Sybille Krämer
Sprache, Sprechakt, Kommunikation
Sprachtheoretische Positionen des 20.Jahrhunderts
Suhrkamp 2001

Kraemer-sprache154

Niklas Luhmann

Kommunikation ohne Rationalitätsprätentionen

I. Eine gesellschaftstheoretische Version des »linguistic turn«

Das, was innerhalb der Geistes- und Kulturwissenschaften mit der Kennzeichnung "linguistic turn" verbunden ist, findet in Niklas Luhmann seine sozialwissenschaftliche Entsprechung. So, wie die Zentrierung auf Bewußtseinsphänomene im 20. Jahrhundert einer Präferenz für Sprachphänomene hat weichen müssen, so trennt Luhmann Bewußtsein und Kommunikation und lässt das Bewußtsein in die Umwelt zurücktreten, um auf der systemtheoretischen Bühne allein die Kommunikation als Akteur auftreten zu lassen. Zwar bleiben Kommunikation, als die Operationsweise gesellschaftlicher Systeme und Bewußtsein, als Operationsweise psychischer Systeme aufeinander angewiesen in dem Sinne, daß, wo immer Kommunikation ist, auch Bewußtsein vorkommen muß. Doch die Erklärung des Vollzugs von Kommunikation bedarf nicht des Rückgriffes auf Bewußtsein.

Allerdings kommt Luhmanns sozialtheoretische Variante des "linguistic turn" weitgehend ohne Anleihen beim linguistischen Gedankengut aus. Gewöhnlich bedeutet Kommunikation zu erörtern selbstverständlich auch: den Sprachgebrauch zu erörtern, da die Sprachlichkeit zur Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation wird. Nicht so bei Luhmann: Der Witz seines Kommunikationsbegriffes besteht darin, daß er die für die Moderne zum Gemeingut gewordene Präokkupation durch die Sprache als ein so universales wie fundamentales Erklärungsmuster zuerst einmal außer Kraft setzt. Er hat das selbst als eine Umstellung von der Sprachtheorie auf Kommunikations-theorie charakterisiert. Und doch fördert diese kommunikationstheoretische "Umstellung" etwas an der Sprache zutage, das in den logosorientierten Sprach- und Kommunikationstheorien gewöhnlich verdeckt bleibt. Das, was dabei zutage tritt, ist die konstitutionelle Medialität der Sprache.

Sprache ist für Luhmann zuerst einmal nichts als ein Medium. Allerdings ist sie das »grundlegende Kommunikationsmedium«. In dieser Medienperspektive gewinnt die Sprache gegenüber den vom Zwei-Welten-Modell inspirierten Ansätzen ganz andersartige Konturen.
Das Zwei-Welten-Modell meint eine stillschweigende Voraussetzung in der sprachtheoretischen Arbeit, die Gebrauch macht von der Unterscheidung zwischen einer "reinen" Sprache bzw. Kommunikation, verstanden als ein grammatisches oder pragmatisches Regelsystem, und dessen Realisierung bzw. Aktualisierung im jedesmaligen Sprechen und Kommunizieren. krämer-sprache 9

Die Idee, daß die Sprache ein Medium ist, scheint von kaum zu überbietender Schlichtheit. Wer immer über Sprache nachdenkt, wird medialen Aspekten der Sprachlichkeit - irgendeine - Bedeutung zumessen. Und doch ist etwas an dieser Idee ungewöhnlich. Und das kommt in den Blick, wenn wir verstehen, warum der Sachverhalt, daß Sprache ein Medium ist, gerade ausschließt, daß Sprache durch Medien realisiert wird.

Erinnern wir uns an das dem Zwei-Welten-Modell zugrunde liegende Schema: Die Sprache verhält sich zum Sprechen wie eine Regel zu ihrer Anwendung oder wie ein Muster zu seiner Aktualisierung, wobei Anwendung und Aktualisierung sich unter jeweils defizienten Bedingungen vollziehen, so daß die Sprach- und Kommunikationskompetenz zur Form, deren Ausübung im wirklichen Sprechen jedoch zu deren Deformation wird.
In der "Logik" dieses Ansatzes liegt es, daß Sprache bzw. Kommunikation in ihrem universalen und überzeitlichen Formaspekt medienindifferent konzipiert wird. Medien zählen dann zu den einschränkenden Bedingungen, unter denen
der faktische Sprachgebrauch sich vollzieht. Sie sind in dem ZweiWelten-Modell auf der Anwendungsebene lokalisiert: Medien sind Realisierungsphänomene. Wir wollen das die "marginale Medialität der Sprache" nennen. Luhmann dagegen wird zum Proponenten einer "konstitutionellen Medialität der Sprache".

Die Darstellung seines Sprachkonzeptes kommt also nicht aus ohne Rekonstruktion seines Medienbegriffes. Dieser Medienbegriff wird von Luhmann im Rahmen der Medium/Form-Unterscheidung eingeführt und akzentuiert.

Wir haben davon gesprochen, daß in dieser Medienperspektive die Sprache - gemessen am logoszentrierten Sprachkonzept - ganz andersartige Konturen gewinnt. Im Kern geht es bei dieser "Andersartigkeit" um eine Neukonzipierung des für alle Sprach- und Kommunikationstheorien grundlegenden Formbegriffs. Form gilt Luhmann nicht länger mehr als eine zeitresistente Struktur, sondern als ein zeitverbrauchender Vollzug. Und es ist Luhmanns Medium/Form-Unterscheidung, in deren Zusammenhang begründet wird, warum Medien unabdingbar sind, damit diese Form-verstanden-als-ein-Vollzug sich ereignen kann. Luhmanns Medientheorie ist philosophisch folgenreich als eine Theorie der Form.

2. Die Medientheorie als eine neuartige Theorie der Form:

Das Verhältnis von Medium und Form ist zuerst einmal ein kombinatorisches Phänomen, ein Kombinationsspiel »loser und strikter Kopplung der Elemente«. Das Medium bildet dabei ein Repertoire lockerer Elemente, aus denen durch feste Zusammenfügung die Form entsteht: so, wie aus Sprachlauten Worte, aus Worten Sätze, aus Sätzen die Gespräche sich fügen; oder so, wie die unverbundenen Sandkörner sich zur Fußspur verdichten können. Drei Merkmale der Medium/Form-Differenz sind wichtig:
(I) Medium und Form bedingen sich wechselseitig: »Ohne Medium keine Form und ohne Form kein Medium.« Doch das Verhältnis beider ist asymmetrisch: Die Form setzt sich durch, dafür aber braucht sie Zeit und wird auch selber dabei verbraucht. Das Medium dagegen bleibt passiv, es ist ein Potential, welches durch Formgebung nicht verbraucht, vielmehr erneuert wird. So sind die Formen also durchsetzungsstark, jedoch temporär und flüchtig; die Medien jedoch sind - gemessen an der Form - dauerhaft. Überdies ist die Form sichtbar - das Medium bleibt dagegen unsichtbar.
(2) Medien eröffnen einen Raum kombinatorischer Möglichkeiten, also Formbildungen potentialiter. Im Horizont dieser Modalisierung des Medienbegriffes - Medien stellen Möglichkeiten bereit - ist jede aktualisierte Form immer in je zwei Versionen thematisierbar: Einmal als Form in genau der bestimmten Kopplung, die sie eben ist; und zum andern als Form, die ihre Konsolidierung dem Ausschluß all der anderen ebenfalls möglichen Formen verdankt. Formen sind somit immer bezogen auf »ausgeschaltete Possibilitäten«, also auf abwesende, nicht realisierte Formversionen: Das Charisma der Form - das ist ein das Luhmannsche Oeuvre durchziehendes Motiv - wurzelt in und spielt mit diesem Sichtbarmachen des Unsichtbaren.
(3) Medien und Formen sind keine Entitäten, sondern Differenzen, also Unterscheidungen, die es nicht einfach gibt, sondern die von einem Beobachter gemacht werden. Was in einer bestimmten Perspektive ein Medium ist, kann dann in einer anderen Perspektive zur Form werden. Es ist dieser Stellungswechsel, der deutlich macht, daß Luhmanns Medium/Form-Unterscheidung nicht mit der traditionellen Materie/Form-Unterscheidung zur Deckung kommt. Gemäß dieser Medium/Form- Unterscheidung ist eine Form immer sichtbar, das Medium jedoch, durch dessen Koppelung Form erst entsteht, bleibt der blinde Fleck. Medien sind unsichtbar bleibende Formenreservoire.

Soweit also zum Unterschied von Medium und Form. Pointe dieser Unterscheidung ist es, eine Revision des Formbegriffes in Gang zu setzen, in deren Konsequenz Form nicht mehr als eine zu aktualisierende Struktur oder ein zu implementierendes Regelwerk konzipiert wird, sondern - um einen im Kontext von Luhmanns Theorie vielleicht deplaziert wirkenden Begriff hier ins Spiel zu bringen - performativ, somit als Vollzug zu denken ist. Als ein Vollzug allerdings, der ohne Medien undenkbar ist.
In der philosophischen Tradition erfuhr der Form-Begriff eine Prägung, die durch fünf miteinander zusammenhängende Aspekte charakterisierbar ist und die - ohne allen Anspruch auf Subtilität, Raffinesse und Vollständigkeit - zu fünf philosophischen Modellen kondensiert werden kann.
Was als Form gilt, ist ( 1 ) zeitlos, also das, was gegenüber der Veränderung in der Zeit sich stabil erhält:
Das ist das Platonische Modell. Form ist (2) universal, also etwas Allgemeines, das stets mehreren Dingen zukommt: Das ist das Aristotelische Modell. Der Form kommt (3) eine generative Kraft zu, verstanden als aktives, erzeugendes Prinzip von Erscheinungen: Das ist das Leibnizsche Modell. Form ist überdies (4) transzendent bzw. apriorisch im Sinne eines Reflexionsbegriffes, der sich auf die Bedingung der Möglichkeit, nicht der Wirklichkeit von etwas bezieht: Das ist das Kantische Modell. Form ist schließlich (5) idealisiert, verstanden als ein methodisches Verfahren, das »Gegenstände« überhaupt erst erzeugt: Das ist das Husserlsche Modell.

Mit Luhmann nun kommt keine weitere Stimme in diesem Kanon eines universalen, zeitindifferenten, apriorischen, idealisierten Formkonzeptes zu Wort. Seine Idee der Form unterminiert vielmehr die klassischen Denkansätze. Insofern es Form immer nur als Form-in-einem-Medium gibt, bleibt die Form nicht länger ein Analogon, sei es zum Urbild, zur Struktur oder zum Regelwerk, sondern die Form erwirbt den Status einer raum-zeitlich situierten Operation: Sie wird zur temporalisierten, instabilen, flüchtigen, kontingenten Konkretisierung eines jener Potentiale zur Formbildung, die bereitzustellen die Aufgabe eines Mediums ausmacht. Verstanden als die selektive Aktualisierung eines Mediums, macht es dann auch keinen Sinn mehr, von so etwas wie einer ersten, einer ursprünglichen Form auszugehen.

Wir sehen also, wie sich bei Luhmann so etwas wie ein Stellentausch zwischen Form und Medium ereignet, jedenfalls gemessen an den ihnen im Rahmen des Zwei-Welten-Modells zugeschriebenen Rollen. Wozu aber führt diese Neuverteilung der Aufgaben? Dazu müssen wir die Rolle von Medien in der Kommunikation genauer in Augenschein nehmen.

3. Über Kommunikation und die Rolle der Kommunikationsmedien

Entgegen der in den pragmatischen Kommunikationstheorien hervorgehobenen Bindungskraft der Kommunikation kann in der Luhmannschen Perspektive Kommunikation ihre gesellschaftsbildende Rolle überhaupt nur spielen, weil sich in ihr »Information auf Distanz« zuträgt. Gesellschaft und Kultur beruhen auf Distanzleistungen, und Medien heben diese Distanz nicht auf, sondern transformieren sie, und zwar so, daß dabei die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation überwunden wird. Wie nun ist das zu verstehen?

Es sind vor allem zwei Merkmale des Luhmannschen Kommunikations-begriffes, deren Klärung zu einer Antwort auf diese Frage verhilft. Das ist einmal die Verstehensorientierung, der gemäß Kommunikation kein Mitteilungshandeln ist, sondern eine Verstehensoperation.
Und das ist zum andern die Ereignishaftigkeit: Kommunikation ist ein Ereignis, welches mit seinem Vorkommen zugleich verschwindet.

Die bisher behandelten kompetenztheoretischen Ansätze gehen davon aus, daß die sprachliche und kommunikative Kompetenz auf die Erzeugung von Sätzen bzw. Äußerungen zielt. Das Kommunikationsvermögen wird - in der einen oder anderen Weise - als ein Vermögen zur Generierung symbolischer Strukturen gefasst. Sprachliche Kreativität ist die Kreativität im Hervorbringen von etwas.
Anders jedoch Luhmann, für den die Kommunikationsfähigkeit eine Fähigkeit der Rezeption ist. Das, was dabei rezipiert wird, ist die Unterscheidung zwischen "Information" und "Mitteilung". Wenn Alter zu Ego sagt: "es schneit", und Ego hört das, so macht Ego eine Wahrnehmung: Er nimmt eine Information auf - und sonst nichts. Zur Kommunikation wird die Äußerung dieses Satzes erst, wenn Ego dabei die Differenz zwischen Information und Mitteilung wahrnimmt. Wenn Ego also versteht, warum die Information "es schneit" eine Mitteilung ist, sei das nun eine Aufforderung zur Schneeballschlacht, ein Befehl zum Schließen des Fensters oder eine Form des Rechtbabens, weil Ego zuvor feststellte, daß es regnet. Dabei ist das Verstehen ein Vorgang, für den es unerheblich ist, ob richtig oder falsch verstanden wurde, ob sich
Konsens oder Dissens ergibt, ob die Mitteilung angenommen oder abgelehnt wird. Anders als in der Sprechakttheorie gibt es kein Gelingen oder Misslingen der Kommunikation, sondern nur: Kommunikation hat sich ereignet oder eben nicht.

Dadurch, daß nicht schon die Äußerung selbst, sondern erst das Verstehen Kommunikation erzeugt, weist diese eine bemerkenswerte Zeitlichkeitsstruktur auf: Jede Kommunikation bezieht sich auf einen ihr vorhergehenden Akt, dem gegenüber sie nachträglich ist, und kann ihrerseits Kommunikation nur sein, wenn in einem zukünftigen Akt an sie angeschlossen wird. Das Gegebensein von Kommunikation ist angewiesen auf retrospektive und prospektive Anschliessung.
Der Schritt zur Ereignishaftigkeit von Kommunikation ist nicht weit: Kommunikation ist keineswegs die ganze, nicht abreißende Kette aneinander anschließender Kommunikationsoperationen, sondern Kommunikation ist nichts als das jeweilige Ereignis, in dem Verstehen dadurch geschieht, daß zwischen Information und Mitteilung unterschieden wird. Im Augenblick seines Auftauchens ist dieses Ereignis schon verschwunden: Kommunikation dauert also nicht an.

Kommunikation ist kein Mechanismus der, sofern nur gewisse Bedingungen erfüllt sind,Verstehen produziert. Dazu führt Kommunikation zu viele Unwahrscheinlichkeiten mit sich. Sowohl welche Information für eine Mitteilung wie auch welche Mitteilung unter den vielen möglichen Mitteilungen ausgewählt wird, und schließlich auch, daß man überhaupt bereit ist, das Verhalten anderer nicht nur wahrzunehmen, sondern daraufhin zu beobachten ob sich in diesem Verhalten die Differenz zwischen Information und Mitteilung zeigt: All das multipliziert die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation.

Wieso kommt Kommunikation - trotzdem - zustande?
Die Kommunikation wahrscheinlich zu machen wird zur Aufgabe der Medien - die dabei allerdings auch neue Unwahrscheinlichkeiten provozieren. Medien interessieren Luhmann somit als Kommunikationsmedien, die für die Fortsetzbarkeit des Kommunikationsgeschehens, durch das Gesellschaft und Kultur sich erzeugen und erneuern, zu sorgen haben.

Es gibt drei Typen dieser medialen Vorsorge, dieser »Routinisierung von Unwahrscheinlichkeiten«: die Sprache, die Verbreitungsmedien und die Erfolgsmedien, besser bekannt unter dem Namen »symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien«.

Gemeinsam ist ihnen, keine Informationen zu übertragen. Dafür aber stellen sie Spielräume bereit für die Differenzierung von Medium und Form. Wie diese Differenzierung dann vollzogen wird, macht die Verschiedenartigkeit der Medien aus.

4. Sprache: die Möglichkeit des Dissens

Sprache ist für Luhmann das grundlegende Kommunikationsmedium: ohne Sprache keine Autopoiesis der Kommunikation; ohne sie also auch keine Gesellschaft. Aber diese gesellschaftsbildende Kraft der Sprache beruht nicht auf ihr eingebauten »Rationalitätsprätentionen« oder einem »telos der Verständigung«. Vielmehr besteht die Eigenart der Sprache in ihrem Potential zur Widerrede: »...die Sprache (stellt) für alles, was gesagt wird, eine positive und eine negative Fassung zur Verfügung.« Jede Aussage ist mit einer Gegenaussage korreliert; jede Bejahung verweist auf ihre Negation. Sprache stiftet also nicht einfach Konsens, sondern bietet immer auch die Möglichkeit zum Dissens. Daher ist es ausgeschlossen »aus der Sprache selbst eine Idealnorm des Bemühens um Verständigung abzuleiten« Durch Sprache erhöht sich also die Zerbrechlichkeit, die Unberechenbarkeit, die Anfälligkeit der Kommunikation. Wieso ist die Sprache gleichwohl ein Medium, das die Wahrscheinlichkeit des Verstehens und damit der Kommunikation erhöht?

Sprache ermöglicht es, Distanzen zu schaffen und mit dem Entfernten umzugehen, indem sie den Bereich des Wahrnehmbaren grundsätzlich überschreitet. Und das in mehreren Hinsichten: Wenn wir an einem nichtsprachlichen Verhalten zwischen Information und Mitteilung unterscheiden, so bleibt eine solche Unterscheidung immer unscharf: Nichts "sagt" uns, ob der Blick des Gesprächspartners auf die Uhr ein Interesse an der Gesprächs-beendigung oder eine schlichte Zeitabfrage sigualisiert. Sprachliche Laute dagegen sind als Vorkommnis so unwahrscheinlich und zugleich so wiedererkennbar, daß mit ihrem Auftreten nahezu garantiert ist, daß, was immer zu Ohren kommt, ein Mitteilen, mithin eine Kommunikation ist.

Vor allem aber erlaubt Sprache zu kommunizieren über das, was abwesend, was fiktiv oder nur möglich ist. Mit ihr kann über nichtwahrnehmbare abstrakte Objekte kommuniziert werden. Mit ihr kann die für die Wahrnehmung geltende »Gleichzeitigkeitsprämisse«, der gemäß die Beobachtung und die beobachtete Welt gleichzeitig sein müssen, durchbrochen werden. Überdies regt Sprache an, sagen zu können, »was noch nie gesagt worden ist«, da wir Sätze auch dann verstehen, wenn wir sie zuvor noch nie gehört haben. So entlastet Sprache das Gedächtnis und erleichtert das Vergessen: Wir müssen vergangene Wortgebräuche und ihre Kontexte nicht in Erinnerung behalten, um einen gegenwärtigen Sprachgebrauch verstehen zu können. Außerdem bereichert die Sprache durch die Unterscheidung von Wort und Sache, von wirklicher und semiotischer Realität, schließlich schafft und stabilisiert sie einen imaginären Raum von Bedeutungen. Während Wittgenstein darauf Wert legt, daß die Sprache arbeitet und nicht feiert, interessiert Luhmann das phantasmatische Potential der Sprache: Die Sprache wird ihm zur »Muse der Gesellschaft«. Wir wollen dieses Potential hier nicht genauer beleuchten. Denn uns kommt es nun auf etwas anderes an: Das alles leistet die Sprache als eine spezifische Form, die an das mediale Substrat des Lautes gebunden ist. »Sprachliche Kommunikation ist also zunächst: Prozessieren von Sinn im Medium der Lautlichkeit
Während die philosophischen Kommunikationstheorien das Gespräch als Urszene von Kommunikation zwar anerkennen, doch die Mündlichkeit des Sprachgebrauches weitgehend ohne Lautlichkeit konzipieren, entwickelt Luhmann eine beeindruckende Feinfühligkeit für die phänomenalen Besonderheiten der Lautsprache: Das Sprechen und Hören wird zum rhyth
mischen, pulsierenden, sich beschleunigenden und verlangsamenden Fluxus, in dem auch Stimmlagen, Gestik und Pausen ihren Part spielen: Dieses strukturierte Fluidum oraler Kommunikation gemahnt - jedenfalls von Ferne - an die Musikalität stimmengebundener Kommunikation. An die musikalische, die stimmliche Dimension unserer Sprachlichkeit, welche erst durch die Schrifttechnik des phonetischen Alphabets der Sprache dissoziiert wurde und dem sprachtheoretischen Diskurs dann als Problem und Thema nahezu abhanden kam.

Auf ebendiesen Unterschied zwischen der Lautform der Sprache und der Form der Schrift kommt es Luhmann an: Es gibt eine Überzeugung, die wir das "phonographische Dogma" nennen können und die nahezu einen Gemeinplatz des Sprachdenkens abgibt. Es geht um die Überzeugung, daß mündliche Sprache durch die phonetische Schrift in das Medium von Texten übertragen werde. Luhmann, der hellhörig bleibt für Phänomenalität stimmengebundenen Sprechens, teilt diese Überzeugung nicht: »Es (ist) nicht möglich, mündliche Kommunikation in die Form eines schriftlichen Textes zu bringen.«
»
...das gleichzeitige Involviertsein von Redner und Hörer, die gleichzeitige Inanspruchnahme mehrerer Wahrnehmungsmedien, vor allem Hören und Sehen, und die Benutzung von Veränderungen der Stimmlage, Gestik und Pausen sowie die ständige Möglichkeit einer Intervention der Zuhörer oder eines "turn-taking", lassen sich nicht in die Form eines schriftlichen Textes überführen.« Luhmann 1997, S. 254.

Wir sehen also: Sprache ist nicht eine Form, die wahlweise als mündliche oder als schriftliche Sprache realisierbar ist, sondern Sprache ist genuin gesprochene Sprache; ihre Form, die Differenz von Laut und Sinn, ist an das Medium der Lautlichkeit konstitutionell gebunden. Welche Rolle spielt dann die Schrift? Mit dieser Frage kommen wir zu den Verbreitungsmedien.

5. Verbreitungsmedien: mehr Information und weniger Akzeptanz

Verbreitungsmedien wie Schrift, Buchdruck und die Massenmedien erweitern, aber anonymisieren auch den Empfängerkreis der Kommunikation. Die Vorgänge des Informierens, Mitteilens und Verstehens treten zeitlich auseinander. Dies ändert nichts an dem Tatbestand, daß erst das Verstehen einer Differenz von Information und Mitteilung Kommunikation ist. Nicht also der Schreibakt selbst, sondern erst das Lesen erzeugt schriftliche Kommunikation. Mit dem zeitlichen Auseinandertreten der drei Komponenten der Kommunikation sind alle »Sofortreaktionen« unterbunden. In dieser Distanzierung von Alter und Ego, bei der die Kommunikation gleichwohl fortsetzbar bleibt, entstehen neuartige Modalitäten des Kommunizierens. Verbreitungsmedien kompensieren also nicht einfach die verlorengegangene Nähe oraler Kommunikation, sondern schaffen etwas Neues, für das es im Nexus des Mündlichen kein Vorbild gibt und geben kann. Ebendarin besteht die kulturstiftende Leistung der Telekommunikation. Diese durch Telekommunikation erschlossenen neuartigen Spielräume können exemplarisch an der Schrift erörtert werden: (1)Die Buchstaben der phonetischen Schrift repräsentieren nicht Laute, sondern fixieren Unterschiede zwischen den Lauten. Die Schrift symbolisiert die Form der Sprache; sie macht damit erst die Differenz von Laut und Sinn definitiv, von der unser Sprachbegriff zehrt. So bringt Schrift durch Markierung der Sprachform die Sprache als ein rationalisierbares Sujet überhaupt erst hervor. Das ist Luhmanns eigene Version von Derridas Diktum des Primats der Schrift gegenüber der Sprache.
(2) Der Text stellt den rhapsodischen Fluß der mündlichen Rede still. Unterbunden wird damit die gewohnheitsmäßige Bestätigung sozialer Gesinnungen und Einstellungen, die sich überall da, wo Redner und Hörer in Sprechsituationen von Angesicht zu Angesicht verwickelt sind, nahezu automatisch vollzieht. Das aber ist die Geburtsstunde der Debatten- und Streitkultur aus dem Geiste einer agonalen Intertextualität. Ein mit sich identisch bleibender, zirkulierbarer Text eröffnet überhaupt erst einen Freiraum, der Platz läßt für abweichende Interpretationen, für kritische Infragestellungen, für Kohärenzüberprüfungen und für eine Vielfalt von Perspektiven ohne Einigungszwang. Die Schrift stimuliert die Informatisierung, also den Sachbezug der Kommunikation, zugleich aber auch die Dissensbereitschaft der an der Kommunikation Beteiligten: Im Schnittpunkt beider kann so etwas wie Wissenschaft überhaupt erst entstehen.
(3) Die zeitliche Entkopplung von Mitteilen und Verstehen durch die Schrift, die konstitutive Nachträglichkeit einer Kommunikation, die sich erst im Lesen ereignet, führt ein neuartiges Zeitregime ein. Es kommt zum Bruch des Mit-der-Zeit-Lebens, zu einer Beschreibungsweise von Zeit, die Zeit behandelt, als ob auf sie wie auf ein Ding oder auf eine Bewegung referiert werden könne. Die uns vertraute Ausdifferenzierung der Kategorien von Raum und Zeit erweist sich so als eine Langzeitwirkung der Schrift.

5.1. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien:
Die Ermutigung der Kommunikation

Die »Logik« der Verbreitungsmedien läßt sich zu einer kurzen Formel kondensieren: mehr Information und weniger Akzeptanz. Der Zusammenhalt von Gesellschaft scheint unter diesen Bedingungen ins Außergewöhnliche entrückt. Gepaart mit dem durch die Sprache selbst bereitgestellten Dissenspotential scheint die Produktion und Aufrechterhaltung von Übereinstimmung immer unwahrscheinlicher, sie bekommt nahezu extravagante Züge. Und es wird nun die Aufgabe der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, trotz der durch die Verbreitungsmedien radikalisierten Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation zur Kommunikation zu ermutigen. Wie machen sie das?

Nun, jedenfalls anders als zum Beispiel eine Bindung durch Moral funktioniert, als deren funktionelles Äquivalent die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien für Luhmann gelten. Durch Normierung versucht Moral Differenzen zu vereinheitlichen, doch symbolisch generalisierte Medien kennen kein homogenes, universalisierendes Supermedium, sondern treten immer nur in der Vielzahl auf, arbeiten also mit sehr verschiedenartigen Codes: Es geht um Medien wie Wahrheit, Liebe, Geld, Kunst, Macht und Recht. Deren Eigenart ist es, daß die Duplikation in eine Positiv-/Negativversion, die jeder Code bereitstellt, im Falle der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien mit eindeutigen Präferenzen für die Positivversion verbunden ist: Daher heißen sie auch »Erfolgsmedien«. Während die Sprache neutral bleibt gegenüber der Bejahung und Verneinung, weil auch Willkommenes als Negation gesagt werden kann (»Es regnet nicht«), präferieren symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien die Positiwersion: Exaltierte Vorhaben und überspannte Idiosynkrasien werden auf diese Weise annehmbar, sofern sie denn nur vollzogen werden um der Wahrheit oder um der Liebe willen oder weil sie als Kunst gelten können oder auch einfach nur, weil für sie bezahlt wird.

Unterstützt wird diese Motivierung für die Positivversion durch eine nur den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien eigene Bezugnahme auf die Körperlichkeit. Luhmann nennt diese Bezugnahme »Symbiosis«. Jeder der Erfolgsmedien korrespondiert ein symbiotischer Mechanismus, der zu einer sozialen und symbolischen Konditionierung des Körpers führt, aber auch umgekehrt das Medium durch die Körper der Kommunikationsteilnehmer irritierbar macht. Beim Medium der Wahrheit geht es um die Stilisierung der Wahrnehmung, bei der Liebe um die Referenz auf die Sexualität. In beiden Fällen geht mit der Ausdifferenzierung dieser Medien eine Aufwertung der ihnen entsprechenden symbiotischen Praktiken einher, die nicht länger als niedere Vermögen der Sinnlichkeit gelten. Das Medium des Geldes bezieht sich auf die Bedürfnisse, das Medium von Recht und Macht arbeitet zusammen mit der physischen Gewalt.

Symbolisch generalisierte Medien werden zu Katalysatoren der Ausdifferenzierung von Funktionssystemen der Gesellschaft und entpuppen sich damit als Medien zur Konstruktion von Welten: Sie gemahnen fast an die welterzeugenden Funktionen der symbolischen Formen Ernst Cassirers. Mit dem gewichtigen Unterschied allerdings, daß Luhmann nicht Niklas Luhmann wäre, wenn seine Medien, insofern sie symbolisch wirken durch die Herstellung un-wahrscheinlicher Passungen, nicht zugleich auch diabolisch wirkten durch das Hervorbringen immer neuer Differenzen, nicht zuletzt durch Einbeziehung der immer auch unkontrollierbaren Körperlichkeit der Kommunizierenden.

6. Warum für den Systemtheoretiker Luhmann Sprache kein System ist .

Soweit also die Umrisse der Medientheorie Niklas Luhmanns, in deren Rahmen seine sprachtheoretischen Überlegungen situiert sind. Luhmann wurde nachgesagt - und er hat das durchaus akzeptiert und bestätigt -, daß die Sprachtheorie ein augenfälliges Desiderat seiner Kommunikationstheorie bilde. Unsere Hypothese nun ist, daß im Blickwinkel seines Medium-Form-Konzeptes Züge an der Sprache hervortreten, die auf bemerkenswerte Weise abweichen von denjenigen Ansätzen, die den Bahnen des Zwei-Welten-Modells folgen.

Jede Sprachreflexion macht in der einen oder anderen Weise Gebrauch vom Begriff der Form, und es ist kaum eine Frage, daß in dem mit den Namen Saussure, Chomsky, Searle und Habermas verbundenen Sprachdenken Termini wie "Struktur", "System" oder "Regel" und insbesondere "Kompetenz" Erben des überkommenen Formkonzeptes sind. Wir können dazu auch sagen: Die Kompetenz ist die sprachtheoretische Version der Idee einer Form-ohne-Medium.

Und eben hierin setzt Luhmanns Medialisierung der Form einen ganz anderen Akzent. Form wird nicht mehr nach dem Modell der »zeitüberdauernden Identität« konzipiert und nicht mehr als eine »von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität«. Das Potentielle, Universelle, Zeitindifferente, Apriorische, all diese Attribute, die in der zeitgenössischen Sprach- und Kommunikationstheorie der unsichtbaren Sprache hinter dem sichtbaren Sprachgebrauch zugeschrieben werden, finden sich - wenn überhaupt - dann auf der Seite des Mediums wieder und werden damit zugleich relativiert, insofern Medien prinzipiell auch als Formen behandelt werden können. Die Form dagegen wird zum operativen Vollzug, zur partikularen wie auch kontingenten Realisierung einer derjenigen Optionen, die das Medium bereithält und in welches die Form nach ihrer Verflüssigung und nach ihrem Verbrauch auch wieder eingehen wird. Das Medium wird zur "Grammatik" der Form; die Form aber wird zu einer Aktualisierung des Mediums. Der Idee eines medienindifferenten sprachlichen Systems ist damit der Boden entzogen.

Eine bemerkenswerte historische Situierung des Kompetenz- und Sprachbegriffes zeichnet sich damit ab: Jene Merkmale, welche der Sprachkompetenz zugeschrieben werden, erweisen sich in dieser Perspektive als Stilisierungen und Extrapolationen von Attributen eines spezifischen Mediums, nämlich der phonetischen Schrift. Die Idee einer Sprache, die als universale Tiefenstruktur und als rationalisierbares Wissenssystem allem Sprechen zugrunde liegt, zeigt sich als Projektion und Produkt der kulturhistorischen Form ihrer schriftsprachlichen Darstellung und Bearbeitung. Im Lichte des Luhmannschen Formbegriffes besehen, dient die Schrift der Sprachtheorie als - allerdings verschwiegenes - Modell der Sprache.

Es sollte deutlich geworden sein, daß das, worin Luhmanns Sprachreflexionen abweichen von den durch das Zwei-Welten Modell gelegten Gleisen, zu tun hat mit der für seine Überlegungen fundamentalen Perspektive der Medialität. Indem Luhmann die Sprache als Medium rekonstruiert, birgt sein Ansatz eine interessante und auch überraschende Konsequenz: Für den Systemtheoretiker Luhmann ist die Sprache gerade kein System. Vielmehr wird sie als ein Medium zur Selbstorganisation - Luhmann sagt dazu im Anschluß an Maturana: "Autopoiesis" - gesellschaftlicher und psychischer Systeme genutzt, die ihre je eigenen Operationen mit Hilfe der Sprache strukturieren. Und das heißt: Die Kommunikation selbst ist eine Operation, ihr ist eine innere Systematizität eigen, nicht jedoch der Sprache. Luhmanns Ansatz erweist sich als eine Relativierung des für den philosophischen Diskurs fast unbestritten gültigen Sprachapriori - und doch gewinnt er mit seinem Ansatz nicht nur subtile Phänomenbeschreibungen unserer Sprachlichkeit, sondern auch anschlussfähige Neubeschreibungen traditioneller sprachtheoretischer Begriffe. Was diese "Neubeschreibung in der Perspektive der Medialität" bedeutet, kann an dem Begriff "Sinn" erläutert werden.

7. Eine nicht-hermeneutische Konzeption von Sinn

"Sinn" ist zuerst einmal eine hermeneutische Kategorie, ein Interpretations-produkt, das entsteht im Spannungsfeld von "Geist" und "Buchstabe". In der hermeneutischen Einstellung wird der Sinn sichtbar, sobald einText zum transparenten Fenster mutiert, durch das hindurch unser geistiges Auge den Sinn aufzufassen vermag. Angesiedelt in der Tiefe des Textes, wird der Sinn zu einer objektivierbaren Entität. Und haben wir erst den Sinn, dann ist das Medium obsolet.

Auf diesen substantialistischen Sinnbegriff reagierte die Mediendebatte nun mit einer Substantialisierung des Mediums. Die Rolle, die ein zum identifizierbaren Gegenstand verdichteter Sinn spielt, geht dabei über auf das Medium; verbunden ist damit die Verabschiedung von Begriffen wie "Sinn" und "Bedeutung". Und so, wie die Hermeneutik einer Ontologisierung des Sinns Vorschub leistete, konfrontiert uns der hermeneutik-kritische Mediendiskurs nun mit einer Ontologisierung des Mediums.

Solchen den Sinn oder das Medium hypostasierenden Ansätzen ist Luhmanns beobachterrelativer Zugang abhold. Was bedeutet das nun für den Begriff des Sinns?

Dieser Sinnbegriff ist nichts anderes als die Medium/Form-Unterscheidung selbst, thematisiert jedoch in einer ganz bestimmten Hinsicht. Diese Hinsicht wird eröffnet durch das Nachdenken darüber, wie »Welt« überhaupt zu einem Gegebenen werden kann. Und es ist der Sinnbegriff, durch den sich Luhmanns Medientheorie erweitert zu so etwas wie einer »Phänomenologie der Welt«. Deuten wir die Stationen dieser »Weiterung« zumindest an:
(a)
Es gibt keine Differenzen an sich, sondern Unterschiede werden im Zuge von Unterscheidungen gemacht. Eine Unterscheidung zu treffen ist eine Operation, die - wie alle Operationen bei Luhmann - kontingent und geschichtlich ist, also immer auch anders ausfallen könnte. Diese »historische Operationsform« nennt Luhmann »Sinn«. Wo immer wir durch Unterscheidungen etwas feststellen, ereignet sich Sinn. Doch anders als es das »Feststellen« suggeriert, ist Sinn keine zeitüberdauernde Entität, sondern ein beobachterrelativer und zugleich instantaner Prozeß: Sinn entsteht und vergeht im Augenblick einer Operation.
(b) Im Kern allen Unterscheidens findet sich das Verhältnis von Aktualität und Potentialität. Aktuelles verweist immer auf Potentielles: »Diese und keine andere Unterscheidung konstituiert Sinn.« Der Augenblick - hier folgt Luhmann Husserl - ist das, was er ist, nur durch Retention und Protention, also durch Bezugnahme auf Vergangenes und Zukünftiges. Das Gegenwärtige ist präsent nur, indem es das Nichtgegenwärtige apräsentiert. Das Wirkliche ist real nur im Horizont der ausgeschlossenen Möglichkeiten, auf die es zugleich als Potentialitäten verweist. Kurzum: Jede Manifestation ist eine Figur, deren Physiognomie sich dem Hintergrund eines Latenten verdankt. Sinn entsteht also durch die Anwesenheit dessen, was im jeweils Aktuellen abwesend und ausgeschlossen ist - bemerkt Luhmann im Rekurs auf Gilles Deleuze.
(c) Doch genau diese Konzeption einer Aktualität, die ihre Signatur nur im Horizont nicht-aktualisierter Potentialitäten erhält, ist das, was auch das Zentrum der Medium/Form-Unterscheidung markiert. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen "Sinn" und "Medium/Form". Er besteht darin, daß "Sinn" gewöhnlich in der Einzahl, "Medien" im Horizont der Medium/Form-Unterscheidung jedoch in der Mehrzahl auftreten. Daß psychische und soziale Systeme in einem Medium operieren müssen, artikuliert der Sinnbegriff; wie sie das tun, von welchen Medien sie dabei Gebrauch machen können, ob z.B. von der Lautsprache oder der Schrift, ob vom Medium der Liebe oder der Wahrheit etc., das bleibt variabel.
Der Terminus "Sinn" zielt auf die Unhintergehbarkeit von Medien; er zeugt davon, daß Medialität konstitutiv ist für alle psychischen und sozialen Vorgänge. Ohne Sinn kein Bewußtsein und keine Kommunikation. Die Form des Sinns wird so das »absolute Medium ihrer selbst«; Sinn wird zu einem »Universalmedium«.
(d) Dieses Auftauchen des Absoluten, Universellen und Unhintergehbaren ausgerechnet bei Luhmann irritiert. Wie haben wir das zu verstehen? Vielleicht finden wir eine Antwort, wenn wir uns fragen, warum denn der Sinn unhintergehbar ist. Für die Medium/ Form-Unterscheidung galt, daß, was in der einen Hinsicht ein Medium ist, in einer anderen Hinsicht als Form betrachtet werden kann, und dies ad infinitum, ohne daß wir auf »letzte Elemente«, aus denen alle anderen Medien und mögliche Formen gebildet werden, stoßen könnten. In bezug auf den Sinn verhält es sich jedoch anders. Die Kategorie des Sinns hat eine andere Seite, auf die wir gerade durch keinen Perspektivenwechsel je gelangen können - diese andere Seite aber ist die "Welt".
(e) "Sinn" bezieht sich also auf die Verfassung unseres Weltverhältnisses und drückt aus, daß wir keinen unmittelbaren Zugang zur Welt haben. Denn das Einnehmen jedweder Perspektive hieße ja immer schon als Beobachter, somit auf der Seite des Sinns, zu operieren. Wo immer uns "Welt" begegnet, indem wir etwas als etwas wahrnehmen, denken oder kommunizieren, da machen wir Gebrauch vom Medium des Sinns. Die Welt selbst aber wird - wenn diese unpassende territoriale Metapher einmal erlaubt ist - zur beobachterfreien Zone; sie wird zum Inbegriff dessen, was nicht aufgeht in all unserem Unterscheiden und Feststellen: »Die Welt selbst bleibt als stets mitgeführte Seite aller Sinnformen unbeobachtbar.«

Sinn ist Welt-in-einem-Medium. Und die Unabdingbarkeit der Sinnkategorie dokumentiert, daß Welt-ohne-Medium sich uns nicht zeigt. Die Vergewisserung dieses fast schon befremdlichen Letzthorizontes, der mit Luhmanns Weltbegriff konnotiert ist, wird damit zur Konstitutionsakte der grundlegenden Einsicht in eine Medialität, die für psychische oder soziale Systeme nicht außer Kraft zu setzen ist. Wir haben nicht die Welt, sondern immer nur eine historisch kontingente Version von der Welt. Diese Version aber trägt unentrinnbar die Spur der Medien, in und durch deren Gebrauch sie entsteht. Luhmann buchstabiert das Verhältnis zur Welt zwar beobachtungstheoretisch. Doch im Gewande der Beobachtungstheorie ist angelegt, daß wir "die" Welt gar nicht zu "sehen" bekommen. Die Verwendung des Terminus »Sinn« bei Niklas Luhmann führt uns vor, daß die beobachterrelative Medientheorie - wenn sie denn als Phänomenologie der Welt interpretiert wird - die Züge einer Phänomenologie des Unbeobachtbaren annimmt.


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