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Felix Lau |
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Seite 173: 3. Das Entstehen von Universen Nachdem mit den ersten beiden Abschnitten die Welt unterteilt wurde in Beobachter und Beobachtetes, soll nun deren Einheit in den Blick genommen werden. Aus daoistischer oder buddhistischer Sicht ist das Interessante an den Laws of Form und auch der Systemtheorie, dass in ihnen hervorgehoben wird, dass es immer ein Beobachter ist, der eine Wirklichkeit auf seine Weise, mit seinen Unterscheidungen und Wertungen wahrnimmt. Man wird auf sich selbst aufmerksam gemacht. Es geht weiterhin um Beobachtungen, die nach außen gerichtet sind, aber eben auch stets darum, sich selbst als denjenigen zu erfahren, der diese eigene Sicht der Dinge wahr-nimmt und wahr-macht – und damit sich selbst als die Welt zu erleben, die man sieht. Darin liegt die Einheit von allem, die All-Einheit, die identisch mit Leere ist. „Das Thema dieses Buches ist, dass ein Universum zum Dasein gelangt, wenn ein Raum getrennt oder geteilt wird. Die Haut eines lebenden Organismus trennt eine Außenseite von einer Innenseite. Das gleiche tut der Umfang eines Kreises in einer Ebene. Indem wir mit unserer Darstellungsweise einer solchen Trennung nachspüren, können wir damit beginnen, die Formen, die der Sprachwissenschaft wie der mathematischen, physikalischen und biologischen zugrunde liegen, mit einer Genauigkeit und in einem Umfang, die fast unheimlich wirken, zu rekonstruieren, und können anfangen zu erkennen, wie die vertrauten Gesetze unserer eigenen Erfahrung unweigerlich aus dem ursprünglichen Akt der Trennung folgen. Der Akt selbst bleibt, wenn auch unbewusst, im Gedächtnis als unser erster Versuch, verschiedene Dinge in einer Welt zu unterscheiden, in der anfänglich die Grenzen gezogen werden können, wo immer es uns beliebt. Auf dieser Stufe kann das Universum nicht unterschieden werden von der Art, wie wir es behandeln, und die Welt mag erscheinen wie zerrinnender Sand unter unseren Füssen.“ (SPENCER BROWN 1997: XXXV) Caminante, son tus huellas „Wissenschaftliche Erkenntnis, die durch Studieren der Erscheinung dessen erlangt wird, was wir Dinge nennen, liefert uns keine Darstellung deren grundlegenden Natur, sagt nichts über deren Herkunft und nichts darüber, wie sie zum Existieren kamen und was sie wirklich sind.“ (SPENCER BROWN 1995: 19) In diesem Satz veranschaulicht George Spencer Brown die Änderung der Fragerichtung („Wie“ statt „Was“). Indem er vorgibt zu wissen und mit den Laws of Form mitteilen zu können, was die Ursache dessen ist, was wir Realität oder Universum nennen, nimmt er die Konstruiertheit dessen an, was wir „Dinge“ nennen. Seine Absicht ist demnach, uns darüber aufzuklären, was wir taten und tun, um diese Realität zu erzeugen. Aufgrund der Form seiner Darstellung kann man sagen, dass nichts aus sich heraus besteht. Alles basiert auf Unterscheidungen, die jemand trifft. Das Äquivalent zu der oben erwähnten, aus dem Buddhismus kommenden Formulierung der „Identität“ von Form und Leere findet sich bei George Spencer Brown erst in der deutschen Auflage. Es wird dem Text als Beginn der ersten Einleitung vorangestellt und als Kanon Null bezeichnet: „Der gesamte Text der Laws kann auf ein Prinzip reduziert werden, welches wie folgt aufgezeichnet werden könnte. Kanon Null (Koproduktion): Was ein Ding ist, und was es nicht ist, sind, in der Form, identisch gleich.“ (SPENCER BROWN 1997: IX) Das heißt: Um festzulegen, was ein Ding ist, benötigt man eine Grenze oder Unterscheidung, die mit festlegt, was die andere Seite ist, das, was das Ding nicht ist. Damit sind auch Alles (Form) und Nichts ( ) der Form nach identisch. Das Nichts – bzw. die Leere – repräsentiert den Zustand, in dem alle Unterscheidungen aufgehoben sind; dieser Raum enthielte keine Unter-schiede, hätte keinerlei Eigenschaft – nicht einmal die, ein Raum oder eigenschaftslos zu sein. Und er hätte ebenso nicht die Eigenschaft, diese Eigenschaften nicht zu besitzen usw. Dieser Zustand wäre bewegungslos, weil jede Bewegung oder Veränderung anzeigen würde, dass dort etwas wäre, was sich verändert, und damit nicht nichts. Das Alles steht für den Zustand, in dem alle Unterscheidungen getroffen sind. Diesem könnte nichts hinzugefügt werden, was er nicht schon enthielte, da er jede Unterscheidung schon getroffen hat; auch er wäre deshalb bewegungslos, weil er schon alles enthält. Er kann sich nicht mehr verändern, weil er jede Veränderung schon enthält. Ihm kann nichts hinzugefügt werden, ohne dass er vorher nicht alles gewesen wäre. Die Struktur der formalen Identität zwischen Allem und Nichts können wir auch in der Zeit-Diskussion finden (siehe die entsprechenden Abschnitte in I. 4.: „Der re-entry und der imaginäre Wert“, S. 93f., und III. 2.: „Zeit und Raum“, S.163ff.). Da Unendlichkeit (in der Zeit) kein Ende findet, ist sie aus der Sicht der Form der Unterscheidung nicht zu unterscheiden von Zeitlosigkeit, die ebenfalls keinen Unterschied in der Zeit macht. Auf der Suche nach dem Außerhalb der Form stoßen wir an eine Grenze: Aus der Form heraustreten zu wollen, würde erfordern, eine Unterscheidung zu treffen, die das Treffen von Unterscheidungen von anderem unterscheidet, und das heißt immer schon, in eine neue Form einzutreten, eben eine Unterscheidung zu treffen. Nichts ist unabhängig von dem Bewusstsein, das es wahrnimmt. Die Doppeldeutigkeit dieser These liegt in der Lesart des „nichts“ als Substantiv (groß geschrieben) oder Indefinitpronomen (klein geschrieben). Als Beschreibung des Nichts trifft die Aussage zu, denn nur Nichts ist unabhängig von einem Beobachter: wenn es von einem Bewusstsein abhinge, müsste es etwas sein, also nicht Nichts. Eben darauf, dass Wahrnehmung immer auf Trennung/Unterscheidung, was niemals nichts ist, beruht, basiert die zweite Lesart der Aussage: Was auch immer (von jemandem) wahrgenommen wird, ist abhängig von dem wahrnehmenden Bewusstsein/Beobachter. Oder mit Niklas Luhmann: „Die Erkenntnis projiziert Unterschiede in eine Realität, die keine Unterschiede kennt.“ (LUHMANN 1988a: 38) In den Laws of Form geht es um den Nachweis, dass die Welt durch Beobachtung konstruiert wird. Damit ist nicht beabsichtigt, dem, was wir wahrnehmen, die Gültigkeit abzusprechen, sondern der Erkenntnis Ausdruck zu verleihen, dass wir Beobachter durch die Unterscheidungen, die wir treffen, das Beobachtete konstruieren und strukturieren. Damit ist nicht die Behauptung einer Vorgängigkeit von Beobachter oder Beobachtetem intendiert, sondern lediglich das Hervorheben bestimmter Erkenntnisse, die sich aus der Beobachtung der Beobachtung ergeben. Das können wir auch als Ziel von George Spencer Brown in den Laws of Form identifizieren, wenn er schreibt, „(...) unser Verständnis eines solchen Universums kommt nicht daher, dass wir seine gegenwärtige Erscheinung entdecken, sondern von unserer Erinnerung an das, was wir ursprünglich taten, um es hervorzubringen.“ (SPENCER BROWN 1997: 90) In diesem Zusammenhang beschreibt George Spencer Brown seine Lehre als Richtigstellung eines alten Irrglaubens, der besagt: Da Nichts keine Form hat, kann Nichts keine konditionierte Struktur besitzen und mithin nicht die Basis von beobachteten Phänomenen sein, da diese sehr wohl eine konditionierte Struktur haben. Mit den Laws of Form wird gezeigt, dass Nichts in der Tat eine konditionierte Struktur hat: „(...) wenn eine Unterscheidung in nichts getroffen werden könnte, dann (würde) das Ganze der konditionierten Koproduktion, deren Operation unentrinnbar ist und vollständig sichtbar, unvermeidlich stattfinden, und das erkennbare Universum würde unvermeidlich erscheinen, ganz genau gemäß den Gesetzen „seiner“ Form (in der Wirklichkeit der Gesetze der Form der Dinge, die „darin“ erscheinen, da es selbst keine Form hat) (...).“ (SPENCER BROWN 1997: X) Somit würde das erkennbare Universum gemäß der Gesetze der Form der Dinge erscheinen, die im aus nichts produzierten Universum auftreten. Es sind genau diese Gesetze, die anfänglich in den Laws of Form dargestellt sind. Seite 177: Die zentrale Aussage, die sich hinter den Laws of Form für die Erkenntnistheorie zu erkennen gibt, ist dass die Leere – der empty space – Ausgangspunkt von allem ist. So schreibt George Spencer Brown in A Lions Teeth: „Ein Buddha ist jemand, der erleuchtet ist, das heißt der weiß, dass das, was erscheint, überhaupt nichts ist.“ (SPENCER BROWN 1995: 15) Zentral ist die Idee des Von-selbst-Losgehens. Alles hat eine Ursache, nur DAS hat keine! Wir kommen damit auf den Ausgangspunkt der Laws of Form, den empty space, zurück: Wie ist dasjenige vorstellbar, das zulässt, die Unterscheidungen zu treffen (und da es nichts außer ihm gibt, trifft es sie selbst?), aber selbst keine enthält? Und vor allem, wie kann die Welt, wie wir sie erleben, dem empty space, dem Nichts, entspringen? Oder allgemeiner: „Wenn man mit überhaupt nichts beginnt, wie kann dann aus diesem heraus etwas erscheinen?“ (SPENCER BROWN 1995: 149) „Ich erkannte, dass das einzige Ding (d. h. Nichtding), das empfindlich genug wäre, um von einem Reiz, der so schwach ist, dass er gar nicht existiert, beeinflusst zu werden, das Nichts selbst war.“ (SPENCER BROWN 1995: 151) Das Konzept der konditionierten Koproduktion , von dem George Spencer Brown in den Anmerkungen spricht, beschreibt, dass weder die Welt noch der Beobachter einen Vorrang vor dem anderen haben. Im Umgang mit einer Umwelt entwickelt ein System Strukturen, mit denen es mit der Umwelt umgehen kann. Der Beobachter ist nicht nur der „Erzeuger“ von Welt, sondern gleichermaßen der „Erzeugte“. Peter Fuchs beschreibt diesen Sachverhalt und kommt zu dem Schluss: „Die Figur der Beobachtung als (...) erzeugend Erzeugtes ist erheblich vitalisiert worden, seitdem George Spencer Browns Kalkül auf sie appliziert werden kann.“ (FUCHS 2003a: 75) Das heißt, jedem „Sein“ (als Gegensatz des „nichts“ aus dem Zitat) liegt ein Beobachter zu Grunde. Beobachter und Welt kommen und gehen gemeinsam. In der Erforschung und Beschreibung von Beobachtung geraten wir in eine zirkuläre Position, die für Humberto R. Maturana der Ausgangspunkt für obige Feststellung ist: „Es ist der Beobachter, dessen Operation ich – operierend als ein Beobachter – verstehen möchte; es ist die Sprache, die ich – in der Sprache lebend – erklären will; es ist das Sprechen, das ich – sprechend – genauer beschreiben möchte. Kurzum: Es gibt keine Außensicht dessen, was es zu erklären gilt.“ (MATURANA 2003: 109) Oder in einer etwas anderen Formulierung: „Der Beobachter ist das Forschungsthema, das ich habe, er ist das Forschungsziel und gleichzeitig unvermeidlich das Instrument der Erforschung.“ (MATURANA 2003: 109) Das veranschaulicht die Position des Wissenschaftlers, der beobachtend die Beobachtung erforscht und damit unweigerlich in einen selbstbezüglichen Zirkel gerät. George Spencer Brown meint mit der konditionierten Koproduktion jedoch noch etwas Allgemeineres. Ausgangspunkt ist die „Erweiterung der Referenz“, die nach dem fünften Kanon uneingeschränkt fortgesetzt werden kann. Für den Indikationenkalkül bedeutet das, dass jeder Raum, jede Seite einer Unterscheidung weiter unterschieden werden kann. Für die Erkenntnistheorie können wir dies interpretieren: Wenn wir eine Seite weiter ausdifferenzieren, bezeichnen wir etwas anderes als zuvor. Und damit ändert sich auch die unbezeichnete Seite. Wenn Beobachter unterschiedlich ausdifferenziert beobachten, erzeugen sie unterschiedliche Welten. Das Konzept der konditionierten Koproduktion wird ergänzt durch das folgende Konzept der selektiven Blindheit. „Existenz ist eine selektive Blindheit.“ (SPENCER BROWN 1997: 191) Wonach zunächst klargestellt wird, dass der Begriff „Blindheit“ nicht als eingeschränkt auf Sehfähigkeit bzw. -unfähigkeit gemeint ist. „Blindheit“ steht paradigmatisch für jeden Sinn. Dass Existieren immer selektiv blind ist, meint, dass ein Erkennen immer ein Nicht-erkennen mitproduziert. „Wir bemerken eine Seite einer Ding-Grenze um den Preis, der anderen Seite weniger Aufmerksamkeit zu widmen.“ (SPENCER BROWN 1997: 191) Würden wir beide Seiten gleichermaßen berücksichtigen (können), würden wir ihnen keinen unterschiedlichen Wert zuordnen und die Unterscheidung würde verschwinden, denn mit ihr würde ja nichts mehr unterschieden. Und umgekehrt hatten wir ja als den Ideen der Unterscheidung und Anzeige implizit festgestellt: „Jede Unterscheidung verteilt Aufmerksamkeit asymmetrisch.“ (FUCHS 2000: 70) Solange die Unterscheidung aufrecht erhalten wird, indem den Seiten unterschiedliche Werte zugeordnet werden, infolge derer sie unterschiedlich aufmerksam behandelt werden, solange ist der Beobachter blind für die unbeobachtete Seite und für andere Unterscheidungen. Und nicht nur das – er könnte es ja immerhin nachholen –, er ist vor allem blind dafür, dass er die Unterscheidung trifft, die er trifft. Dabei hat der Beobachter keinen „Defekt“, weil er mit jeder Sicht Blindheit schafft, sondern die Blindheit ist seine Technik, die Sicht erst ermöglicht. Er ist nicht blind im Sinne einer Behinderung, sondern vielmehr ein „Blindseher“. Um etwas zu sehen, muss der Beobachter nicht nur alles andere unberücksichtigt lassen; er kann prinzipiell nicht sehen, wie er es macht, dass er sieht, was er sieht. Vor dem Hintergrund des Konzeptes der selektiven Blindheit meint „Existenz“, dass ein Beobachter existiert, der durch seine Beobachtung „Existenz“ hervorbringt. Nur ein Beobachter kann überhaupt selektiv blind sein. Eine Existenz bringt immer ein Universum zum Vorschein. Entsprechend lautet die Definition von Universum bei George Spencer Brown: „... das, was als Resultat eines Vollzuges einer Wendung gesehen wird, und somit die Erscheinung einer jeden ersten Unterscheidung ist und bloß ein kleiner Aspekt alles erscheinenden und nicht-erscheinenden Seins. Seine Partikularität ist der Preis, den wir für seine Sichtbarkeit bezahlen.“ (SPENCER BROWN 1997: 92 (Fußnote)) Ein Universum ist Resultat der Möglichkeit, dass ein Zustand einen unterschiedlichen Wert als ein anderer Zustand hat. Das genau ist der Eintritt des Kalküls. Und insofern sind die Laws of Form ein Vehikel zu der Erkenntnis, wie ein Universum ins Dasein gelangt (und wer wir selbst sind, die wir zum Beispiel ein Universum derart betrachten). |
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