Peter Fuchs
Der Sinn der Beobachtung
Velbrück Wissenschaft 2004

 



3.5.9.5. Das Problem siedelt an der Stelle, wo in der Theorie die Geschlossenheit autopoietischer Systeme postuliert wird. Nimmt man neuronale Verschränkungen als vorläufig nicht testbare Gedankenspielereien hin, dann bleibt die Schwierigkeit, daß das geschlossene System des Bewußtseins unentwegt Formen kon

3.5.9.6. Das heißt unter anderem, daß die individuelle Siguatur eines Bewußtseins nur in der Weise einer Erzählung dargestellt werden kann. Es geht dann um eine Geschichte, die nur diesem Menschen zugestoßen ist.

3.5.9.6.1. Man kann annehmen, daß diese Möglichkeit der Bekundung von Individualität eine neuzeitliche Chance (oder Crux) darstellt.

3.5.9.7. Aber jede Geschichte dieser Art kann nur in terms der Allgemeinheit erzählt werden.

3.5.9.8. Der Gedanke liegt nahe, daß auch die Weise, wie diese Muster zustandekommen, nicht vom System selbst erwirtschaftet wird. Wie sich Sinn verzweigt, disseminiert, wie er sich zusammenschiebt, auch dies kann durch eine Determination erzeugt werden, die sozial schon vorliegt als Muster von möglichem Sinngebrauch. Es geht also nicht nur um Fremdreferenz, um Themen, die bereitlägen, sondern auch um die Formen, in denen Sinn sich zuschneiden lässt.

3.5.9.9. Die Sprache zum Beispiel ist eine solche Form. Aber etwa auch eine Beerdigung, ein Kaffeekränzchen, romantische Liebe etc. Kurz: Alles, was wir unter Schemata verstehen, die Kommunikation und Bewußtsein dirigieren, ohne explizit sein zu müssen.

3.6. Nun klingt es aber doch sehr fremdartig, wenn man sagt, daß das Bewußtsein eine Kon-Stellation sei, ein Muster, eine Kräuselung, eine Besetzung durch Nicht-Eigenes. Alten Denkgewohnheiten folgend, suchen wir ja denjenigen, der kon-stelliert, mustert, kräuselt, besetzt. Mag sein, daß das System nicht idiosynkratisch bewußt sein kann, aber es muß (als ein Operateur) dies tun: "bewußten". Es (als ein Operateur) t vollzieht die Operation der Beubachtung. Es ist, so sagt man, der Beobachter. Wir stellen uns typisch nicht vor, daß Bezeichnungen und Unterscheidungen sich sozusagen selbst verketten, sondern wir rechnen durch auf einen Verketter, auf einen Täter, auf einen Prozessor.

3.6.I. Die geläufige Vorstellung ist: Es kann nicht sein, daß es denkt oder daß es kommuniziert - wie es regnet.

3.6.2. Das Problem ergibt sich, ich erinnere daran, daraus, daß wir das System als Einheit von System und Umwelt definieren. Einer Differenz (die kein Objekt ist und kein Subjekt) kann eigentlich nicht zugeschrieben werden, daß sie ein Autor von Taten ist. Wenn wir formulieren, daß das Bewußtsein ein System sei, bringen wir es in den Status einer Differenz, es wäre gerade nicht sui-suffizient und autonom, kein Eigen-Bezirk, keine geschlossene Region, sondern die Reproduktion einer oder gar mehrerer Differenzen. Es wäre in gewissem Sinne die Wiederholung eines oder mehrerer Unterschiede.

3.6.3. Dasselbe würde gelten für Sozialsysteme. Sie wären Reproduktionen von Differenzen. Es fehlt nicht viel, und man könnte sagen: nichts weiter. Wiederholung würde dann nicht identische Reproduktion meinen, sondern die (gerade nicht identische) Kopie der Differenz in der Zeit.

3.6.3.I. Dabei kommt es keineswegs darauf an, daß diese Reproduktionen in räumlicher oder zeitlicher Nachbarschaft liegen. In anderen Worten: Der Anschluß entscheidet über das, was unmittelbar zu ihm liegt, gleich, ob für einen zeitinteressierten Beobachter Jahrtausende oder Sekunden dazwischenliegen, Tausende von Meilen oder ein Zoll.

3.6.3.2. Das, was wir die elementaren Einheiten autopoietischer Systeme nennen, muß keineswegs in irgendeiner Beziehung der Kontiguität stehen. Es geht nicht um Nachbarschaften, die räumlich, zeitlich nahebei installiert sind, sondern um die Erzeugung virtueller Nähen, wie groß die Raum- und Zeitintervalle auch sein mögen.


Peter Fuchs

Systemtheorie





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