Peter Fuchs
Die Erreichbarkeit der Gesellschaft
Suhrkamp 1992

Fuchs Erreichbarkeit 42
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Die Einheit der Gesellschaft muss paradox bestimmt werden: als Einheit der Vielfalt, als Komplexität.

Hyperkomplexe Systeme sind solche Systeme, die intern eine Pluralität von Komplexitätsbeschreibungen prozessieren, von denen mindestens eine besagt, dass es sich so verhält. Metaphorisch gesagt: Sie leiden unter der Unterbestimmtheit und Unestimmbarkeit ihres Selbst, also daran, dass sie nicht ohne dramatische Ambiguitäten angeben können, wer worunter leidet.

Boe: Ambiguität - Mehrdeutigkeit / Eindeutigkeit-Zweideutigkeit-Dreideutigkeit

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... dass Vorstellungen über Realitäten kontextgebundene Vorstellungen sind.
...dass die hoch informierte Gesellschaft der Moderne in der Vielzahl der aufblendbaren Kontexte oder Horizonte ein nicht unwesentliches Merkmal hat.

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Zweifellos hat die Multiplikation der Kontexte, insofern sie sich kommunikativ präsentiert, insofern es nahezu unvermeidbar ist, sie zu registrieren, nicht zu unterschätzende Konsequenzen. Die soziale Realität hat sich in kaum glaubhafter Weise verflüssigt, Offenheit der Gesellschaft, psychische und soziale Mobilität, ferner die Möglichkeiten, deviante Standpunkte geltend zu machen, die ausgeschlossenen einzuschließen oder gesellschaftliche Eliten zu überstimmen, alle klagen über Komplexität und alle Sehnsucht nach Eindeutigkeit gehören in diesem Zusammenhang.

Boe: Eindeutigkeit – Zweideutigkeit – Dreideutigkeit Seite 57

Dennoch scheint die bloße Deskription jener Kontextwucherung analytisch nicht sehr tiefenscharf. Sie hält zwar fest, was kaum zu übersehen ist: dass sich unter modernen Kommunikationsbedingungen alles anders sehen lässt, vor allem irgendwo in der Gesellschaft anders gesehen wird. Sie begnügt sich aber mit der einfachen Vorstellung von der Vielfalt möglicher Vorstellungen. Sie übersieht, dass Polykontexturalität in diesem Sinne ein Konzept ist, dass zwar eine Pluralität von Beobachtern in der modernen Gesellschaft unterstellt, aber im gleichen Zuge die Vorstellung einer Realität bewegt, über die differierende Kontexte gezogen werden können, kurz: die Voraussetzung eines referablen durchgängig bestimmten Seins, das sich den kognitiven Zugriff gleichsam facettiert und kontextabhängig changierend darbietet.

(Alles was da ist, ist durchgängig bestimmt; es ist was es ist, und schlechthin nichts anderes.“, formuliert J.G.Fichte. Dass diese durchgängige Bestimmtheit sich in der Physik als Fiktion entlarvte, ist bekannt. Quantenphysik, dass Bohrsche Komplementaritätsprinzip, der abenteuerliche Teilchenzoo der Atomphysik belegen diese These. Schon von daher ist klar, dass die Ontologie, über die wir sprechen, als psychosoziales Orientierungskonstrukt zu begreifen ist.
Genau besehen, kann man sogar sagen, dass sich Ontologien „als Nebenprodukte von Kommunikation“entwickeln im Zusammenhang der Annahmebedingungen von Kommunikation. Ich selbst würde den letzten Grund ontologische thematisiert der Welt in der unaufhebbaren Positivität aller Beobachtungsoperationen vermuten. Man kann nicht nicht-bezeichnen und bezeichnet auch dann positiv, wenn man dies bestreitet.)

Boe: Ontologie – Sein – one reality – one truth (vgl.Egidy10)

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Polykontexturalität ist deshalb nicht nur die quantitative Vielheit von Kontexterzeugungsmöglichkeiten. Sie ist erst dann vollständig bestimmt, wenn man sich klarmacht, dass dieser Begriff sein Profil gewinnt vor dem Hintergrund, dass die irritierende Vielheit bezogen wird aus einem mono-logischen, basal zweiwertigen Selektionsraum.

Man kann hier die Figur des cartesischen Duals als Topos namhaft machen, in der Subjekt und Objekt als Leitunterscheidung überhaupt jeder denkbaren kognitiven Operation erscheinen und bewusst werden. Der Singular „Subjekt“ täuscht dabei über eine notwendige, wiewohl hoch problematische Annahme hinweg: dass nämlich eine in bestimmter Hinsicht isomorphe Struktur einer Mehrheit von Subjekten, die sich auf Objekte beziehen, mitgedacht werden muss.

Das lässt sich zurückrechnen auf die fundamental zweiwertigen, klassische Logik, die nur zwei Bestimmungen (logische Wertqualitäten) kennt, die positive und negative, die sich wechselseitig ausschließen und zugleich implizieren. Eine dritte Möglichkeit (Tertium non datur) gibt es nicht. Etwas ist, oder es ist nicht, und wenn es ist, wenn von ihm die Rede ist, dann von einer absoluten Positivität, von einem „So-und-nicht-anders“, das „ im Verbot des Widerspruchs axiomatisiert“ wird.

Boe: Ulrich Blau Die dreiwertige Logik der Sprache.

Auf das Schema Sein/Nichtsein kommen wir unter Referenzprobleme zurück SW. 244

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Die binäre Logik (und damit der Ausschluss des Dritten Wertes) strukturiert, wie gedacht, und vor allem, wie kommuniziert werden kann.

Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Ontologie, die - wie immer auch zu Stande gekommen - als Apriori jeder möglichen kognitiven oder sozialen Operation vorauszugehen scheint. Der Titel "metaphysischer Realismus" (Glasersfeld) bezeichnet recht griffig die Dauerpräsenz dieses A-priori. Wir werden jedoch um die Begriffekonsistenz zu halten, von einer
Kontextur sprechen.

Dieser Begriff (Kontextur) bezeichnet zunächst einen Bereich, der als die Bedingung der Möglichkeit jede Unterscheidung, jeder Regionalisierung, Schichtung, Ebenenbildung, Strukturierung überhaupt erscheint. Sie ist das Vorausgesetzte aller Unterschiede und kann nicht selbst innerhalb ihrer selbst operativ eingesetzt werden. Sie ist mithin in allem, was sie ermöglicht, verborgen und vorausgesetzt. Sie erzeugt eine Welt genau in dem Sinne, dass von dieser Welt aus ein dahinter, davor, darüber hinaus nicht erreicht werden kann. Insofern ist die „universal“.

Boe: Matrix - Möglichkeitsraum - Egidy: Beobachtung 0.Ordnung

Die abendländische Kontextur ist in diesem Sinne mono-logisch oder logozentrisch. Sie ist bei aller Polykontextualetät deren Bedingungen sie ist, „monokontextural“.

„It is obvious that the alternative between Being and Nothingness is the absolute widest that our thinking may conceive, and we shall call…a domain which is characterized by an absolutely uniform background and whose limits are determined by an absolutely generalized TND (tertium non datur) an ontological contexture or contexturality” G.Günther

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Die ontologische Kontextur ist gegeben (gibt sich) mit der primordialen Unterscheidung von Sein und Nichts, die ermöglicht wird (sich ermöglicht) auf der Basis eines generalisierten „Tertuim non datur“.


Operationalisierung der Temini Kontextur und Polykontexturalität :

„…a contexturality is a logical domain of a strictly two-valued structure and its range is determined by using a TND as an operator such that the generality of the alternative which the TND produces cannot be surpassed.” G.Günther

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Ein polykontexturales Universum (compound contexture) enthält dann eine Vielzahl zweiwertig strukturierter Bereiche mit bereichsspezifischen TND. Das ist gleichbedeutend mit der Annahme einer Vielzahl von koexistierenden Ontologien. Probleme treten erst in dem Augenblick auf, indem man die Koexistenz dieser Orte zu fassen versucht.

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Second Order Cybernetics: im Mittelpunkt dieser Forschungen steht, wenn man entschieden zusammenfasst, das Problem der Beobachtung von Beobachtungen. Das schließt nicht aus, dass es Beobachtungsoperationen gibt, die selbst nicht beobachtet werden. Ausgeschlossen ist nur, dass sie entdeckbar sind, denn genau dann müsste man beobachten, wie beobachtet wird. Dies ist gemeint, wenn gesagt wird, dass, was immer gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird. Alles weitere hängt damit davon ab, wie der Beobachtungsbegriff gefasst wird.

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Polykontexturalität und Beobachtung

Beobachtung ist, setzt man den Begriff auf der Ebene von Autopoiesis, also sehr abstrakt an, nicht: konzentriertes Hinsehen auf ein Objekt, das Festhalten von etwas mit Augen, Ohren, Nasen (oder anderen Instrumenten) über eine Zeitstrecke hin, während derer man Veränderungen am Objekt registriert.

Beobachtung ist auch nicht: Wahrnehmung. Folgt man Luhmann, so ist sie zunächst ein Ereignis mit besonderer Struktur, dass nicht sofort Subjekt(innen) als Gouverneure/anten des Ereignisses impliziert. Auf dem hier zugepeilten Abstraktionsniveau ist nicht von vornherein ausgemacht, ob von Kühlschränken die Rede ist, die ihre Eigentemperatur beobachten, oder von Fingerkuppennerven, die die Herdplatte testen, oder von Sozialämtern, die zwischen Asylanten, Übersiedlern, Aussiedlern, Obdachlosen und allein erziehenden Elternteilen zu unterscheiden haben.

Boe: Das Ereignis Beobachten

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Das Ereignis „Beobachten“ ist die Operation einer Unterscheidung-mit-Bezeichnung. Beobachtung ist die Unterscheidungsverwendung, die auf Bezeichnung ausgelegt. (Sie ist also eine Form, die eine Innen/Aussen-Differenz konstituiert und sie ist diese Form, denn wenn unterschieden wird, ist schon unterschieden zwischen dem, was die Unterscheidung unterscheidet und dem, was sie nicht unterscheidet. Unterscheidung ist also ein selbstimplikativer Begriff. Man kann folglich nicht zu unterscheiden beginnen, ohne schon unterschieden zu haben.) Sie ist das simultan hingestellte Bezeichnen einer Seite im Rahmen einer Unterscheidung.

Beobachtungen geschehen und sie sind diese Geschehnisse. Und das heisst auch: als operative Volluüge können sie sich mit dem, was sie sind (Unterscheidungsgebrauch plus Bezeichnung) nocheinmal unterscheiden und bezeichnen. Sie sind sich selbst unzugänglich , oder anders gesagt: Sie können sich gar nicht bemerken, denn genau dazu müssten sie beobachtet werden mit einem anderen Ereignis, das sie selbst bezeichnet und unterscheidet von anderen möglichen Unterscheidungen und Bezeichnungen und diese Beobachtung hätte das gleiche Problem: nämlich ihrerseits nur Vollzug zu sein und sich selbst nicht bemerken zu können. Mit einer sehr beliebten Metapher formuliert: Beobachtung fundiert sich über einen blinden Fleck. Die aktuelle Operationsbeobachtung ist sich als Einheit unerreichbar.

Jede Beobachtungsoperation ist deshalb in ihrem Vollzug logisch einwertig, tautologisch, in einem sehr genauen Sinne absolut real. Secundum non datur.

Zweiwertigkeit (und damit auch das Tertium non datur) kommt erst durch die Beobachtung von Beobachtung ins Spiel, also dadurch, dass die Beobachtung-vor-Ort als Unterscheidungsbezeichnung unterschieden wird mit einer anderen Unterscheidungsbezeichnung eines anderen Beobachters, der auch der selbst Beobachter sein kann.

Insofern lässt sich sagen,
dass erst rekursive Beobachtungen ermöglichen zu sehen, das sich mit jeder Beobachtung immer eine Welt entzieht, zu sehen mithin, „ das man nicht sehen kann, was man nicht sehen kann.“

Solange dies nicht gesehen wird, solange die Konstruktion der Welt onto-logisch vollzogen wird, liegen die Dinge ein-fach zweifach; werden dagegen Beobachter beobachtet und wird beobachtet, dass die so entstehende Welt den Beobachter so einschließt, dass auch er beobachtet werden kann, dann liegen die Dinge viel-fach, dann ist die Welt polykontextural, genau dann wird die Vorstellung eines Meta-Beobachters (der ein unbeobachteter Beobachter wäre) obsolet.

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In der Gesellschaft (das heißt: kommunikativ ) werden unablässig Milliarden auf Beobachtungen getätigt, die von irgendwo anders her anders beobachtet werden können, aber nicht von einer Stelle aus, von der sie sich als ineinander überführbar, hierarchisierbar, in eine Ordnung sicheren Wissens platzierbar erwiesen. Mit anderen Mitteln formuliert: die Gesellschaft repräsentiert sich in-sich-selbst als notwendig kontingent, und selbst diese Beobachtung unterliegt dem gleichen Gesetz.

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Die polykontexturale Gesellschaft ist dadurch (un)bestimmt, dass in ihr beobachtet wird, dass - was immer beobachtet wird - seinerseits beobachtbar ist; mithin ist sie ausgesetzt der laufenden Aufdeckung blinder Flecke, dem Ausfall jeder dadurch nicht betroffenen Beobachtungsebene und dem Umstand, dass sie sich (wie eben jetzt ) darüber belehrt.




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