Gotthard Günther
Das Bewusstsein der Maschinen
, Agis Verlag, 2002

Eberhard von Goldammer – Joachim Paul
in: Gotthard Günther Das Bewusstsein der Maschinen
Einführung zur Neuauflage, S.11

Günther-BdM51
Vorwort zur zweiten Auflage: Analyse der Kybernetik unter dem Gesichtspunkt einer
trans-klassischen Logik, die mehr als zwei theoretische Werte (positiv,negativ) verwendet. Diese skizzenhafte Darstellung einiger philosophischer Grundgedanken über Mehrwertigkeit und ihre Beziehung zum Bewusstseinsproblem.
59
Es wird betont, dass die traditionelle Unterscheidung von einfacher Subjektivität und antithetischer Objektivität zu grob und zu primitiv sei. Die bisherige Annahme der klassischen Metaphysik, dass sich das Wesen der Wirklichkeit und speziell der menschlichen Existenz aus zwei, und nur zwei metaphysischen Realitätskomponenten, nämlich Materialität und Spiritualität, erklären lasse, beruhe auf einem Irrtum.
Denn, ganz gleichgültig wie man jenen urphänomenalen Gegensatz auch interpretiere - etwa als Subjekt und Objekt, als Sein und Denken, als Tod und Leben, usw. stets bliebe einer heute exakt definierbare Bereich von Phänomenen übrig, der sich weder auf der physikalisch-materiellen noch auf der subjektiv-spirituellen Seite unter bringen lassen.
Jener nicht einzuordnende Restbestand wird heute in der Kybernetik gewöhnlich mit dem Kennwort Information bezeichnet,…
61
Wir haben deshalb nach kybernetischen Auffassung mit drei protometaphysischen Komponenten unserer phänomenalen Wirklichkeit zu rechnen. Erstens dem gegenständlich transzendenten im Objekt. Zweitens der Informationskomponente. Und drittens dem subjektiv Introszendenten Selbstbewusstsein!
Mit dieser Trinität nicht ineinander überführbarer Begriffskomplexe werden aber letzte Grundvoraussetzungen unseres bisherigen Weltbildes erschüttert. Unsere ganze geistige Tradition, ja die gesamte objektive Struktur unserer abendländischen Kultur beruht auf einigen Kernmotiven der auf die Griechen zurückdatierenden Identitätsmetaphysik und der ihr korrespondierenden klassischen Logik, die unser Denken auch heute noch fast ausschließlich beherrscht.
67
…dass die klassische, abstraktive und identitätstheoretische Logik unbedingt voraussetzt, dass in jedem konkreten Akt des Denkens und in jeder überhaupt möglichen theoretischen Situation jederzeit eindeutig zwischen dem Denken als subjektivem Prozess und dem Gedachten als seinem bloßen Inhalt unterschieden werden kann.
Formal logisch betrachtet sind diese ontologischen Konzeptionen des aristotelischen Systems insofern relevant, als auch sie voraussetzen, dass sich unsere gegebene Wirklichkeit ohne Restbestand (ausgeschlossenes Drittes) in Objekt und Subjekt, also in Gedachtes und Denken, dichotomisch aufspalten lässt. Und was nicht das Eine ist, ist unvermeidlich das Andere.
Diese urphänomenale Inversion von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, von Spiritualität und Materialität repräsentiert das metaphysische Schema unserer klassischen Logik, die essenziell zweiwertig ist.

Günther-BdM83
II.Teil: Mechanismus, Bewusstsein und Nicht-Aristotelische Logik
Der durch die Kybernetik geforderte
Übergang von einer zweiwerigen zu einer mindestens dreiwertigen (oder vermutlich sogar generell mehrwertigen) Logik involviert einen grundsätzlichen Wandel der bisherigen menschlichen Bewusstseinsstruktur, das Heraufkommen eines neuen metaphysischen Weltbildes.
87
Was aber ist ein dreiwertigens Bewusstsein, und wie verhält es sich zu zweiwertigen Bewusstseinszuständen? Wenn wir ehrlich sind, so müssen wir zugeben, dass wir vorläufig nicht die geringste Vorstellung von mehrwertiger Subjektivität haben. Mehr noch: der urphänomenale Gegensatz von Ich und Nicht-Ich scheint konstituierend für alle Objektivität zu sein, weshalb die Konzeption eines mehrwertigen Denkens dem Wesen der Logik überhaupt zu widersprechen scheint. Dazu ist zu sagen, dass dieser Gegensatz in der Tat grundlegend für alles Bewusstsein ist.
97
...
dass eine dreiwertigen Logik als Darstellung des totalen Bewusstseinsumfanges des Selbstbewusstsein drei zweiwertige Logik in enthält, die ja, wie wir nun wissen, naive, unmittelbare Bewusstseinslagen darstellen.
98
... die dritte, das System des Selbstbewusstseins vollendende Bewusstseinslage einer Subjektivität, die weder Ich noch ontologisch gegebenes Du ist, existiert nur als unerledigter Reflexionsrest in dem fragmentarischen System, das wir menschliches Selbstbewusstsein nennen.
Jener Reflexionsrest bleibt durch den Prozess des reflektierten Denkens unbewältigt, weil er sich eben nicht total in subjektiver Reflexivität auflösen kann. Er ist jenes Andere, jenes Moment der Irreflexivität, um das der Strom des Bewusstseins sowie um einen Fremdkörper spült, ohne ihn zu durchdringen und transparent machen zu können.
Inhalte aber, die das Bewusstsein nicht durch den Reflexionsprozess bewältigen und auflösen kann, müssen eben auf eine andere Weise erledigt werden. Aber die einzige andere Methode, die neben der Reflexion auf die eigene Reflexion dem ich zur Aneignung seiner Inhalte zur Verfügung steht, ist die Handlung, das heißt die Rückprojektion jenes irreflektiven Restbestandes in die Außenwelt.

Günther-BdM103
104 Aber die Kybernetik interessiert sich für jene klassischen Naturgesetze höchstens nur soweit, als es darauf ankommt, an Ihnen vorbei einen Weg zu jener tieferen Seinsschicht physischer Existenz zu finden, auf der sich jene uns bekannten Naturgesetze erst als sekundäre Realitätsformen aufbauen.
Dass jene Seinsschicht existiert und dass ihre Gesetzlichkeit eine transklassische, nicht aristotelische Gestalt hat, das ist heute keine Frage mehr.
In jener tieferen Schicht wird die Kausalität von der statistischen Wahrscheinlichkeit abgelöst und die starre, irreflexive Identität des klassischen Körpers durch heute uns noch sehr dunkle Funktionen ersetzt, die reflexiven, das heißt auf sich selbst bezogenen Charakter zu haben scheinen. Man kann die Vermutung nicht von der Hand weisen, dass in dieser subatomaren Region der klassische Unterschied vom Seinsgesetz und Denkgesetz hinfällig wird und damit der vom Nicht-ich und Ich.
105 nun kann aber heute kaum ein Zweifel mehr daran bestehen, dass die eben beschriebene Situation zwischen Reflexion und Gegenstand der Reflexion nicht mehr existiert, sobald wir aus den vertrauten klassischen Bereichen in tiefer liegende Dimensionen der Objektivität vorstoßen. Akzeptiert man die These Heisenbergs, gemäß der eine „scharfe Trennung der Welt in Subjekt und Objekt nicht mehr möglich ist“, dann muss auch jener Unterschied zwischen Denkgesetz und objektivem Sachgesetz verschwinden.
In anderen Worten: Es gibt eine Gestalt der Reflexion, die weder ihm Ich noch im Du lokalisiert ist, sondern die erst im Es, das heißt im Gegenstand, auftritt.
Boe: vgl Wolfram

Günther-BdM123
125
Es wird nämlich immer klarer, dass der ursprüngliche, einfache dualistische Gegensatz von zwei weder aufeinander, noch auf ein Drittes zurückführbaren Wirklichkeitskomponenten keineswegs eine simple kontradiktorische Struktur hat. Es stellt sich in der logischen Analyse als hochkompliziert heraus. Man entdeckt, das zwei sehr verschiedenartige Dualismen ineinander spielen und dass sich aus ihnen ein fast unentwirrbares Gewebe von Reflexionsbeziehungen ergibt.
Der erste Dualismus ist der Dualismus der Bewusstseinsinhalte und der zweite manifestiert sich als Dualismus der Reflexionsprozesse, der die Inhalte manipuliert.
128
Es ist kein Zufall, dass in der Hegelschen Philosophie der Prozess der Reflexion nicht als ein subjektives Bildermachen, sondern als objektiver und unvermeidlicher Realprozess der Welt verstanden wird. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt, von Gedanke und Ding, vom Sinn und Sein, von Form und Stoff, - kurz alle Dualitäten sollen in dieser Bewegung aufgehoben werden.
131
Die Reflexivität des Menschen manifestiert sich nicht nur als die stille Ideenwelt der Kontemplation. Sie setzt sich auch in Willen und die aus ihm folgende Handlung um.
150
Der Anfang jedes Denkens sieht sich einem primordial Vorgegebenen gegenüber, und es ist nichts weiter als ein leerer Streit um Worte, ob man dasselbe als Materie, Absolutes oder Gott bezeichnet.
Vom Standpunkt des reinen Denkens sind das nur eigensinnige Verbalismen, die gar nicht umhin können, genau dasselbe zu bezeichnen, nämlich eben das unser Denken gar nicht beginnen kann, es sei denn, dass es einem primordial vorgegebenen Grunde entspringt.
Freilich erscheint dann dieser Grund erst nachträglich im Denken. Das ist seine Dialektik, und darum sagt Lenin - tiefer als es im Westen gewürdigt wird – „that all matter...possesses the property of reflexion“.
Wenn aber alle Materie die Eigenschaft der Reflexion primordial besitzt, dann ist ihr Wesen dialektisch; und diese Dialektik widersetzt sich allen Versuchen, irgendeine gegenständlich ontologische Terminologie ernst zu nehmen. Solche Termini wie Materie, Absolutes, Gott oder Geist sind alle gleich inadäquat. Als amüsantes Seitenlicht ist festzustellen, dass der Idealist nicht allzu eifrig darauf aus sein sollte, Gott oder den Geist als Vor-Grund des Weltseins zu betrachten. Das führt zu dem peinlichen Schluss, dass Gott als das dem Denken Vorangehende nicht denkt.
Und es hilft auch nicht viel, dass die dialektische Bewegung unseres Denkens dieses Urteil sofort wieder aufhebt. Denn um aufgehoben und negiert werden zu können, muss es erst einmal vollzogen worden seien. Der Vollzug des Urteils, das etwas vor dem Denken liegen muss, an dem es seinen Anfang nimmt, ist unvermeidlich, weil ein elementarerer Bewusstseinszwang. Dem Satz kommt also eine bestimmte metaphysische Wahrheit zu.
151
...dass Reflexivität einem primordiales, metaphysisches Konstitutionselement alles dessen ist, was in irgend einem angebbaren Sinne ist. Auch der toteste, „geistloseste" Stoff hat sie. Es wäre ganz unmöglich, dass auf der Erde selbst- organisierende Lebewesen entstehen, die sich in eigener Reflexion „Menschen“ nennen und behaupten „Geist“ zu haben, wenn nicht alle Reflexionskomponenten dessen, was wir Bewusstsein und Geist nennen, bereits in jener hypothetischen Gaswolke und der sie umgebenden Raum-Zeit-Dimension, aus der unser Sonnensystem entstanden sein soll, angelegt gewesen wären.

Günther Zitate
Günther Wiki

Günther: Erkennen und Wollen PdF

Günther-Bewusstsein229
Günther-Bewusstsein232

229
Cognition and Volition - Erkennen und Wollen
Beitrag zu einer kybernetischen Theorie der Subjektivität
230... eine totale Revolution unseres traditionellen wissenschaftlichen Weltbildes, eines Konzeptes, das unsere Welt als unversöhnliche Dualität von Form und Stoff, von bedeutungshaltiger Information und physischer Energie, von Subjekt und Objekt und letztlich vom theoretischer Vernunft und pragmatischem Willen begreift - dann sind die gegenwärtig in der Kybernetik angewandten wissenschaftlichen Methoden völlig unzulänglich. Sie sind deshalb gänzlich unangemessen, weil sie unter der Voraussetzung entworfen wurden, dass die klassische Dualität, die sich in der generellen Spaltung zwischen Natur und Geisteswissenschaften wiederspiegelt, immer noch gültig ist.
232
Analyse der fundamentalen Beziehung zwischen Subjektivität als Prozess des Erkennens (cognition) und Subjektivität als aktive Willensäußerung (volition)
Die Problematik des Gegensatzes von Vernunft und Wille ist so alt wie die Geistesgeschichte der Menschheit. Der menschliche Verstand hat sich durch Erfahrung ein elementares Wissen darüber erworben, dass alle Ereignisse, die in unserem Universum auftreten, anscheinend zwei gegensätzlichen Kategorien angehören . Wir glauben, dass wir zwischen unpersönlichen objektiven Ereignissen im Bereich der unbeliebten Dinge - ausgelöst durch physische Ursachen - und subjektiv begründeten Handlungen lebendiger Organismen mit anscheinend eigentümlicher Spontaneität ganz klar unterscheiden können. Die Ausdrucksformen oder Produkte des subjektiven Willens nennen wir Entscheidungen.
237
Wille und Vernunft sind Ausdruck ein und derselben Tätigkeit des Geistes, jedoch von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet. Mit anderen Worten: Vernunft und Wille oder einerseits theoretische Reflexion und andererseits kontingente Entscheidung sind nur Manifestationen ein und derselben ontologischen Konfiguration, die durch die Tatsache erzeugt werden, dass ein lebendes System sich durch dauernd wechselnde Einstellungen auf seine Umgebung bezieht. Es gibt keinen Gedanken, der nicht stetig vom Willen zum Denken getragen wird, und es gibt keinen Willensakt ohne theoretische Vorstellung von etwas, das dem Willen als Motivation dient. Ein Wille der nichts als sich selbst will, hätte nichts Konkretes, das ihn in Bewegung bringen könnte; und ein Denken, das bloß mentales Bild ist ohne einen Willens Prozess, der es erzeugt und festhält, ist gleichermaßen unvorstellbar
_________________________________________________________.

Besprechungen zu Gotthard Günther in Nina Ort

Günthers Vorschlag eines reflexionslogischen Modells:
Seite 28
Seite 40
Seite 44
Ort-Semiotik 50
I.2. Reflexionsüberschuss
Ort-Semiotik65
I.3. Ich – Du – Es
Ort-Semiotik139
Kognition und Volition

Besprechungen zu Gotthard Günther in Sylvia Taraba

Günther - Wikipedia

Umschrift-Material


HOME