Peter Fuchs
Die Metapher des Systems

Studien zu der allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse
Velbrück Wissenschaft 2001

FuchsMdS138-OperationKommunikation

4.2.1 Die Operation der Gesellschaft
und die
Abwehr eines Taten tuenden Täters
Das Abräumen der am Raummetapher (oder wenigstens die Verunsicherung derer, die sie so selbstverständlich handhaben) führt in die Frage nach der Zeitlichkeit der Operation, die Gesellschaft konstituiert. Diese Operation ist in der Systemtheorie Bielefelder Provenienz Kommunikation. Sie wird im Singular begriffen als Synthese dreier Selektionen, von Information, Mitteilung und Verstehen, im Kollektivsingular als Katenation formgleicher Elemente (utterances), in denen diese Selektionen unterschieden und zugleich aufeinander bezogen werden.

Man kann sofort sehen, dass in dem Moment, in dem von formgleichen Elementen die Rede ist,
die Form selbst nichts zu tun haben kann mit dem Sinn, der jede Kommunikation ausfüllt und der niemals derselbe sein kann, weil er immer an anderen Zweigstellen appräsentiert wird und schon deswegen im Spiel der Differenzen mitspielt, das unauffindbar historisch ist.

Die Operation ist deutlich nicht das, was in der Kommunikation unterschieden, gesagt und geschrieben wird. Sie ist nicht ihr Sinninhalt, wiewohl sie ohne Inhalte, die aufeinander reagieren, nicht vorkäme. Sie ist vielmehr eine spezifische, über Zeit laufende
Bewegung in einem Differenzentriplet, dass allen möglichen sozialen Sinn inszeniert, ohne an irgendeiner Stelle Teile der jeweiligen Inszenierung, Moment eines besonderen Sinns zu sein.

Was wir mithin für die Gesellschaft gesagt haben (sie sei eine Perspektive des Abzugs jeglichen Sinns), gilt selbstverständlich für ihre elementare Einheit, die eine selbst nicht sinnhaltige Form realisiert, ohne deshalb jemals sinnfrei beobachtbar zu sein, womit denn auch die Bifurkationsstelle bezeichnet ist, an der sich entscheidet, ob man Sinnanalyse betreiben will (eine Hermeneutik sozial appräsentierten Sinns) oder eine Art tiefen Analyse der Sinnverteilungsmaschinerie. (Damit ist keinerlei Wertung verbunden. Wir sagen nur, dass wir uns dort aufhalten, wo sich zum Beispiel Nietzsches Haupttätigkeit, Freuds Unbewusstsein oder das Foucaultsche Archiv befinden).

Optiert man für die Tiefenanalyse (und das kann in meiner Argumentation nur heißen: für Gesellschafttheorie), entscheidet man sich jedenfalls dafür, dass Kommunikation keine vorgegebenen Sinnräume besetzt. Sie ist nicht Moment oder Teil eines ganzen Objektes, das in seine Umwelt eingelagert ist. Sie ist der höchst schwierige
Prozess einer Sinndissemination, die unter keinen Umständen cartesisch begriffen werden kann, wohingegen die Hermeneutik so gestreuten Sinns (etwa die Analyse einer gesellschaftlichen Semantik) durchaus und schadensfrei im cartesischen Duktus verbleiben kann. Sie arbeitet, wenn man so sagen darf, mit einem eingebauten Informationsverlust, nämlich post festum, ohne sich allerdings selbst gegen die Folgen dieses Verlustes abschirmen zu können. Das belegt nachdrücklich Derridas Dekonstruktion.

Der Mechanismus sozialer Sinnverteilung ist dagegen monströs: Niemand bedient ihn, er ist selbst kein Täter403. Er fängt nichts an, hört nichts auf, er vollzieht unvollendet nichts. Alle Zurechnung auf einen Operateur hinter dem operieren kommen zu spät, wiewohl sie selbstverständlich den Systembegriff in seiner geläufigen Verständnisweise organisieren.

Fussnote 403:… dass die Theorie keine Tatsachen benötigt. Interessant ist (und damit verlassen wir die Perspektive von Leibniz), dass die Kombination der Universal-Bibliothek wie die Ableitungen möglicher und notwendiger Welten aus der mathesis universalis an soziale Zeichensätze geknüpft sind. Die Jahresweltgeschichten sind geschriebene Geschichten. Sie wären mittelbare Informationen (utternces), und schon deshalb stießen sie nicht (wie sehr der Zeichensatz auch durcheinandergeschüttelt würde) an irgendeine private Geschichte. Jeder Sinn, der den Kombinationen des Alphabets abgewonnen würde, wäre schon nolens volens sozialer Sinn - und zwar in einer absoluten Weise. Dieser Sinn berührt keine Wahrheit, keinen Tatbestand, keine Tatsache jenseits der
Zirkulation von Sinn-in-sich-selbst. Oder anders ausgedrückt: wer registriert, dass sich dies so verhält, registriert die Konstruktivität aller möglichen, notwendigen, wirklichen Welten mit. Oder noch anders: die Beobachtungen dieses Verhältnisses koppelt von jeder Spezifik, in jeder lokalen Faktizität ab. Sie arbeiteten nur noch mit der Form selbst, und eben diesen Blick auf die Form hatten wir als die Perspektive der Gesellschaft gekennzeichnet.)

So lässt sich jetzt die von uns oben gestellte Frage nach der seltsamen Verschiebung von der Unterscheid-ung zu dem Unterscheid-er dahingehend auflösen, dass hinter der Verschiebung cartesische Hypostasierungen stecken. Ihre Rücknahme erfordert eine Technik des Umgangs mit monströsen Unterscheidungen. Und: die Einsicht, dass die Operation sinnbasierter Systeme nicht beobachtbar ist, also auch nicht, wie Luhmann es betont hat und wie wir es jetzt eigenwillig interpretieren, Kommunikation.

Man kann Äußerungen (utterances) hören, lesen, verfertigen, aber eben nicht jenes Auf- und Verschieben des Sinns (diese Sinn-Verlegung), das immer nur als Resultat im Nachtrag erscheint, dem weitere Resultate folgen, beobachten.

Die Operation (ist) die in der Zeitfolge (durch Zeit bewirkte oder auch Zeit bewirkende) Einschnürung je möglichen Sinns einer Äußerung auf den je aktuellen Sinn, für den gilt, dass er nur als Nachtrag, als weitere Einschnürung aktuell sein kann.

Der Anschluss (ist) die Operation, aber im durchkreuzten Verständnis. Dabei geht es nicht um einen durch ein Subjekt verfertigtem Anschluss, obwohl jemand spricht oder schreibt (oder ihm eine Äußerung dieser Art zugerechnet wird).
Es ist die nächste (oder beliebig zukünftige) Äußerung, die über die Gegenwart eines vergangenen Sinnangebotes entscheidet.

In einer etwas gewagten, aber deswegen nicht unbedachten Formulierung könnte man davon sprechen, dass der Effekt jener immer zum revidierten Sinneinschnürung (und wir dürfen sagen: dieser différance) gleichsam „springt“ zum bewussten Beobachter, der eine ebenfalls sinnentnehmende und Sinn prozessierende Instanz ist und mit diesem quasi „herangesprungenen“ Sinn konfrontiert wird.

Der Sprung springt dabei nicht über ein Zwischen, über eine Distanz, nicht von danach dort. Er hat seine Metapher im Quantensprung. Und das heisst, dass es nicht um Sinntransport (und transportierte Identitäten) und um Überbrückungen geht, nicht um die Konstruktion eines "Inter".

Der bewusste Beobachter profitiert davon (parasitiert daran), dass alle utterances, insofern sie aufeinander folgen, nolens volens selektiv arbeiten. Er sieht Sinn und Sinnstrukturen, wo die Operation, die er als Äußerung beobachtet, die aber nichts ist als der Aufschub und der Nachtrag, nichts sieht, nichts hört, nichts fühlt.

Sie ist nichts als eine Passage, die zweifelsfrei ohne Sinn ist, der in gewisser Weise zum Beobachter gesprungen ist, ohne vor dem Sprung irgendwo gewesen zu sein, Sinn, der beim Beobachter zu entstehen scheint, obgleich er nicht bei ihm allein entstanden ist.

(Der Umgang mit nicht-cartesischen Verhältnissen erzwingt (ähnlich wie in der Mystik) paradoxe Formulierungen. Aber jeder, der sieht, wie Physiker (und diejenigen, die ihre Forschungserkenntnisse verständlich referieren wollen) über ihre Forschungen reden, wenn sie nicht Mathematik zur Hilfe nehmen können, weiß, dass Paradoxien semantisch unvermeidbar, gleichwohl aber sozial akzeptabel sind. Eine transdisziplinäre Unternehmung, wie die Systemtheorie hat Probleme mit der sozialen Akzeptanz nicht wegen ihrer Paradoxien, sondern eher,
weil nicht abzusehen ist, wozu dies alles dienen kann… außer zum Grübelvergnügen der schärferen Köpfe der Menschheit. Aber selbst das hat ja soziale Funktion.)

Umgekehrt, das versteht sich, ist die Produktion psychischen Sinns der sozialen Operation nicht zugänglich. Es gibt keine soziale Empfangsstation für Innenzustände des Bewusstseins, sondern nur die Verkettung von Äußerungen, in denen jede psychische (idiosynkratische, singuläre) Sinn getilgt ist, auch und gerade dann, wenn es thematisch um Innenzustände des Bewusstseins geht. Um noch einmal paradox zu formulieren: der getilgte Sinn kommt im sozialen System als sozialer Sinn an, ohne vorher irgendwo gewesen zu sein und ohne dass irgendwann irgend wie eine Tilgung psychischen Sinns tatsächlich stattgefunden hätte.

Dies alles begibt sich in kontinuierlicher Transmission oder, um es gleich mit Spencer Brown zu sagen: als konditionierte Koproduktion. Es ist nichts auf der einen, nichts auf der anderen Seite.

Was wir die Systeme nennen (das Bewusstsein, dass Sozialsystem), sind Aufmerksamkeitsrichtungen oder Ausfaltungen (Kondensationen) von wiederholten Aufmerksamkeiten auf die eine oder andere Seite der Unterscheidung. Das ist nur ein anderer Ausdruck dafür, dass die strategische Referenz auf eine von beiden Seiten (zum Beispiel die strategische Referenz der Psychologie oder die der Soziologie) immer und unausweislich erhebliche Informationsverluste bewirkt und voraussetzt.

Aber eben dies ist die offenbar fundamentale Reduktion von Komplexität durch die Erzeugung oder Projektion von Objekten (Systemen) anstelle des Umgehenmüssens mit Koproduktionen. Die Räume der Systeme (all diese Innen/Aussen- und Einschachtelungsverhältnisse) bilden sich als mehr oder weniger bewusste Preisgabe möglicher Komplexität oder, umgekehrt formuliert, als mehr oder weniger bewusstes Ausblenden nicht-cartesischer Komplexität. In Kauf genommen wird die Hypostasierung der Differenzseiten (System/Umwelt; Innen/Aussen; etc.). Bezahlt wird mit jener spezifischen Blindheit im Blick auf den Schied oder die Barre, durch die die Einheit bezeichnet wird, die ihr System nennen, wie wir aber nur auf der einen Seite der Unterscheidung zur Kenntnis nehmen.

Uns genügt hier aber, den Befund zu fixieren, dass die Operation der Gesellschaft als ein Ab-straktum, als ein Abzugsphänomen begriffen werden kann, dass sich nur sehen lässt, wenn von jeglichem spezifischen Sinn zugleich abgesehen wird. Es ist vollkommen klar, dass diese Überlegungen uns dazu zwingen, neu zu bestimmen, was gemeinhin unter Differenzierung, vor allem aber unter Differenzierungen der Gesellschaft gefasst wird.

4.2.2 Differenzierung –basal
Diese Neu-oder um Bestimmung des Begriffs Differenzierung fällt nicht leicht, schon deswegen nicht, weil sie an einem gesellschaftstheoretischen Hauptpunkt stattfindet, in dem verschiedene Traditionen einmünden, die von soziologischen Klassikern entwickelt bzw. aufgenommen und bis hin zu Niklas Luhmann durch- und ausgearbeitet worden. In solchen Fällen wirken asketische Rückbesinnung auf das, was die Form des Begriffs bezeichnet, befremdlich, etwa so wie die Wiederaufnahme eines längst abgeschlossenen Verfahrens. Aber solcher Revisionen sind unentbehrlich, wenn eine der Voraussetzungen klassischer Differenzierungstheorien bestritten wird, dass es nämlich etwas gebe, worin sich Besonderung vollziehe, ein cartesisches Objekt, in dem es intern zur Repetition von Strukturbildungsprozessen komme, die das Ausgangsobjekt gliedern, bereichern, komplexer gestalten.

In dieser Vorstellung wird vorausgesetzt, dass erstens ein Raum, ein Behältnis, ein System oder irgendetwas dieser Art existiert, indem und mit dessen Mitteln sich weitere interne Räume, Behältnisse, Systeme oder dergleichen ausbilden (eben: ausdifferenzieren), die dann ihrerseits als Hintergrund für weitere, in ihnen gelegene Strukturbildungen dienen etc. Es geht also um iterierende Ein-oder Ausschachtelungsprozesse in einem Quasi-Objekt.

Boe: Raummetapher

Diese Idee impliziert zweitens, dass diese Prozesse nachzeitig zum Quasi-Objekt stattfinden oder, andersherum, dass das Objekt, in dem sich Ausdifferenzierung begibt, vorgängige existiert, schon da ist, wenn interne Differenzierungsprozesse starten. Wir finden, wenn man so sagen will, ein Hauptwesen, das es mit internen Ableitungen seiner selbst zu tun hat, die aber nicht es selbst sind. Die Produktion interner Ableitungen lässt aber das Hauptwesen nicht unberührt, es wird selbst war ändert, es muss von sich Notizen nehmen als von etwas, das sich neu arrangiert hat. Die Variation des Binnenkontextes variiert das Differenzierte (eben das Hauptwesen) mit. In gewisser Weise werden die sich variierenden Teile eines Ganzen (etwa der Gesellschaft) rebellisch und zwingen das Ganze zu es selbst verändernden Neuordnungsprozessen.

Die Einheit des Hauptwesens wird jedenfalls fixiert, und in dieser Einheit vollzieht sich die Produktion von Untereinheiten, die Variation von Strukturmustern, die Bildung neuer Strukturen. Der entscheidende Bezugspunkt ist ausnahmslos „the state of the common culture of a social interaction system” (Talcott Parsons). Differenzierung ist eine “division of a unit or structure in a social system into two or more units or structures”, für die gilt, dass die Einheiten sind, “that differ in their characteristics and functional significance for the system”.

Wir koppeln, versteht sich, von diesen strukturfunktionalen Strategien ab, gehen aber auch nicht in die Frühzeit der Luhmannschen Wende zur funktional-strukturellen Systemtheorie zurück. Denn spätestens seit der Einbeziehung Spencer Browns in systemtheoretischen Überlegungen ist klar (oder könnte klar sein), dass Differenzierung, insofern wir von sozialen Systemen sprechen, die Leistung jeder Operation ist, die sich als Beobachtung beschreiben lässt. Ausdifferenzierung wäre dann ein Ausarbeitungsfall eines geläufigen, sich unentwegt neu begebenden Fortfalls der gleichen Art, nämlich der Beobachtung.

Beobachtung, dass ist in der Luhmannschen Variante des Begriffs das Aufspannen einer Unterscheidung und die schlageinheitliche Bezeichnung der einen oder der anderen Seite eben dieser Unterscheidung.

Wir akzentuieren nur leicht anders und erhalten dann,
dass die Beobachtung das Bezeichnen ist, durch das eine Unterscheidung(-smöglichkeit) aufgezogen wird. Differenzieren, dass es nicht das Zugreifen auf einen Kanon möglicher Unterscheidungen, sondern die durch das Bezeichnen-von-etwas gleichsam illuminierte Differenz, die durch den Kontext der Bezeichnung situierte ist und selbstverständlich den Kontext situiert. Dabei ist entscheidend, dass die illuminierte Differenz (die Epiphanie der Unterscheidung) sozusagen nicht im Dunkeln lauerte, vorher da war, sondern durch die Bezeichnung aktualisiert wird, und wiederum nicht: aus einem Bestand heraus, der ohne die Bezeichnung in irgendeiner Weise eine Existenz hätte.

Wir verändern also auch Spencer Brown (oder besser: interpretieren ihn noch entschiedener), wenn wir sagen, dass jenes berühmte erste Kommando „Draw a distinction!“ Schon zu spät kommt. Es könnte lauten: „Bezeichne etwas, und dann sieh zu, was sich alles damit unterscheidet.“Oder: „Draw! Draw! Draw!“ Oder noch einfacher: „Bezeichne! Bezeichne! Bezeichne! Oder noch viel genauer in einem imperativischen Infinitiv: „Bezeichnen! Bezeichnen! Bezeichnen!“

Boe: vgl. Egidy

Differenzieren setzt also ein laufendes Sprechen, Schreiben, Lesen, Hören voraus, dieses unentwegte Bezeichnen, an dem und in dem das einschlägige Spiel der Differenzen arbeitet, die durch die Bezeichnungen in einem fort inauguriert und, wie man sagen müsste, unentwegt gelöscht werden. Diese Differenzierungsarbeit ist in gewisser Weise stumm. Die Serie der indications supponiert Merkmale des durch die Bezeichnung Getrennten, Unterschiedenen, aber macht sie nicht fortwährend thematisch. Diese Differenzierung erzeugt kontinuierlich Differentes.

Ein Beobachter sieht gleichsam eine sich unentwegt wandelnde (sich faltende und entfaltende) Landschaft. Diese Veränderungen sind der Zeit der Operation des Bezeichnens geschuldet, der monströsen Différance, die keineswegs laut arbeitet oder sich gar in ihrer Arbeit zu erkennen gäbe. Die Sinnzeit selbst, die der différance, etabliert das Differenzielle - für Beobachter, die im selben Zeitmodus operieren.

Aber dies Differenzielle ist zunächst proteushaft, mollusken-ähnlich. Es ist eine Dauertransformation von Sinn in anderen Sinn, eine Art Flackern und Flimmern, durch die ein Problem gestellt ist. Wie kommt Bindung, Struktur, Repetition, Referenz und Referierbarkeit in dieses atemberaubende, blinde Spiel? Oder noch anders gefragt: wie kommt es, dass sich im Zuge des an die Operation geknüpften Differenzierens Ausdifferenzierung ergibt?

4.2.3 Ausdifferenzierung
Wir denken im Moment auf kleinstem Tanzboden. Denn man sagt gewöhnlich, dass sich Operationen des Bewusstseins so gut wie die des Sozialsystems im Medium Sinn vollziehen. Auch hier wird eine zeitliche Vorgängigkeit behauptet, so etwas wie eine Vorhandenheit, in die sich die Spur der Operation ein schreibt, und diese Behauptung (die etwa auch für das Medium Sprache gemacht wird) geschieht, wiewohl Theorien des Typs, der sich hier betreibt, aller Ontologie abgeschworen haben.

Es ist klar, dass alle Metaphern des Einschreibens (Pflügens, Spuren-Hinterlassens) das Material aufrufen, indem die Einschreibung stattfindet. (Diese Metaphern beziehen ihre sinnliche Plausibilität seit jeher aus dem Vorgang des Schreibens selbst...Wäre alles bei oralen Kulturen geblieben, wäre diese ganze Metaphorik nicht verfügbar. In der Luft werden keine Spuren sichtbar.)

Und es ist auch klar, dass die Metapher des Einschreibens in ein fluides Medium wie Sprache genau deshalb kontraindiziert ist, wie sehr sie auch womöglich den Sachverhalt trifft. Es wird eine Metaphorik des Körnigen, Klebbaren, Verdichtungsfähigen benötigt, eine okkulte Ontologie von elementaren Vorgängigkeiten, damit Formen ausprägbar werden.

Es ist aber leicht, deutlich zu machen, dass Medien (Heider-Medien wie Luft, samt, Buchstaben, Kommunikationen, Wahrnehmungen, Sinn etc.) nicht in irgendwelchen Ecken herumlungern und auf ihren Gebrauch warten. Bekanntlich ist es nicht sehr fruchtbar, von einer Sprache jenseits ihres Gebrauchs (ihrer Beobachtung) zu reden, so als existiere sie unbenutzt (unbeobachtet) immer noch. Das Medium Sinn würde insgeheim ontologisiert, wenn man sich Sinnverweisungen jenseits eines operativen Verweises noch als seiend dächte.

Auch hier bleibt uns nichts anderes übrig, als jede Möglichkeit, Sinn auf cartesische Weise zu hypostasieren, auszuschließen und jedes Schlupfloch für die Beobachtung eines Objekts, eines Subjekts (wie Sinn, Sprache etc.) zu verstopfen. (Hilfreich dabei ist, wenn man sich
von der Idee entfernt, Medium bedeute soviel wie Mittel oder Material etc. ursprünglich ist damit so etwas wie die Mittigkeit die Mitte zwischen zweien gemeint. Und es fällt natürlich jetzt leicht, zu sagen, dass dies Mittige nur die Barre, der Schied sein kann, also eine Differenz und nicht die eine oder die andere Seite).

Boe: Grenzgänger - Hagazussa -
Hexe Hagazussa/Hagzissa wird heute zumeist mit Zaunreiter/in übersetzt und mit dem Begriff Hexe/r identifiziert: mittelhochdeutsch hecse, hesse, althochdeutsch hagzissa, hagazussa, mittelniederländisch haghetisse, altenglisch haegtesse: („gespenstisches Wesen“) – im modernen Englisch verkürzt zu HAG. Die genaue Wortbedeutung ist ungeklärt; der erste Bestandteil von hagazussa ist wahrscheinlich althochdeutsch HAG („Zaun, Hecke, Gehege“), der zweite ist möglicherweise mit germanisch/norwegisch tysja („Elfe, böser/guter Geist“) und litauisch dvasia „Geist, Seele“ verwandt, also vermutlich ein auf Hecken oder Grenzen befindlicher Geist. (Wikipedia) http://www.hagazussa.tv/
witch (Hexe) ab aus altenglisch wicche, angelsächsisch wicca (mask.) oder wicce (fem.): einer verderbten Form von witga der Kurzform von witega („Seher, Wahrsager“), das seinerseits von angelsächsisch witan („sehen, wissen“) herrührt; ein entfernter indogermanischer Verwandter auch die indischen Veden. Entsprechend entwickelt isländisch vitki (Hexe) aus vita („wissen“) oder vizkr („Kluger, Wissender“). Wizard („Zauberer“) stammt von normannisch-französisch wischard, altfranzösisch guiscart („der Scharfsinnige“). Die englischen Wörter wit („Verstandeswitz, Geist“) und wisdom („Weisheit“) stammen aus der gleichen Wurzel.


Was als Medium in Betracht kommt, diskriminiert sich an einer Form, die ein Beobachter inszeniert. Oder: das Medium entsteht mit der Operation - immer wieder aufs Neue. Die Bezeichnung, wie im oben beschriebenen Verständnis differenziert, markiert mit sich selbst ihren Auswahlbereich.

So ist Sinn kein Reservoir frei flottierender, formgleicher Elemente (Sinnverweisungen), Sprache kein Thesaurus, den es nur zu benutzen gelte. Sand harrt nicht der Fußabdrücke, und Luft fiebert keineswegs den Verdichtungen und Entspannungen entgegen, die das Trommelfell so schwingen lassen, dass ein Bewusstsein (nach einigen neuronalen Prozessen) Wörter hört.

Ohne die Operation der Bezeichnung (und Differenzierung) ist ein Dom wieder hoch noch mächtig, schweben die Heiligen nicht auf ihren Protesten unter ihren Baldachinen, ist die Krypta kein Ort des Verbergens, die Kreuzigung keine Kreuzigung, das Tympanon kein Tympanon, ist der Mann nicht Mann und die Frau nicht Frau - ist alles beobachtungsfrei, Natur mithin und deshalb von gnadenloser Indifferenz.
Und selbst das ist bezeichnend und nicht nicht bezeichnend gesagt.


Kurz: für Prozesse der Ausdifferenzierung (für die Stabilisierung von Formen) kann nicht auf einen Raum gesetzt warten, der durch ein homogenes Medium bestimmt ist. Da ist nichts, was schon fertig wäre oder vorläge und nur benutzt zu werden brauchte. Die sinnführenden Elemente, von denen wir ausgehen (Gedanken/Kommunikationen), sind ja nur in cartesischer Beobachtung Elemente eines Systems.

Sie sind, wenn man auf ebendiesen Typ der Beobachtung zu verzichten geneigt ist, gebunden an die Differenz, die wir das System nannten, und sie sind, da sie diese Differenz realisieren, selbst keine Elemente (im Sinne von Identitäten), sondern Differenzen-im-Betrieb.

Boe: Saussure langue/parole – Strukturalismus - Sprache als Prozess, Verstehen als Prozess (Peirce)

Die Rede von Elementen verbietet sich damit. Sie ist selbstverständlich als Ballung, als Abreviatur möglich und dann auch nützlich, aber sie bedarf eines ständig mit laufenden memento, das einen Ontologie-Import in die Theorie vermeidet.

Luhmann hat dieses memento in der Rede vom elementaren Ereignis präsent gehalten.
Dieses Ereignis ist ein Beobachten, dass beobachtet wird. Es ist Ereignis im Aufschub. Es ist selbst - nichts, also auch nicht ein Element. Es ist das, was es erlaubt, von der Differenz von Identität und Differenz zu reden, oder besser noch: von der différance in der Differenz von Identität und Differenz. Elemente gibt es nur für den Beobachter, der, wie wir oben gesagt haben, in der Zeit oszilliert, also Informationen erst über die eigene, dann über die andere Seite der Differenz anhäuft und so Elemente erzeugt, deren Kehr-und Gegenseite er, indem er die Innenseite (das System) bezeichnet, aus den Augen verliert.

Aber eben dies könnte eine entscheidende Einsicht sein, dass der Aufschub, der Nachtrag, dieser ganze monströse, über die Kategorien des Subjekts, des Objekts, des Seins nicht erfassbare Operation eine cartesische Sicht inszeniert oder eines cartesischen Beobachters bedarf.

Es ist ganz offenkundig,
dass kein psychischer Beobachter sich Nichts vorstellen kann, und es ist nicht minder offenkundig, dass solche Beobachter sich nicht mit ihrem Spiegelbild verwechseln (so wenig sich die Wissenschaft mit der Wirtschaft oder das Recht mit der Kunst verwechselt.

Ausdifferenzierung hängt, wie wir sagen wollen, an Beobachtern, deren Infrastruktur nicht für die Wahrnehmung monströser Unterscheidungen eingerichtet ist, an Beobachtern, für die Innen und Aussen unverwechselbare Perspektiven sind, deren eine (das Innen) sie selbst besetzen, ohne registrieren zu können, dass dieses Innen jederzeit am Außen hängt, so sehr, dass es möglich ist, solche Systeme als Systeme der Extimität zu kennzeichnen.

Boe: Der Beobachter kann sich beim Beobachten nicht selbst beobachten!

Wir haben es mit zeitbindenden oder kondensierenden Beobachter zu tun. (Ich denke hier an die Infrastruktur des neurophysiologischen Systems, das offenkundig eine dreidimensionale Welt errechnet, in der es das Gegenüber gibt. Eben dies ist durch die fundamentale Leistung der Externalisierung durch das neurophysiologische System möglich. Man könnte überlegen, ob es nicht die Sprache ist, die für Sozialsysteme diese Leistung zur Verfügung stellt oder, vielleicht besser, die Zeichen in ihrem Moment des signifié).

Und das bedeutet, logisch gesehen, dass Ausdifferenzierung sich selbst voraussetzt. Man kann über sie nicht reden, ohne ausdifferenzierte Beobachter zu unterstellen, die Zeitbindungsleistungen erbringen, also, wie man vielleicht sagen könnte, identitär beobachten. Sie verknüpfen Elemente als Erkennbarkeit, sie fixieren Dauern.

Sie erzeugen Beobachtungsspezifik und bändigen dadurch das flimmern und flackern der Differenzierung, die unentwegt anfallende, an Bezeichnungsleistungen hängende Kontingenz momentweise illuminierter und erlöschende Unterscheidungen. Sucht man ein Wort für solche identitären Beobachter, so würde sich ohne weiteres das Wort
sinnverarbeitendes System empfehlen.

Unterschieden sind damit zwei Ebenen.
Die eine ist die der Projektionen, der Operationen, der Sinnverteilung, der konditionierten Koproduktion kurz: ihn nichtcartesische Ebene;

die andere Ebene wäre die, auf der Zeit gebunden wird, Aufmerksamkeiten verteilt und festgehalten werden können, die cartesische Ebene der Objekte und Subjekte, die durch Identität der Beobachtung entsteht.

Auf der Ebene I haben wir es mit Unjekten, mit monströsen Differenzen zu tun, auf der Ebene II mit der Welt, in der wir orientierte Systeme sind.

Auf der Ebene I gibt es weder Elemente noch Medien; auf der Ebene II werden sie vorausgesetzt. Die zentrale Komplikation ist, dass nur die Ebene II dem sinnhaften Beobachter zur Verfügung steht, die durch die Ebene I inszeniert wird.

Ausdifferenzierung ist also die Projektion eines cartesischen Beobachters (im doppelten Sinne dieser Genitivskonstruktion), und Entdifferenzierung wäre dann nichts weiter als die Dekonstruktion des cartesischen Beobachters.

Peter Fuchs MdS

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