Gotthard Günther
Das Bewusstsein der Maschinen
Eine Metaphysik der Kybernetik
Agis Verlag, 2002


229 Günther- Cognition und Volition
Problem der Subjektivität

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... eine totale Revolution unseres traditionellen wissenschaftlichen Weltbildes, eines Konzeptes, das unsere Welt als unversöhnliche Dualität von Form und Stoff, von bedeutungshaltiger Information und physischer Energie, von Subjekt und Objekt und letztlich vom theoretischer Vernunft und pragmatischem Willen begreift - dann sind die gegenwärtig in der Kybernetik angewandten wissenschaftlichen Methoden völlig unzulänglich. Sie sind deshalb gänzlich unangemessen, weil sie unter der Voraussetzung entworfen wurden, dass die klassische Dualität, die sich in der generellen Spaltung zwischen Natur und Geisteswissenschaften wiederspiegelt, immer noch gültig ist.

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...ehe wir nicht der Problematik der Subjektivität angemessener Methoden entwickelt haben, wird sich daran auch nichts ändern. Als die Griechen ihre wissenschaftlichen Methoden entwickelten, die - was die fundamentalen logischen Voraussetzungen betrifft - noch immer die unsrigen sind, taten sie dies innerhalb eines Vorstellungsrahmens, der Subjektivität radikal ausschloss.

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Analyse der fundamentalen Beziehung zwischen Subjektivität als Prozess des Erkennens (cognition) und Subjektivität als aktive Willensäußerung (volition)

Teil I:
Die Problematik des Gegensatzes von Vernunft und Wille ist so alt wie die Geistesgeschichte der Menschheit. Der menschliche Verstand hat sich durch Erfahrung ein elementares Wissen darüber erworben, dass alle Ereignisse, die in unserem Universum auftreten, anscheinend zwei gegensätzlichen Kategorien angehören . Wir glauben, dass wir zwischen unpersönlichen objektiven Ereignissen im Bereich der unbeliebten Dinge - ausgelöst durch physische Ursachen - und subjektiv begründeten Handlungen lebendiger Organismen mit anscheinend eigentümlicher Spontaneität ganz klar unterscheiden können. Die Ausdrucksformen oder Produkte des subjektiven Willens nennen wir Entscheidungen. Obwohl wir Kausalverknüpfungen, welche die objektiven Tatsachen zusammenhalten und Entscheidungen, die ein steuernder Wille bewirkt, nicht eindeutig auseinanderhalten können, haben Denker immer schon behauptet, dass es zwischen ihnen einen wesentlichen Unterschied geben muss.

Eine alte Tradition sagt uns, dass die objektive Seite des Universums voll durch Kausalität determiniert sei, dass indessen lebende Systeme - obwohl auch sie teilweise von einem strengen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bestimmt werden - zusätzlich einen Bereich besitzen, indem sie undeterminiert und frei zu sein scheinen.
Ein unbelebter Gegenstand ist völlig identisch mit sich selbst und stellt eine ungebrochene Kontextur dar. Genau aus diesem Grund ist er ausschließlich ein Produkt determinierender Ursachen.

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Ein lebendes System hingegen repräsentiert - nach der Tradition und funktionell gesehen - eine grundlegende ontologische Dualität. Es ist sowohl ein System kontemplativer Erkenntnis als auch Quelle aktiven Wollens.

In seiner Erkenntnismöglichkeiten ist es an seine Umgebung insofern gebunden, als es nur erkennen kann, was da ist - einschließlich seiner eigenen Einbildungen und Irrtümer. Als Willensaktivität behauptet es andererseits eine gewisse Unabhängigkeit von seiner Umgebung. Es kann seine Umweltbedingungen in Grenzen ändern und die Einflüsse, die die Welt auf es ausübt, teilweise negieren. Diesen grundsätzlichen Unterschied zwischen theoretischer Vernunft und pragmatischem Willen entspreche noch andere kategoriale Gegensatzpaare, von denen wir einige nennen wollen. Auf die Seite der theoretischen Vernunft gehören Begriffe wie Beobachtung, Ordnung, Notwendigkeit und objektive Wahrheit. Mit dem pragmatischem Willen hingegen verbinden sich Ideen wie das Gute, Hoffnung, Zweck und persönliche Unabhängigkeit.

Dem menschlichen Verstand fällt die Entscheidung schwer, wenn er folgende Frage beantworten soll: Was bestimmt die Wirklichkeit und ist von ontologischem Vorrang? Ist es das Objekt in Verbindung mit der theoretischen Vernunft oder das Subjekt als Verkörperung des Willens und Aktivator schöpferischer Entscheidungen?

In der Schöpfungsgeschichte ist jede Existenzform Ausdruck des unergründlichen Willens Gottes: die Welt wurde von ihm hervorgebracht, nicht als logische oder physische Notwendigkeit sondern als Offenbarung einer ursprünglichen Entscheidung, die grundlos und tiefer als jegliche Vernunft ist. Das ist die Lehre vom Primat des Willens.

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Wille und Vernunft sind Ausdruck ein und derselben Tätigkeit des Geistes, jedoch von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet. Mit anderen Worten: Vernunft und Wille oder einerseits theoretische Reflexion und andererseits kontingente Entscheidung sind nur Manifestationen ein und derselben ontologischen Konfiguration, die durch die Tatsache erzeugt werden, dass ein lebendes System sich durch dauernd wechselnde Einstellungen auf seine Umgebung bezieht. Es gibt keinen Gedanken, der nicht stetig vom Willen zum Denken getragen wird, und es gibt keinen Willensakt ohne theoretische Vorstellung von etwas, das dem Willen als Motivation dient. Ein Wille der nichts als sich selbst will, hätte nichts Konkretes, das ihn in Bewegung bringen könnte; und ein Denken, das bloß mentales Bild ist ohne einen Willens Prozess, der es erzeugt und festhält, ist gleichermaßen unvorstellbar.

Eine alte Tradition sagt uns, dass die objektive Seite des Universums voll durch Kausalität determiniert sei, dass indessen lebende Systeme - obwohl auch sie teilweise von einem strengen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bestimmt werden - zusätzlich einen Bereich besitzen, indem sie undeterminiert und frei zu sein scheinen.

Ein unbelebter Gegenstand ist völlig identisch mit sich selbst und stellt eine ungebrochene Kontextur dar. Genau aus diesem Grund ist er ausschließlich ein Produkt determinierender Ursachen.

238… da der klassische Versuch, Erkennen und Wollen innerhalb einer geschlossenen Einheit individueller Subjektivität zu identifizieren und zu begreifen gescheitert ist, nähern wir uns dem Problem von einer anderen Seite. Wir nehmen an, dass das Phänomen der Subjektivität wie es sich in Denkprozessen und Entscheidungsakten äußert, nicht etwas ist, was man innerhalb der Haut eines individuellen belebten Körpers - mag das ein Mensch oder ein Tier sein - beobachten kann.

Wir schlagen folgendes Theorem vor: Subjektivität ist ein Phänomen, das über den logischen Gegensatz des „Ich als subjektivem Subjekt“ und des „Du als objektivem Subjekt“ verteilt ist, wobei beide eine gemeinsame vermittelte Umwelt haben.

239 Versuchen wir die Situation vom Standpunkt eines neutralen Beobachters aus zu beschreiben, so können wir sagen, dass wir uns unsere eigenen Subjektivität durch Selbstreferenz bewusst sind. In dieser selbstreflexiven Geisteshaltung erscheint unser eigenes Ich als nur passive Einheit. Wir sind uns seiner - im Sinne eines Pseudo-objektes - bewusst, weil jede Handlung, die wir der lebendigen Subjektivität zuschreiben, im selbstreferentiellen Prozess - sobald er sich nach innen richtet - sofort absorbiert wird.
Deshalb erscheint unserer Selbstreflexion das persönliche Ich als passives Objekt, auf das wir unsere aktive Aufmerksamkeit richten.
Unser eigenes Ich ist sozusagen ein Seelen-Ding.

Wenn wir jedoch von der Selbstreferenz zur Heteroreferenz übergehen und unsere Aufmerksamkeit auf unsere Umwelt richten, begegnen wir wiederum der Subjektivität; diesmal jedoch in der Gestalt des „Anderen Ich“ des Du. Dieses Du aber ist für uns kein Seelending wie unser eigenes ich, sondern nur der spezifische Körper, mit dem das Buch verbunden ist, präsentiert sich uns als Ding. Die Kategorie der Dingheit kommt in unserer Umwelt einzig und allein physischen Objekten zu. Im Gegensatz zu den zwischen unbelebten Dingen stattfindenden objektiven Ereignissen ist die Subjektivität in der Gestalt des Du für uns ausschließlich als Willensereignis beobacht- und begreifbar, das heißt als Ausdruck eines subjektiven Willens, die er nicht der
unsinnige und für uns vorkommen und zugänglich ist.


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..der besondere ontologische Status des Du ergibt sich aus seiner physischen Lokalisierung in unserer Umgebung durch die Notwendigkeit, als belebter organischer Körper aufzutreten, der einen bestimmten Platz in Raum und Zeit besetzt. Andererseits widersetzt es sich der Gleichsetzung mit diesem Körper, der mit klassischen naturwissenschaftlichen Methoden erreichbar wäre und bleibt somit als innere Subjektivität gänzlich unerreichbar.

In dieser Hinsicht gehört das Du nicht zu unserer Umwelt, weil wir mit Umwelt etwas meinen, was prinzipiell in unserer Reichweite liegt, selbst wenn uns praktische Hindernisse von gewissen Teilen unserer Umwelt fernhalten mögen.

Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich noch dadurch, dass wir uns mit dem einfachen Schema, dass das subjektive Subjekt - womit wir unser eigenes Ich meinen in einer geistigen Umgebung als ein Objekt des Denkens und das objektive Subjekt – das Du - in einer physischen Umwelt als Ausdruck des Willens in Form von Entscheidungen erscheint, nicht mehr zufrieden geben können.

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Mit anderen Worten: das primitive Schema, das unser persönliches Ich als Quelle des Erkennens und das Alter-Ego als Quelle der Entscheidungen erscheint, kann uns nicht mehr zufriedenstellen. Wir wissen zu gut, dass unser eigenes Ich genau so als Triebfeder für Entscheidungen betrachtet werden muss, und dass kein Du sich selbst als entscheidungstreffende Entität manifestieren könnte, wenn dieser Entscheidungsprozess nicht durch das Denken angetrieben und gerichtet würde.

Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt in der Beziehung beider Formen der Subjektivität zur nicht-subjektiven Umwelt und in unserem Wissen darüber, dass das Ich als subjektives Subjekt mit jedem Du als objektivem Subjekt eine Umtauschrelation eingeht.

Obwohl aus seiner eigenen Sicht jeder von uns das subjektives Subjekt und jedes andere Subjekt ein objektives Du ist, erscheint die Situation aus der Sicht eines jeden Du genau umgekehrt. So gesehen sind wir alle - sofern wir beanspruchen subjektive Ichs zu sein aus der Sicht des Du zur objektiven Subjektivität zurückversetzt und damit lokalisiert in einer fremden Umwelt, die nicht die unsrige ist; sie überlappen sich zwar mit unserer, gehört aber jenem speziellen Du, dass die Rolle übernommen hat, uns zu beobachten. Das wissen wir alle!

Und das bedeutet, dass die Trennung zwischen unserer persönlichen Subjektivität und jener, die uns durch unsere Umwelt vermittelt wird - strukturell gesehen - nur eine Entsprechung jener Teilung ist, deren wir uns in unserem eigenen ich als simultane Quelle von Erkenntnisbegriffen und Willentlichementscheidungen bewusst sind.

Mit anderen Worten: das Gehirn als Organ subjektiver Bewusstheit wiederholt innerhalb seiner selbst die Beziehung zwischen ich und Du als vermittelt durch die physische Umwelt. Aus diesem Grund werden wir für den Rest dieser Untersuchung die Existenz des Du in unserer Umwelt nicht berücksichtigen und vorübergehend und aus Gründen der Vereinfachung eine etwas solipsistische Haltung einnehmen. Wir nehmen an, dass es nur ein einziges Subjekt gäbe, das sich selbst als einziger lebender Einwohner in einem sonst leblosen Kosmos befindet. Gerade dieser erkenntnistheoretische Haltung stellt im Vergleich zum traditionellen klassischen Standpunkt - wo ein externer Beobachter ein völlig vom Leben entleertes Universum kartographiert, weil er sich eben selbst daraus ausgeschlossen hat - einen wesentlichen Fortschritt dar.

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Nachdem wir diesen Punkt erreicht haben, sollten wir uns fragen, was die vorhergehende ontologische Analyse für die Gehirnforschung bedeuten könnte.

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Mit anderen Worten: es sind nicht nur theoretische, sondern auch praktische Gründe, warum Forschungen im normalen System des Gehirns immer weniger offen legen, wie das Gehirn zur Lösung des Rätsels der Subjektivität beiträgt.

Es gibt jedoch noch einen anderen Weg, an das Problem heranzugehen. Statt sich von der neuralen Ebene nach oben zu arbeiten kann man sich fragen: was ist die höchste Leistung des Gehirns? Welches mentale Weltbild erzeugt ist? Wir können dieses Weltbild in semantischen und strukturellen Termen beschreiben und uns von hier nach unten durcharbeiten, indem wir uns die Frage stellen:
Wie muss ein Gehirn organisiert sein, damit es solche Bilder mit ihrer besonderen Bedeutung hervorbringen kann? Diese Art der Erforschung hat kaum begonnen, aber sie ist so wichtig und notwendig wie die andere.

Teil eins dieses Essays sollte die Aufmerksamkeit des Wissenschaftlers in dieser Richtung lenken und der nun folgende Teil zwei will zeigen, wie wir mit dieser Methode die basale Verbindung zwischen Subjektivität als Denkprozess (Erkennen) und Subjektivität als Willensprozess (Wollen) sichtbar machen können.

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Teil2
Nachdem wir nun zweckmäßigerweise das Problem des Du nicht berücksichtigen, geben wir im Rahmen dieses Essays einen der stärksten Hinweise dafür auf, dass Subjektivität einen wesentlicher Teil jeder Umwelt ist. Wir lassen diese Frage vorläufig ruhen, weil die Subjektivität des Du nicht unsere Subjektivität ist, die in der Selbstreferenz erscheint. Das Du ist immer ein Produkt der Heteroreferenz, und wir beabsichtigen zu zeigen, dass gerade die Subjektivität des persönlichen Ich unabhängig von unserem Wissen über andere Subjekte - nicht irgend etwas ist, was innerhalb einer individuellen Persönlichkeit eingeschlossen ist, sondern etwas, - was über ein lebendes System und seine Umwelt verteilt (distribuiert) ist.

Boe: soziales Bewusststein - Wir-Bewusstsein
Sprache, Kultur - Ideenevolution


Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass die Beziehung des personalen Ich zu seiner Umwelt zwei grundlegende Aspekte annehmen kann.

Entweder ist der Einfluss der Umgebung derart übermächtig, dass das Ich gezwungen ist, sich diesen Kräften, wie es von außen her bedrängen, zu fügen und anzupassen.

Oder aber die Umgebung, die das lebendes System eingehüllt, kann so beschaffen sein, dass sie sich mehr oder weniger neutral gegenüber seinen Bedürfnissen verhält. Im ersten Fall gibt es keinen Freiraum, in dem sich die Subjektivität eines lebenden Organismus als ein Prozess von Entscheidungsakten durchsetzen kann.

Sie kann nur die Nachrichten, die sie von außen empfängt passiv registrieren und wenn sie ihre Umwelt und ihren eigenen Ort in dieser zu beschreiben versucht, muss sie es in Termini tun, die physischer Kausalität und logischer Notwendigkeit genügen. Das bedeutet, dass die wechselnden Zustände des Subjekts erkennenden (kognitiven) Charakter annehmen und damit in Termini der theoretischen Vernunft beschreibbar werden, deren Regeln von der objektiven Existenz wie sie ist, diktiert werden.

Wenn wir jedoch annehmen, dass das Verhältnis eines lebenden Systems zu seiner Umgebung einen Zustand erreicht, indem die umgebende Welt auf die von ihr beherbergte Subjektivität keinen bestimmenden Einfluss ausübt,
dann muss die Subjektivität selbst - um diese
Indifferenz (Ununterschiedenheit) zu überwinden und ihre Lebensfähigkeit aufrechtzuerhalten - eine aktive Rolle einnehmen. Dabei ist folgendes wichtig:

Sie muss eine aktive Rolle übernehmen, und es genügt nicht, da sie aktiv sein kann. Dies ist ein fundamentales Kriterium, das unbelebten Stoff von lebender Materie unterscheidet. Wenn in einem bestimmten Fall die Welt auf eine von ihr umfasste Entität keinen beobachtbaren bestimmenden Einfluss ausübt und die fragliche Entität inaktiv bleibt, dann neigen wir zur Annahme, einen Fall von reiner Indeterminiertheit vor uns zu haben, wie er zuweilen im Bereich subjektloser Objektivität aufzutreten scheint. Wenn jedoch ein System in der Weise konstruiert ist, dass seine innere Organisation es zwingt, in einem
Akt der Selbstbestimmung unbedingt auf die Neutralität seiner Umgebung zu reagieren, dann sprechen wir von einem lebenden System.

Boe: draw a distinction! Unterscheide Dich!

243 der springende Punkt dabei ist, dass die Welt als eine ontologische Ganzheit (totality) - nämlich System oder System und Umwelt - immer vollständig determiniert ist.

Aber der Kausalzusammenhang kann offensichtlich in zwei unterschiedliche Richtungen verlaufen. Er kann entweder in der Umwelt beginnen und sich in das von ihr umfasste System fortpflanzen, oder es kann so aussehen, als ob der Ausgangspunkt innerhalb der Subjektivität eines lebenden Systems liegt und sich die kausale Verknüpfung von dort in die Umgebung ausbreitet.

Im zweiten Fall spricht die klassische Tradition von Willensfreiheit. Ein Anschein von teilweiser Unbestimmtheit der Realität entsteht nur, wenn wir die
einseitige erkenntnistheoretische Weltsicht einer subjektlosen Kontextur der Objektivität einnehmen.

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Genau das hat die klassische Naturwissenschaft getan, worauf sich in letzter Konsequenz die Theorie der Quantenmechanik entwickelt hat, wo Heisenbergs Prinzip der Unschärfe in der Beschreibung des isolierten Objektes ein gewisses Maß an Unbestimmtheit gezeigt hat. An dieser Stelle soll hervorgehoben werden, dass es eigentlich nicht richtig ist, von zwei Kausalketten zu sprechen - eine entsprungen im unbelebten Objekte und die andere im Lebendigen - und zwar deshalb, weil alle lebendigen Systeme ursprünglich aus eben der Umwelt aufgetaucht sind, von der sie sich dann selbst abgeschirmt haben.

In der Tat gibt es nur eine Kausalkette, entsprungen aus und sich ausbreitend durch die Umwelt und zurückreflektiert in diese Umwelt durch das Medium des lebenden Systems.

Das Gesetz der Determinierung drückt sich dabei jedoch in zwei unterschiedlichen Modalitäten aus. Wir müssen zwischen irreflexiver und reflexiver Kausalität unterscheiden. Damit meinen wir, dass die Kausalkette auf ihrem Weg durch ein lebendes System eine radikale Veränderung ihres Charakters erfährt.

Als Arnold Gehlen in den frühen Dreißigern seine Theorie der Willensfreiheit schrieb, hat er auf zwei grundlegende Tatsachen über die Willensaspekte der Subjektivität hingewiesen. Zuerst - und hier folgte er dem Beispiel von Leibniz - behauptet er, dass Willensfreiheit niemals aus Mangel an kausaler Determinierung im physischen Sinn interpretiert werden darf, sondern sie bedeutet eine positive Erweiterung der Determinierung, die durch das lebendes System erzeugt und den physischen Bedingungen des Objektes hinzugefügt wird.

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Gehlen jedoch die noch tiefer und zeigte, dass Freiheit niemals eine Sache der Stofflichkeit von Ereignissen, sondern eine ihrer strukturellen Form ist. Was sich auf die physischen Bedingungen der Welt bezogen als Objektivität ereignen wird, wird ohnehin so geschehen, wie es durch die irreflexive Kausalität vorbestimmt ist. Da gibt es kein Entkommen. Das Ereignis als solches kann nicht verhindert werden, seine Form jedoch ist modifizierbar. Um es anders darzustellen: wenn wir zwei Ereignisse in der Welt beobachten und eines als objektives Ereignis bezeichnen, das ausschließlich durch umweltbedingte physische Ursachen determiniert ist, und das andere Ereignis als spontane Handlung sehen, die durch einen freien Willen ausgelöst wurde, dann können wir nur feststellen, dass beide Ereignisse - die, soweit die objektive Kausalität reicht, voll determiniert sind - sich dennoch unterscheiden; - und zwar beträchtlich unterscheiden den Hinblick auf ihre strukturelle Form.

Ein Willensakt eines Objektes beinhaltet eine viel höhere strukturelle Komplexität als wir sie in der physischen irreflexiven Kausalität im Objektbereich beobachten. Um jedoch jeden Irrtum auszuschließen - ein Willensprozess ist ebenso kausal determiniert wie eine Lawine, die einen Berghang hinunterdonnert.

Was den Mythos des gänzlich undeterminierten Willens erzeugt hat, ist die Tatsache, dass der Übergang der Kausalität vom Objekt zum Mechanismus der Subjektivität einen solchen Zuwachs an strukturellem Reichtum zum Kausalnexus bringt, dass es so scheint, als ob eine gänzlich neue Kraft auftauchte, die sich von den Determinierungsketten, die alle Objekte miteinander verbindet, vollkommen unterscheidet.

Wir stellten weiter oben fest, dass die Welt als Ganzheit von Objekt und Subjekt voll determiniert ist. Und obwohl uns das isolierte Objekt allein betrachtet nicht voll determiniert zu sein scheint - dessenungeachtet: da ist Determinierung. Richten wir andererseits unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf das isolierte Subjekt, dann scheint uns dieses war nicht total frei oder undeterminiert zu sein - nichtsdestoweniger: da ist Freiheit.

Nehmen wir jedoch an, dass die Realität als Integration von Objektivität und Subjektivität voll determiniert ist, dann können wir sagen, dass die Kausalität der objektiven Kontextur des Universums eine Rückkopplungsschleife durch die Subjektivität hindurch zurück in die Umwelt bildet.

Günther


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