Fuchs – Psychotherapie PDF: http://www.fen.ch/

Manuskript, aufgeschaltet auf www.fen.ch am 11.06.2010. Der Text entspricht einem Kapitel eines Buches von Peter Fuchs über Psychotherapie, das im Frühjahr 2011 bei Carl Auer erscheint.

Gespräch mit Schutzheiligen – Ein Capriccio zur Psychotherapie

Als ich kürzlich ‚auf Innungen’ ging (so nennt man im Sauerland einen kurzen
Mittagsschlaf), stieß mir in der seltsamen Zwielichtzone zwischen Schlummern und Schlafen ein Traum zu. Versetzt in eine Wüstenlandschaft, in der die Luft vor Trockenheit knisterte, begegnete mir ein Mann, der seinen Kopf in seinen Händen hielt, eine Eremitenkutte trug, zwei Kerzen hinter die Ohren geklemmt hatte und auf einem Ölkessel stand.

Fuchs: Wer sind Sie denn?
Schutzheiliger: Ich bin der Schutzheilige der Psychotherapie oder besser: Ich bin eine psychotherapietypische Kompromißbildung von vier Heiligen, die für diese Funktion einsetzbar wären: Nikolaus von Flüe, vulgo: Bruder Klaus, den C.G. Jung vorgeschlagen hat, ferner Dionysius und Vitus und Blasius … alles Heilige, die unter anderem auch mit seelischen Leiden zu tun haben.

Fuchs:
Ein lustiges Quartett. Ich vermisse Sigmund Freud …
Sh: Er hat es versäumt, ein heiligmäßiges Leben zu leben.
Fuchs: Heilig hin, heilig her … Was wollen Sie oder wollt Ihr ausgerechnet von mir? Ich mag es gar nicht, während meiner Innungen gestört zu werden.

Sh: Du kannst mich ruhig duzen. Schließlich bereiten Dir, wie man hört, multiple
Persönlichkeiten keinerlei Probleme.
Fuchs: Ich pflege nicht Hinz und Kunz zu duzen. Also: Warum sind Sie hier?
Sh. Wir sind angerufen worden, weil Sie die Psychotherapie gefährden
Fuchs:
Davon kann keine Rede sein. Ich wüßte gar nicht, wen man angreifen müßte, wenn man die Psychotherapie angreifen wollte. Sie hat ja nicht einmal eine Adresse.
Sh:Man würde es kaum wagen, uns anzurufen ohne irgendeinen triftigen Grund.
Fuchs: Wenn man im Nebel herumstochert, läßt es sich kaum vermeiden, da und dort jemanden zu treffen.
Sh. Wegen solcher Äußerungen sind wir eingeschaltet worden.
Fuchs: Verstehen Sie denn etwas von Theorie?
Sh. Wir Himmlischen sind im Blick auf Supertheorien zur Rezeption dienstverpflichtet.
Fuchs: Gut so … Dann müßte ja klar sein, daß die Metaphern des Nebels, der
Unbestimmtheit, der Unschärfe, der Vagheit nicht pejorativ gemeint sind. Sie sind eher der Anlaß, zu prüfen, wie dieser Eindruck entstehen kann. Deswegen fand ich es ganz glücklich, daß die Diskussion mit den Linzer Kollegen und Kolleginnen genau diesen Gesichtspunkt der Vagheit ins Zentrum rückte – nicht als Ausdruck für etwas Fehlerhaftes, für ein Manko, sondern als Merkmal von Exzellenz.
Sh: Die Welt ist niemals vage.
Fuchs: Sie müßten wissen, daß ich derart ontologische Behauptungen nicht sehr schätze. Niemand kann wissen, ob die Welt bestimmt oder unbestimmt ist. Ohne sinnförmige Beobachter ist die Welt weder bestimmt noch unbestimmt. Vielleicht läßt sich dieses WederNoch mystisch erleben, aber für den theoretischen Alltagsbetrieb reicht die Einschätzung aus, daß bestimmt/unbestimmt oder vage/präzise Unterscheidungen sind, die Beobachter unter historisch je verschiedenen Konditionen einsetzen.

Sh: Aber Sie sprechen doch selbst, wenn Sie über die Psychotherapie reden, von der Verwaltung der vagen Dinge.
Fuchs: Ich versuche nur, mit dieser zugegeben kampfbereiten Formulierung Aufmerksamkeit darauf zu ziehen, daß der Vorwurf der Vagheit, der Unschärfe, des Eklektizismus, der nicht selten die Psychotherapie trifft, gerade das Proprium des Psychotherapeutischen zum Anlaß für Hohn, Spott, gar Häme macht. Dahinter stecken Vorstellungen, die Klarheit im wissenschaftlichen Sinne überall einfordern, als gäbe es nicht ganze Weltdomänen, die gerade nicht durch Klarheit definiert sind, sondern durch je und je verschiedene ‚Eigen-Intelligenzen’, deren Logizität wenig mit wissenschaftlichen Idealen zu tun hat, mit Vernunft, Ratio, Aufklärung …

Sh: Aber Psychotherapie ist wissenschaftlich unterfüttert!
Fuchs: Na ja … überfüttert, das träfe mehr, was ich meine. Sie zuzelt an vielen Zitzen der Wissenschaft wie die Bayern an ihren Weißwürstchen. Ich hatte bei manchen Tagungen der psychotherapeutischen Zunft den Eindruck, unter Gurus, Schamanen, Stammeshäuptlingen zu wandeln. Aber der Punkt unserer Linzer Diskussion war ja gerade, daß es dabei nicht um das Symptom einer Erkrankung dreht, sondern um eine Reaktion, die sich auf rasante Veränderungen dessen beziehen, was ‚Psyche’ genannt wird.
Es geht im genauesten Sinne um einen evolutionär bedingten Ein- Deutigkeitsverlust, um den Ruin ‚einhelliger’ Beobachtungsmöglichkeiten
.

Die These war ja, daß die Psychotherapie rekonstruiert werden kann als ein eben darauf
bezogenes Phänomen, das hyperkomplex wird im Moment, in dem es sich dem Befund stellt, nicht mehr über eineindeutige Beobachtungsmöglichkeiten des Psychischen zu verfügen. Und schlimmer noch: Psychische Systeme auffassen zu müssen als selbst: uneindeutig – in ihren eigenen Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibungen.

Sh: Also das meinen Sie mit Vagheit?

Fuchs: In etwa … Ich habe mich leiten lassen dadurch, daß in der Etymologie von ‚vage’ das ‚Vagare’, das Wandern, das Vagabundieren, die Vagabondage und damit auch das Motiv einer unstillbaren Unruhe mitspielen. Wir kennen den Topos etwa im Blick auf Ulysses oder auf den ewigen Wanderer Ashaver.
Sh: Mit Etymologien kann man hübsche Girlanden flechten, aber sie erklären nichts.

Fuchs: Man kann eine Reihe von Erklärungen aufbieten. Zunächst ist ja die Bedingung der Möglichkeit, auf Handeln zurechnen zu können, geknüpft an die unentwegt mitlaufende Unterstellung, daß die Zukunft fundamental unbestimmt sei. Das ist schon im Alltag so, wird aber in auf intervenierende Handlungen ausgelegten Bereichen wie der Erziehung, der Beratung, aber eben auch der Psychotherapie zu einer fungierenden Ontologie. Die Zukunft muß, damit Bestimmung in der Aktualität möglich sein kann, als bestimmbare Unbestimmtheit begriffen werden. By the way: Mit dieser Überlegung öffnet sich die Chance, Zukunft als ein Medium zu errechnen. Es gibt sie nicht, wie es sonst Dinge zu geben scheint. Sie erscheint nicht als sie selbst, sie wird in jeder Aktualität nur als Protention, als Projektion oder, wie manche formulieren: als Antizipation, als Erwartung ausgespielt. Demnach könnte man sagen, daß die Erfindung der Zukunft als bestimmbare Unbestimmtheit ein evolutionär sehr weitreichende Erfindung ist.

Sh: Und was heißt das für Psychotherapie?
Fuchs: Sie ist durch und durch ein zukunftlastiges Feld. Das bedeutet aber notgedrungen auch, daß sie vergangenheitslastig operiert, weil die Projektion möglicher Zukünfte an Projektionen dessen geknüpft ist, was die Vergangenheiten gewesen sind.
Sh: In dieser Abstraktionslage, scheint uns, wäre die Psychotherapie nichts besonderes. Sie würde dieses Schicksal mit jeder Handlungswissenschaft teilen.
Fuchs: Sehen wir einmal davon ab, daß ich den Ausdruck ‚Handlungswissenschaft’ nicht sehr schätze und lieber von so etwas wie Reflexionstheorien oder Reflexionsinstanzen sprechen würde. Ich verstehe aber, daß Sie als kuriose Mixtur von Schutzheiligen genauer wissen wollen, worin die Spezifik der ‚Religion’ besteht, die durch Sie geschützt werden soll. Ich denke, bei unserer Linzer Diskussion wurde sehr klar herausgearbeitet, daß die Vagheit ins Spiel kommt, wenn uncodierte bzw. uncodierbare Probleme, bezogen auf psychische Systeme, bearbeitet werden müssen.

Die Unbestimmtheit der Zukunft, dieses allgemeine Problem, wird in gewisser Weise verschärft durch eine weitere Unbestimmtheit, die nicht mehr medizinisch oder technisch oder chemisch bestimmt werden kann. Dabei müssen wir uns daran erinnern, daß wir im Augenblick über psychische Systeme reden, die keinen Raum einnehmen, die nicht das Gehirn sind oder das neurophysiologische System, sondern Systeme, die Sinn prozessieren, dessen Eigendynamik ja auch schon übersetzt werden kann als unentwegte Streuung von Sinnverweisen …

Sh: Aha … die Psychotherapie versucht also, das Unbestimmbare zu bestimmen?
Fuchs: Nein, sie läßt, wenn ich so sagen darf, das Unbestimmbare, das Nicht-codierte gelten und spannt – jedenfalls wenn es um systemische Therapie geht – einen Schirm von Umcodierungsmöglichkeiten auf, ohne die je unter Leidensdruck mitgeteilten Probleme gleichsam technisch zu lokalisieren. Aus dieser Sicht sind Therapeuten Unschärfe-Aushalte-Meister. Sie sind wie gute Hermeneuten ausgestattet mit ‚délicatesse’, mit Spürsinn und Sinn für feine Unterschiede bzw. Unterscheidungen. Sie bewegen sich (oder müßten sich bewegen) in einer hermeneutischen Spirale, arbeitend mit einer Strategie der Approximation, die den einen, den gültigen Sinn nie erreichen, nie feststellen kann. Die Psychotherapie ist aus dieser Perspektive immer hypothetisch. Aber ich hatte ja schon gesagt, daß gerade dies ein Exzellenzmerkmal ist. Wichtig war mir aus dem gleichen Grund in Linz, daß die etwa durch
Krankenkassen erzwungenen Codierungen die Psychotherapie in ein unwürdiges Spiel treiben. Man hat es, wenn alphanumerische Codes benötigt werden, mit einer reductio ad absurdum zu tun, und sei es nur, weil Sinnsysteme eine unvorstellbare Komplexität aufbauen.

Sh: Uns stimmt das bedenklich. Schließlich fiele, wenn all dies triftig ist, ein erklecklicher Teil dessen weg, was man auch Psychotherapie nennt.
Fuchs: Wohl wahr, dieser Teil fiele jedoch nicht aus der Welt, sondern wäre nur etwas anderes als Psychotherapie, wie ich sie eben skizziert habe, nichts Besseres, nichts Schlimmeres, sondern einfach Therapie, die an codierbaren Problemen ansetzt. Für nicht codierbare Probleme gibt es keine Rezepturen, und wenn doch, dann, wie mir scheint, um den Preis von Simplifikationen. Ich will damit nicht sagen, daß solche Vereinfachungen nicht erfolgreich sein könnten. Oft sind sie es auf stupende Weise, aber nur deswegen, weil die Komplexität von Sinnsystemen pragmatisch reduziert wird.

Sh: Aber wenn´s doch nützt …?
Fuchs: Ich kann mich, da ich der Szene nicht angehöre, nicht wie von innen dazu äußern. Die Frage ist gleichwohl: Sind die Vertreter von eher kausalistischen Therapien nicht gerade dadurch gekennzeichnet, daß sie den Anteil des Uncodierbaren wegfräsen durch Manipulation an Symptomen? – Die Diskussion in Linz hat auf mich den Eindruck gemacht, daß die beteiligten Therapeut/inn/en durchaus etwas anfangen konnten mit der Differenz von codierbar/uncodierbar und den daraus resultierenden Schlüssen für die Profession.

Sh: Wir haben noch durchaus Mühe mit dieser Unterscheidung. Was sind uncodierbare Probleme?
Fuchs: Ich weiß nicht, wie man es in den Himmeln mit Ontologie hält, aber hierzulande hat sie sich als ungeeignet erwiesen, Erkenntnis voranzutreiben. Uncodierbare Probleme – und das sagt ja auch das Wort selbst – können nicht ontologisch definiert werden. Hier lohnt sich wie so oft der Rekurs auf Beobachtung bzw. Beobachter, die mit jener Unterscheidung arbeiten und jeweils deren eine oder andere Seite bezeichnen – historisch konditioniert, wie man unbedingt hinzufügen muß – zum Zwecke weiterer Informationsverarbeitung auf der Basis ebendieser Unterscheidung.

Sh: Soweit wir wissen, spricht man in der Praxis der Psychotherapie selten von
codierbar/uncodierbar.
Fuchs: Das Darüber-Sprechen ist nicht so entscheidend, sondern der operative Einsatz, der die verschiedensten Formen annehmen kann. Es geht im Grunde um Sortierprozesse. Prominent ist etwa die Unterscheidung manifest/latent oder hier bewußt/unbewußt. Von Freud gewaltig inszeniert, durchsetzt sie mittlerweile nahezu unausweichlich den Alltag. Jeder Beobachter läßt sich beobachten als jemand, der keinen Zugriff auf seine eigene Vollständigkeit hat. Die Psyche ist zum System geworden, das nur einen
minimalen Zugang hat (wenn überhaupt) zu den latenten Strukturen und Prozessen, durch die sie formatiert ist.

Sh: He … Wissen Sie, was Sie da sagen? Wir können keinesfalls damit einverstanden sein.
Fuchs: Klar … Die Mächte, die Sie gerade vertreten, sind konzeptionell an die Idee einer Selbstübersicht gebunden. Sie benötigen Freiheit, Schuld, Sünde, die auf jemanden zurechenbar ist … Aber lassen wir die Religion aus dem Spiel. Die These hier ist, daß die Bedingung der Möglichkeit von Psychotherapie, wenn wir erneut kausalistischoperierende Therapien beiseitestellen, in ebendieser Idee der mangelnden Selbstübersicht liegt: Das manifeste Verhalten ist nicht das Komplettphänomen. Es ist, sonst könnte man gar nicht von ‚manifest’ sprechen, an eine oder gar mehrere ‚Hinterwelten’ gekoppelt, die gerade nicht als sie selbst erscheinen, sondern nur erschlossen werden können. Es ist dieses Schließen, Errechnen, dieses Deuten, das die Operation der Psychotherapie bestimmt. Sie liest, wenn man so sagen darf, die
Äußerungen (Körperverhalten miteingerechnet) der Klienten und Klientinnen gegen den Strich. Aber ‚lesen’, das ist schon: beobachten. Jeder Text ist seine Beobachtung. Das heißt auch, es gibt kein richtiges, kein falsches Lesen. Der Text ist nicht so ein Ding.

Sh. Und die Bibel?
Fuchs: Heilige Bücher sind Texte, deren Interpretation zwanghaft eindeutig sein soll, oder auch Texte, deren Uneindeutigkeit so geschützt werden muß, als gäbe es im Medium des Sinns Eindeutigkeiten. Aber kommen Sie doch bitte vom Gaul der Religion herunter. Das Argument war ja nur: Sich ernsthaft zu befassen mit psychischen Sinnsystemen und ihrer Therapie, bedeutet: unabschließbare Interpretation, die nicht das Ziel der einen gültigen Interpretation verfolgt, sondern eher das Ziel von Umcodierungen bzw. Recodierungen, die die Viabilität von, sagen wir, Lebensführungen betreffen.

Sh: Moment … Umcodierungen, Recodierungen … widerspricht das nicht dem Prinzip uncodierbarer Probleme?
Fuchs: Gut gebrüllt, Schutzheiliger! Aber ich habe Umcodierung und Recodierung mit Bedacht in den Plural versetzt. Es geht also auch um ein Alternativenset, um eine Angebotspalette und nicht um Substitutionen des Uncodierbaren durch Codierungen.
Sh: Also das hört sich schon sehr ontologisch an: Da gibt es das uncodierbare Problem, hier seine alternativen Deutungen …

Fuchs: Mir scheint, Sie kommen Ihren Rezeptionspflichten nicht sehr gründlich nach. Ich rede nicht von Problemen, die es gibt, sondern von Problemen, die unter Leidensdruck mitgeteilt werden. Die Aufgabe ist dann (und das weiß man in der Psychotherapie, wenn und insoweit sie systemisch ist), das Problem zu konstruieren, als dessen Lösung das kommunizierte Problem gedeutet werden kann in einem Tableau von anders möglichen Lösungen. Diese Methode – sie heißt in der Systemtheorie Äquivalenzfunktionalismus’ – ist de-ontologisierend. Sie ermöglicht die Inszenierbarkeit von Deutungen und deren Vergleich. Sie schlägt kein wirklich wirkliches Problem tot oder kehrt es unter den Teppich. Sie produziert Lesarten, wie man in Anlehnung an Hermeneutik sagen kann, in Kenntnis des Umstandes, daß es das eine wirklich wirkliche Problem nicht gibt.

Sh: Verstehen wir das richtig: Es gibt für die Psychotherapie keinen durch Wahrheit gedeckten Problemzugriff?
Fuchs: So kann man es sehen. Psychotherapie ist nicht so etwas wie Wissenschaft, deren Leitunterscheidung wahr/unwahr ist. Sie reichert sich an mit Referenzen auf Wissenschaftlichkeit, aber ist: Therapie, eine ‚Kunstlehre’, wenn man so will.
Sh: Aber was ist der Gegenstand der Therapie?
Fuchs: Ich drücke das jetzt merkwürdig aus. Es geht um psychische Betroffenheitslagen, die Leidensdruck auslösen, der nicht mit den Bordmitteln des psychischen Systems aufgelöst werden kann, weil es nicht in der Lage ist, den ‚Quellpunkt’ seines Leidens zu beobachten. Ebendieser Nichtbeobachtbarkeit wird durch die Unterscheidungen codierbar/uncodierbar bzw. manifest/latent in der Psychotherapie Tribut gezollt. Ganz entscheidend ist, daß auch sie nicht an den Quellpunkt oder Ursprung herankommt.
Sie hat nichts zur Verfügung als Mitteilungen über solche Betroffenheitslagen. Es gibt keinen Direktverbindung zwischen Therapeuten und Klienten.

Sh: Aber doch wohl Verstehensmöglichkeiten im Medium SINN oder – enger gefaßt – im Medium SPRACHE?
Fuchs: Ja und nein … Ja, weil ohne diese Medien weder sozial noch psychisch so etwas wie Verstehen zustandekommen könnte; nein, weil diese Medien nur nichtprivat funktionieren. Der Gedankengang ist eher der: Wenn man das psychische System als Organisation von Wahrnehmung auffaßt, dann ist es im Fall von Menschen supercodiert durch SINN und SPRACHE. Scharf ausgedrückt: Die Psyche ist die soziale Interpretation von Hirnereignissen. Das bedeutet auch, daß – sobald Sinn durch Sozialisation verfügbar wird – die Welt psychischer Systeme sinnförmig wird.
Ich klammere hier Sonderfälle aus wie behinderungs- oder krankheitsbedingten Nichterwerb oder Verlust von Sinngebrauchsmöglichkeiten.
Eine Formulierung von Heidegger variierend, könnte man sagen: Wir wohnen im Haus des Sinns. Und: Es ist ein unverlaßbares Haus. Eine Konsequenz ist, daß wir an die Tiefe Null, wie Spencer-Brown es sagen würde, nicht herankommen. Wir erreichen die Primärprozesse nicht, durch die der uns mögliche Sinn konstelliert wurde. In gewisser Weise verdeckt Sinn die Selektivität seiner Selektivität, weil er in Betrieb ist.

Sh: Wir erinnern uns, daß dies auch das Problem ist, als dessen Lösung Religion begriffen werden kann. Es geht um den Sinn von Sinn.
Fuchs: Ja, und eben nicht um die Beantwortung dieser im Medium Sinn unbeantwortbaren Frage. An die Stelle einer Antwort praktiziert Religion Rituale, also eigentlich: Negationsblockaden. Wer will, kann von diesem Punkt her auch die seltsame Nähe von Psychotherapie und Religion rekonstruieren, die sich sehr schön daran zeigt, daß bei schrecklichen Unfällen Seelsorger und Psychotherapeuten beigezogen werden – zur seelischen Betreuung der Überlebenden.
Sh: Wir entnehmen diesen Überlegungen, daß die Psychotherapie die Probleme, die sie bearbeitet, als Sinnprobleme bearbeitet?
Fuchs: Sie hat keine andere Wahl, weil Sinn ein universales Medium darstellt.
Sh: Aber es gibt doch viele Sinnprobleme!
Fuchs: Sicherlich. Die Spezifik findet sich darin, daß die Psychotherapie Probleme ansteuert, die generiert werden durch die, sagen wir einmal, andere Seite von Sinn, dadurch also, daß die Selektivität der je als leidverschaffend begriffenen Sinnprobleme fundamental vergessen ist. Das psychische System kann die eigene Morphogenese nicht erinnern oder – genauer – nur rekonstruieren: im sozialen Medium der Narration und der zur Verfügung gestellten Narrative.

Sh: Kann man das nicht einfacher formulieren?
Fuchs: Eigentlich nicht. Aber man kann sich das Bild machen, daß bestimmtes Verhalten und Erleben für das psychische System nur als Störung, nur als Krankheit noch Sinn macht. In der Moderne können nicht mehr externe Geister, Dämonen, Teufel als Ursachen verantwortlich gemacht werden. Das wäre sozial kaum oder nur in vatikanischen Sonderkontexten anschlußfähig.

Sh: Vorsicht! There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.
Fuchs: Mag sein, mag nicht sein. Aber gerade dieses Zitat führt uns nicht weiter. Das, was es sagt, kann weder belegt noch widerlegt werden. Es funktioniert als Dichtung, aber kaum als wissenschaftliche Maxime. Ich finde es spannender, daß man – von der Spezifik jener Sinnprobleme ausgehend – deren ‚Entstehung’ an gesellschaftliche Veränderungen knüpfen kann, etwa der, daß psychische Gestimmtheiten wie etwa unerklärliche, lähmende Lebensangst oder Lebenstraurigkeit kommunikabel geworden sind – selbst für Männer. Die Gegenseite der klassischen Vernunft, das irrationale Gefühl, ist nahezu flächendeckend nobilitiert. Die Selbstbeherrschung überzeugt nicht mehr ohne weiteres sozial. Sie läßt, wenn man so will, keinen Spielraum für Authentizität. Sie ist ein Ideal bürgerlich herabgedimmter Lebensführung. Kurz, das Leiden an sich selbst wird mitteilbar. Aber das ist nur ein Beispiel …

Sh: Das hört sich alles so locker an. In der Linzer Diskussion haben Sie von existentiellen Problem gesprochen.
Fuchs: Ja, von der existentiellen Dimension der Probleme, auf die sich Psychotherapie bezieht.
Sh: Aber was soll man sich unter dieser Dimension vorstellen?
Fuchs: Man kann sie rekonstruieren, wenn man, wie ich es tue, davon ausgeht, daß psychische Systeme als Sinnsysteme beobachtet werden können. Sie sind auf ‚Sinnfindung’ im genauesten Verständnis angewiesen. Im Unterschied zu sozialen Sinnsystemen, die durch Sinn nicht betreffbar sind, weil sie weder wahrnehmen noch fühlen, sind psychische Systeme via Wahrnehmung sinn-erlebende Systeme. Für sie gibt es Sinnbrüche, Sinn-Aberrationen, Un- oder Wahnsinn.
Wird die Reproduktion sinnförmiger Operationen gestört, wodurch auch immer, ist die Psyche existentiell betroffen, vor allem, wenn sie miterlebt, daß ihre soziale Adresse bzw. ihre soziale Anschlußfähigkeit aus dem Ruder läuft. Dieses Problem verschärft sich in der Moderne einfach dadurch, daß das Subjekt der letzten Sätze (die Psyche, sie, etc.) nicht mehr für eine Einheit einsteht. In Linz habe ich gesagt, daß das psychische System im Zuge funktionaler Differenzierung der Gesellschaft polykontextural und heterarch wird. Das sind komplizierte Ausdrücke dafür, daß seine Identität, sein SELBST-Stand, seine SELBSTverfügbarkeit dubios geworden sind. Man findet nicht die ‚Stelle’, von der aus psychische Systeme sich selbst vollständig überblicken. Das ist einer der Ausgangspunkte dafür, daß spätestens seit der Romantik so etwas wie ein ICH oder SELBST als Fragment unter Fragmenten begriffen werden kann. Und Sigmund Freud liefert die Begriffe, die das ICH entmächtigen … Es wird eingekeilt zwischen ES und Über-Ich. Man muß diese These nicht teilen, aber man kann sie als Symptom lesen für eine geniale Problemwitterung.

Sh: Wir können diese Auffassung nicht teilen.
Fuchs: Logisch, aber eine theologische Lösung des Problems gibt es ja, die Erfindung der SEELE. Aber das sollten wir jetzt nicht diskutieren. Psychotherapie jedenfalls läßt sich deuten als soziale Reaktion auf die Kommunikation von Sinnproblemen, in denen es auch um jenen Einheitsverlust geht.

Sh. Sozial?
Fuchs: Natürlich … wie sonst? Psychische Systeme sind füreinander undurchdringlich. Sie können keine Gedanken austauschen. Sie können nicht einmal kommunizieren.
Sh. Aber reden … Sie können reden.
Fuchs: Schon … aber das Reden ist keine Kommunikation, kein Vorzeigen psychischer Operationen. Kommunikation ist in dieser Theorie die genuin soziale Operation, die als Lösung des Problems gedeutet werden kann, wie intransparente Systeme befähigt werden, ihr Verhalten abzustimmen. Das heißt unter anderem, daß Psychotherapie alles andere als psychische Intervention psychischer Systeme ist, sondern unvermeidbar: spezifische Kommunikation. Der Kontakt der Therapeutin mit dem Klienten begründet ein eigentümliches Sozialsystem, nicht ein System überlappender, psychischer Operationen. Vielleicht ändert sich das, wenn man neuronale Systeme eines Tages miteinander verstöpseln kann. Dann erst könnte ein Therapeut fühlen, was die Klientin fühlt. Allerdings wäre ich ganz unsicher, ob in einer solchen
Verstöpselung oder Verdrahtung nicht ein anderes psychisches System entstünde.

Heute gilt aber, daß Psychotherapie nur als Kommunikation möglich ist. Tatsächlich ist dies einer der Punkte, die mich immer skeptisch stimmen, wenn ich etwa sehe, daß die mögliche Komplexität der Kommunikationstheorie auf eine Art Watzlawickscher Faßbarkeit getrimmt wird.

Sh: Aber Psychotherapie befaßt sich, wie schon der Name sagt, mit Psyche. Die Berücksichtigung sozialer Faktoren ist dennoch im Spiel, aber eben in Hinsicht darauf, was sie mit der Psyche machen.

Fuchs: Das ist aus meiner Perspektive zu einfach. Ich erinnere daran, daß Sinn nichts ist, was im Zuge einer Geburt mitgeboren würde. Deswegen hat man ja auch von einer zweiten, soziokulturellen Geburt gesprochen. Mir würde die einfache Vorstellung genügen, daß die ‚raw feelings’ oder die ‚raw perceptions’ eines Neugeborenen im Lauf der Zeit mit Sinngebrauchsmöglichkeiten ausgestattet werden, eben durch die soziale Interpretation von Hirnereignissen, als die sich Sozialisation begreifen läßt. Ich kann in der begrenzten Zeit meiner ‚Innungen’ nicht den komplexen Theorieapparat miterläutern, der diese These unterfüttert. Da spielen Ausdrücke wie strukturelle Kopplung oder Interpenetration und neuerdings ‚Sinn-Somatisierung’ eine wichtige Rolle. Entscheidend ist, daß man vor diesem Hintergrund das psychische System nicht als eine Art ‚Eigending’ auffassen kann. Es ist im Blick auf die fundamentale Operation des Wahrnehmens zwar ein Solitär, aber im Blick auf das, was und wie wahrgenommen oder gar unterschieden wird, sozial supercodiert. Die Zunftbezeichnung ‚Psychotherapie’ verdeckt den Umstand, daß die Arbeit der Therapie Arbeit an oder in der Differenz psychischer und sozialer Systeme ist.

Insofern kann man ein differenz- und beobachtungstheoretisches updating der Psychotherapie wünschen. Sie wird sich (und tut es ja auch mitunter) mit einer Allgemeinen Theorie der Sinnsysteme arrangieren müssen. Anders ausgedrückt: Sie müßte das Oszillieren in einer Differenz lernen und aufhören, die eine Seite der Differenz (Psyche) zu hypostasieren.

Sh: Verschwindet dann die Vagheit des Psychotherapeutischen?
Fuchs: Nein, sie findet nur eine weitere Erklärung. Es ist, denke ich, schon sprachlich unmöglich, die Einheit der Differenz des Psychischen und des Sozialen zu formulieren. Das System ist die Einheit einer Differenz (System/Umwelt), nicht die eines Gegenstandes. Wenn ich es einmal so formulieren darf: Die Psychotherapie arbeitet weder mit Subjekten noch mit Objekten, sondern mit Unjekten, die sich einfach nicht auf eine Cartesische Dualität zurückführen lassen, also auch nicht auf eine Art klassischer ‚Claritas’. In einer Art Paraphrase eines berühmten Gedichtes von Gertrude Stein könnte man sagen: ‚Die Psyche ist die Psyche ist nicht die Psyche istdie Psyche ist nicht die Psyche …’

Sh: Wir wissen nicht, ob wir damit zufrieden sein können …
Fuchs: Eure Zufriedenheit interessiert mich nicht weiter, obwohl ich denke, daß die Diskussion in Linz die exzellente Komplexität des psychotherapeutischen Projektes scharf stellt. Um mehr ging es schließlich nicht … Von mir aus könnt Ihr Euch jetzt hinwegheben

Fuchs – Psychotherapie PDF: http://www.fen.ch/



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