MENSCH UND SPRACHE
UBoeschenstein

6/II  KOMMUNIZIEREN
 

MYTHOS UND THEORIE
 

DER GEMEINSAME LOGOS

Das Wissen über die Regeln des Zusammenlebens, über die Notwendigkeit des Ausgleichs ist das Fundament von Gesellschaften, die wir als “regulierte Anarchien” bezeichen. Es ist die Erfahrung von tausenden von Generationen sprechender Menschen, die Formen des Beisammenseins entwickelt hatten, die ihnen ein menschenwürdiges Dasein möglich machten. Die Frage, wieviele Menschen heute kein menschenwürdiges Dasein leben  können, wollen Sie sich bitte zuhause selber beantworten. Sie müssen es nicht aufschreiben, nur nach-denken.

Ich will meine Geschichte der Sprache mit einem Stück Weltliteratur beschliessen, einer chinesischen Kulturgeschichte.

In der Urzeit herrschte Fu Hi. Es gab es noch keine gesellschaftlichen Ordnungen. Die Menschen kannten nur ihre Mutter, nicht ihren Vater. Hungrig suchten sie nach Nahrung, gesättigt warfen sie die Reste weg. Sie assen ihre Nahrung mit Haut und Haaren und tranken das Blut und hüllten sich in Felle und Schilf. Fu Hi machte geknotete Stricke und benützte sie zu Netzen und Reusen für die Jagd und den Fischfang. 

So beschreibt das Buch der Wandlungen, das I Ging, die Wildbeuterkultur der Vorzeit. Die nächste Stufe ist die Erfindung der Landwirtschaft.

Als der Fu Hi Clan vorüber war kam der Clan des göttlichen Landmannes auf. Er spaltete ein Holz als Pflugschar und bog ein Holz als Pflugstange und lehrte den Vorteil des Öffnens der Erde mit dem Pflug. 

Aus dieser Kulturstufe wuchs eine Kultur der Herren. 

Als der Clan des göttlichen Landmannes vorüber war, kamen die Clans des Gelben Herren, des Yau und Schun auf. Sie zähmten das Rind und spannten das Pferd ein. So konnten schwere Lasten gezogen und ferne Gegenden erreicht werden, um der Welt zu nützen. Sie führten doppelte Tore und Nachtwächter mit Klappern ein, um den Räubern zu begegnen.

In der Welt der Herren wuchs die Technik, die der Welt nützt. Es wuchs aber auch der “besondere Verstand”, von dem Heraklit sprach. 
Es entstanden die Räuber, vor denen uns die Krieger beschützen müssen. Die schreibenden Herren entwickelten Sprache zum Herrschaftsinstrument. 

In der Urzeit knotete man Stricke, um zu regieren. Die Heiligen der späteren Zeit führten statt dessen schriftliche Urkunden ein, um die verschiedenen Beamten zu regieren und die Untertanen zu beaufsichtigen.                         I Ging

Seit die Herren das Schreiben erfunden hatten, um Untertanen zu regieren, wuchsen in den Menschengesellschaften Krieg, Gewalt, Angst und Unzufriedenheit. Für die schreibenden Herren ist Sprache nicht mehr ein Medium des Miteinanders, es ist ein Medium der Gewalt über andere. Die Herren, die ihre Untertanen beaufsichtigen, vergassen den gemeinsamen Logos.

KRANKHEITEN DER GESELLSCHAFT

Wir Menschen der Neuzeit haben ein Menschenbild entwickelt, das blind ist für das Miteinander. Unser Vorbild ist Robinson Crusoe, der einsame Held, der dank seines überlegenen Intellekts das Leben meistert, ganz allein. Wir erziehen unsere Kinder zu selbständigen Individuen, die sich selber helfen können. Denen, die sich selber helfen können, hilft sogar der grosse Gott. Der ideale Mensch ist männlich, stark und autonom. 

Wir vergessen dabei, wie grundlegend das Zusammensein mit anderen für die Gesundheit der menschlichen Psyche ist. Die menschlichen Formen der Vergesellschaftung entstanden aus der Fähigkeit, Gefühle auszutauschen und gemeinsame Gefühle zu pflegen. Gesellschaft ist nicht auf autonomer Rationalität gebaut, sondern auf der Intimität der Gefühle. Auf der Grundlage der kollektiven Gefühle entwickelte sich Sprache und unsere verbale Kommunikation ist wirklich - wie Thomas Hobbes sagte - “the most noble and profitable invention of all”. Sie dient aber nicht dem Profit eines Einzelnen, sie ist “profitable” für alle. Alle - das waren in den Kulturen der sprechenden Menschen alle, die eine gemeinsame Sprache sprachen. Sie gehörten zusammen. Diese Sprachgemeinschaften waren in den mythischen Kulturen immer überblickbar klein, nicht grösser als die von Robin Dunbar aufgezeigte Idealgrösse einer Menschengruppe: 150 Individuen, die sprachlich interagieren. 

In den “theoretischen Kulturen” der letzten dreitausend Jahre sind die Gruppen auf Millionen von einsamen Agenten gewachsen. Die Menschen haben dabei das Zusammensein verlernt. Unsere Gruppen sind so gross geworden, dass kein Vertrauen in die Beziehungen mit den anderen entstehen kann. In diesen anonymen, d.h. “namenlosen” Massen von Menschenatomen, entstanden soziale Krankheiten, wachsende Gewalt, Krieg, Herrschaft, Unterdrückung. 

Und wir therapieren dann einsame, kranke Individuen, wenn sie Gemütsprobleme haben, und merken nicht, dass wir die Gesellschaft therapieren müssten. Wir sind nicht Individuen, die zufällig in dieser oder jener Umgebung mit anderen zusammentreffen, wir sind zutiefst abhängig von stabilen, langdauernden Beziehungen. 
Menschen haben im Laufe der Evolution gelernt in kleinen Gruppen miteinander zu leben, in anonymen Gesellschaften von lauter Fremden können wir nicht funktionieren. In diesen Gruppen von Fremden gilt der Kampf aller gegen alle. Das Menschenbild dieser Grossgruppen hat das Gefühl abgewertet; nur dumme Menschen haben Gefühl, die Gescheiten haben Erfolg. Wir sind nicht mehr fähig, die Grundlage unseres Wohlbefindens im gemeinsamen Tun zu sehen. Wir denken nicht mehr über unsere non-verbale Kommunikation nach, sondern erhoffen Besserung durch Verbesserung der rationalen Steuerung des Verhaltens.
Wir “schmieden” immer besser Informationssysteme für einzelne, und wir vergessen, dass einzelne nur in der Geborgenheit der Gruppe zufrieden, im Frieden mit sich selbst, leben können. Der Mangel an emotionaler Geborgenheit ist der Grund aller sozialer Krankheiten, vom Drogenkonsum bis zur Selbstmordepidemie der modernen Gesellschaften, vom endemischen Krieg bis zum Mobilitätswahn. Wir leiden an Krankheiten des Umgangs miteinander, wir können unsere Nächsten nicht mehr lieben.
 

DAS GESETZ DES DSCHUNGELS

Die Moral, das heisst die Regeln unseres gemeinsamen Umgangs, beruht nicht - wie Thomas Hobbes meinte - auf von oben verordneten Gesetzen, sondern auf der moralgelenkten Interaktion von Lebewesen, die in sozialen Gruppen zusammen leben. 

Die Verhaltensforscher beobachten bei unseren Verwandten, den Schimpansen, eine ausgebildete Gruppenmoral, die nicht auf Druck von oben beruht. Schimpansengruppen leben nicht unter dem sogenannten Gesetz des Dschungels, in dem jeder gegen jeden kämpft, sondern unter Regeln des Zusammenlebens, das die Gruppen aus gegenseitigen Verpflichtungen konstruieren. Wer in Schimpansenhorden nicht mit den anderen teilt, wird bestraft. Der egoistische Schimpanse wird aus der Gruppe ausgestossen, die Gruppe nimmt Rache. Die Moral der Schimpansen ist eine Moral der Kooperation, nicht des Befehls von oben. Unsere Menschenvorfahren pflegten ebenfalls eine Moral der Zusammenarbeit. Sie besassen - wie die Schimpansen - ein emotionales Grundpotential zur Ethik.

Wann veränderte sich die Moralität der Menschengruppen? Warum gilt für uns das Wettbewerbsgesetz des Dschungels? Peter Sloterdijk schreibt: 

Die Hochkulturen wenden ihr Augenmerk ab von der Wiederholung des Menschen durch den Menschen, um vorrangig nach der Verwendung des Menschen durch den Menschen zu fragen.   Sloterdjik  

Hochkulturen sind bestimmt durch Macht von oben. In den Grossgesellschaften der frühen Staaten wird der Mensch “zum Umzug in abstrakte Gehäuse verdammt” . Menschen müssen zu Staatswesen abgerichtet werden. 
Wir nennen dies Erziehung. Wir werden sozialisiert durch Zwang, wir lernen Regeln des Umgangs, die auf Wettbewerb und Leistung beruhen. 

Das vielzitierte Gesetz des Dschungels, das ja im Dschungel - bei den Schimpansen - nicht gilt, ist das Gesetz der Grossgruppen von Menschen. Vielleicht liegt die krankmachende Veränderung der Gruppenmoral in der Überheblichkeit begründet, mit der wir uns als Krone der Schöpfung sehen. Vielleicht liegt es an den Geschichten, die wir uns erzählen.
 

DIE HÖHENLUFT DES RATIONALEN GEISTES

Bei der Konstruktion von Gedankengebäuden, die allein auf der logischen Vernunft gebaut sind, vergassen die Denker der modernen Kultur, welche Prämissen,  welchen Vorausannahmen (Präsuppositionen) sie voraussetzten. Die Liebe zur Weisheit der theoretischen Kultur musste sich notwendigerweise in abstrakte Hirnspiele versteigen.

 Die Nähe ging verträumt umher...
 Sie kam nie zu den Dingen selber.
 Ihr Antlitz wurde gelb und gelber, 
 und ihren Leib ergiff die Zehr.
 
Doch eines Nachts, derweil sie schlief,
 da trat wer an ihr Bette hin 
 und sprach: “Steh auf, mein Kind, ich bin 
 der kategorische Komparativ!
 
 Ich werde dich zum Näher steigern, 
 ja, wenn du willst, zur Näherin!”-
 Die Nähe, ohne sich zu weigern,
 sie nahm auch dies als Schicksal hin.

 Als Näherin jedoch vergass
 sie leider völlig was sie wollte, 
 und nähte Putz und hiess Frau Nolte
 und hielt all Obiges für Spass.  Christian Morgenstern
 

In den “theoretischen Kulturen” verloren die Philosophen die Nähe zum Leben. 
Der Geist kommt nie zu den Dingen selber (Kant), er kann sich den letzten Bodenteilchen immer nur nähern. Er bewegt sich im unendlichen Raum der Abstraktion, er ist Ferne, nicht Nähe. Nur als “gesteigerte” Frau Nolte wird der suchende Geist wieder körperlich nahe. 

Dieser verkörperte Geist ist dann aber halt so, wie Frauen eben sind, dumm; “die” Geist vergisst, was sie wollte, sie verliert das Ziel aus den Augen. Der männliche Geist vergisst nicht, was er “will”, er ist zielgerichtet “zweck-rational”. 

In der männlichen Welt der Theorie steigert sich der Sinn zum Blödsinn. Die Weisheitssucher erfinden den transzendentalen, schöpferischen Geist, die ewige Welt der Ideen; der Geist wird eine Substanz ohne Raumdimensionen, und  die Denker streiten über die Idee der Zweifachheit (Dualismus) und über die Idee der Einheit (Monismus), und es ist kein Ende abzusehen. 

Beim Studium  der Geschichte der letzten hundert Generationen ist mir langsam bewusst geworden, dass Herrschaftsreligionen und Herrschaftsgesellschaften psychisch kranke Mitglieder in überaus hoher Zahl züchten. Es entsteht in Herrschaftsgesellschaften der Machbarkeitswahn, der Mobilitätsirrsinn und der Milliarden-Chüngelistall. Wir, die fortgeschrittenen Herren der Welt, sind nicht erfolgreich. Erfolg hiesse  für die Homo sapiens langfristiges Überleben, und genau dieses Überleben in Frage zu stellen haben die “gescheiten” Männer geschafft.  Menschen, die sich selber als gescheite Herren der Welt sehen, sind wahrhaftig dumm.

Da tut ein neues Menschenbild not. Wir werden unser Wertsystem überdenken müssen. Es wird uns nicht erspart bleiben, unsere Ideale zu revidieren. Wir müssen “das Gute” neu definieren: Gut ist nicht mehr, gut ist auch nicht schneller. Gut ist nicht, was dem Einzelnen nützt. 

Ein brauchbares Menschenbild stellt die Gemeinschaft ins Zentrum. Wir sind nicht einsame Individuen, die sich gern oder ungern vergesellschaften und dazu einen Gesellschaftsvertrag brauchen, wir sind soziale Lebewesen mit hochentwickelten, angeborenen Kommunikationsfähigkeiten. Wir sind im Laufe einer langen Geschichte von über fünf Millionen Jahren zu immer besseren Kommunikatoren geworden. Unsere gescheiten Vorfahren haben uns einen Lernprozess ermöglicht, indem sie das soziale Erkennen und die Reflexion ihrer Beziehungen auf ein hohes Niveau entwickelt hatten. Die Hominiden konstruierten immer neue Medien der Kommunikation. Die Homo erectus erfanden gemeinsame Rituale, um in der Gruppe Gleichgewicht zu schaffen und immer wieder das Gleichgewicht zu erhalten.

Mit diesen ältesten Kommunikationsmedien wurden die Menschen fähig, nicht nur zu denken, sondern auch über das Denken zu denken. Dazu erfanden sie Symbole. Mit diesen neuen Kommunikationswerkzeugen lernten unsere Vorfahren sich ihr Leben menschenwürdig einzurichten. Die Erfinder der Sprache brauchten ihre neue Fähigkeit nicht fürs Produzieren, sie nutzten die Möglichkeiten der Sprache im Ritual, sie erzählten sich wissenswerte Geschichten. Sie vermittelten Erfahrungen von einer Generation an die nächste. Das taten die Menschen bis vor etwa zwei-dreihundert Generationen. Damals veränderte sich die soziale Welt der Menschen, eine Katastrophe passierte. Aus den Homo ludens wurden Homo faber. Seither machen wir Männer - und Männer machten, mehr und mehr. Und  Männer wurden immer dümmer. Sie glaubten an den Mehrwert, sie waren vom Fortschritt überzeugt und sie sahen sich selber als Krone der Schöpfung. In allen diesen schnell wachsenden Herrschaftsgesellschaften gingen die Erfahrungen der ursprünglichen kleinen Sozialgefüge verloren. 

Vor ein paar Tausend Jahren wurde die Sprache ein Herrschaftsinstrument und aus gescheiten Menschen wurden dumme Herren. Seit etwa viertausend Jahren produzieren Homo faber Überschüsse. Dieser moderne Mensch will mehr, immer mehr und noch mehr. Er denkt zweckrational und feiert seinen männlichen Verstand als nützliche Gabe, die ihm der grosse Gott verliehen hat. Sprache ist von den Denkern der  letzten hundert Generationen als Fähigkeit zum logischen Denken betrachtet worden. Diese Fähigkeit haben “natürlich” nur die Männer, denn den Weibern fehlt nicht nur die Seele (Aristoteles), ihrem Denken fehlt auch die logische Folgerichtigkeit. Idioten, Kinder und Frauen denken mit dem Bauch, mit der Emotion. Und - wie alle christlichen Denker wissen - was unterhalb des Bauchnabels angesiedelt ist, muss abgelehnt werden. Dort ist der Sex zuhause und der ist gefährlich, dort ist das Reich der Sünde. Das Böse kam durch den Ungehorsam der Frau Eva in die Welt.  

Die Menschen vergassen das Miteinandersein. Vielleicht liegt es an der Herrschaftsstruktur, vielleicht an der allzu grossen Zahl der Menschen; vielleicht können wir so viele nicht als Nächste lieben, vielleicht ist unsere Speicherfähigkeit für Beziehungen beschränkt, vielleicht sind wir als Atome der Masse überfordert und werden krank. Die gescheiten Affen sind psychisch gesünder. Es gibt unter ihnen Gruppen, die Kommunikationstraditionen entwickelt haben, die ihnen innerhalb ihrer kleinen Gruppe ein schimpansenwürdiges Leben ermöglichen, mit aller Anregung des Streitens und der Freude beim Versöhnen, mit einer schimpansisch guten gemeinsamen Stimmung und ersten Ansätzen diese Stimmungen in Ritualen zu wiederholen.

In einem neuen Menschenbild wird nicht die menschliche Rationalität als höchste Fähigkeit gepriesen. Unser Emotionssystem ist für unser Überleben viel wichtiger. Unser sprachliches Denken hat sich im Miteinander entwickelt. Erkenntnis und Selbsterkenntnis sind kollektive Phänomene. 

Diesen Grund der Sprache - die Gemeinschaft der Menschen - haben wir in unseren Massengesellschaften verloren. Wir brauchen Sprache zum Sammeln von Wissen, und wir sammeln - seit ein paar Tausend Jahren - immer mehr Wissen. Wir erfanden das Schreiben. Die Erfindung von äusseren Speichern für unser Wissen, das was die Soziologen “externales Gedächtnis” nennen, prägt das Denken aller Menschen, die das Lesen dieser Speicher gelernt haben. 

Die Sprache der Schrift ist eine sehr andere Sprache, und die Ordnung der Schrift beeinflusst unser Sehen, Fühlen und Denken. Die literarisch gebildeten Menschen sind Augenmenschen geworden. So haben denn alle Denker, die über Sprache nachgedacht haben immer die Schriftsprache ins Zentrum gesetzt. Sie entwickelten Grammatiken, die den Gebrauch der Schrift beschrieben. Sie vergassen, dass Menschen Sprache brauchen, um sich zu verstehen. 
 
 

WIE KAM DER MENSCH ZUR SPRACHE?

Dies fragte ich am Anfang meiner Vorlesungsreihe. Ich habe Ihnen in sechs Teilen eine Geschichte der Sprache vorgetragen und versucht, viel “Wissen” über die Entstehung der Sprache in diese Geschichte zu verpacken. Wir wissen erstaunlich viel über das Entstehen unserer Sprache. Ich kann dieses Wissen in einen Satz fassen: Wozu erfanden die Menschen Sprache? Zum Miteinander - Sein. 

Sie haben sich vielleicht über die ständige Wiederholung meiner Antwort geärgert. Ich will es zum Schluss grad noch einmal wiederholen: 

Menschen erfanden Sprache als Mittel, um miteinander zu kommunizieren, um miteinander in einer kleinen Gruppe von Gefährten den Lebens-Weg zu gehen. 

Caminante, no hay camino.
 Se hace camino al andar.  Antonio Machado

Menschen machen diesen Weg im Miteinander. Sie “meistern” ihr Leben nie allein, sie brauchen die anderen, ihre Freunde und ihre Feinde. Sprache entstand als Medium des Ausgleichs, als Suche nach Gemeinsamkeit. 

Ich glaube sogar, Menschen erfanden die Sprache, um miteinander zufrieden zu sein. Zufrieden, im Frieden mit sich und den anderen, das nannten die Vorfahren “seelig”. Aus dem Wort “saelic” ist im Englischen das Wort “silly” - dumm - entstanden. Eigenartig!  “Seelig” sind die geistig Armen, die Dummen. Nur die Dummen sind wirklich gescheit. Meister Eckehard , einer der sehr gescheiten Denker des Mittelalters, sagte über den dummen, geistig armen Menschen:  

Etliche liute hânt mich gevraget, waz armuot sî in ir selben und waz ein arm mensch sî. Her zuo wellen wir antwürten: daz ist ein arm mensch, der niht enwil und niht enweiz und niht enhât.         Eckehard

Der nichts will, der nichts weiss und der nichts hat. Nur der kann “seelig” sein, nur der ist zufrieden. Auch dieser Satz fasst zusammen. Er umfasst die Quintessenz aller Religionen. Es ist dies der Weisheit letzter Schluss: Wer gelernt hat mit anderen zu interagieren, weiss, dass er nicht mehr wollen darf als der Nächste, er weiss, dass er nichts für immer “haben” kann, und er weiss auch, dass er nichts endgültiges weiss und wissen kann. 
 
 
 

 Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, -
doch philosophisch regsam;
 der Fressack hängt mir kaum ums Maul,
 so werd ich überlegsam. 

 Ich schwenk ihn her, ich schwenk ihn hin 
 und bei dem trauten Schwenken
 geht mir so manches durch den Sinn, 
 woran nur Weise denken.

 Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, - 
 doch sann ich oft voll Sorgen, 
 wie ich den Hafer brächt ins Maul, 
 der tief im Grund verborgen.

 Ich schwenkte hoch, ich schwenkte tief, 
 bis mir die Ohren klangen.
 Was dort in Nacht verschleiert schlief,
 ich konnt es nicht erlangen.

 Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, -
 doch mag ich Trost nicht missen
 und sage mir: So steht es faul 
 mit allem Erdenwissen;

 es frisst im Weisheitsfuttersack 
 wohl jeglich Maul ein Weilchen, 
 doch nie erreichts - o Schabernack - 
 die letzten Bodenteilchen.   Christian Morgenstern
 

BIBLIOGRAFIE

Frans de Waal   Chimps rise above Law of Jungle  
  New Scientist  17.2. 1996
Peter Sloterdijk  Im Selben Boot  Suhrkamp 1993
Felix Genzmer   Die Edda   Diedrichs 1992 
Sproul Barbara Schöpfungsmythen der östlichen Welt.
  Diedrichs Gelbe Reihe. DG 104 1993.
Klix Friedhart Erwachendes Denken. Totemismus. 
  Spektrum Akademischer Verlag 1993
Klaus Mainzer  Thinking in Complexity Springer 1995 
Meister Eckehard   Deutsche Predigten und Traktate
  Diogenes 1979