Gerhard Gamm
Flucht aus der Kategorie

Die Positivierung des Unbestimmten
Suhrkamp 1994


Gamm-Kategorie212

212 Es scheint aus verschiedenen Gründen aufschlussreich zu sein, das Schicksal der
Unbestimmtheitssemantik ein Stück weit in die Geschichte der Philosophie, insbesondere in die des Deutschen Idealismus, zurückzuverfolgen, wiederholt sie doch an den unendlich zerstreuten und vervielfachten Begriffen wie Perspektive, Horizont, Weltbild usf. die gleiche Logik, wie die neuzeitliche Metaphysik in immer neuen Anläufen im Entwurf einer sich selbst übergreifenden Subjektivität zu durchdenken versucht hatte.

W.Schulz schreibt in seinem Buch Der Gott der neuzeitlichen Metaphysik:
"Gegenüber dem welthaft Seienden ergreift sich die menschliche Subjektivität in ihrer ganzen Macht. Cusanus, Descartes und Kant haben die Subjektivität als die eigentliche Bedingung der Erkenntnis des welthaft Seienden, und zwar in verschärfter Weise, herausgestellt und damit der wissenschaftlichen Erforschung dieses Seienden neue Impulse gegeben. Aber gerade diese Denker erkannten aufgrund des Durchdenkens der menschlichen Subjektivität deren Ohnmacht im Bezug auf sich selbst, und darum setzten sie über die als endlich erkannte Subjektivität eine ganz und gar nicht ausdenkbare Macht als deren Wesensgrund. Dies ist das Gesetz dieser Metaphysik.

Mag in ihr auch die jeweilige inhaltliche Bestimmung der Transzendenz sich wandeln, die
Idee einer der menschlichen Subjektivität überlegenen Transzendenz bleibt, weil die menschliche Subjektivität sich zu ihren Selbstvollzug nicht einsetzen kann."

213 Vor dem Hintergrund einer christlich geprägten Welt war Gott als unbegreiflicher Grund eine im ganzen sinnvolle Antwort auf das Mysterium der Logik unbestimmter Bestimmtheit, denn sie zeigte, dass die Ohnmacht menschlicher Subjektivität in Bezug auf sich selbst oder ihre Selbstbegründung nur von einer Transzendenz her begriffen werden konnte, die zugleich der Wesensgrund der Subjektivität sein konnte.

Anders gesagt, der große Gedanke der nachmittelalterlichen Metaphysik von Cusanus bis Kant bestand in der Einsicht, dass sich die Subjektivität über kein Ermächtigungsformular in die Lage bringen konnte, sich selbst zu konstituieren; nur im Rückgriff auf
ein Anderes, eine die Subjektivität transzendierende Macht, konnte die Logik menschlicher Selbstverhältnisse begriffen werden.

Gott erscheint als gute Antwort, ist er doch gleichsam das kollektive Apriori jener Welt.
Fussnote: das kollektive Apriori jener Welt - In der Reihe der Vorläufergestalten nehmen insbesondere die platonischen Denkfiguren eine prominente Stelle ein:
die
Idee des Guten, die jenseits des Seins und des Wissens, d.h. der prädikativen Präsenz des urteilenden Logos, situiert ist und als weder Sichtbares noch Gesehenes den Ursprung der Sichtbarkeit ausmacht (Sonnengleichnis); das Nicht-Sein als Andersheit (heterotes) (Sophistes) und die chora als das unbestimmte Worin der Nachbilder der ewigen Ideen (Timaios). Von ihr heißt es ausdrücklich, sie sei ohne Form, gestaltlos (amorphon) und auf Grund dieser Indifferenz geradezu gestaltgebend.

Aber schon Hegel zeigt sich angesichts dieser "Zerrüttung" des
Denkens in paradoxen Figuren herausgefordert, zu drastischen Bildern zu greifen. War für die neuzeitliche Metaphysik Gott "gleichsam die Gosse, worin alle die Widersprüche zusammenlaufen", so werden bei Kant die Widersprüche auf das Selbstbewusstsein übertragen: Es ist "Verrückheit in sich selbst". Für Kant ist das "Ich" oder das "Selbstbewusstsein" das unbestimmte Vehikel unserer bestimmten Gedanken oder dasjenige, was vermittelst des Verstandes als Vermögen kategorialen Urteilens das unbestimmte Subjekt vom bestimmenden Prädikat unterscheidet.

214 Fichte: Nur Eines ist schlechthin durch sich selbst: Gott, und Gott ist nicht der todte Begriff, den wir soeben aussprachen, sondern er ist in sich selbst lauter Leben. Gott ist der Ursprung des Wissens, der an ihm selbst nicht gewusst werden kann. Gewusst werden kann er allein in seinem Bild oder Schema.

215 Fichte zeigt, dass das Wissen auf Unterscheidungen beruht, die in Form von Propositionen oder Feststellungen (wie man heute sagen würde) dieses oder jenes setzen (behaupten, vermuten, bestreiten usf.), diese Setzungen wiederum auf etwas wie das lebendige Leben vorausweisen, das durch den Begriff noch nicht in ein "stehendes oder ruhendes Seyn" umgearbeitet worden ist. Es scheint zuletzt beliebig, welchen Namen man wählt, um
die ununterscheidbare Unterscheidung des Anfangs zu bezeichnen.

217 Hätte man die Absicht, aus der Perspektive unbestimmter Bestimmtheitdie Vorläufer schafften neu zu ordnen, müsste man Schellings späte Diskurse in besonderer Weise herausstellen. Sie durchdenken in offener oder versteckter Kritik an Hegel den Gedanken der Unvordenklichkeit des Seins in immer neuen Anläufen. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass Schelling den Gedanken des "Seyns" als einer "furchtbaren Realität" nicht im Namen einer "dem Denken verschlossenen Wirklichkeit" expliziert.

220 Das19. Jahrhundert sucht das geistige und kulturelle Vakuum welches das
Ende der großen Metaphysik hinterlassen hatte, mit divergierenden Gesellschafts- und Sozialutopien auszufüllen. Es erscheint in einer eigentlichen Zwischenlage. Mit dem reinen Gedanken denkt es noch in den Grenzen der Metaphysik, um ihn mit dem anderen zu attackieren. Es ersetzt das göttliche Interpretationsformular unbestimmter Bestimmtheit durch geschichtsphilosophisch bestimmte Großprojekte und existentialistisch verzweifelte Weltethiken - bis endlich in unserem Jahrhundert nunmehr die kleinformatigen Supplementlogik absoluten Wissens übrig blieben.

"Moderne" ist so ein anderer Ausdruck für die vielfache Verteilung der
paradoxen Struktur unbestimmter Bestimmtheit auf Begriffe, Modelle und Ideen, die, weil in kollektiven Referenznahmen lose verwurzelt, für einige Zeit Haltbarkeit und Welterschließungskraft signalisieren.
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220 Entgegen dem Augenschein einer möglicherweise nur äußerlichen Metamorphose der Unbestimmtheitsstruktur lässt sich doch ein Unterschied zur Moderne markieren, für den Verbund mit Prozessen der Ensubjektivierung, Pluralisierung und Säkularisierung die Positivierung des Unbestimmten bezeichnend ist.

Das deutet sich bereits in der Spätphilosophie Schellings an. Dem Unbestimmten wird am Ende der großen Systeme der Metaphysik eine neue, positive Funktion zugedacht. Es löst sich gleichsam aus der Umklammerung der identitätslogischen Vernunft, die es als ein negatives, als ein entweder Unwesentlich-Unbestimmtes oder Noch-nicht-Bestimmtes erscheinen lässt. Im Kontext der Negationslogik der Metaphysik wird das Unbestimmte als ein Mangel vorgestellt, das einzig von Gnaden des (an sich) Bestimmtseins Sinn und Geltung erlangt.

221 Schelling hat die richtige Intuition, wenn er sich gegen die negative Philosophie Hegels auf eine positive beruft, die in der Unvordenklichkeit der "freien Tat" das Unbestimmte zu einem Positiven macht und dieses "Seyn" als eine "furchtbare Realität" bestimmt, weil sie sich buchstäblich durch nichts als das "
Nicht-Seyende" getragen sieht. Dieses "Seyn" enthält kein Unterscheidungswissen, dass es gestatten würde, nach wahr oder falsch, gut oder böse zu urteilen.

Als
unvordenkliche Lebendigkeit des Wirkens entsteht das Wirkliche in der rotatorischen Bewegung ambivalenter Kräfte des Universums.

222 Das Seyn/Nichtseyende ist die Zone unbestimmter Bestimmtheit, der namenlose Ort, auf den Schelling sein Forschungsprogramm konzentriert.

"Furchtbar" ist die Realität (der Zone), weil sie der Rationalität keinen Halt bietet, Bestimmtes zu sagen. Sie muss einsehen, dass es ihr, entgegen dem Glauben des Idealismus, versagt ist, die Dinge in einem in sich transparenten, logischen Zusammenhang (Grund) aufzulösen.

Die Erfahrung des Seyns/Nichtseyenden stellt eine Erschütterung der Vernunft ohnegleichen dar; durch sie wird sie an die fundamentale Inkonsistenz der Dinge erinnert, die in jedem Augenblick den Verstand bedroht.

Schelling verdeutlicht die bis zum Paroxysmus gesteigerte Verwirrung des menschlichen Geistes angesichts des
prärationalen Urgrunds an der internen Logik oder dem Austausch von Wahnsinn und Vernunft.

Seine Frage lautet: "Was ist also die Basis des menschlichen Geistes in dem Sinn, in welchem wir das Wort Basis nehmen? Antwort: die Basis des Verstandes selbst also ist der Wahnsinn", er entsteht eigentlich nicht, "sondern treten nur hervor"*. "Was wir Verstand nennen, wenn es wirklicher, lebendiger, aktiver Verstand ist, ist eigentlich nichts als geregelter Wahnsinn." Wie bedrohlich auch die Kräfte des Verstandlosen sind: Wir können uns ihrer nicht nur nicht entledigen - sie gehören zur Grundausstattung der Welt -, wir bedürfen ihrer auch. "Die Menschen, die keinen Wahnsinn in sich haben, sind die Menschen von leerem, unfruchtbaren Verstand".

222 Der in "der Tiefe unseres Wesens schlummernde Wahnsinn" ist Gegenstand einer Bejahung. Der Bruch mit der Rationalität ist hineinverflochten in
ein Universum, das nach dem Muster der Selbstorganisation aus einem Wirbel hervorgeht. Schelling entwirft immer neue Bilder und eindrucksvollere Szenarien, um jener Logik des Ursprungs, die sich die Ursprünge verbirgt, Ausdruck und Geltung zu verschaffen.

223 Das Koordinatensystem, in das die Genesis der Welt eingezeichnet wird, zeugt von einem fundamentalen Widerstreit von Kräften, in dem die lautere Einheit von Geist und Schönheit ständig von einem lauernden Grund (blinder Wille) bedroht ist.

Boe:
Widerstreit von Kräften

Dieser Grund ist ein Abgrund, der sich selbst noch dem Gedanken verweigert, der ihn fassen will; der den Gedanken vielmehr mit auf "jenes wie wahnsinnig in sich selbst laufender Rad der anfänglichen Geburt" spannt, suchend, "ob er ihn etwa festhalten könne".

224 Gegen Hegels reflexive Geschlossenheit des Systems, dass Widersprüche nur intern, im Rahmen telologisch geordneter Sinnhorizonte zulässt, rechnet Schelling mit einem vorrationalen, ja vorweltlichen Irgendetwas oder Irgendmehr, das nicht einfach von außen gesetzt, sondern gleichsam - im rotatorischen Umtriebe - aus den Zusammenstoß der Logik mit sich selbst resultiert.

Auf dem "wie wahnsinnig in sich selbst laufenden Rad der anfänglichen Geburt" bleibt stets etwas unerreichbar, etwas Laufendes, Ungewisses, Brüchiges, eben der klaffende "Nichts-Hintergrund" des rationalen Verhaltens, das, was die Logik an sich selbst verzweifeln macht.

224 Dem Bewusstsein selbst ist die Rückkehr zum Ursprung verstellt; es reicht aus prinzipiellen Gründen nicht heran an das uranfänglich dunkle Wesen oder den implodierenden Kosmos von Erregungen und Vorstellungen, die fortan der unreinen Logik des Verflochtenseins gehorchen; die eine Mittellage ausbalancieren müssen, die irgendwo zwischen der "völligen Nacht des Bewusstseyns" und dem "besonnenen Geist" liegt.

226 Begriffe wie "Horizont" oder "rohes Sein" zeigen an, dass das
vorprädikative Sein nicht in der Negationslogik des Mangels begriffen werden kann. Dasselbe gilt (eingeschränkt) für den Katechismus des Weltbildwissens, dessen Verständnis und Geltung sich nur über die vorrationalen Glaubenspartikel erschließt, die gewissheitssichernd in ihn eingestreut sind. Als weithin akzeptiertes Resultat kann gelten, dass die Unabgeschlossenheit unserer Interpretationen nicht Zeichen eines Bestimmtheitsmangels ist,sondern urvordenkliche Startbedingung möglichen Gelingens, dass "Missverstehen" (Derrida) Nichtanzeige kollabierender Kommunikation, sondern Medium des Verstehens ist.

Wiederum lässt sich die Liste beliebig erweitern. Die Unbestimmtheit des Widerspruchskonzepts (Lyotard), die Unvollständigkeit formallogischer Aussagensysteme (Gödel) oder die unvermeidliche Koevolution eines göttlichen Beobachters (intellectus archetypus) infolge von Unterscheidungsoperationen überhaupt (Spencer Brown) - sie lassen weder alle Logik unmöglich sein noch alle disputatio sinnlos werden.

Was sie viel mehr anzeigen, ist die
Bejahung des paradoxen Doppelbindungsdispositivs unbestimmter Bestimmtheit. Kaum jemand hegt Zweifel darüber, dass der Positionierungsprozess mit großen Risiken behaftet ist. Gleichwohl taucht er in den Theoriebilanzen zusehends weniger als Verlust "alteuropäisch" tradierter Weltgewissheiten auf. Vielmehr wird er als Ausgangsbedingung zur Erschließung und Definition von Chancen begriffen. In Frage steht vorrangig die Ausdeutung des vorprädikativen Seins (apeiron) oder, zurückhaltender ausgedrückt, die Beschriftung des Formulars, die sagen muss, wie sie es mit der Metaphysik hält, die sich hier, nicht ganz programmgemäß, in Erinnerung bringt.

227 Selbst definitiv am Ende, wird die Metaphysik infolge der Einsicht in die grammatisch bedingte Struktur (in ein und derselben Hinsicht) teilrehabilitiert, denn alles kognitiv organisierte Verhalten (Unterscheiden, Selegieren, Prädizieren) verpflichtet die bestimmten Bezugnahmen auf ein unbestimmtes Irgendwas, auf das "Nichtseyende", das nicht jemals operativ oder algorithmisch abgearbeitet werden kann.

Das bestimmte Operieren schöpft aus einer unbestimmten Ressource, die alle verständigen Verhältnisse auf den Kopf stellt, sie regeneriert sich über ihre Verausgabung. Jede Handlung, jede Prädikation, jede Unterscheidung und jede Gleichung wird von einem unbestimmten "Mehr" oder transfiniten "Irgend" begleitet, das in keiner Gleichung aufgeht.

228 Adornos Charakteristik der Metaphysik bringt es auf den Punkt: "Was ist, ist mehr, als es ist." Auch wenn solche Sätze in Verdacht stehen, Einstiegsdrogen in leere philosophische Spekulation zu sein, sie bewähren sich auch auf dem harten Boden der Logik, die in Reflexion auf ihre Anfangsunterscheidung auf etwas stößt, das apeirotropisch reagiert.

Boe: Anaximander apeiron - das Grenzenlose, das grenzenlos Unbestimmbare

Aber das "Mehr" hat nicht nur dem Antipositivismus des 20. Jahrhunderts den Rücken gestärkt, es war gleichfalls das
Einfallstor für die negativen Theologien/Philosophien, die im Zwielicht des semantischen Differentials glaubten, dass in der Logik der Überschreitung (Transzendenz) entdeckte metaphysische Urgestein in ontologisch fundierten Sinn ummünzen zu können.

Dabei ist das vorprädikative Sein, dass in jeder prädikativen Referenz aufgerufen wird, nur die jedesmalig wiederkehrende, rein formale metaphysische Ausgangsbedingungen der Prädikation. Aber unverständlich war (ist) die Reaktion nicht, die immer auf dem Sprung steht, das vorweltliche Sein zu substantialisieren:

Eine Unterscheidung lässt sich nur machen, weil man (durch das semantische Dispositiv veranlasst) mit einer
weiteren (unbestimmten) Anfangsunterscheidung gerechnet, weil der „ouside observer“, wie Spencer Brown schreibt, tatsächlich so etwas wie einen transzendenten Richtungssinn entwickelt, d.h. eine Art epistemische Orientierung enthält, die, wie abgedunkelte auch immer, das Unterschiedene irgendwie verklammert.

228 Anders gesagt, wenn wir, wie in der Kontextanalyse gezeigt, unseren
Weltbezug über ein duales Referenzsystem ausdeuten oder in prädikativen Normierungen denkende Sprecher sind, dann sind wir eben auch allen Prädikationen (unvordenklich) vorauseilende Wesen, die sich in der Prädikation auf eine Art Vor-Wissen verlassen, dass so etwas wie einen impliziten Attraktor vergegenwärtigt: „That is to say, the outside is the side from which a distinction is supposed to be seen" (Spencer Brown LoF 69).

229 Vom ortlosen Punkt der Unbestimmtheit fällt ein innerweltliches Licht, das uns die einzelne Unterscheidung bzw. Prädikation erst verstehen lässt. Das heisst, das Unbestimmte ist sinnkonstitutiv, es regiert in die Proposition hinein, ohne in Form einer Proposition festgestellt werden zu können.

In der Sprache Hofstadters liest sich das so: Wahrheit und Beweisbarkeit sind nicht dasselbe. Beweisbarkeit setzt die Unbestimmtheit der Wahrheit voraus. Eine einzelne wahre Aussage lässt sich in einem Satz wiedergeben, aber Wahrheit ist „Über-Satzheit“, eben das, was in jedem formalen System „über Satzheit hinausgeht“.

An dieser Stelle bietet sie sich an, den Faden Nietzsches wieder aufzunehmen und zu sagen, warum auch er sich in den Fallstricken der Metaphysik verfängt, die er auflösen wollte. Sein Blick, unverwandt auf die Kritik der Metaphysik gerichtet, lässt ihn dem semantischen Nihilismus nicht entkommen.

Nietzsche interpretiert das grammatische Schema, das die Geschichte des Denkens dem Begriff Gottes eingeschrieben hatte zuvörderst als Zwang, aus dem alle Hinterwelten der Metaphysik geboren werden. Dieser Zwang lässt uns im Kreise der Grammatik denken/ laufen, wie die Gitter der Käfige der Tiere. Was er in diesem Zusammenhang übersieht bzw. nicht konsequent verfolgt, ist, dass der sprachliche Handlungszwang entlang dem Schema (wiederum) erst von einem imaginären Punkt aus verstanden und beurteilt werden kann, der per unbestimmten Vorgriff dem grammatischen Schema nicht untersteht.

230 So sehr wir auch genötigt sind, der Grammatik zu folgen, sie selbst (ihr Gebrauch durch uns) eröffnet uns in ein und derselben sprachlichen Handlung die Möglichkeit, uns (überprädikativ) den Zwang, wenn auch nicht zu entwinden, so in doch zu sehen. Das heisst, in der Folgsamkeit gegenüber der Grammatik bezeugen wir in jeder Unterscheidung, in jeder Prädikation und Bezugnahme
ein unbestimmtes Irgendetwas, das als Abwesenheit von allem bestimmt ausgesagten Sein die permanente Startbedingungen für das ist, was wir den Differenz-Sinn der Freiheit genannt haben.

Die vorprädikative Referenz ist das Alleralltäglichste und Trivialste, aber man kann nicht aufhören, sich über diesen metaphysischen Irrsinn zu verwundern; ausgerechnet eine so windige Existenz wie das Unbestimmte soll alle Last bestimmter Unterscheidungen tragen und eine stets sich wieder einstellende intelligible Basis unserer Urteile und Handlungen sein.

230 Vor dem Hintergrund der
Semantik unbestimmter Bestimmtheit und der ihr eingeschriebenen Logik doppelter Referenz lässt sich Schellings Kritik der Prädikation ohne Verständnisschwierigkeiten entfalten. Denn Schellings Diskussion der Identitätslogik des Urteils zieht die Konsequenz aus eben der Struktur, die das Denken nötigt, bestimmtes und unbestimmtes Wissensmoment auszupendeln. Der Gedanke scheint nirgends folgerichtiger entwickelt als in dem späten Text einer „Darstellung des philosophischen Empirismus“. Mit einer Klarheit und Deutlichkeit, die eindrucksvoller nicht sein könnte, erklärt Schelling:

Auch hier ist wieder ein Standpunkt, auf dem wir erkennen, wie nothwendig die Anerkenntnis auch des nicht Seyenden ist, indem ohne dieses auch das Seyende nicht erkennbar seyn könnte. Oder vielmehr hier ist der höchste Standpunkt dieser von Platon mit Recht so gerühmten Einsicht.

Denn eben jenes bloß wesentliche Seyende ist nicht das positiv Seyende, sondern nur das nicht nicht seyn Könnende, dass wir nicht eigentlich setzen, sondern nur nicht setzen können, oder dass wir nicht als Gegenstand unseres Wollens oder wissend, sondern nur gleichsam nicht= wollend und nicht=wissend setzen. Nämlich wissend setzen wir nur den Herrn des Seyns;…

Da dieses Seyn nicht nichts, sondern die Wurzel des Seyns ist, so können wir es bestimmen als lauteres Seynkönnen. Das Seynkönnen aber ist seiner Natur nach zweideutig oder amphibolisch. Es ist Seynkönnen, wenn es in sich selbst bleibt, nicht in das Seyn übergeht; wenn es aber in das Seyn übergeht, ist es nicht mehr Seynkönnen und nicht mehr Wesen; es ist jetzt das, was seyn konnte und nicht seyn konnte.

Es liegt in jenem bloßen Wesen die Möglichkeit eines nur noch nicht hervorgetretenen Andersseyns.

231 Schellings Auseinandersetzung mit dem tradierten Urteilsverständnis greift diesen Gedanken des „Seynkönnens“ auf. Sie ist weder verstiegen noch dunkel, sondern glasklar; sie könnte selbst noch im Blick auf die Metaphorik einem logischen Positivisten zur Ehre gereichen.

Boe: Potentialität, Möglichkeitsraum, Stufe Null (Fuchs)

Subjektsein ist danach nicht Prinzip, nicht der höchste Punkt, an den alle Urteile geheftet werden und von dem aus alles Gegebene dem Begriff subsumiert wird. Es ist seiner wahren Bedeutung gemäß das Unterworfene: „subiektum“.

Von diesem „völlig selbstlos Seyenden“ nimmt Schelling an, es sei die immer vorausgesetzte, vorrationale Basis unserer Urteile. Gott ist der höchste „Gegenstand“ der ontologischen Metaphysik. Ihn zu denken als den „Herrn des Seyns“ bedeutet, das Subjekt (des Urteils) nur als Subjekt Gottes aufzufassen, als das depotenzierte, subjektlose Etwas, das dem Urteil zu Grunde liegt.

Das Subjekt ist nichts an ihm selbst, es ist „nur Träger“, d.h. „Subjekt von Gott“. Die wahre Bedeutung der Copula muss entsprechend darin gesehen werden, dass „A nichts selbst ist, es ist nur Träger von B“, was Schelling den Gedanken anschließen lässt, das auxiliare „sein“ als (sein-)können auszulegen; „sein“ wird als „können“ interpretiert, d.h. als „vermögen“, „wissen“, "kennen“, „sich verstehen auf". Das „können“ erlangt dadurch die Bedeutung des Wesens oder, wie Schelling auch sagt, die „Bedeutung des Befestigenden“. Seiner paradoxen Natur nach ist es „das bloß wesentliche Seyn“ (das nicht nichts ist).

Boe: befestigen - erfassen (Gamm 345)

232 Das Gott (oder die übernatürliche Lebendigkeit allen Wirkens) denkende Subjekt ist auf diese Weise betrachtet das lautere Können oder die jeder Prädikation Sinnidentifizierung sich ungewollt entziehende Urteilsbasis, das bloß substantielle Seyn, das nach Art einer epistemischen Orientierungsreaktion Gott oder das Absolute anzieht.

Das Absolute ist der Attraktor, der die Aussage mittels der intelligiblen Bande des Unbestimmten fesselt. Für jeden durch eine Proposition aufgerufenen Kontext gilt das nämliche. Seine welterschließende Kraft versteckt das göttliche Sein in dem, was nicht im Medium propositional Satzwissens rekonstruiert werden kann.

232
Jede Unterscheidungsoperation, die wir machen, findet sich in das diffuse Licht einer Anfangsunterscheidung gestellt, die „wir nicht eigentlich setzen, sondern nur nicht nicht setzen“. Daher sagt Schelling vom Subjekt auch „im gewissen Sinn“, „es sey Gott“, d.h. ein Absolutes, das jedem bestimmten Urteil und jeder einzelnen Stellungnahme unvordenklich vorausliegt.

Urteilen ist an Prädikation gebunden; aber es induziert in ein und derselben Handlung eine Überschreitung, die im reinen Seynkönnen eines dezentrierten oder selbstvergessenen Subjekts (zeitlich) anwest. Besser noch wäre zu sagen: Das Medium („Träger“) des Urteils ist selbstloses Seynkönnen, dass im Urteilsvollzug (unbestimmt) appräsentiert.

Boe: unmarked space - Gamm 234

234 "Sein, das verbergend sich entbirgt" (Heidegger) ,"bestimmte Leere" (Merleau-Ponty), " grundlos sich selbst begründendes Weltbild" (Wittgenstein),"Differenz im Ursprung" (Derrida) heissen - unter vielen ähnlich lautenden - die paradoxen Grundbegriffe des modernen Denkens.

Sie lassen alle eine Stelle, eine Markierung offen (unmarked space), die für die Explikation dessen, was gesagt werden soll, eine Art unbestimmter Hintergrundabsicherung aufbaut, welche die Äußerung allererst bestimmt oder der Propositionalisierung zugänglich hervortreten lässt. Für die verkleinerten Formate oder die säkularisierten Ausgaben der Grundbegriffe wie "Kontext", "Paradigma" oder "Hintergrund" gilt das nämliche.Zurück bleibt stets ein X, ein imaginäres Etwas, eine jede propositional Bestimmtheit transgredierende Unbestimmtheit. Das "X" ist der intramundale, immer abwesende Repräsentant des absoluten Wissens.

Boe: unmarked space - hagasuzza

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