Immanuel Kant

Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. 6. Satz.






Immanuel Kant

Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. 6. Satz.


Der Mensch ist ein Thier, das, wenn es unter andern seiner Gattung lebt, einen Herrn nöthig hat. Denn er missbraucht gewiss seine Freiheit in Ansehung anderer Seinesgleichen ; und ob er gleich als vernünftiges Geschöpf ein Gesetz wünscht, welches der Freiheit Aller Schranken setze: so verleitet ihn doch seine selbstsüchtige thierische Neigung, wo er darf, sich selbst auszunehmen. Er bedarf also einen Herrn, der ihm den eigenen Willen breche und ihn nöthige, einem allgemeinen Willen, dabei jeder frei sein kann, zu gehorchen.

Wo nimmt er aber diesen Herrn her? Nirgends anders als aus der Menschengattung. Aber dieser ist eben so wohl ein Thier, das einen Herrn nöthig hat. Er mag es also anfangen wie er will; so ist nicht abzusehen, wie er sich ein Oberhaupt der öffentlichen Gerechigkeit verschaffen könne, das selbst gerecht sei; er mag nun in einer einzelnen Person, oder in einer Gesellschaft vieler dazu auserlesener Personen suchen. Denn jeder derselben wird immer seine Freiheit missbrauchen, wenn er keinen über sich hat, der nach Gesetzen über ihn Gewalt ausübt.



HOME      BOE     SAL     TEXTE