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Das Bewußtsein
Eine Nicht-Dinglichkeit
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In diesem Sinne wollen wir davon ausgehen, daß das Bewußtsein ein nennendes System sei, das dem Medium der Wahrnehmung seinen (eigentümlichen) Zeichengebrauch einschreibt. Das Bewußtsein arbeitet, so die These, nur auf der Basis der autopoietischen Konkatenation von Zeichen und Zeichenarrangements.13 Es ist cognitio symbolica.
Die Zeichenhaftigkeit des Bewußtseins
Die Form des Zeichens ist die Einheit der Unterscheidung von Bezeichnendem (signifiant) und Bezeichnetem (signifié).16 Ein System, das auf Zeichenbasis operiert, gewinnt dadurch eminente Freiheitsgrade, insofern das Zeichen als diese Einheit keinerlei Weltkontakt unterhält oder benötigt, wiewohl es gesagt, gehört, gelesen, geschrieben oder sonstwie verfaßt Moment der Weltkonstitution von Sinnsystemen ist.
Zeichenbenutzende Sinnsysteme haben, wenn man so will, keine Außenkontakte über die Signifikate ihrer Signifikanten. Sie sind nicht über das Bezeichnete ›verklebt‹ mit etwas außerhalb ihrer selbst.
Zeichengebrauch läßt gleichsam die Kirche im Dorf, und dennoch ist es mit ihm möglich, die Innen/Außen-Differenz des Systems im System zu betreiben, insofern Zeichen (ohne sich sozusagen zu verlassen) Selbstreferenz und Fremdreferenz kombinieren, eine Form unter den Formen, die für Sinnsysteme unverzichtbar sind.19 Mithilfe der Zeichen nehmen solche Systeme die Außenseite ihrer Innenseite innen mit.
Wie für alle Medien gilt auch für das der Zeichen, daß die Formen, die es ausmachen, nicht Ein-für-allemal-Formen sind, keineswegs ein ›Granulat‹ von in sich sinn-fixierten Elementen darstellen. Die Form des Zeichens kann nicht nur als Einheit einer Differenz begriffen werden, die einen je festen Wert hat. Bezieht man sich auf Sprache (als zentral zeichenbasiertes Medium), hat Ferdinand de Saussure die Losung ausgegeben: »Dans la langue il n’y a que des differences«21.
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Das Bewußtsein - eine Zettelbewirtschaftungsmaschine
Kein Zeichen funktioniert privat24. Oder: Zeichen sind ein nicht-privates Medium. Es kann keine Zeichen geben, die eine singularistische
Funktion bedienen, und wenn doch, so könnte man von diesen Zeichen nichts wissen ohne daß nichtsingularistischer Zeichengebrauch im Spiel wäre. Wenn das Bewußtsein ein zeichenprozessierendes System ist, dann ist
Allgemeinheit.26 Es ist gerade nicht: individuell, sondern bezieht, worauf es sich einläßt, nicht von sich, sondern aus den an Zeichen gebundenen Sinnstreuungsmöglichkeiten sozialer Systeme. Und genau das wollen wir hier bitter ernstnehmen. Im Bruch einer langen Tradition, die dann die Tradition einer (systemisch notwendigen) méconnaissance wäre (ein Bruch, der sich in den Freudschen Theoremen von der Urphantasie oder vom Ödipus andeutet), fassen wir das Bewußtsein als genuin sozial auf.
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Sozialisation (oder Vergesellschaftung) ist unter diesen Voraussetzungen das zettel(zeichen)förmige Erlernen von Lärmausnutzungmöglichkeiten32. Wenn man davon ausgeht, daß solche Möglichkeiten erlernt werden müssen (und nicht angeboren sind, so daß jeder, der nicht mit ihnen konfrontiert wird, in einem genauen Sinne ›verloren‹ ist), dann ist das Bewußtsein ein Sozialisationseffekt.
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...Verlust des Subjektes als demjenigen, was den Weltprozessen und der Beobachtung zugrunde liegt, die Idee mithin, es gebe ein Fundierendes (immanent oder transzendental), eine arché, einen die Welt erzeugenden Ursprung, der in gewisser Weise psychisch vorzustellen ist. An diese Stelle tritt das Konzept der konditionierten Koproduktion, das besagt, daß Bewußtsein und Sozialität sich ko-fundieren und miteinander ko-evoluieren und deshalb ohne einander nicht möglich wären...
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Sprache: Die Ausgangsthese war, daß das Bewußtsein ein System dezidierter Operativität sei, das im basalen Medium der Wahrnehmung (i. e. psychischer Operationen) und im Medium Sinn, das es mit sozialen Systemen teilt, Zeichen prozessiert ausnahmslos Zeichen. Es ließe sich auch sagen, es sei ein im wesentlichen auf Sprache angewiesenes System.
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Sprache leistet dies auf der Basis der Differenz von Laut und Sinn: »Die Sprache hat mithin eine ganz eigentümliche Form. Als Form mit zwei Seiten besteht sie in der Unterscheidung von Laut und Sinn. Wer diese Unterscheidung nicht handhaben kann, kann nicht sprechen. Dabei besteht, wie immer bei Formen in unserem Verständnis, ein kondensierter Verweisungszusammenhang der beiden Seiten, so daß der Laut nicht der Sinn ist, aber gleichwohl mit diesem Nichtsein bestimmt, über welchen Sinn jeweils gesprochen wird; so wie umgekehrt der Sinn nicht der Laut ist, aber bestimmt, welcher Laut jeweils zu wählen ist, wenn über genau diesen Sinn gesprochen werden soll. Sprache ist, hegelisch gesprochen, durch eine Unterscheidung-in-sich bestimmt und, wie wir sagen können, durch die Spezifik genau dieser Unterscheidung ausdifferenziert«35.
Entscheidend ist, daß damit dies gelingt die Schlüsseldifferenz Laut/Sinn unterspezifiziert sein muß.36 Ein Laut darf nicht gleichsam unwandelbar diesen oder jenen Sinn bedeuten, so wie umgekehrt kein Sinn an einen besonderen Laut geknüpft sein kann, sonst würde sich die Laut/Sinn-Differenz nicht als Medium für Sprache eignen. Kommunikationstauglich (und damit bewußtseinstauglich) wird Sprache erst, wenn die Differenz Laut/Sinn ›supercodiert‹ wird mit der Differenz zwischen Wort und Satz. Es ist diese Differenz, durch die sich wiederholende Lautgebilde (Wörter) in vorübergehende Lagen einpassen und damit an vorübergehende Lagen anpassen lassen. Die je aktuelle Sinnkonstellation wird nicht quasi festgebacken, sondern zu weiterer Kombinatorik in anderen situativen Arrangements freigegeben. Die ›Supercodierung‹ von Laut/Sinn durch Wort/Satz ermöglicht nicht nur, daß Sprache wechselnden Sinnlagen angepaßt werden kann und damit eine Sprach-Eigenzeit entsteht, durch die sich Sprachereignisse von anderen Ereignissen (und wiederum: sprachlich) unterscheiden lassen. Sie erzeugt zugleich die Chance, etwas zu sagen (schreiben, lesen, hören ...) über das, was nicht mehr oder noch nicht ist oder in gewissem Sinne (wie stupshackige Seidenschnurschafe) überhaupt nicht ist, und (noch raffinierter): Sie reproduziert die weitere Chance, etwas zu sagen, was noch nie gesagt worden ist: »… beau comme la rencontre fortuite
d’un parapluie et d’une machine à coudre sur une table d’opération«
(Isidore Ducasse, Comte de Lautréamont).
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Die semiotische und die reale Realität
Sprache beruht auf der Wiederverwendung von Lautarrangements, die durch die Wiedererkennbarkeit von Wörtern garantiert wird. Sie verfügt damit über Identitäten (Sinnkondensate), die in immer neuen Sinnkontexten variierenden Sinn aufbauen und damit generalisierend fungieren.39 Nur so können Sozialsysteme ein ›Eigenverhalten‹ ausdifferenzieren, also identifizierend und generalisierend die Resultate ihrer Operationen weiterverwenden und rekursiv mit derselben Technik behandeln.
Auf der Basis dieser Technik wird dann auch das psychische System, das mit einer immer schon sprachförmig geordneten Welt konfrontiert wird, dazu gebracht, seine Wahrnehmungen in Abhängigkeit von dem, was Sprache ermöglicht und verhindert, zu arrangieren, mithin das zu entwickeln, was wir weiter oben Bewußtsein genannt haben. Oder anders: Der Haupteinschleuser sozialen Sinns ist für die Wahrnehmung das Bewußtsein und für das Bewußtsein die Sprache, die sozialen Sinn kondensations- und konfirmationsfähig appräsentiert.
Dies alles gelingt nur, wenn die Zeichen (die Wörter) gegen die Gefahr gefeit sind, mit den Dingen, die sie bezeichnen, verwechselt zu werden. Sprachgebrauch setzt voraus, daß niemand auf die (magische) Idee kommt, das Bezeichnete für ›etwas da draußen‹ zu halten, wenn er sprachförmige Bezeichnungsleistungen vollzieht. Insofern Sprache gerade nicht das Korrelat einer durch sie fixierten ›Sachwelt‹ ist, ermöglicht sie die ausschlaggebende Differenz von realer Realität und semiotischer Realität. Erst von dieser Differenz aus kann ›Realität‹ bezeichnet werden, und zwar nicht als etwas, das wirklich wirklich ist und die Welt letztendlich als reale Welt definiert, sondern als dasjenige, wovon sich die semiotische Realität unterscheidet.
Peter Fuchs
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