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Wozu dieses Buch?
Dieses Buch bietet drei Lesarten an: (I) Es ist zuerst einmal ein Kompendium, das einführt in belangvolle und anschlußfähige Positionen der Sprachreflexion im 20. Jahrhundert. Es bietet, was Wittgenstein eine "übersichtliche Darstellung" genannt hat. Also eine Darstellung, die schon durch das Prinzip ihrer Anordnung über das, was dabei geordnet wird, etwas zu verstehen gibt. (2) Es liefert überdies eine Diagnose zur Verfassung moderner Sprachtheorien. Die Diagnose lautet, daß sich die meisten Sprachtheorien danach unterscheiden lassen, ob sie Befürworter oder Gegner des "Zwei-Welten-Modells" sind.
Das Zwei-Welten-Modell meint eine stillschweigende Voraussetzung in der sprachtheoretischen Arbeit, die Gebrauch macht von der Unterscheidung zwischen einer "reinen" Sprache bzw. Kommunikation, verstanden als ein grammatisches oder pragmatisches Regelsystem, und dessen Realisierung bzw. Aktualisierung im jedesmaligen Sprechen und Kommunizieren. (3) Schließlich liefert dieses Buch eine Landkarte der zeitgenössisch wirksamen Sprachtheorien, auf der sich die Richtung abzeichnet, welche die Weiterarbeit zu nehmen hat. In dieser Perspektive ist es allerdings signifikant, daß diese einzuschlagende Richtung nicht etwa dadurch profiliert wird, daß gewisse Positionen explizit kritisiert werden.
Der Verzicht auf den Gestus der Kritik in diesem Text fällt auf, und das ist zweifelsohne begründungsbedüritig. Es gibt dafür einen banalen und auch einen subtileren Grund. Der banale hängt damit zusammen, daß zutage zu fördern ist, was Denker unterschiedlichster methodologischer und terminologischer Provenienz zum Verständnis unserer Sprachlichkeit beigetragen haben. Davidson hat uns darüber aufgeLlärt, daß die mit der Sprache verbundene Kreativität weniger im Sprechen liegt vielmehr darin, interpretieren und verstehen zu können. Und er hat mit seinem >Nachsichtigkeitsprinzip< zugleich die Maxime geliefert, auf welchem Weg die interpretatorische Kreativität am besten vorankomme. In loser Anlehnung daran wollen wir das prosaischer ausdrücken: Uns interessiert an Autoren nicht das, worin sie fehlgehen und worin wir ihnen unmöglich folgen können, sondern das, worin sie anschließhar sind. Luhmann wies darauf hin, daß die Wissenschaft ein Instrumentarium hervorgebracht hat, welches über Anschließbarkeit zu entscheiden erlaubt: Und das ist der Code "wahr" und "falsch". In diesem Sinne liegt der erste Grund für unsere Zurückhaltung im Kritikeramt ganz einfach darin, daß wir bei den hier rezipierten Autoren vor allem nach dem "Körnchen Wahrheit" suchen. Das ist zwar ein fragwürdiger Ausdruck - aber es geht ja auch um den banalen Grund.
Jetzt zum subtileren Grund: Unsere Diagnose macht die Frage, ob ein Theoretiker die Unterscheidung zwischen einem universalen Sprachmuster und seiner raum-zeitlich situierten Anwendung im Sprechen für methodisch sinnvoll hält, zu einer Gretchenfrage moderner Sprachtheorien. Die Anordnung, die dieser Darstellung zugrunde liegt, hat aus dieser Frage ein Kriterium gemacht: Die erste Gruppe von Autoren: Saussure, Chomsky, Searle und Habermas, teilt die Präsupposition des ZweiWittgenstein, Austin, Luhmann, Davidson, Lacan, Derrida, Butler, teilt diese Präsupposition nicht, und ihre Mitglieder werden deshalb als Verfechter eines nicht-intellektualistischen Sprachbildes gedeutet. Daß die philosophischen Sympathien der Autorin dieses Buches auf seiten der zweiten und nicht etwa der ersten Gruppe zu finden sein werden, ist dann eine Vermutung, die durch die Anordnung selbst nahegelegt wird (das Gute kommt immer zum Schluß), ihr also implizit ist.
Aber kann das ein Grund sein, diese Sympathie nicht durch eine Kritik an den Vertretern des intellektualistischen Sprachbildes auch einsichtig zu machen? Zweifelsohne "nein". Der Grund ist auch ein anderer: Er hat damit zu tun, daß das Zwei-Welten-Modell nicht einfach ein konzeptioneller Fehlschlag ist, sondern eine Errungenschaft darstellt. Und daß dieses Buch es sich zur Aufgabe macht, das, was an diesem Modell interessant und bedenkenswert ist, auch hervortreten zu lassen. Versuchen wir zumindest ansatzweise deutlich zu machen, wie das gemeint ist.
Die erste Autorengruppe führt eine Unterscheidung ein und etabliert ein Hierarchieverhältnis zwischen den beiden Seiten dieser Unterscheidung. Holzschnittartig: Es wird zwischen universalen grammatischen oder pragmatischen Regeln und ihrer Anwendung im Sprechen so unterschieden, daß das Sprechen zu erklären heißt diese grammatischen oder pragmatischen Regeln (und die ihnen entsprechenden Wissenssysteme bzw. Kompetenzen) zu beschreiben. In diesem Sinne gibt es - für diese Autorengruppe - eine universale Sprache bzw. Kommunikation, "hinter" dem Sprechen. Sie zu rekonstruieren wird zur Aufgabe der Sprachtheorie. Damit zeigt sich eine Pointe des Zwei-Welten-Modells: Sie liegt in der Einsicht, daß die Sprache oder Kommunikation, "idealiter" oder auch "sub specie aeternitatis" betrachtet, gerade nicht zur Deckung kommt mit unserem alltäglichen Sprechen und Kommunizieren.
Was immer über die "reine" Sprache und Kommunikation zu sagen ist, ist so beschaffen, daß es sich im raum-zeitlich situierten Sprachgebrauch gar nicht zeigt, also kein empirisches Datum ist. Damit liefert das Zwei-Welten-Modell die Erklärung für einen merkwürdigen Tatbestand, den der Linguist John E. Joseph als ein hervorstechendes Merkmal zeitgenössischer Sprachtheorien diagnostizierte: daß "die Sprache" im Sinne der Sprachtheorie nicht das ist, was wir intuitiv unter "Sprache" in unseren alltäglichen Lebensvollzügen verstehen. Saussures Ingenium bestand darin, die Autarkie der Sprache auf der Folie dieser kategorischen Trennung vom tatsächlichen Sprechen geschaffen zu haben.
Die Hypostasierung einer Sprache hinter dem Sprechen ist also nicht einfach ein Irrweg, sondern eine durchaus elegante Weise, die konstitutive Differenz zwischen universeller Sprache und jedesmaligem Sprechen auch zutage treten zu lassen. An dieser Stelle nun kann uns Derrida hilfreich sein: Wenn ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen zwei Begriffen etabliert wird - und das ist beim Zwei-Welten-Modell zweifelsohne der Fall
Vielleicht kann der subtilere Grund für unsere Kritik-Enthaltung jetzt einsichtig werden (abgesehen davon, daß diese Kritik oft genug und dazu auch glänzend geleistet wurde): Das Zwei-Welten Modell, welches der ersten Autorengruppe zur Voraussetzung wird, schafft mit seiner Unterscheidung zwischen Muster und Aktualisierung einen Sachverhalt, der von der zweiten Autorengruppe nicht einfach ad acta gelegt, sondern umgebildet wird.
Aber was ist es, was dieser zweiten Autorengruppe als Material dient und damit auch umgebildet werden kann? Wir wollen hier nicht vorweggreifen, aber zumindest die Richtung andeuten, in der wir zu suchen haben. Im Rahmen der methodologischen Unterscheidung zwischen Muster und Gebrauch ist der Gebrauch immer nur interessant, soweit er ein Muster instantiiert bzw. repräsentiert. Wir können dann auf seiten des Gebrauchs unterscheiden was an ihm wichtig und was zu vernachlässigen ist. Bezogen auf das Verhältnis von Sprache und Sprechen: Am Sprechen ist genau das wesentlich, worin das jedesmalige Sprechen die universellen Bedingungen von Sprache repräsentiert (was voraussetzt, daß die Sprache selbst dabei abwesend ist). So daß also eine Konsequenz des Zwei-Welten-Modells darin besteht, zwar den in der frühen Neuzeit verwurzelten repräsentationalen Sprachkonzepten den Boden zu entziehen (wir kommen darauf noch zurück), insofern Sprache vorrangig nicht mehr als Repräsentation von Denken und Vernunft zu begreifen ist. Doch um den Preis, daß eine Repräsentations-beziehung, diesmal zwischen Sprache und Sprechen, neu etabliert wird, welche überdies auf feinsinnige Weise das traditionelle Verhältnis von Logos und Sprache im Verhältnis zwischen "reiner" Sprache und jedesmaligem Sprechen wiederholt.
Die Verfechter eines "nicht-intellektualistischen" Sprachbildes wollen dieser insgeheim in Anspruch genommenen Analogie, daß sich die Sprache zum Sprechen verhält wie - in der Neuzeit - die Vernunft zur Sprache, nicht folgen. Und das Argument, um diese Gefolgschaft aufzukündigen, bezieht sich genau auf das Verhältnis zwischen Schema und Anwendung. Denn für diese Autoren vollzieht sich auf der Seite der "Anwendung", "Aktualisierung" bzw. "Realisierung" etwas, das dasjenige, was dabei angewendet, aktualisiert und realisiert wird, immer auch überschreitet bzw. übersteigt. Austin hat dafür den Boden bereitet, insofern er in seiner Handlungstheorie nicht die Intention, sondern die Ausführung zur handlungstheoretisch allein relevanten Ebene macht, weil allein in der Ausführung etwas mißlingen kann, das Mißlingen-Können aber geradezu definiert, was "menschliches Handeln" überhaupt heißt. Austin hat also nicht nur entdeckt, daß das Sprechen ein Tun ist, sondern auch, unter wie vielen Umständen das, was im Sprechen getan werden soll, mißlingt. Und es ist Judith Butler, die den Umstand, daß Worte nicht immer zugleich auch Taten sind, umdeutet im Sinne eines Potentials, das, was im Sprachgebrauch sich geschichtlich sedimentiert hat, nicht nur zu wiederholen und anzuwenden, sondern auf entscheidende Weise zu transformieren.
Wäre ein Schlagwort für die Präsuppositionen zu finden, welche die zweite Autorengruppe miteinander teilt, so wäre dies das Performanz-Modell. "Performanz-Modell", verstanden als die Annahme, daß - bezogen auf das Verhältnis von Schema und Gebrauch - es die Seite des Gebrauches ist, durch die eine Dynamik in den Blick kommt, welche die Kraft hat, das Schema im Vollzug zu verändern.
Spätestens an dieser Stelle unserer Einleitung wird es einigen Lesern und Leserinnen (das ist das erste und einzige Mal, daß wir geschlechtsdifferent formulieren, für den Rest des Buches sparen wir uns dieses Verfahren) unbehaglich werden. Wird hier nicht allzu freizügig und auch kontraintuitiv mit Attributierungen oder eher noch: Etikettierungen von Sprachtheorien umgegangen? Versteht sich nicht Searles Sprechakttheorie gerade als eine Präzisierung von Austins Reflexionen über sprachliche Performanz und performative Äußerungen? Hat Habermas nicht zusammen mit Apel den Ausdruck von der "performativ-propositionalen" Doppelstruktur der Rede geprägt? Und haben Searle, Habermas und Apel zusammen nicht eine Alternative zu Chomskys Marginalisierung der "Performanz" als einem sprachtheoretisch irrelevanten Tatbestand gesucht und vor allem: in ihrer Sprechakt- und Kommunikationstheorie auch gefunden? Und wenn schon einmal Intuitionen in Stellung gehen dürfen: Wie kann es angehen, daß die für das 20. Jahrhundert entscheidende Kontroverse zwischen den System-(Struktur-) und Handlungstheorien der Sprache hier so übergangen, besser: übersprungen wird, daß die Grenze, die statt dessen gezogen wird, mitten durch die handlungsorientierten und pragmatischen Ansätze verläuft? Haben der "späte" Wittgenstein und Austin, indem sie die Handlungsdimension der Sprache entdeckten und sich folgerichtig nicht mehr an einer konstruierten idealen Sprache, vielmehr an der Umgangssprache orientierten nicht gerade der Sprechakt- und Kommunikationstheorie von Searle und Habermas den Weg bereitet?Und wird der Systemtheoretiker Luhmann nicht in irgendeiner Weise den Fußstapfen Saussures folgen, für den die Systematizität der Sprache zum linguistischen Credo wurde? Und wenn Davidson beansprucht, ausgerechnet an Tarskis formalsprachlichem (Wahrheits-) Konzept anzusetzen: Wird sich dann nicht eine Verwandtschaft zeigen zu Chomsky, der jedenfalls in seinen transformationsgrammatischen Überlegungen ein formalisierbares Sprachmodell favorisierte? Diese Fragen animieren, auf noch einen weiteren Umstand aufmerksam zu machen:
Der Titel dieses Buches »Sprache, Sprechakt, Kommunikation. Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts« erweckt eine Erwartung, die wir so ausdrücken können: Von der Sprache zur Kommunikation. So daß am Anfang dann Autoren zu Wort kommen (sollten), die sich fragen, "was ist Sprache?", am Ende wir aber auf Autoren treffen, die ihre Aufmerksamkeit der Frage widmen, "wozu gebrauchen wir Sprache?" Eine solche Reihenfolge hätte den Vorteil, daß ihre innere Ordnung und Folgerichtigkeit mit sprachtheoretisch vertrauten und auch plausiblen Unterscheidungen verknüpft ist. Ob das der Unterschied zwischen der Sprache als System und als Handlung ist oder zwischen einer Analyse von Sätzen-ohne-Kontext in ihrer Eigenschaft, grammatisch korrekte Ausdrücke zu sein, und von Äußerungen-im-Kontext in ihrer Eigenschaft, kommunikativ gelingende Handlungen zu sein. Die "pragmatische Wende" gäbe dann den Richtungspfeil, so etwas wie ein Telos der Sprachtheorie im 20. Jahrhundert ab, verstanden als die Auffassung, daß Sprache nur erklärbar ist als ein Gebrauch von Sprache durch Personen in Situationen. Warum also geht unsere Darstellung nicht diesen so naheliegenden und übrigens auch schon gut ausgetretenen Weg?
Auf alle diese Fragen eine Antwort zu finden kann nur heißen, den vorliegenden Text zu lesen und die Antworten dort auch aufzulesen. Übrigens waren diese Antworten der Autorin, als sie selbst mit dem Schreiben begann, noch keineswegs klar und gegenwärtig: Das Schreiben erst hat sie hervorgebracht.
Doch soviel sollte aus dieser Einleitung deutlich geworden sein: Der Witz dieser Studie besteht darin, einen Darstellungsweg jenseits der vertrauten linguistischen und philosophischen Kontroversen zu beschreiten. Und das hat eine Umstrukturierung der "logischen Geographie" der Sprachdebatte im 20. Jahrhundert zur Folge. Geographien finden wir nicht vor, sondern stellen sie im Medium von Schrift und Bild her. Und so können wir die Generalidee dieser Studie auch ausdrücken:Wir haben eine Achse mit zwei Polen konstruiert, mit deren Hilfe wir eine Landkarte der Sprachdebatte entwerfen.
Die Achse ist durch eine Frage zu kennzeichnen: "Gibt es eine Sprache hinter dem jedesmaligen Sprechen?" Die Pole sind die alternativen Antworten. Den einen Pol bildet das Zwei-Welten-Modell im Sinne der Privilegierung der sprachlichen Form gegenüber ihrem Vollzug im Sprechen (im 20. Jahrhundert wird für "Form" vorzugsweise "System", "Regelwerk", "Kompetenz" gesagt). So daß es also die Sprache bzw. Kommunikation hinter oder jenseits des Sprechens - sei es als soziale Institution, als Hirnmodul oder als in jeder Redesituation wirksame Unterstellung - tatsächlich gibt.
Den anderen Pol bildet das "Performanz-Modell" im Sinne der Privilegierung des Vollzugs gegenüber der Form (die nur im Vollzug geschaffen und nur durch Vollzug auch verändert werden kann). So daß es keinen Sinn macht, von der Existenz einer Sprache vor dem und unabhängig vom Sprechen auszugehen.
Doch eine Landkarte ist nur so gut oder schlecht, wie sie uns helfen kann Wo wir gegenwärtig stehen, können wir der Karte entnehmen: an der Schwelle zu einer performativ orientierten Sprachphilosophie, die eine Antwort auf die Frage geben muß, wie das formbildende und formentransformierende Potential von Sprachpraktiken begründet werden kann. Doch die Bewährungsprobe dafür abzulegen, ob wir mit Hilfe dieser von uns angelegten Karte dann auch herausfinden können, wie wir zu dem Ort, an dem es diese Art von Sprachphilosophie gibt oder zu entwickeln ist, gelangen: das muß einem weiteren Text vorbehalten bleiben. Einen Arbeitstitel hat er schon: "Verkörperte Sprache. Über die Stimme und die Schrift". Doch jetzt kommt zuerst die Vorarbeit: Ein Exercitium, das darin besteht, sprachtheoretische Positionen zu verstehen, auch dann, wenn man deren methodologische und terminologische Voraussetzungen gar nicht teilt!
Sybille Kraemer
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