Oliver Jahraus
Bewusstsein und Kommunikation
Zur Konzeption der strukturellen Kopplung
In: Bewusstsein - Kommunikation - Zeichen
Herausgeber: Oliver Jahraus, Nina Ort
Niemeyer 2001


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Bewusstsein und Kommunikation stellen eine ausgezeichnete strukturelle Kopplung dar.
Bewusstsein und Kommunikation sind notwendig, unabdingbar und konstitutiv miteinander strukturell gekoppelt.

Aussagen über das Bewusstsein und über Kommunikation sind keine empirischen, sondern immer konzeptionelle Aussagen, weil es keinen bewusstseins- und kommunikationsunabhängigen Beobachter von Bewusstsein und Kommunikation gibt, weil Bewusstsein und Kommunikation immer bewusst und kommunikativ beobachtet werden und eine Empirie als evidente Verifikationsinstanz sich damit prinzipiell verschließt. Bewusstsein und Kommunikation können sich nur selbst und wechselseitig konzipieren.

Das allgemeinste und "fundamentalste" Medium, das somit auch Medium für die strukturelle Koppelung ist, ist Sinn, denn Sinn ist das notwendige Korrelat der operativen Schließung dieser beiden strukturelle gekoppelten Systeme. Sinn ist somit das Super Medium für Kommunikation und Bewusstsein. Medien leisten die strukturelle Kopplung so, dass Sinn aus struktureller Kopplung und aus dieser wiederum Sinn hervorgeht.

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… dass Kommunikation als Prozess definiert und zugleich als das sozial konstitutive Moment, das Gesellschaft ausmacht, bestimmt.
Wird also das Peircesche Zeichenmodell übertragen, so zielt diese Projektion auf eine Rekonzeptionalisierung nicht nur des Kommunikationsprozesses, sondern auch des Gesellschaftsbegriffes.

Wenn man nun diese Überlegung zu den Vorgaben der strukturellen Kopplung von Bewusstsein und Kommunikation hinzu zählt, so lässt sich sagen, dass die Projektion des Zeichenmodells auf die entsprechenden Theorieelemente der Systemtheorie zu einem zeichentheoretisch fundierten Prozess Thema für Bewusstsein und Kommunikation, für psychische und soziale Systeme führt.

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…dass der Kommunikationsprozess in seiner Autopoiesis nur als Semiose modelliert werden kann.

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Verstehen ist – systemtheoretisch gesprochen – ein differentielles Ereignis im Prozessverlauf der Kommunikation, dass sich aber – aufgrund der Vorgaben der strukturellen Kopplung auch im Bewusstsein wiederfinden lässt. Soziales und psychisches Verstehen laufen prozessanalog ab, auch wenn niemals sozial zu verstehen ist, was psychisch verstanden wurde. Verstehen kann also als kommunikativ bzw. psychisch spezifiertes Beobachtungsereignis aufgefasst werden. Beobachen ist (kommunikatives bzw. psychisches) Verstehen.

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Systemtheorie wird überhaupt erst als Zeichentheorie Systemtheorie! Systemtheorie wird als Zeichentheorie konsequent autoreflexiv. Oder anders gewendet: Systemtheorie kommt als Zeichentheorie zu sich selbst. Hier bewegt sich der anfangs noch harmlos anmutende Theorievergleich, der nur Koinzidenzen festgestellt hat, auf einer Ebene, wo Beobachter und Beobachtung im „Zeichen“ des Beobachteten in ein wechselseitiges Konstitutionsverhältnis treten, dass operativ als Autoperformation von Semiose seinerseits beobachtbar wird.

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Bedeutung der Kategorialität für die Konstitution des Zeichens als prozessuales Semiosegeschehen – Drittheit ist der Grad der Komplementierung des Zeichens. Drittheit wird aber nur so erreicht, dass sie zugleich wiederum umschlägt in Erstheit. Gäbe es das Dritte nicht, wären Erstheit und Zweiheit unvereinbar. Damit die Dichotomie zur Dialektik wird, braucht es immer ein drittes Moment. Im Dritten wird das Erste überhaupt erst zur Erstheit, weil erst die Drittheit der Erstheit die Zweitheit zuordnet. Jedes dreiwertige Modell erweist sich damit gegenüber einem zweiwertigen Modell als absolut überlegen.

Wir wollen Zwei- oder Dreiwertigkeit grundsätzlich als Eigenschaft von Theorien kennzeichnen.

Zweiwertige Theorien sind paradoxiegefährdet, wenn nicht von Hause paradoxal verfasst, weil sie mit Erstheiten und Zweiheiten operieren, ohne sagen zu können, warum das Zweite eben das Zweite neben dem Ersten ist, warum das Signifikat zum Signifikanten kommt, wie also das Zweite als Zweites dem Ersten überhaupt zukommt. Sie operieren also mit einer Differenz, und jede Differenz ist in diesem Sinne Differenz von dem Einen, dem Ersten, und dem anderen, also dem – nach numerischer Zählung – Zweiten; sie können aber nicht mehr die Einheit der Differenz angeben. Diese Einheit ist weder die Differenz noch das Differente, sondern die Differenzierung selbst, also der Prozess. Diese Einheit kann also nur ein Drittes, also Drittheit kategorial realisieren. Einheit durch Drittheit!

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Bewusstsein und Kommunikation sind somit Zeichenprozesse, genauer gesagt: sie vollziehen in struktureller Kopplung Semiose. Anders denn als Zeichenprozesse sind so weder Bewusstsein noch Kommunikation als Systeme überhaupt zu denken und zu modellieren. Dass so das Zeichen in den Hintergrund tritt, liegt dann nur daran, dass – metaphorisch gesprochen – das Auge sich beim sehen selbst nicht sehen kann – notwendigerweise!
Semiose ist die operative Voraussetzung, die conditio sine qua non von Bewusstsein und Kommunikation und auch von Systemtheorie, wenn sie Bewusstsein und Kommunikation beobachtet.

Dass Luhmann selbst nicht zu dieser zeichentheoretischen, dreiwertigen Aufrüstung gelangt ist,liegt insbesondere darin, dass er selbst nur mit dem zweiwertigen Zeichenbegriff Saussurescher Provenienz operiert hat. Und dies mag wiederum als symptomatisch gelten für den generell „zweiwertigen“ Charakter der Systemtheorie.

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