Peter Fuchs
Das Weltbildhaus
und die Siebensachen der Moderne
Sozialphilosophische Vorlesungen
UVK 2001

Fuchs Weltbildhaus 291

Achte Vorlesung: Schrift und Gesellschaft

Zuschriften und Anfragen gab es keine. Hätte es welche gegeben, so hätte ich sie lesen können. Kurioserweise hätte es der Präsenz Ihrer Körper dabei nicht bedurft. Ihre Zuschriften hätten funktioniert ohne Ihr Fleisch, Ihr Blut, Ihre Zunge. Das ist so selbstverständlich, daß wir gar nicht mehr merken, wie unwahrscheinlich das ist, daß ich da drüben in meiner Kemenate sitze, ein Blatt Papier in der Hand, das nicht spricht, in dem Sie nicht drin stecken und von dem ich dennoch sagen kann: Sie hätten mir etwas damit mitgeteilt. Ich weiß gar nicht, wie ich es schaffen soll, Ihnen diese Unwahrscheinlichkeit richtig plausibel zu machen.

Zum Beispiel ist es sehr komisch, daß die Schrift an Dinge geknüpft ist, also an Materialität geknüpft ist, an Felsen, Tontafeln, Payrusrollen, Papier, heute Monitore. In gewisser Weise entstehen damit Lücken in der Welt zwischen den beschriebenen Dingen, die ja irgendwie einen Anfang haben und ein Ende haben müssen, einfach, weil der materielle Träger relativ begrenzt ist. Felsen mögen sehr groß sein, aber man kann schlecht die Alpen beschreiben. Unsere Leseirritationen bei Monitoren (ich kann zum Beispiel ganz schlecht am Computer korrekturlesen) mögen gerade daher rühren, daß er den Eindruck erweckt, die Schrift könne endlos durchlaufen, obwohl sie es natürlich nicht tut. Jedenfalls gibt es mit der Schrift irgendwie Äußerungen (oder Zeichen) in der Welt, die separiert sind.

Die Schrift erstreckt sich nicht über die Zwischenräume der Dinge, die sie beschreibt. Ganz früh, als man noch gar nicht die kommunikative Funktion der Schrift registriert hatte, mag auf einem Weinkrug ein Zeichen gewesen sein und auf diesem Ölfaß ein anderes, aber beide Zeichen lagen räumlich auseinander. Das mag gar nicht so erstaunlich gewesen sein, solange die Zeichen an die Krüge und Fässer gebunden waren. Daß solche Dinge auseinanderliegen, ist klar. Aber überraschend, ja nahezu unfaßbar muß es gewesen sein, wenn jemand die Zeichen auf eine Tontafel aneinanderreihte und mit ihnen Operationen des Zählens und Ordnens durchführte. Verrückt ist die plötzliche Ignoranz für Zwischenräume. Die Entfernung der Dinge wird aufgelöst und mit ihr die Dinge selbst, die nur noch Repräsentanten in einer Reihe von Repräsentanten sind.

Für diese Überraschung, für diese Unwahrscheinlichkeit fehlt uns das Organ. Nur sehr alte Leute staunen noch, wenn sie die Stimme meinetwegen einer brasilianischen Verwandten in Meddewade life aus Brasilien hören. Für uns kollabiert dabei nicht mehr die Topologie, die eine ungeheure Entfernung zwischen Meddewade und Brasilien vorsieht. Jedesmal, wenn wir irgendwo anrufen, kollabieren Distanzen, und wir haben nur verlernt, uns darüber zu wundern.

Aber wenn Sie sich einmal der Arbeit des Staunens unterziehen, dann bekommen Sie vielleicht eine Idee davon, dass dieses Auflösen schon bei den Krügen, die auf den Wachs- und Tontafeln ihre Distanz verlieren, wie ein zauberisches Blendwerk hat erscheinen müssen. Schon das, meine Damen und Herren, ist ein gewaltiger Ab-Zug, eine Abstraktion. Das ist es aber nicht allein, denn diese seltsamen Schriftdinge transportieren zwar irgendwie Sinn, aber sie verursachen keine Geräusche, sie sprechen nicht, sie sind durch und durch stumm. Sie erlauben kein s'entendre parler (kein: sich-Sprechen-Hören).

Wenn einer spricht, verwischt sich für ihn die Innen/Außen-Unterscheidung, aber Schrift, die ist draußen. Aber obwohl sie draussen ist, klebt der Sinn dessen, was in ihr mitgeteilt wird, nicht in ihrer Materialität fest. Man liest, und man kann den dadurch produzierte Sinn sozusagen psychisch mitnehmen, aber das Schriftding selbst bleibt vollkommen stumm zurück. Man kann natürlich zurückkommen und noch einmal lesen, was man schon gelesen hat, aber dann passiert dasselbe, wenn man weggeht: Das Ding verweilt in einer völligen Sprachlosigkeit. Selbst wenn man diese Täfelchen, die Rollen, später die Bücher in Bibliotheken einstellt, reden die Bücher nicht miteinander, sie halten nicht einmal ein Schwätzchen. Und dennoch schleichen sich diese Dinge geradezu unabweisbar nach und nach in die Kommunikation ein, die sich am Ende langer Zeit als von Schrift her überhaupt erst begreifbar erweist.

Plato hat sehr hellsichtig darauf reagiert. Er bemängelt an der Schrift, daß sie eine Art Scheinweisheit, eine Doxosophie erzeugt. Wer liest, das ist jemand, der sich durch Gegenstände (Schriftstücke) ein
externes Gedächtnis zulegt und deshalb sein eigentliches, sein inneres Gedächtnisvernachlässigen muß, das dann immer schwächer wird, so daß schließlich immer mehr externe Abstützung des inneren Gedächtnisses durch die Schrift erforderlich wird. Das ist ein sich selbst stimulierendes Verhältnis. Wird Schrift in Anspruch genommen, wird genau deswegen immer mehr Schrift in Anspruch genommen werden müssen.

Schrift ist das Gegenbild beseelter Kommunikation. Beseelung, das ist die primäre Rede- und Wechselrede, in der die Verschiedenartigkeit der Menschen zur Geltung kommt - im unmittelbaren Hinhören, Reagieren, Zurücknehmen und Bekräftigen. Vor allem ist die primäre Rede die jemandes, der sich aussuchen kann, zu wem er spricht und auf wen er hört.

Die Schrift auf den Schriftdingen erzeugt eine Öffentlichkeit, in der nicht ausgemacht ist, wer das Geschriebene liest und wie es interpretiert wird. Schrift kann sich auch nicht wehren, kann keine Zumutungen zurückweisen, keine Richtigstellungen vornehmen. Sie kann nicht nachgefragt werden, denn das Schriftding ist durch und durch tot, und wenn man nachfragen will, stößt man nur auf die Wiederholung desselben. Wirkliches Wissen, so Plato, ist ungeschriebenes Wissen.

Diese berühmten Argumente gegen die Schrift kennen wir natürlich nur, weil Schrift im Einsatz war auch gegen Platos Verdikt, den wir ja auch nicht persönlich kennen, sondern der uns schriftlich, ja als Schriftfigur, überliefert ist. Aber daß es diese Argumente gab, zeigt, worauf es mir hier ankam, wie unwahrscheinlich die Abstraktionen der Schrift waren. Plötzlich ist etwas da, was als Kornmunikation funktioniert ohne die Präsenz der Dinge und Körper.

Übrigens kann man, sobald man das weiß, sehen, daß Kommunikation schon immer so funktioniert hat und nur so funktionieren konnte, weil sie unspezifisch arbeitet - also unbekümmert um die Inhalte, die mit ihr inszeniert werden. Spannend an den platonischen Argumenten ist auch, daß er im Grunde die Ko-Variation oder die strukturelle Kopplung von Bewußtsein und Kommunikation vorwegnimmt.

Die Veränderung auf der einen Seite (hier: Infiltration von Schrift in Kommunikation) verändert die andere Seite (Bewußtsein) mit, und nur das ist zu fürchten, daß das Bewußtsein die Form der Innenvergessenheit annehmen könnte, was ja auch heißt: die Form der Doxosophie, der Scheinweisheit, die dann auf immer mehr Schriftliches angewiesen ist, woraus resultiert, daß sich die Sozialität fortlaufend ändert - mit der Schrift, wie man sagen müßte, erdrutschartig.

Zwischenfrage: Ich verstehe das so, daß jede weitere Veränderung von Kommunikation oder vielleicht besser: daß jede Veränderung des Mediums, in dem sie sich realisiert, die Gesellschaft verändert.

Ja, das ist richtig, obwohl ich, wie Sie wissen, hier noch nicht von Gesellschaft reden würde, sondern eher von Präludien jener abstrakten Perspektive, die wir hier diskutieren. Die Entstehung von Büchern, die zu großer Verbreitung bestimmt sind und gesammelt werden (denken Sie an die Bibliothek von Alexandria), die Kopierkunst, die Riesenschreibwerkstätten des Mittelalters, dann der Buckdruck, die Erfindung der Zeitschriften, die Umstellung von intensivem Lesen auf exzessives Lesen, die Rotationspresse ... all das hat, wie ausserZweifel steht, gewaltige Veränderungen verursacht, in deren Fahrwasser wir selbst noch herumplanschen. Dann kommen andere Medien, Photagraphie, Telephon, Rundfunk, Fernsehen,Telekommunikation, Computer, ach, ich weiss nicht, was alles, aber immer, und das ist die These, kovariiert das je mögliche Bewusstsein mit diesen Formen, und immer, so eine weitere These, nehmen Abstraktionsmöglichkeiten zu. Ein Beispiel dieserArt werde ich, wenn die Zeit unseres Semesters ausreicht, noch diskutieren, nämlich das WorldWideWeb.

Aber ich erinnere daran, daß die Schrift uns hier als Beispiel für fungierende Abstraktionen dient, die dann ihrerseits als Vorbilder für nochweiter reichende Abstraktionen evolutionär genutzt werden konnten.

Ich will jedoch Ihr Gefühl für die Unwahrscheinlichkeit jener fernen Abstraktionen noch schärfen. Zum Beispiel ist es doch außergewöhnlich seltsam, daß wir dauernd meinen, Wörter zu hören, kleine akustische Isolate, obwohl auf der Hand liegt, daß dies alles andere als selbstverständlich ist. Ich habe vor der Veranstaltung unsere Kommilitonin aus Kasachstan gebeten, Ihnen allen etwas in ihrer Sprache über das Land, aus dem sie kommt, zu berichten. Darf ich Sie jetzt bitten, nach vorn zu kommen? Schönen Dank. So, nun hören Sie alle genau hin und achten Sie insbesondere darauf, ob Sie jetzt Wörter hören oder was eigentlich?..................Ich bedanke mich recht herzlich bei Ihnen. Nun, und Ihr Eindruck? Nein, Sie brauchen nichts zu sagen. Es ist ja klar: Was wir gehört haben, das war ein Rauschen, in das zwar Zäsuren eingebettet waren, von denen wir aber nicht wissen, ob sie das Ende von Sätzen, die Pause zwischen zwei Wörtern oder sonst irgendetwas erzeugen. Wir haben nicht oder kaum Wörter gehört. Ich gebe Ihnen jetzt einen Zettel, auf dem ein Text steht:

»sa heinkna bee inr ösle inste henwa rs os jun gundmor gensch ön.«

Das ist komisch, nicht? Liest man es laut, so wie die Lücken die Wörter definieren, dann kommt eine fremde Sprache heraus, obwohl es sich natürlich um eine Zeile aus einem berühmten Gedicht handelt. Wir können die Zeile auch so schreiben:

»saheinknabeeinrösleinstehenwarsosjungunämorgenschön.«

Auch dann fallen erst einmal die uns bekannten Worteinheiten weg. Wir müssen sie erschließen, und das fällt leicht, weil der Vers relativ bekannt ist. Wenn ich irgendeinen meiner wissenschaftlichen Texte um die Leerstellen beraubt hätte, hätten Sie vermutlich weitaus mehr Schwierigkeiten gehabt.

Auf diese Weise hat man vor den Karolingern Hunderte von Jahren tatsächlich geschrieben. Das ist die sogenannte
scriptura continua, die durchlaufende Schrift, die noch keine nichtlautenden Zeichen (space) kennt, keine Interpunktion. Das kommt uns nun ganz verrückt vor, aber wir vergessen dabei, daß wir ja sozusagen lücken-trainierte Leser sind. Wir kennen nichts anderes, aber bedenken Sie, damals kannten die Lesekundigen ihrerseits nichts anderes. Warum auch?

Die Einheit »Wort« war überhaupt nicht selbstverständlich. Sie drängt sich in der mündlichen Rede ja gar nicht auf, wenn Sie an unsere Kommilitonin aus Kasachstan denken. Nur wer Sonderinteressen verfolgt,mag hier und da wiedererkennbare Einheiten identifizieren.

Ich denke, daß Sie, wenn Sie sich anstrengen (und die Anstrengung ist selbst schon instruktiv), jetzt wahrscheinlich ein zaghaftes Gefühl für die Unwahrscheinlichkeit der Digitalisierung des Schriftstromes bekommen haben. Wenn Sie sich einen Spaß machen wollen, könnten Sie einmal überprüfen, was diese Digitalisierung für ein damit konfrontiertes Bewußtsein bedeutet haben mag. Schließlich ist das Bewußtsein in seinen kurrenten Beschreibungen etwas, das ebenfalls digitale Einheiten zu prozessieren scheint, sagen wir einmal: Gedanken oder Intentionen oder Vorstellungen.

Wenn ich Vorträge halte, fange ich oft mit dieser Pseudo-Evidenz an, indem ich Autopoiesis anhand des Bewußtseins plausibilisiere: Es sei ein System, das Gedanken aus Gedanken verfertige. Kurioserweise stoße ich dabei kaum auf Widerspruch, der sich immer sehr schnell einstellt, wenn ich behaupte, daß soziale Systeme sich aus Kommunikationen zusammensetzen, die Kommunikationen erzeugen.

Aber wenig ist so klar wie der Umstand, daß eine einigermaßen präzise Introspektion keine Gedanken finden oder gar isolieren könnte - ohne auf Sprache zu rekurrieren, und dann wird genau das gemacht, wovon ich geredet habe: Der kompakte oder in den Worten von Deleuze/Guattari gar ölige Durchsatz des Bewußtseins wird sprachanalog digitalisiert. Wir sind dabei verführt durch die Isolierbarkeit von Wörtern und Sätzen, und wir kommen gar nicht auf die Idee, daß diese Separierungen, diese Auf-Lücken-Angewiesenheit ein Artefakt ist, das im Zuge der Schriftgeschichte anfällt und dann allmählich Bewußtsein fasziniert, das sich dann irgendwann als schriftförmig, als zäsuriert, als interpunktiert beschreibt.

Zwischenfrage: Ich verstehe das vom Gedankengang her...

Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche, aber das Wort»Gedankengang« bestätigt schon, wovon ich rede.

Zwischenfrage: Ja, aber was mir sehr schwer fällt, das ist, mir das Bewußtsein historisch vorzustellen, also zu denken, daß es verschiedene Formen annehmen kann und nicht immer dasselbe war.

Das haben wir gegen Ende der zweiten Vorlesungsstaffel schon einmal diskutiert. Gehen Sie davon aus, dass es nichts gibt, was nicht historisch zu denken wäre. Oder anders ausgedrückt: daßich mich weigere, anthropologische (oder sonst irgendwelche) Fixierungen zu akzeptieren im Sinne eines: Das war schon immer so, und wir beobachten nur die Variationen an der Oberfläche dessen, was eigentlich schon immer so war. Ich sehe einfach nichts, was sich auf diese Weise zeitfest binden ließe. Man käme sonst automatisch in den Bereich einer Wesensanalyse. Das Wesen des Bewußtseins ist das und das ... Oder schlimmer: Das Wesen des Menschen ist das und das ... Im Kontext der Heraufbeschwörung von Gefahren durch Genmanipulation, durch Klonen etc. tauchen diese Wesensdebatten wieder auf.

Zwischenfrage: Aber wie soll man das in diesem Kontext vermeiden?

Eine schwierige Frage, aber ich vermute, gescheit wäre es, die Kontingenz von Wesensannahmen (das ist der Mensch, so hat er zu sein) ganz vorn in der Diskussion aufmarschieren zu lassen und dann darauf zu achten, daß wir es mit Entscheidungen zu tun haben, die nicht durch Rekurs auf ein Wesen entschieden werden können, denn dann brauchte man gar nicht zu entscheiden, sondern vielmehr, um eine Formulierung Heinz von Foersters aufzugreifen, durch Rekurs auf den Umstand, daß nur das Unentscheidbare entschieden werden muß. Es ist eine Sache, zu sagen, daß es das Wesen des Menschen sei Behinderte zu schützen, zu integrieren etc. (eine offenbar empirisch falsche Aussage), oder zu sagen, daß jemand sich dazu entschieden hat, dies zu tun - aus welchen Grunden auch immer. Auf diese Weise pumpt man Moral aus der Diskussion, die ohnehin nur Konflikte erzeugt, und dann sieht man die Motive, die dieser oder jene für kommunikabel hält. Bedenken Sie, daß man jeder Wesensaussage eine andere Wesensaussage entgegenhalten kann, mitgleichem Recht.

Zwischenfrage: Schließen Sie damit Ethik aus?

Nein, nicht grundsätzlich. Wenn ich vor Moral warne, wird man nicht umhinkommen zu sehen, daß diese Warnung selbst moralische Motive aufgreift. Aber ich denke schon, daß man über Ethik so nachdenken muß dass Wesensfragen eliminiert werden. Über den Menschen als solchen kann man nicht viel sagen, aber schon über die Weise, wie er konstruiert wurde und wird, und darüber, was für Interessen an den jeweiligen Konstruktionen hängen.

Aber wir laufen Gefahr, den Faden zu verlieren. Der größere Kontext war der Versuch zu zeigen, daß man tatsächlich sozial fungierende Abstraktionen finden und analysieren kann. Das Beispiel war die Schriftentwicklung, insbesondere die Digitalisierung der Sprache durch Schrift, in die Lücken so hineinkonstruiert werden, daß auf einmal Wörter da sind, Einheiten, die dann ihrerseits dem Bewußtsein schon sehr früh (und mit zunehmendem Schriftgebrauch immer mehr) Anlaß geben, seine eigenen Operationen als digitale Einheiten aufzufassen. Diesen Punkt möchte ich noch ein wenig ausbauen.

Wir waren bei der scriptura continua und bei diesem zunächst erstaunlichen Umstand, daß wir Wörter und vergleichbare Einheiten erst in dem Moment finden, in dem Lücken die Kontinuität des Schriftstromes unterbrechen. Man könnte beinahe meinen, diese Innovation, die Zäsuren ausstreut in den durchlaufenden Text, sei genau wichtig wie die Erfindung des Alphabets. Wenn wir in der Zeit noch ein bisschen zurückgehen, spielt sich etwas ganz Ähnliches ab, als die Griechen das phönizische Notationssystem übernahmen, das ja ursprünglich kaum für Kommunikationszwecke entwickelt worden war. Sie fügten (man ist versucht zu sagen: diskret) neue Zeichen hin, nämlich die Vokale.

DSCHSTNRTTBRTLSDSNSCHTTLSDFRCHTVRRSLBNF....

Ich glaube nicht, daß Sie diesen durchlaufenden Text, der keine Vokale enthält, entziffern können. Achten Sie dann auf die darunter kopierte Fassung:

DASICHISTUNRETTBARTEILSDIESEEINSICHTTEILSDIEFURCHTVOR....

Wenn Sie diesen Text zu lesen versuchen und das auch laut tun, dann wird es Ihnen entschieden leichter fallen, diskrete Einheiten zu entdecken. Und nun:

DAS ICH IST UNRETTBAR. TEILS DIESE EINSICHT, TEILS DIE FURCHT VOR DERSELBEN FUHREN ZU DEN ABSONDERLICHSTEN PESSIMISTISCHEN UND OPTIMISTISCHEN, RELIGIÖSEN UND PHILOSOPHISCHEN VERKEHRTHEITEN. DER EINFACHEN WAHRHEIT, WELCHE SICH AUS DER PSYCHOLOGISCHEN ANALYSE ERGIBT, WIRD MAN SICH AUF DIE DAUER NICHT VERSCHLIEßEN KÖNNEN. MAN WIRD DANN AUF DAS ICH, WELCHES SCHON WÄHREND DES INDIVIDUELLEN LEBENS VIELFACH VARIIERT, JA IM SCHLAF UND BEI VERSUNKENHEIT IN EINE ANSCHAUUNG, IN EINEN GEDANKEN, GERADE IN DEN GLUCKLICHSTEN AUGENBLICKEN, TEILWEISE ODER GANZ FEHLEN KANN, NICHT MEHR DEN HOHEN WERT LEGEN. MAN WIRD DANN AUF INDIVIDUELLE UNSTERBLICHKEIT GERNE VERZICHTEN, UND NICHT AUF DAS NEBENSÄCHLICHE MEHR WERT LEGEN ALS AUF DIE HAUPTSACHE. MAN WIRD HIERDURCH ZU EINER FREIEREN UND VERKLÄRTEN LEBENSANSCHAUUNG GELANGEN, WELCHE DIE MIßACHTUNG DES FREMDEN ICH UND ÜBERSCHÄTZUNG DES EIGENEN AUSSCHLIEßT.

Jetzt ist der Text leicht lesbar, er ist in diesem Sinne das, was Sie erwarten und gar nicht anders kennen. Aber nur und nur deswegen allein, weil Sie das Verfahren kennen, es mit der Schulmilch eingesogen haben, bereitet Ihnen diese Passage von Ernst Mach allenfalls intellektuelle, aber keinesfalls Lese-Schwierigkeiten.

Sie sehen jetzt, was die Erfindung der Vokale ermöglicht (im zweiten Beispiel), nämlich Einheiten zu identifizieren, obwohl sie gar keinen linken und rechten Rand haben, weil zwischen ihnen keine Leerstellen sind. Las man die nun mit Vokalen ausgestattete Schrift laut (und meistens wurde ja vorgelesen), ließen sich zwar nicht leicht, aber immerhin doch Wörter ausmachen. Nur deswegen konnte Augustinus so maßlos überrascht sein, als er Ambrosius, den Bischof von Milano, lesen sah, ohne daß sich seine Zunge oder seine Lippen bewegten, eine Selbstverständlichkeit für uns, obwohl manche doch, wenn es um schwierige Stellen geht, Lippen und Zunge lautlos mitbewegen. Das mag dann aber noch ein Rest sein. Erforderlich ist es, wie Sie wissen, nicht. Das sage ich jetzt, indem ich absehe davon, daß - wie viele meinen und wie ich geneigt bin zu glauben - das Lesen (ja das sprachliche Denken überhaupt) von minimalen Innervationen der Sprachorgane begleitet ist. Aber da käme man dann in andere Forschungsbereiche.

Ohne jetzt auf absolute Genauigkeit zu achten, kann man sagen, daß diese Änderung von der scriptura continua zur Lückenschrift sich etwa ab dem vierten Jahrhundert einstellt und dann mehr verändert als nur die optische Erscheinung der Schrift. Immer weniger geht es jetzt, wie Paul Saenger sagt, um einen »melliflous sound«, um den Klang des Vorlesens und die Besonderheit des Auf-das-Hörens, was einer vorliest.

Das Lesen wird vielmehr eine Angelegenheit des Sehens, und das sehende Lesen stellt sich immer mehr darauf ein, dem Text Informationen zu entnehmen. Die Texte werden sozusagen durchlüftet von Lücken, und diese Digitalität erweist sich als äußerst nützlich im Rahmen der Ausdifferenzierung der Theologie. Das Bewußtsein, um das es im Moment geht, wird an digitalisierten, der Information dienenden Schriftgebrauch gewöhnt, so sehr, daß Erasmus von Rotterdam etliche Jahrhunderte später sich kaum noch vorstellen kann, wie denn lückenfreies Lesen hat funktionieren können.

Ich hoffe sehr, daß all diese Beispiele, die sich übrigens leicht vermehren lassen, Ihnen plausibel gemacht haben, daß wir es durchaus und schon lange Zeit mit sozial fungierenden Abstraktionen zu tun haben, die in der Koproduktion mit dem Bewußtsein dazu führen können, daß die Abstraktion nur noch mühsam entdeckt werden kann. Wenn Sie morgens auf Ihre Zeitung schauen, dann wird wohl kaum einer unter Ihnen statt der Schrift das Gefüge der Lücken sehen, und sicher wird es Ihnen im Alltag so gehen, daß sie unentwegt Gestalten identifizieren (Abgegrenztheiten) und gar nichts dabei finden, daß es keine isolierten Gestalten gibt, sondern nur Prozesse, an denen ein entsprechend instruierter Beobachter Gestalten oder Figuren auszeichnet.

Fast scheint es mir so zu sein, als ob die Welt, in der wir leben, mit ihren Ereignissen, Disparatheiten, Unterschieden in dieser Koproduktion überhaupt erst aufgespannt wird, ja als ob es die Funktion des Bewußtseins und seines Korrelats Kommunikation wäre, den durchgehenden (kontinuierlichen), genau besehen, unterschiedsfreien Zustand des Kosmos sozusagen körnig zu machen.

Zwischenfrage: Das kommt mir jetz aber sehr abenteuerlich vor.

Ist es auch, ich gestehe das gern ein. Wir können nach wie vor nichts über einen beobachtungsfreien Zustand der Welt sagen, jedenfalls nichts Ernsthaftes. Aber eben aus diesem Grund interessiere ich mich seit einiger Zeit sehr für die Psychologie der Tiere, und für das, was man üher das psychische System gleichsam unter Abzug des Bewusstseins sagen könnte. Das ist im Augenblick mein Hobby, von dem ich nicht weiss, wohin es führen wird.

Zwischenfrage: Aber ist der Kosmos denn nicht sowieso gekörnt mit seinen Sonnen, Galaxien, Planeten, aber auch mit seinen Atomen oder Elementarteilchen'

Ich weiß es nicht, nur, daß diese Körnung ohne einen Beobachter, der ,körnt' also digitalisiert, einfach, wie ich vor einigerZeit gesagt habe, in einem Unzustand ist.

Und das bringt mich zu einem letzten Punkt, der mit der Schrift oder den Zeichen zusammenhängt. Es gibt dabei eine weitere Abstraktion, die wir eigentlich erst heute registrieren können, die - und ich fasse jetzt sehr viel zusammen - damit zusammenhängt.

Der Hintergrund Ihrer Frage war ja, ob der Zeichenfolge Sonne oder Stern etc. ein Wesen, eine Präsenz korrelieren, die unabhängig vom Zeichen selbst wäre. Gibt es dies, den Hund, die Kuh, die Qualle, die Wiese neben ihrer Bezeichnung auch noch: als reine Selbstgegenwart, als suisuffiziente, also sich selbst genügende Form, neben deren Anspruch die Schrift im weitesten Sinne (nach Derrida dürfen wir hier jeglichen Zeichengebrauch einschließen) eher beiläufig, abgeleitet, eine Zutat wäre?

Mir scheint, und dies ist eine der ernsthaftesten Erschütterungen des Weltbildhauses, daß man kaum noch leugnen kann, daß die Zeichen niemals bei einer Substanz anlangen, daß die Form des Zeichens die Einheit von Signifikant und Signifikat ist, das Signifikat unablöshar an das Zeichen geknüpft ist. Die Welt, in der wir sozial und bewußt orientiert sind, ist eine dem Sinngeschehen eingeschriebene Welt. Sie ist diese Sinnverteilung oder Sinndispersion, und mehr nicht, nicht ein Jota mehr.

Das kann ich hier nicht mehr ausarbeiten, aber diejenigen, die unter Ihnen Lust haben, mögen sich mit Jacques Derrida beschäftigen, der von einer niemals vollständig durchgeführten Dekonstruktion der Husserlschen Phänomenologie auf anderen Pfaden zu dem gekommen ist, wozu die Theorie der Operativität (diese Systemtheorie) ebenfalls kam: Es gibt für Sinnsysteme keinen direkten Weltkontakt. Daß das platonische Höhlengleichnis ebenfalls einschlägig ist, muß ich für die Philosophiefreaks unter Ihnen nicht eigens erwähnen.

Peter Fuchs

SAL TEXTE