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günther-BdM123
Dualismus von Leib und Seele
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Über diese Dualismen wölben sich in allen Kulturen die großen Systeme, in denen das Denken immer wieder neue Anläufe nimmt, den metaphysischen Riss, der sich durch alle Wirklichkeit zieht, in großartigen, aber vergeblichen Systemen zu überbrücken.
Aber schon bei Plato ist die Aussichtslosigkeit solcher Versuche, auf dem Boden einer zweiwertigen Logik ein monistisches Weltbild zu konstruieren, deutlich sichtbar. Ein Zug zum Transzendenten, eine Verstärkung der dualistischen Weltauffassung, den Glauben an ein positiv Böses in der Welt des Irdischen charakterisiert die platonische Spätphilosophie.
Aber selbst dort, wo wie in der Mystik oder etwa in der eleatischen Philosophie (Parmenides) das Bewusstsein in rücksichtsloser Konsequenz über den dualistischen Charakter seiner Erlebnismotive auf jenes letzte plotinische All-Eine zustrebt, das wie ein heiliges Feuer hinter dem bunten Transparent des irdischen Farben und Gestaltenwandels zu glühen scheint, selbst dort erweist sich die unüberwindliche Stärke des Dualismus. Indem man ihn aufgibt, gibt man auch die ganze Wirklichkeit auf. Es ist überflüssig, von der Weltabgewandtheit der Mystik zu reden.
Die Reflexion kann den Weg zur Zwei und Mehrwertigkeit, nicht rückwärts beschreiten. Um sie es, irregeleitet, doch versucht, dort verliert sie die Fülle der Welt und begegnet nur noch ihre eigenen Leere. Man soll auch nicht vergessen, dass jedes Streben nach begrifflicher Einheit unbedingt voraussetzt, dass ein logisches Prius der Dualität (oder generell Vielheit) besteht. Das Denken kann sich nicht um eine Synthese bemühen, wenn ihm nicht die Mehrheit, die zusammengebracht werden soll, vorgegeben ist.
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Es wird nämlich immer klarer, dass der ursprüngliche, einfache dualistische Gegensatz von zwei weder aufeinander, noch auf ein Drittes zurückführbaren Wirklichkeitskomponenten keineswegs eine simple kontradiktorische Struktur hat. Es stellt sich in der logischen Analyse als hochkompliziert heraus. Man entdeckt, das zwei sehr verschiedenartige Dualismen ineinander spielen und dass sich aus ihnen ein fast unentwirrbares Gewebe von Reflexionsbeziehungen ergibt.
Der erste Dualismus ist der Dualismus der Bewusstseinsinhalte und der zweite manifestiert sich als Dualismus der Reflexionsprozesse, der die Inhalte manipuliert.
In beiden Fällen handelt es sich um elementare ohne weiteres einsichtige Sachverhalte. Erst ihr Zusammenwirken bürdet dem Denken fast unüberwindliche Schwierigkeiten auf. Der Dualismus der Inhalte beruht darauf, dass unser Bewusstsein schlechterdings keinen eindeutig bestimmten, mit sich selbst identischen, gegenständlichen Bewusstseinsinhalt haben kann, es sei denn, das will ich ihn von allen anderen möglichen Inhalten (bzw. dem Inbegriff von Inhalten) unterscheiden können. Diese Unterscheidung trennt das Eine vom Andern. Damit ist der Inhaltsdualismus etabliert. Etwas denken und sich in dualistische aufteilbaren Konzeptionen bewegen sind Synonyma.
Die zweite Form des Dualismus kommt dadurch zustande, dass die Reflexion uns ewig die Wahl zwischen der monistischen und der dualistischen Denkform anbietet und das, wie die bisherige Geschichte der Philosophie zeigt, wir unfähig sind, uns endgültig für die eine oder die andere zu entscheiden.
Es gehört nämlich zu den fundamentalen Eigenschaften der Reflexion, dass sie sich von ihren eigenen Entscheidungsvollzügen ablösen und sie bezweifeln kann. Diese skeptische Ablösungsfähigkeit ist so sehr in ihrem tiefsten Wesen verankert, dass Descartes glaubte, aus ihr die metaphysische Realität des Subjekts ableiten zu können. Denn wenn wir auch an allem zweifeln, an der Tatsache, dass wir zweifeln, daran ist kein Zweifel möglich. Dubito, ergo sum, vel quod idem est: cogito, ergo sum.
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Es ist kein Zufall, dass in der Hegelschen Philosophie der Prozess der Reflexion nicht als ein subjektives Bildermachen, sondern als objektiver und unvermeidlicher Realprozess der Welt verstanden wird. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt, von Gedanke und Ding, vom Sinn und Sein, von Form und Stoff, - kurz alle Dualitäten sollen in dieser Bewegung aufgehoben werden.
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Die Reflexivität des Menschen manifestiert sich nicht nur als die stille Ideenwelt der Kontemplation. Sie setzt sich auch in Willen und die aus ihm folgende Handlung um.
Es ist ersichtlich, dass der Wille mit der Formel Sein=Nichts ebenso wenig anfangen kann wie die Kontemplation mit der Tautologie Sein=Sein, durch die sie stillgelegt wird. Man kann nicht handeln, wenn das Sein unter den Händen in Nichts zerfließt. Das mit seinen eigenen Begriffen spielende Denken mag an der Realität der Dinge zweifeln und ihr materielles Sein mag ihm als Trugbild erscheinen. Der Wille lässt sich dadurch nicht beirren. Sein handelnder Zugriff bestätigt ihm unmittelbar, dass die Dinge da sind und dass sich das seien ganz im Seienden erfüllt.
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Die Kühnheit Hegels besteht nun darin, dass er die dem Denken vorangehende, sich als Materialität manifestierende Gegenständlichkeit des Seins selbst als Reflexion auffasst. Stoff und Form sind bei ihnen einander vollkommen ebenbürtig. Sie sind logisch dasselbe. Reflexion und ihre Irreflexivität bilden ein reines Umtauschverhältnis.
Das bedeutet, das es ganz gleichgültig ist, ob wir sagen: „die Materie hat die Eigenschaft der Reflexion“ (dialektischer Materialismus) oder ob wir formulieren: „der Geist hat die Eigenschaft der Materialität“ (objektiver Idealismus).
Wir glauben zwar zutiefst, dass zwischen diesen beiden Aussagen ein äußerst wesentlicher und fundamentaler Unterschied besteht. Aber dieser Unterschied drängt sich uns nur auf, weil wir reflektieren, die Reflexion in ein individuelles Bewusstsein, ein Ich, eingeschlossen ist.
Ichsein bedeutet Partei gegen die Welt genommen haben, die man als das andere, als den Inbegriff des Objektbereiches von der eigenen Subjektivität abstößt. Die Tatsache, dass wir nicht anders können, steht zweifellos fest; denn anders können bedeutet ja, das eigene Ich aufgeben, was sinnvoll nicht erwartet werden kann
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Wenn aber, wie Hegel sagt, die ganze Welt und ihre Geschichte von Anbeginn selbst Reflexion ist, dann sind wir offenkundig nicht berechtigt, unseren einseitigen und parteiischen Reflexionszustand als logischen Maßstab für ein Weltbild zu nehmen, das dem Wesen der Wirklichkeit gerecht werden will.
Boe: primordial gegebener Grund: Spencer Brown LoF 105
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Der Anfang jedes Denkens sieht sich einem primordial Vorgegebenen gegenüber, und es ist nichts weiter als ein leerer Streit um Worte, ob man dasselbe als Materie, Absolutes oder Gott bezeichnet.
Vom Standpunkt des reinen Denkens sind das nur eigensinnige Verbalismen, die gar nicht umhin können, genau dasselbe zu bezeichnen, nämlich eben das unser Denken gar nicht beginnen kann, es sei denn, dass es einem primordial vorgegebenen Grunde entspringt.
Freilich erscheint dann dieser Grund erst nachträglich im Denken. Das ist seine Dialektik, und darum sagt Lenin - tiefer als es im Westen gewürdigt wird – „that all matter...possesses the property of reflexion“.
Wenn aber alle Materie die Eigenschaft der Reflexion primordial besitzt, dann ist ihr Wesen dialektisch; und diese Dialektik widersetzt sich allen Versuchen, irgendeine gegenständlich ontologische Terminologie ernst zu nehmen. Solche Termini wie Materie, Absolutes, Gott oder Geist sind alle gleich inadäquat. Als amüsantes Seitenlicht ist festzustellen, dass der Idealist nicht allzu eifrig darauf aus sein sollte, Gott oder den Geist als Vor-Grund des Weltseins zu betrachten. Das führt zu dem peinlichen Schluss, dass Gott als das dem Denken Vorangehende nicht denkt.
Und es hilft auch nicht viel, dass die dialektische Bewegung unseres Denkens dieses Urteil sofort wieder aufhebt. Denn um aufgehoben und negiert werden zu können, muss es erst einmal vollzogen worden seien. Der Vollzug des Urteils, das etwas vor dem Denken liegen muss, an dem es seinen Anfang nimmt, ist unvermeidlich, weil ein elementarerer Bewusstseinszwang. Dem Satz kommt also eine bestimmte metaphysische Wahrheit zu.
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...dass Reflexivität einem primordiales, metaphysisches Konstitutionselement alles dessen ist, was in irgend einem angebbaren Sinne ist. Auch der toteste, „geistloseste" Stoff hat sie. Es wäre ganz unmöglich, dass auf der Erde selbst- organisierende Lebewesen entstehen, die sich in eigener Reflexion „Menschen“ nennen und behaupten „Geist“ zu haben, wenn nicht alle Reflexionskomponenten dessen, was wir Bewusstsein und Geist nennen, bereits in jener hypothetischen Gaswolke und der sie umgebenden Raum-Zeit-Dimension, aus der unser Sonnensystem entstanden sein soll, angelegt gewesen wären.
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Unterscheidung von Ich und Du-Subjektivität und der von Subjektivität und Objektivität überhaupt.
Die äußerst subtile Struktur des kybernetischen Denkens, die sich aus der Unvereinbarkeit der Bewusstseinslage der Ich- und Du-Subjektivität mit Bezug auf ein sich selbst reflektierende System ergibt (der Leib des Ich).
...dass zu dem Streit von Determinismus und Indeterminismus und dem zwischen Materialismus und Idealismus von seiten der Kybernetik Neues gesagt werden kann. Die kybernetischen Denkweise verwirft die obigen Gegensätze als Fehlorientierungen eines sich selbst verstehen wollenden Reflexionsprozesses. Mehr noch: Sie entlarvt dieselben als das Erbe des klassisch zweiwertigen Denkens. Das verzweifelte Festhängen an einem sich in totalen Disjunktionen bewegenden Formalismus von angeblich letzter Allgemeinheit verdeckt den westlichen Denker die Einsicht auf das dialektische Prius des Gegenständlich-Objektiven, nämlich jene für unser Bewusstsein völlig undurchdringlichen Kontingenz eines urphänomenalen IST.
Gotthard Günther
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