelosem Leben gerühmt wird, wird
aus folgendem Grund erzählt: Gott selbst hütete sie und stand
ihnen vor.
Plato erinnert sich an eine unfassbar ferne Zeit der frühen Götter, die für ihre Menschenschafe sorgten. Unfassbar war dem grossen griechischen Denker, dass sich die Menschen in der Zeit des Zeitgottes (Chronos) ihre “Ordnung” selber geschaffen hatten. Die brauchten keine wohlmeinende “daimones”, die von oben Ordnung schufen. Es gab keine “Herrschaft” der Väter, nicht Vaterbesitz war bedeutsam. Ordnung schuf das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gruppe mit einer gemeinsamen Sprache, mit einem gemeinsamen Bild der Welt. Plato erinnert sich, dass früher - lange vor seiner Zeit - die Menschen sich nicht erinnern konnten. Das ist ein Irrtum, Menschen haben sich immer erinnert. Ihre Fähigkeit, sich zu erinnern, machte sie zu Menschen. Die frühen Menschen erinnerten sich allerdings in anderen Formen, als die schreibenden Denker. Sie sammelten Erinnerungen in Geschichten, die in der Traumzeit spielten, in der Zeit vor der Zeit, sie pflegten “vernünftigen Umgang unter sich und mit den Tieren” Wenn also die Pfleglinge des Kronos, da sie so vieler Musse genossen und auch des Vermögens, nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Tieren vernünftigen Umgang zu pflegen, dies alles recht gebrauchten zur Philosophie in ihren Unterredungen mit den Tieren und unter sich, von jedem Wesen erforschend, ob es , im Besitz irgendeines besonderen Vermögens, etwas von den andern Verschiedenes wahrgenommen habe zur Vermehrung der Einsicht: dann ist wohl leicht zu entscheiden, dass die damaligen Menschen tausendmal glückseliger daran waren als die jetzigen. Plato, Dieser “vernünftige Umgang mit Menschen und
Tieren” war möglich, weil die Menschen untereinander keine Herrschaft
duldeten. Soziologen beschreiben die Struktur der frühen Wildbeutersozietäten
als “egalitär”, sie sprechen von “regulierter Anarchie”. Es gibt in
solchen Gruppen keine Herrschaft, keine soziale Stratifizierung (Barkow).
The essence of the way they lived was that there was no higher authority to appeal to. There were no ponderous institutions nor grave abstractions (the Police or the Law) to take decisions or coerce.They had to sort it out themselves. Alan Campbell Die “Wilden” brauchten zur Erhaltung ihrer sozialen Ordnung keine Dämonen, keinen Gott, der ihnen diese Ordnung aufzwingt. Sie brauchten überhaupt keine Autorität. “They had to sort it out themselves.” - Sie schufen sich ihre Ordnung selber in jenen Ritualen, die “Gruppentherapiesitzungen” waren. Die Waiapi, von denen Allan Campbell erzählt, sind eine Gruppe von ungefähr 150 Menschen. Sie bewohnen ein Gebiet des Amazonas-Regenwaldes. Es gibt bei ihnen keine Institutionen der Macht, es gibt nichts und niemanden, der befehlen könnte. Sie leben in einer sozialen Welt ohne Herrschaft . “power-degree-zero, hierarchy reduced to a minimum, authority no more than a posture, coercion no more than a gesture”, schreibt Allan Campbell. Wir können uns eine Welt ohne Autorität gar nicht vorstellen. In unseren patriarchal organisierten Gesellschaften geht ja nichts ohne von oben verordneten Befehl. Ohne Hierarchien gibt es keine Ordnung, und Ordnung gibt es nur durch Unterordnung . Rousseau hat dies ganz richtig gesehen, das Zusammenleben in sogenannten zivilisierten Gesellschaften ist nicht mehr durch “égalité” bestimmt. Die Zivilisation hat den Menschen verdorben. Wir haben gelernt die Unordnung zu fürchten, Unordentliches können unsere Führer nicht vorausberechnen, das macht Angst. Wir haben diese Angst so gut versteckt in unser Bild der Welt eingebaut, dass wir uns sogar davor fürchten, unsere Herren zu verlieren, wir glauben, dass wir ohne Herrschaft auch die Beherrschung verlieren müssten. Eine Gesellschaft ohne Herrschaft ist eine unordentliche Welt. Die Primitiven und die Wilden leben in Barbarei, meinten die Anthropologen des 19. Jahrhunderts. “How do human beings keep their society going”, fragt der Anthropologe Alan Campbell . Wie funktioniert eine Gesellschaft? Die Antwort: Menschen sprechen miteinander. Sie brauchen ihre Sprachordnung, um in der sich stetig verändernden Umwelt ihre Probleme zu lösen . Es ist nicht der von oben verordnete “ewige” Frieden, der sie schützt, es ist das immer wieder neu zu findende Gleichgewicht, das sie beim Miteinander-Sprechen finden. Sprache ist ein soziales Phänomen, Sprache ist Gesellschaft. Sprache brauchte zu ihrer Entstehung ein soziales Umfeld, das die Entwicklung einer tief emotional geprägten Form von Kommunikation förderte. Sprache - so heisst die Schlussfolgerung - kann
nur in kleinen, überblickbaren, eng kooperierenden Gruppen entstanden
sein. Und die zweite Schlussfolgerung: Menschen brauchen kleine, überblickbare
Gruppen, um ein menschenwürdiges Leben zu leben. Sie schufen sich
diese Ordnungen im Laufe von Millionen von Jahren und sie überlebten
diese lange Zeit, weil sie “miteinander” überlebten.
THEORETISCHE KULTUR Die Kulturen der letzten hunderttausend Jahre waren Hoch-kulturen. Über die Geschichte dieser Hochkulturen habe ich in der Schule nie etwas gelernt. Für die gescheiten Lehrer damals - und oft noch heute - begann die Kultur mit den alten Griechen, und seit den Griechen sind wir in einem stetigen Prozess des Fortschreitens immer besser geworden. Von episodischer zu mimetischer, von mimetischer zu mythischer, von mythischer zu theoretischer Kultur ging der Weg. Ein Weg des unaufhaltsamen Fortschritts, der in einer “theoretischen Kultur” am Gipfel angelangt ist. In dieser theoretischen Kultur der letzten dreitausend Jahre haben die Menschen gelernt mit Wissenschaft und Technik die Natur zu beherrschen. Die Menschen lernten auf ihrem Weg Herren und Sklaven zu unterscheiden, und nur die Herren hatten Kultur. Die Herren erfanden immer Neues - Religion, Literatur, Philosophie, Kunst und Technik. “The most noble and profitable invention of all other, was that of Speech”, schrieb Thomas Hobbes 1651: Die höchste und brauchbarste Erfindung der
Menschen ist die Sprache.
Sprache, Gesellschaft und Gesellschaftsvertrag sind aber keine Herren-erfindungen. Sie entstanden ohne Herrschaft. Thomas Hobbes irrte sich. Er dachte als Mensch der sogenannten Neuzeit, sein Ideal war der autonome, rationale, männliche Mensch, der Egoist. Er kann nur durch Zwang, durch Verordnung von oben, daran gehindert wird mit seinesgleichen einen steten Krieg zu führen. Homo homini lupus, der Mensch ist des Menschen Wolf. HOMO LUDENS - HOMO FABER In unserer von Männern regierten Konkurrenzwelt
können wir die fundamentale Funktion unserer Wortsprache für
das Miteinander der Menschen nicht mehr erkennen. Sprache ist nicht als
Speichermedium für Herrschaftswissen entstanden, sie wuchs aus dem
Miteinander der singenden und tanzenden Mimetiker, entwickelte sich in
einer 100 000 Jahre dauernden mythischen Kultur zur Pflege von zwischenmenschlichen
Beziehungen in herrschaftslosen Kleingruppen. Es ist die Geschichte des
Homo ludens, des spielenden Menschen.
Für uns beginnt die Geschichte der Menschheit vor drei-, viertausend Jahren in den Hochkulturen des Nahen Ostens. Die wachsenden Gruppen der Bronzezeit mussten eine neue Sprache erfinden. Sprache wurde zum Gebot, zum Befehl der Mächtigen. Die Menschen bauten “abstrakte Gehäuse”, es entstand eine Sprache der Politik, die grosse Gruppen organisiert und zusammenhält. Es entstand das Schreiben. Die Herren schrieben ihre Gebote und ihre Gesetze. Das Wissen konnte in Bibliotheken gesammelt werden. Es wuchs auch eine Sprache des Jenseitigen, der Ideen, eine Sprache der Metaphysik. In der theoretischen Kultur konstruieren die Denker Gedankengebäude aus “vernünftigen” Ideen. Diese Geistkonstrukte haben ihren Grund nicht mehr in der alltäglichen Erfahrung, sondern in der Welt des reinen Geistes. Die Denker der theoretischen Kultur bauen “Theorien”. “theoria” heisst in der antiken Welt: Zuschauen, Betrachtung, Untersuchung, Erkenntnis. Urwort ist das griechische “thea-(u)oros” - jemand der ein Schauspiel sieht (thea - Schau; horáein - sehen). Theorie wächst aus dem Schauen, Erkennen ist gemeinsame Schau. Das ist noch ganz und gar mythisch. Aus dem gemeinsamen “théa”, dem Schauen war in Millionen von Jahren Wissen gewachsen. Es entstand Sprache, “Theater” mit Musik und Tanz. Die neuen Theoretiker schauen anders. Bei ihnen ist die Schau das Privileg einer Elite. Die Männer betrachten, und sie betrachten nicht mehr die Welt der Erscheinungen, ihre Schau zielt hinter die Phänomene, auf den Grund (arché). Sie bauen dabei eine Gegenwelt des Geistes, die den Gewöhnlichen nicht zugänglich ist, sie erfinden den “grossen Geist”. “Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos”. Da ist das Wort nicht mehr bei den Menschen, es ist weit, weit weg im Geist. Es verbindet die Menschen nicht mehr, es trennt die Menschen, in Wissende und Unwissende, in freie Männer und Sklaven. Mensch heisst in den Herrschaftsideologien Mann. Das Wort “Mensch” ist abgeleitet aus dem Adjektiv “männlich”. Noch weiter zurück ist das Wort “Mensch” verwandt mit dem altindischen “manu-h” und bedeutet “denkend, klug”. Heraklit versuchte seine Zeitgenossen daran zu erinnern, dass Sprache nicht “brahma” - Sprache der Götter - ist, sondern “logos”, die Sprache der Menschen, die Sprache des Alltags: Man muss dem Gemeinsamen folgen. Der Logos ist gemeinsam. Und doch leben die meisten so, als ob sie ihren besonderen Verstand hätten. Heraklit 6/I KOMMUNIZIERN - MYTHOS UND THEORIE KOMMUNIZIEREN - GEMEINSAME WELTBILDER - HERRSCHAFT
BIBLIOGRAFIE Merlin Donald Origins of the Modern
Mind
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