Ranulph Glanville
Das Selbst und das andere:
Der Zweck der Unterscheidung

in: Kalkül der Form, Herausgeber Dirk Baecker. Suhrkamp 1993



Glanville-86

"
Das Ende ist im Anfang, und doch macht man weiter".
Samuel Beckett, Endspiel

Zusammenfassung:
In diesem Beitrag wird unter besonderem Bezug auf die Unterscheidung zwischen Selbst und anderem untersucht, wie Unterscheidungen im Sinne von G. Spencer Brown getroffen werden.
Es wird festgestellt, dass eine Unterscheidung, die sich selbst treffen muss, auch eines anderen und einer Transferunterscheidung bedarf und dass diese den Zweck einer Unterscheidung aus etwas generieren können, dass aus ihr, durch sie und für sie entsteht.

Hintergrund:
Schon seit geraumer Zeit beschäftigen mich der Begriff einer Unterscheidung Im Sinne G. Spencer Browns sowie bestimmte Widersprüche, die in Spencer Browns Formulierungen auftauchen. Bei Versuchen, dieses Problem zu lösen, kam ich zum Ergebnis, dass eine Unterscheidung einen Raum nicht spalten kann und dass ihr Wert sich von dem ihrer Markierung nicht unterscheiden darf, dass also eine Unterscheidung sich selbst unterscheidet (sie selbst ist). Das löst das Problem von Henne und Ei, das in Spencer Browns „assumed piece of paper“ liegt, auf dem Markierungen vorgenommen werden (das unmarked cross), das Problem des infiniten Regresses, dass aus der Unterscheidung zwischen Markierung und Wert resultiert und das Problem der Unterscheidung des Unterscheiders (denn an wen sonst richtet Spencer Brown seine Aufforderung: Triff eine Unterscheidung?) vom Unterschiedenen, dessen Markierung und Werft durch das Treffen der Unterscheidung unterschieden werden. Das heißt also, die Unterscheidung zwischen dem Selbst als seine eigene Markierung und seine eigene Werteinheiten sollte als die letzte mögliche Unterscheidung erscheinen.

Argument:
Wir können folgendes als gegeben annehmen:
Wir konstruieren unsere Realitäten.
Wir tun dies, indem wir Unterscheidungen treffen.
Wir sind nicht allein.
Ferner sind verschiedene Typen von Unterscheidungen zwischen, von und durch Selbst des Selbst - Selbst des anderen möglich.

...Wir können dies wie folgt zusammenfassen:
Das Selbst unterscheidet das Selbst.
Indem es das Selbst unterscheidet, unterscheidet das Selbst ein anderes.
Das andere unterscheidet sich als sich selbst.
Das andere unterscheidet das Selbst als ein anderes.

Ob ein anderes ein anderes als ein anderes unterscheiden kann oder nicht, scheinen wir nicht wissen zu können, denn wir können nie ein anderes sein.

… wir haben festgestellt, dass im Ausgangspunkt die Selbstunterscheidung die Selbstunterscheidung eines anderen impliziert und dass dies die Selbstunterscheidung einer dritten Unterscheidung impliziert, die das Erscheinen der Rollen des Selbst und des anderen ermöglichte, was wiederum Beobachtung (Kommunikation) zwischen diesen Selbsten erlaubt.

...
Man kann also von einer Unterscheidung sagen, dass sie sie selbst ist und doch als etwas betrachtet werden kann, was in ein Tripel formal identischer Unterscheidungen dekomponiert werden kann.

Das Treffen der Unterscheidung impliziert, dass sie Teil eines Tripels ist, und dies ist ein weiterer formaler Wiedereintritt des Intensionalen und des Extensionalen. Obwohl es nicht nötig ist, solch eine Menge von Unterscheidungen auseinanderzubrechen oder zusammenzusetzen, ist dies doch das Resultat eines umhersuchenden Fragens, dass keine Ruhe lässt, bis es die endgültige Antwort bekommt.

Dieses Tripel der Rollen des Selbst, des anderen und der Transfermittel ist wiederum direkt analog zu den drei Elementen des unteilbaren Objektes; das beobachtende Selbst, das beobachtete Selbst und die Modellfähigkeit. Die Notwendigkeit eines minimalen Tripels ist ebenfalls formal analog der minimalen Einheit des Wissbaren (dem Topos) bei Pask, die Minimalfall von einem geschlossenen Kreis dreier Elemente ableitbar ist, von denen es eines ist.

Insofern wir hier überhaupt irgendwelche Fragen gelöst haben, haben wir eine gemieden, die mich besonders interessiert. Diese Frage ist, wie eine Unterscheidung auftauchen kann. Damit deutlich ist, dass diese Frage nichts mit einem Versuch zu tun hat, vor den Beginn zurückzuschauen, verwende ich das Wort „Werden“.

Jede Unterscheidung kann als ein Tripel formal identischer Unterscheidungen betrachtet werden; ebenso kann man sehen, dass jede Unterscheidung impliziert, Teil eines Tripels zu sein, das eine Unterscheidung ist.

In diesen Tripeln gibt es eine Selbstunterscheidung, eine andere Unterscheidung und eine Transferunterscheidung zwischen den beiden. Der Zweck der Transferunterscheidung ist es, die beiden verschiedenen Rollen der Selbstunterscheidung unter anderen Unterscheidung zu ermöglichen (wie beide Selbstunterscheidungen ihrer selbst sind) und dies ohne jeden Rekurs auf irgend einen externen Beobachter zu tun (denn woher sollte dieser andere denn mit einem Male auftauchen?).

In dem Tripel übernimmt jedoch jede Unterscheidung im Hinblick auf die anderen Unterscheidungen jede der Rollen: das heißt, jede der drei Unterscheidungen ist eine Transferunterscheidung für die beiden anderen. Jede hat demnach den Zweck, das Selbst von anderen zu unterscheiden. Ohne diesen Transfer gäbe es keine Selbstunterscheidung und so weiter. Die drei sind in interdependent, und jeder liefert den Zweck für die beiden und der beiden anderen. Der Zweck einer Unterscheidung liegt also nicht außerhalb ihrer, sondern in ihr (in dieser Hinsicht ist sie eine weiße Black Box). Es liegt darin, zwischen dem Selbst und dem anderen zu unterscheiden, das heißt, Unterscheidung möglich zu machen.

Daher gilt:
Alle Unterscheidungen sind sowohl konstituiert aus Tripeln wie Teile von Tripeln.
Der Zweck einer Unterscheidung ist, sich selbst zu treffen (ziehen).
Eine Unterscheidung ist ihre eigene Motivation, ohne die sie nicht werden oder fortfahren zu werden würde.

Reflexion:
Ich habe immer schwach gehofft, wie letzte Unterscheidung getroffen zu haben, und hatte dabei einen vorübergehenden Erfolg, der sich dann als schlecht begründet herausstellte. Ich weiß nicht, warum ich das überrascht, denn meine eigene Arbeit „The Nature of Fundamentals of Nature“ hat bewiesen, dass (und warum) dies nicht möglich ist.
Wir wissen, dass wir kein endgültiges, unwiderlegbares, grundlegendes Wissen haben können, und doch scheinen wir darauf angewiesen zu sein „ weiterzumachen“. Warum halten wir nicht einfach an uns sagen, „ dies ist weit genug“. Warum fragen wir immer die Fragen, von denen wir so sicher wie hier über irgend etwas sicher sein können, wissen, dass sie uns unterminieren. Warum müssen wir den Kreis unterbrechen? Warum sind wir nicht einfach zufrieden. Vielleicht sollte ich hier innehalten, damit zufrieden, keine Fragen zu stellen oder zumindest damit, dem Versuch aus dem Weg zu gehen, sie zu beantworten. Denn die Suche nach dem Fundamentalen und Fixen ist sinnlos und wird immer fruchtlos sein. Dies, nehme ich an, ist eine grundlegende Wahrheit.
Oder vielleicht sollte ich einfach akzeptieren, dass diese Suche das Grundlegende ist und dass das, was sie hervorbringt, dass so genannte Wissen, notwendigerweise mit der Wahrheit nichts zu tun hat, genauso wie das Gewusste ein unzureichendes Zeichen für Wissen ist. Das ist der gezeichnete Weg.

„… ich weiß nicht, ich werde es nie wissen, im Schweigen weiß man nicht, man muss weitermachen, ich werde weitermachen.“
Samuel Beckett. Der Namenlose




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