Gotthard Günther
Das Bewusstsein der Maschinen
Eine Metaphysik der Kybernetik
Agis Verlag, 2002


Günther - BdM83

II.Teil: Mechanismus, Bewusstsein und Nicht-Aristotelische Logik

Der durch die Kybernetik geforderte
Übergang von einer zweiwerigen zu einer mindestens dreiwertigen (oder vermutlich sogar generell mehrwertigen) Logik involviert einen grundsätzlichen Wandel der bisherigen menschlichen Bewusstseinsstruktur, das Heraufkommen eines neuen metaphysischen Weltbildes.

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Was aber ist ein dreiwertigens Bewusstsein, und wie verhält es sich zu zweiwertigen Bewusstseinszuständen? Wenn wir ehrlich sind, so müssen wir zugeben, dass wir vorläufig nicht die geringste Vorstellung von mehrwertiger Subjektivität haben. Mehr noch: der urphänomenale Gegensatz von Ich und Nicht-Ich scheint konstituierend für alle Objektivität zu sein, weshalb die Konzeption eines mehrwertigen Denkens dem Wesen der Logik überhaupt zu widersprechen scheint. Dazu ist zu sagen, dass dieser Gegensatz in der Tat grundlegend für alles Bewusstsein ist.

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Für das zweiwertige Denken unserer bisherigen spirituellen Tradition ist das Verhältnis Reflexion und Gegenstand der Reflexion stets das einer ontologischem Rangordnung. Das wahre Sein ist der bloßen Reflexion absolut übergeordnet und damit ist alles Denken relativ und abhängig von seinem Gegenstand. Die Reflexion qua Reflexion hat keine selbstständige, in sich selbst gegründete Existenz. Die wahre Objektivität bleibt ihr ewig transzendent.

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Die nicht-aristotelische Logik repräsentiert eine gänzlich neue Thematik. Sie kann etwa in den folgenden Sätzen formuliert werden:
Gegeben ist eine zweiwertige (aristotelische) Logik des Seins, welche möglichen Stellen kann diese in einem nicht mehr auf das Sein, sondern auch sich selbst reflektierenden Bewusstsein annehmen? Und wie verhalten sich diese logischen Stellenwerte zueinander, wenn man sie in einem nicht aristotelischen (dreiwertigen) Kalkül darstellt?

Es ist offensichtlich, das die neue Logik nicht mehr eine begriffliche Theorie des objektiven Ansichseins, respektive des Bewusstseinszustandes darstellen kann, in denen von einem erlebenden Ich ein solches Sein erfahren wird. Das wird jetzt vorausgesetzt.

Andererseits aber tritt in dem neuen transklassischen System das Thema „Sein“ dreimal - durch drei verschiedene Wertverhältnisse repräsentiert – auf. Dafür gibt es nur eine einzige mögliche Interpretation. Das dreimalige Auftreten der klassischen ontologischen Thematik in dem neuen System stellt eine Reflexion derselben dar; das heißt, es gibt zwei Bewusstseinstufen, auf denen „Sein“ erlebt werden kann.

Erstens die naive zweiwertige Reflexion, in der das sei andere als ein anderes, transzendentes Bewusstseinsfremdes vom Ich erlebt wird. Hegel hat diese unmittelbare, selbstvergessene Reflexion höchst treffend Reflexion-in-Anderes genannt. Zweitens aber kann das Bewusstsein auf sich selbst als existenten Gegensatz zu diesem Sein reflektieren. Dazu aber ist folgendes notwendig:
1. dass die ursprüngliche Thematik Sein festgehalten wird,
2. dass das Bewusstsein sich als Reflexion dieser Thematik von derselben absetzt,
3. dass eine weitere Reflexion den Gegensatz von 1. und 2. reflektiert.

Hegel, die diesen theoretischen Sachverhalt als erster mit durchdringender Klarheit gesehen und versucht hat, ihn für die Logik fruchtbar zu machen, nennt den hier dargestellten Bewusstseinszusammenhang: die Reflexion-in-sich der Reflexion-in-sich-und-Anderes. Das volle theoretische Bewusstsein hat also 1. einen Gegenstand (Sein,Anderes), 2. Weiss es sich im Gegensatz dazu, und 3. ist es ein Wissen um den inversen Spannungszustand von Nicht-Ich und Ich.

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...
dass eine dreiwertigen Logik als Darstellung des totalen Bewusstseinsumfanges des Selbstbewusstsein drei zweiwertige Logik in enthält, die ja, wie wir nun wissen, naive, unmittelbare Bewusstseinslagen darstellen.

Nun sind uns aber rein empirisch vorerst nur zwei prinzipiell zu unterscheidende Bewusstseinslagen in der Welt gegeben.

Erstens die eigene, die an unserem privaten Ich orientiert ist, und zweitens die fremdseelische des „Du“, das heißt der anderen Person. Der Begriff des Du kann dabei so weit wie möglich gefasst werden. Man kann ihn selbstverständlich, wenn man will, auf den Mitmenschen beschränken, aber es ist formallogisch zulässig, ihn auf das Tier und, wenn man ganz radikal sein will, auch auf die Pflanze auszudehnen. Aber wie eng oder wie weit man ihn auch fassen mag, er lieferten nur die Idee einer zweiten Bewusstseinslage neben der eigenen.

Unsere dreiwertige Logik aber impliziert überdies eine dritte zweiwertige Bewusstseinslage, die sowohl von der des Ich wie der des Du verschieden ist.

Soweit die bisherige Bewusstseinsgeschichte des Menschen infrage kommt, ist hier der Animismus helfend eingesprungen. Die alte Animismus der Theorie besagt nämlich: Es gibt außer dem seelischen im Ich und Du noch eine dritte Form desselben, die im Ding investiert ist.

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... die dritte, das System des Selbstbewusstseins vollendende Bewusstseinslage einer Subjektivität, die weder Ich noch ontologisch gegebenes Du ist, existiert nur als unerledigter Reflexionsrest in dem fragmentarischen System, das wir menschliches Selbstbewusstsein nennen.

Jener Reflexionsrest bleibt durch den Prozess des reflektierten Denkens unbewältigt, weil er sich eben nicht total in subjektiver Reflexivität auflösen kann. Er ist jenes Andere, jenes Moment der Irreflexivität, um das der Strom des Bewusstseins sowie um einen Fremdkörper spült, ohne ihn zu durchdringen und transparent machen zu können.
Inhalte aber, die das Bewusstsein nicht durch den Reflexionsprozess bewältigen und auflösen kann, müssen eben auf eine andere Weise erledigt werden. Aber die einzige andere Methode, die neben der Reflexion auf die eigene Reflexion dem ich zur Aneignung seiner Inhalte zur Verfügung steht, ist die Handlung, das heißt die Rückprojektion jenes irreflektiven Restbestandes in die Außenwelt.

So schließt sich der Kreis! Das naive unmittelbare Bewusstsein begann damit, dass es sich einer objektiven, von ihm unabhängigen und dem Denken undurchdringlichen Außenwelt gegenüber sah (das Andere), die sich in ihm spiegelte (einfache Reflexion-in-sich). Das war die Situation des klassischen Denkens, die ein denktranszendentes Ansichsein anerkannte.

Daraus folgte, als nächste Stufe, die doppelte Reflexion-in-sich, die als Inhalte erstens das andere, zweitens Reflexion-in-sich und drittens das Verhältnis des Anderen zur ersten Reflexion-in-sich zu besitzen schien. Das wenigstens war der Glaube des transzendentalen Idealismus, der unerschütterlich davon überzeugt war, dass sich die ganze Wirklichkeit durch die göttliche Macht des Dritten Denkens begreifen und bewältigen lasse.

Der Zusammenbruch dieses Glaubens ist heute eine historische Tatsache, an der wir alle mehr oder weniger zu tragen haben. Was aber schlimmer ist als der katastrophale Untergang der idealistischen Weltanschauung, ist die insidiöse Krankheit, die derselbe in uns zurückgelassen hat, nämlich der verderbliche Irrglaube, dass der Schritt von der erstem naiven zur zweiten doppelten Reflexion ein metaphysischer Fehltritt des Bewusstseins war, den wir durch bussfertiger Rückkehr zur unbefangenen Bewusstseinslage des klassischen Menschen abzugelten hätten. Aber das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen, und der unbefangene theoretische Blick des aristotelischen Denkens gehört für immer die nicht wiederholbaren Vergangenheit an.

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Dass das Ding an sich, das heißt überhaupt das bewusstseinstranszendente Sein durch die auf sich selbst reflektierenden Reflexion endgültig erledigt ist, ist für die Kybernetik ein höchst zweideutiger Tatbestand.
Er bedeutet nämlich einerseits, dass man das factum brutum der bloßen Existenz nicht in die Reflexion hineinziehen und, soweit es in ihr als Denkmotiv zum Ausdruck kommt, nicht weiter reflektieren kann. Es ist grundsätzlich irreflexiv.
Derselbe Tatbestand bedeutet aber auch, dass das Sein, eben weil es für die Auflösung der Reflexion keine arteigenen Kategorien mehr besitzt, dem Zugriff des Bewusstseins schutzlos preisgegeben ist. Nur die reine Kontingenz des Daseins ist von der Reflexion zurückgelassen worden; das heißt das Objektive hat kein bestimmtes Sosein mehr, indem es sich dem Bewusstsein vermittels unabänderlicher primordialer Kategorien entgegensetzt. Alle Kategorien sind ja Reflexion und als solche längst aufgelöst worden. In anderen Worten: das Sein hat jetzt keine von Ewigkeit her vorbestimmten Eigenschaften mehr. Das Bewusstsein kann ihm also alle die aufzwingen, die es will.

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Ein solcher willkürlicher Umgang des Bewusstseins mit einem Gegenstand ist uns allen seit jeher bekannt. Es ist der Traum....Diese Reflexionsfantasie ist der nach innen gewandter Wille. Was wir aus dem Traum lernen können, ist die sehr wesentliche Tatsache, dass die Bewusstseinsgegenstände der zweiten Reflexion dem Zugriff der wollenden Fantasie völlig offen legen und ihnen gewünschte Eigenschaften aufgezwungen werden können.

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Gotthard Günther

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