Gerhard Gamm
Flucht aus der Kategorie
Die Positivierung des Unbestimmten
Suhrkamp 1994


7 Vorwort: Unbestimmtheit
Kann man über das Unbestimmte überhaupt etwas sagen? Lässt sich anderes oder mehr darüber sagen, als dass es eben nicht bestimmt ist, mithin unübersichtlich, verworren, diffus und chaotisch?

...die Rede im Rahmen der Philosophie müsse gleichsam der Minimalbedingung aller Rede genügen. Der Gegenstand müsse wenigstens in Teilen der sprachlich kommunikativen Explikation und begrifflichen Analyse zugänglich sein. Das ist der Fall, denn es besteht kein zwingender Grund zu glauben, zunächst jedenfalls nicht, dass die Rede über das Unbestimmte selbst unbestimmt, vage und verschwommen sein müsste. Der Begriff des Unbestimmten muss selber nicht unbestimmt bleiben; seine Struktur kann, wie sich zeigen wird, nach Maßgabe prädikattiver Redeformen differenziert werden.

Skepsis könnte sich dann einstellen, wo man sich nicht mit dieser Antwort bescheidet und danach fragt, ob die Bestimmtheit diakritischer Rede über das Unbestimmte nicht doch auch etwas von der Natur der Sache mit zur Sprache bringen müsse,
weil es doch auch etwas an dem Unbestimmten gebe, dass sich der begrifflich- diskursiven Vereinnahmung widersetze - nicht ohne Grund werde es dem, worüber sich bestimmt und mittels wohlunterschiedener Bedeutungen sprechen lässt, entgegengesetzt.

Fordert das Unbestimmte an den Dingen und Situationen nicht vielleicht die philosophische Rede dazu heraus, es in einer
Sprache zu tun, die sich im Niemandsland zwischen dem Bestimmten und Unbestimmten bewegt? wäre da beispielsweise der Rückgriff auf Metaphern und Gleichnisse, auf das ganze Arsenal uneigentlicher oder indirekter Sprach- und Stilfiguren ein möglicher Ausweg?

8 Es könnte also sein, dass der philosophische Diskurs über einen Grenzbegriff wie das Unbestimmte bestimmte Rücksichten zu nehmen hat. Die Gefahr ist in der Tat gross, so zu tun, als sei man der Sache immer schon mächtig. Das ist bei dem Unbestimmtheitsthema noch weniger als sonst der Fall. Eine richtige Witterung (mindestens) für den Zeitgeist verrät die zweite Reaktion, wenn sie Unbestimmtheit mit Postmoderne in Verbindung bringt. Im losen Verbund mit Merkmalen wie Fragmentierung und Montage, dem Ende der grands récits (Lyotard) und der Entkanonisierung autoritativer Lebensentwürfe, mit Performance und Partizipation, Ironie und Ichverlust taucht regelmäßig auch Unbestimmtheit auf, um die Postmoderne zu kennzeichnen. Unbestimmtheit, besser Unbestimmtheiten gelten als Medien eines postmodernen Existenzgefühls:
"Sie schließen alle Arten von Ambiguität, Zäsuren und Verschiebungen ein, wodurch unser gesamtes Wissen und unserer Gesellschaft beeinflusst werden.... Unbestimmtheiten erfüllen unsere Handlungen, Ideen und Interpretationen; sie konstituieren unsere Welt."
(Hassan I. Pluralismus in der Postmoderne)


9 Metaphysik unbestimmter Bestimmtheit -
Gödel, Hofstadter, Heisenberg


10 der Laplacesche Traum einer streng deterministischen Vorhersage zukünftiger Naturverläufe...

11 Ein Stichwort lautet "Möglichkeit" und bezieht sich auf das allgemeine
Bewusstsein der Aufwertung des Möglichen gegenüber dem Wirklichen...Musil: Der Mann ohne Eigenschaften.

Boe: Potentialität - Schelling: Seynkönnen (Gamm 212)

Heideggers These vom Vorrang des existential Möglichen vor dem Wirklichen geht in eine ähnliche Richtung: "Dasein ist je seine Möglichkeit."

Überhaupt scheint Heidegger derjenige Autor zu sein, der in seinen Spekulationen über die ontologische Differenz das philosophische Selbstverständnis am nachdrücklichstern mit dem Problem vom
Sein als Bestimmtsein (Seiendes)und Sein als Unbestimmtsein konfrontiert hat.

Heideggers weitläufige Unterscheidung wiederum ist Teil einer tiefen Strömung neuzeitlich selbstkritischen Bewusstseins, das in vielen Gestalten des philosophischen Denkens im 20. Jahrhundert präsent ist. Wenngleich aus verschiedenen Quellen gespeist, enthält sie der allgemeinen Tendenz nach eine Kritik der identitätslogischen Auffassung von Vernunft ( und Gesellschaft).

Das Denken im Horizont der Identität gibt vor,die Welt im Rahmen eindeutig und verschiedener Kategorien verstehen und begreifen zu können. Es provoziert aber auch den Verdacht, nicht genügend Raum zu lassen für das Individuelle und Mannigfaltige,für das Situative und Vorreflexive, für das Neue und Unbegrenzte, für das Heterogene und Ambivalente der Dinge.

12 Entsprechend formieren sich die Leitbegriffe der Kritik im Widerstand dagegen. Sie rekurrieren auf ein Nichtidentisches oder ein Bewusstsein der Differenz, auf ein Denken des Außen oder des Anderen der Vernunft; sie verweisen auf die unaufhebbare Kluft zwischen Sinnlichkeit und Begriff oder zeigen, wie jeder Versuch einer vernünftigen Selbstbegründungen der Vernunft in einen Strudel abgründiger Aporien gerissen wird. Kurz, sie verweigern den hegemonialen Ansprüchen der Vernunft darin die Gefolgschaft, alle Realität der Hyperkategorie der Bestimmtheit zu unterstellen.

212 Anders gesagt, diese Skepsis demonstriert auf allen Ebenen (der Logik, der Epistemologie, der Ontologie) den Positivismus einer Vernunft, der behauptet, die Welt in wohldefinierte Grenzen einschließen zu können, obschon der einfache Versuch, eine Grenze als Grenze, einen Unterschied als Unterschied zu definieren, es notwendig macht, auf irgend etwas zurückzugreifen, dass sich der Macht der Definition entzieht.

Auf ein anderes Terrain gerät man, wendet man den Gedanken des Unbestimmten ins Anthropologische. Wiederum scheint Nietzsche derjenige Autor zu sein, der sich im Übergang zur Moderne dieser Frage am nachdrücklichsten gestellt hat. Seine Rede vom Menschen als dem "nicht festgestellten Tier" macht deutlich, dass sich in der Existenz des Menschen keine göttlich oder natürlich verbürgte Bestimmung auffinden lässt, dass kein ontologische vorbestimmter Zweck seinem Handeln Anschluss an überzeitlich gültige Normen verschafft.
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14 Einleitung:

14 Dass etwas unbestimmt ist, kann vieles bedeuten.... Der Ausdruck "unbestimmt" kann sich auf eine Unklarheit beziehen, die in einer Sprecherintention mit einer relativ eindeutigen Äußerung verbunden ist. Das gilt insbesondere für Unbestimmtheiten, die aus einem Nichtwissen resultieren.

15 Unbestimmtheitssemantiken
Die Diskussion der Unbestimmtheitssemantiken ist an bestimmte Kriterien geknüpft. So sollte die Entstehung von Unbestimmtheit in sprachphilosophischen, gesellschaftstheoretischen oder ontologischen Zusammenhängen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit erfolgen, mithin im Rahmen von Sprache, Kultur und Denken eine formal bedeutsame Problemlage oder Struktur erkennen lassen, die in überzufälligerweise die philosophischen Diskurse der Moderne durchquert.

Eine zweite Bedingung erscheint nicht weniger wichtig: es geht um Unbestimmtheit, die nicht durch Zuwachs an Wissen klein gearbeitet werdenoder durch hinreichende Kenntnis bzw. Prüfung der relevanten Umstände eine eindeutige Entscheidung zwischen wahr/richtig und falsch motivieren kann. Das heisst, es geht um prinzipielle Unentscheidbarkeit und die Kommunikation von Nichtwissenkönnen.

In die relevante
Problemklasse Unbestimmtheit fallen daher beispielsweise die unentscheidbaren Widersprüche,die der philosophische Diskurs der Tradition bis zu den Antinomien der Vernunft verschärft hat. Es geht aber nicht um Fragen einer formalen Semantik, die, für Kontexte sensibilisiert, versucht, den Formalisierungsgrad mittels logischer Präzisierung von unbestimmten oder vagen Wortbedeutungen zu erhöhen.

16 Die Gesamtsituation ist dadurch charakterisiert, dass
das, was wir wahrnehmen, sich nicht in ein wohlbestimmtes Bild der Situation "einfrieren" lässt; es gelingt nicht die schnelle Bilderfolge dem Chaos wechselnder Halbgestalten zu entreißen.

Mit einer Metapher könnte man sagen, das Unbestimmte stehe in diesem Zusammenhang für
ein Zwischenreich, dass auf der einen Seite an das Chaos angrenzt, um auf der anderen in Form einer gleichsam schwachen Bestimmtheit " fliehender Gestalten" mit der vertrauten Welt wohl definierter Dinge verbunden zu bleiben.

Die flüchtigen Natur der Dinge und das Zwischensein spielen im Umkreis des Unbestimmtheitsschemas eine bedeutende Rolle. Aber der Bezug auf beide Charakteristika geht in dieser Arbeit nicht auf die Phänomenologie unbestimmter Wahrnehmung, sondern - in strenger Analogie - auf die Logik und
Semantik des Unbestimmten.

17 Von der Vorstellung eines Chaos als "Nichts-Hintergrund" ist daher wenig die Rede, vielmehr geht der Sinn auf die Semantik des Unbestimmten in den gewöhnlichen Begriffen wie "Hintergrund" oder "Perspektive", die zwar nach der einen Seite zum Chaos hin geöffnet sind, ja, von der Leere des "Nichts-Hintergrundes" zehren, ohne aber in der Indifferenz entropischer Strukturlosigkeit zu versinken.

Das Unbestimmte ist nicht das Unbegrenzte jenseits der bewohnten Welt; es entsteht in Form von Begriffen wie "Hintergrund" oder "Kontext" wie von selbst. Der Expressionismus des Chaosbegriffs setzt da die Phantasie auf die falsche Fährte. In der Nähe der bestimmten Dinge ist die Präsenz des Unbestimmten grenzenlos.

Boe: vgl. Spencer Brown LoF107 - Gamm: 159, 235

Wenn wir eine bestimmte Erfahrung machen oder einen bestimmten Gegenstand wahrnehmen, ist das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, eben diese bestimmte Erfahrungen oder dieser Gegenstand. Der Kontext verweist auf den nicht expliziten Horizont, vor dem die Erfahrung oder Wahrnehmung verstanden werden kann; er äußert sich in einem gleichsam
"stillschweigenden Wissen" (implicite knowledge - M.Polany), das vorausgesetzt wird, wenn der im Fokus der Aufmerksamkeit stehende Gegenstand beobachtet wird.

Das Kontextwissen ist ein unthematisches, mitlaufendes Wissen, das, ohne dass es bewusst ist, in der Gegenstandswahrnehmung präsent ist. Für den Begriff des Hintergrunds gilt das nämliche. Hintergrund ist, wovon ich mir nicht ausdrücklich bewusst bin, dass er mir das "Im-Vordergrund-Stehende" verständlich macht. Der Hintergrund ist mir vertraut, er lässt den Gegenstand erscheinen, dem meine Aufmerksamkeit gilt. Aber der gewohnte und selbstverständliche Umgang mit dem Hintergrund ist nicht in der Weise ausdrücklich oder fokal bewusst, wie die Erfahrung, der ich mich (gerade) zuwende.

18 Das heisst: Der Hintergrund ist erstens nicht das, was mir schlicht unbekannt oder gänzlich entzogen ist. Es ist möglich, den Hintergrund oder wenigstens Teile desselben zu thematisieren, zum Beispiel seine Wirkung auf das Im-Vordergrund-Stehende zu untersuchen, d.h., seine anwesende Abwesenheit auf den Zustand eines impliziten oder unausgeglichenen "Mitlaufens" herauszuheben und sprachlich zu objektivieren. Das scheint wenigstens teilweise zu gelingen, in sofern ich mich auf meine Vertrautheit mit ihm stützen kann. Was ich zur Sprache bringe, ist das, was mir immer schon geläufig ist, auch wenn ich es niemals zuvor in Worte gekleidet habe.

19 Fast zwangsläufig bricht sich in Philosophie und Wissenschaft das Bewusstsein der Unbestimmtheit Bahn. Allgemein gesagt ist die Unbestimmtheit das Indiz für eine "Lücke" im kohärenten Begründungszusammenhang, die gebietet, von der Identität oder Bestimmungslogik Abstand zu nehmen.

Die Identitätslogik des vergegenständlichenden und festsetzenden Denkens taugt nicht (mehr) als Grundlagentheorem der Philosophie.

Die Erfahrung der Lücke zeigt sich aber nicht nur im epistemischen Bereich der Logik von Begründungsfragen und der Ontologik von Weltverhältnissen, sondern auch phänomenologisch als "Verlust des Weltvertrauens"und als Erfahrung der "Negativität".

Die Philosophie unter dem Primat bestimmungslogischen Denkens war mit der Idee verbunden, die Weltverhältnisse von ihrer wesentlichen Struktur her aufklären zu können....

Entsprechend dieser Vorstellung erscheint die Welt als ein Ordnungsgefüge, das ontologisch festgestellt ist und das die Tradition der Philosophie zumeist am Leitfaden sprachlicher Prädikation zu entschlüsseln suchte.

Seit dem Ende der großen Systeme der Metaphysik und dem Reflexivwerden des Wissens ist die Idee einer ontologisch- metaphysischen Weltauslegung problematisch geworden. Die Welt, lange Zeit hierarchisch nach höheren und niederen Vermögen gedacht, wird nicht mehr hinsichtlich ihrer wesentlichen Struktur befragt; vielmehr hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass dasjenige, was für uns Welt ist, das kontingente Resultat unserer gesellschaftlich-geschichtlichen Tätigkeit ist und sie nur in diesem Rahmen verstanden werden kann.

20 In der Tradition der ontologischen Metaphysik ist die Form des prädikativen Urteils die Leitvorstellung, in deren Rahmen sich ein Denken des Seins als Bestimmtsein entfaltet. Nur dasjenige Seiende wird in der Regel als "wahr" oder "wirklich" ausgezeichnet,das sich über die Urteilsform prädikativer Bestimmtheitsaussagen lässt.

21 der langen Geschichte des Bestimmtheitsdenkens - differenzierte Einstellung gegenüber dem vorprädikativen Sein - Semantik des Unbestimmten - dem chaotisch Manigfaltigen

22 ..ausgehen von den späten Diskursen Husserls und Wittgensteins:
Semantik unbestimmter Bestimmtheit. Die Überlegungen erläutern die These: dass in der radikalisierten Moderne alle begründungtheoretisch relevanten Begriffe von der nämlichen (paradoxen) Struktur unbestimmter Bestimmtheit durchquert werden; dass Begriffe wie "Horizont" und "Weltbild", "Perspektive" und "Kontext" moderne/postmoderne Abschlusskonzepte auf Zeit sind, für die Unbestimmtheit (Unbestimmbarkeit) in einem quasi-transzendentalen, operativen Sinn konstitutiv sind.

23 ...eine der Archäologie vergleichbare Analyse der epistemischen Grundbegriffe, die die Unbestimmtheitssemantik im Kontext unterschiedlicher Philosophietraditionen zu erhellen versucht.

Reflexivwerden des Wissens

24 ...das
Verständnis eines praktisch motivierten Unbestimmten im Zusammenhang einer Logik des sozialen Sinns. - Reflexion auf die Grenzen der episteme -

25 Die konstitutive Unbestimmtheit sozialer Kommunikation öffnet den Blick für den Differenzsinn der Freiheit, der seinen Ausgang im Anerkennungs Verhältnis freier Individualitäten hat diese überlegung steht hinter den Ausführungen zu den Gesellschaftstheorien von Luhmann und Bourdieu.

26
Pluralität der Weltbilder

28 ...Die Weltbilder selbst als formale welterzeugende Rahmen offerieren eine Transitgestaltung verbinden sich mit einer Mehrzahl von Rationalitäten, die im Begriff stehen, sich diachron wie synchron zu vervielfachen.
Nicht dass darum alles beliebig wäre und jede Ordnung gleich gut oder wünschenswert; nur lässt sich kein Weltbild mehr dadurch vor einem anderen auszeichnen, dass man es ontologische als die wahre Natur der Welt qualifiziert.

Das
Bewusstsein der Kontingenz (dass es auch anders sein könnte) genügt, den gleichsam ontologisch letztbegründeten Rechtstitel für ein bestimmtes Weltbild in Zweifel zu ziehen. Nicht nur der Vergleich mit anderen Weltbildern, auch interne Gründe legen es nahe, mit einem Konstruktionsanteil beim Weltbildaufbau zu rechnen. Sie schließen damit eine jegliche substantielle Fundierung des Wirklichen aus. Die Annahme einer Pluralität der Weltbilder bringt weniger einen allgemeinen Wirklichkeitsschwund zu Bewusstsein;sie hebt vor allem auf eine ontologische Unbestimmtheit ab, die zeigt, dass eine kontingentgewordene Welt zuletzt keine andere Referenz mehr aufweist als die, durch die sie gesetzt ist. Wirklichkeit und Sinn werden nur mehr beglaubigt durch die, die sie schöpfen.

Boe: "Das Sinn-System" Luhmann - Fuchs

29 Das Reflexivwerden des Wissens und der sozialen Kommunikation ist ein Kennzeichen der modernen Welt. An die Stelle ursprungslogischer Fundierungs- und Begründungsversuche (Kosmos, Gott, Selbst, Natur und sofort) tritt die Rekursivität der Selbstvalidierungsverfahren von (perspektivisch bestimmten) Individuen und sozialen Systemen. Die Vermittlung selbst ist Grund geworden. Anders als bei Platon und der metaphysischen Tradition wird im Reflexivwerden (des Grundes) des Wissens nicht das Allergewisseste, sondern
Unsicherheit und Nichtwissen kommuniziert. Die Rückbezüglichkeit selbst ist ständige Quelle der Unsicherheit.



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