Felix Lau
Die Form der Paradoxie

Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der „Laws of Form“ von G. Spencer Brown
Carl-Auer 2008


Lau Form 190

Zen:
Heutzutage in angemessener, das heißt unverfälschter und zugleich verständlicher Weise vom Zen-Buddhismus (der Essenz der Lehre Buddhas) zu sprechen, erfordert Einsichten und Fähigkeiten, die ich mir nicht zuschreiben kann. Im Zen können wir aber einen ganz praktischen Weg finden, um zu erkunden, was mit Leere gemeint ist und wie Leere und Form sich gegenseitig bedingen. Deshalb endet dieser Text damit, Zen in einen Zusammenhang mit den Laws of Form zu bringen – soweit mir dies möglich ist.

I
.
Zunächst ein instruktives Zitat von Dogen Zenji, einem der einfluss-reichsten Zen-Meister, der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts lebte.

„Durch Körper und Geist können wir Form und Klang der Dinge verstehen. Sie wirken zusammen als eins. Jedoch ist es nicht wie das Reflektieren eines Schattens in einem Spiegel, oder wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt. Wenn Du nur auf eine Seite schaust, ist die andere dunkel.
Den Buddha-Weg zu erfahren, bedeutet, sich selbst erfahren. Sich selbst erfahren heißt sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heißt, sich selbst wahrnehmen – in allen Dingen.“ (DOGEN ZENJI 1989: 24)

Für den Versuch, dieses Zitat zu kommentieren, möchte ich zunächst vergegenwärtigen, wovon ich annehme, dass es jeder und jedem als unmittelbar evident erscheint. Wir denken vielleicht nicht oft daran, aber es ist selbstverständlich, dass wir immer in der Gegenwart sind und dass wir uns als getrennt von anderem erleben. Wir können uns sehr verbunden mit Anderen und Anderem fühlen, aber wir sind "wir" und alles andere ist das Andere. Wir haben unseren Körper, unsere Gefühle und unsere Gedanken. Von dem Äußeren getrennt sind wir insofern, als wir es wahrnehmen und erleben. Das Etwas-jetzt-wahrnehmen zieht die Grenze zwischen Selbst und Anderem. Das betrifft sowohl die materielle (und meinetwegen auch spirituelle oder energetische) äußere Wirklichkeit als auch uns selbst, insofern wir uns selbst wahrnehmen. Wenn ich mich selbst beobachte, das heißt auf meinen Körper, meine Gefühle und Gedanken aufmerksam bin, sind sie nicht "ich", der sie ja wahrnimmt. Ich kann mich mit ihnen identifizieren, ich kann denken, ich sei mein Körper, meine Gefühle und oder meine Gedanken; aber unter der begrifflichen Voraussetzung, dass mit ich immer die gegenwärtige Aktivität gemeint ist, ist klar, dass "ich" nicht mein Körper, meine Gedanken und oder meine Gefühle sein kann. Sie alle sind dennoch notwendig, um zu sein, um "jemand" zu sein und um sich selbst zu erkennen. Als voraussetzungslos und evident gesetzt wird hier also der Unterschied zwischen Selbst und Anderem, Beobachter und Beobachtetem. Diese Unterscheidung wird nicht etwa deshalb als Startpunkt genommen, weil es so ist, sondern weil anzunehmen ist, dass vorausgesetzt werden kann, dass sie bei den Lesern und Leserinnen bekannt ist.

Unter "ich" oder dem Selbst bzw. dem Beobachter verstehen wir also das, was unentwegt gegenwärtig und anwesend ist. Was immer ich sage, tue oder empfinde, es geschieht jetzt. An welchen Ort, in welche Zeit oder in welchen Zustand ich mich auch immer denke, ich denke jetzt. Und wie gesagt, man muss nicht (permanent) daran denken, um zu wissen, dass es so ist, dass wir in oder mit dieser Unterscheidung zwischen Selbst und Anderem leben.

Körper und Geist sind die Seiten einer Unterscheidung, die mit der Unterscheidung zwischen der wahrgenommenen Welt und der wahrnehmenden Welt illustriert werden kann. Deshalb kann diese Unterscheidung erst mit der Fähigkeit zu Selbstbeobachtung getroffen werden. Sie unterteilt den Beobachter. Durch diese Unterscheidung können wir „Form und Klang der Dinge verstehen“, welche wir als Symbol für die uns wahrnehmbare Wirklichkeit auffassen können.

Da Beobachtung notwendig sowohl das Beobachtete als auch das Beobachtende voraussetzt, können wir Körper und Geist – wie Wahrge-nommenes und Wahrnehmendes – nicht getrennt entdecken. „Sie wirken zusammen als eins.“ Sie sind die Seiten einer Unterscheidung. Und dabei ist keines von beiden dem anderen vorgängig, wie das verworfenene Spiegel-Beispiele aus dem Zitat veranschaulicht. Sie existieren nur zusammen.

Wenn wir den „Buddha-Weg“ als das Transzendieren aller Unterschei¬dungen begreifen, und das heißt, das bedingte Entstehen vollständig zu erfassen, dann bedeutet Selbsterfahrung, seine Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf eine Seite der Körper-Geist- und der Selbst-Anderes-Unterscheidung zu richten. Damit bezieht sich das Sich-Selbst-Vergessen auf den Verlust des Sich-von-anderem-getrennt-Fühlens. Denn alles geht aus dem Einen hervor, und nichts ist getrennt von anderem. Das führt zu der Einsicht, sich selbst in allen Dingen wahrnehmen zu können.

So findet man auch beispielsweise bei dem französischen Zen-Meister Stéphane Thibaut: „Um Buddha zu entdecken, braucht man nur sein Ego zu beobachten.“ (THIBAUT 1999: 129)

Die erstaunliche Wendung in dem Anfangszitat von Dogen Zenji liegt in der Einsicht, dass wir uns selbst erkennen, wenn wir uns nicht suchen, nicht beobachten. Mit der Terminologie, die wir bezüglich des Begriffes der Beobachtung oben eingeführt haben, können wir das auch beschreiben als ein Nicht-Identifizieren, als ein im Hier-Jetzt sein. Ohne zu werten tun, was zu tun ist.

Die Grenze zwischen Selbst und Anderem ist eine Grenze mit eben diesen beiden Seiten. Das heißt: Selbst und Anderes bedingen sich, gehören zusammen; man erlebt die Wirklichkeit genau so, wie man sie macht.

Es ist wohl auch klar, dass sich diese Sicht der Dinge nicht von selbst einstellt oder dadurch, dass man darüber nachdenkt. Durch Nachdenken kann man nur glauben, dass da etwas dran sein könnte.

II.
Wir kommen nun auf Paradoxien zurück und bringen sie in einen Zusammenhang mit Zen: Wenn man Zen in einem Dogma fassen wollte, dann müsste es lauten: Habe kein Ideal; indem du nicht wertest, sondern alles, was in dir und um dich geschieht, als solches (vor-)urteilsfrei beobachtest. Man kann sich das sehr unterschiedlich vorstellen, hat man aber eine Vorstellung und versucht, sie zu realisieren, folgt man einem Ideal. Man hat zwischen richtig und falsch entschieden. Allerdings ist auch kein Ideal haben zu wollen ein Ideal. Ebenso würde es sich mit der Aufforderung verhalten, kein Ziel zu erreichen. Das Kein-Ziel-Erreichen ist dann das Ziel. Entsprechend können wir die bedingungslose Wertfreiheit des Zen in ganz angemessener Weise formulieren als: Zen legt Wert auf Wertfreiheit!

Auch Niklas Luhmann und Peter Fuchs sehen eine Verbindung zwischen Differenztheorie und Zen-Buddhismus. Und ihre Vorliebe in diesem Zusammenhang gilt in „Vom Zweitlosen: Paradoxe Kommunikation im Zen-Buddhismus“ der Paradoxie. Für sie zeigt sich die Paradoxie in der Beobachtung (Differenzgebrauch und Selbstbezug) von Diffe¬renzlosigkeit (Negation von Differenz): „Die Zen-Paradoxie liegt darin, dass jeder Versuch, Differenzlosigkeit zu beobachten, im Moment des Versuchs Differenzlosigkeit aufhebt.“ (LUHMANN/FUCHS 1997: 54)

Obwohl die Leere demnach nicht beobachtet werden kann, gibt es aber anscheinend Möglichkeiten, sie zu erfahren. Im Zen wird Zazen gelehrt. Niklas Luhmann und Peter Fuchs formulieren zwar keine Möglichkeit in Form einer Anweisung, unterstellen aber die Existenz und die Erfahrbarkeit der Leere, der Nicht-Zweiheit.

„Der Zen-Buddhismus will die immanente Erfahrung der primordialen Differenzlosigkeit, das Erleben der Nicht-Zweiheit, den Direktkontakt mit dem Zweitlosen.“ (LUHMANN/FUCHS 1997: 51)

Nur die zielorientierte Formulierung unterscheidet sich von dem im vorliegenden Text angestrebten Verständnis des Zen.

„Zen setzt voraus, dass jede Beobachtung, weil sie Differenz benötigt, verfehlen muss, was Zen meint.“ (LUHMANN/FUCHS 1997: 46)

Das könnte dazu führen anzunehmen, dass die Zen-Haltung unerreichbar und dass der Versuch deshalb fruchtlos ist. Möglicherweise lohnt aber der Versuch, selbst wenn das Ziel gar nicht erreicht werden kann: Der Weg ist das Ziel.

III.
Abschließend soll eine Möglichkeit skizziert werden, ganz praktische Konsequenzen aus dem Beschriebenen zu ziehen. Es soll der Versuch unternommen werden, die theoretisch betrachteten Erkenntnisse über den Beobachter ganz praktisch erfahrbar zu machen, indem die zen-buddhistische Praxis – das Sitzen vor der Wand, Zazen genannt – beleuchtet wird.

Um auf den ersten Satz des 12. Kapitels der Laws of Form zurückzukommen:

Die Konzeption der Form liegt im Verlangen zu unterscheiden.“ (SPENCER BROWN 1997: 60)

Da wir diesem Verlangen unentwegt nachgehen, kennen wir nur die eine Seite der Unterscheidung Form/Leere. Um die andere Seite kennen lernen zu können, müssen wir uns darin üben, das Denken zu beruhigen. Das heißt, das Denken als solches zu erfahren, den Gedanken selbst nicht anzuhaften, nach und nach das Denken loszulassen. Dazu kann man die eigenen Wünsche und Vorstellungen beobachten, an denen man haftet. Überwunden werden sie nicht durch ihr Verurteilen, sondern schlicht durch ihr Wahrnehmen, durch Selbsterkenntnis.

Die Verwandtschaft (funktionale Äquivalenz) des differenztheoretischen und den Beobachter einschließenden Ansatzes mit zen-buddhistischen Anschauungen zeigt sich in folgendem Zitat:

„Um die Dinge klar zu sehen, müssen wir sie akzeptieren, so wie sie sind – wir müssen den Seher und das Gesehene als eine Handlung zusammenbringen.“ (DOGEN ZENJI 1998: 34)

Eine Möglichkeit, sich der eigenen unentwegten Denktätigkeit bewusst zu sein, besteht in der Praxis des Zazen. In der Beschreibung der Ausübung von Zazen, der zentralen Praxis im Zen-Buddhismus, können wir unterscheiden zwischen einer inneren und einer äußeren Haltung.

Die äußere, körperliche Haltung ist aufrecht und entspannt. Die Atmung geht in den Unterbauch (Zwerchfellatmung) und man bewegt sich nicht. Die innere, geistige (mentale und emotionale) Haltung ist durch Wachsam¬keit ausgezeichnet. Nicht bloß wach, sondern im höchsten Maße aufmerksam – sowohl versunken in den eigenen Körper und die Atmung bewusst begleitend als auch die Umgebung wahrnehmend. Idealerweise (sic!) ist dieser Zustand von totaler geistiger Leere gekennzeichnet, von Ruhe der Gedanken. Nichtsdestotrotz ist es irreführend, einem Praktizierenden zu raten, nicht zu denken. Das scheint mir in den ersten Jahren eine frustrie¬rende Unmöglichkeit. Denn wir sind gewohnt, permanent zu denken, wir kennen nichts anderes. Wenn zu denken entspricht, nach etwas zu greifen, dann können wir sagen, dass wir keine andere Möglichkeit kennen, mit etwas umzugehen, als danach zu greifen.

Mit der Zeit, wenn wir uns (wieder) daran gewöhnt haben, einfach nur aufmerksam und vorurteilslos mit allem zu sein, was unserer Aufmerksamkeit „begegnet“, wird unser Sein in der Welt einfach, schlicht, unbeschwert und harmonisch sein. Wie ein Fluss, der aus sich heraus, ohne geplante Steuerung, sich jeder Gegebenheit perfekt anpasst.

Zu einer letzten Unterscheidung: In der heutigen Welt scheint es Konsens zu sein, dass die Erfüllung von Wünschen zu einem glücklichen Leben führt. Buddha erkannte demgegenüber gerade in Wünschen die Ursache für Leid. Wünsche halten einen gerade davon ab, jetzt glücklich und zufrieden zu sein, wertfrei alles zu nehmen, wie es kommt, und total in dem Umgang mit der Welt aufzugehen. Dazu bedarf es nichts als der Fähigkeit, in Stille (gedanklicher: Abwesenheit von Geräuschen ist nicht gemeint) im Hier-Jetzt zu verweilen. Deshalb beruht Zen auch nicht auf Schriften, kennt keine Dogmen oder wahre Sätze. Wahrheit ist gelebte Wahrheit. Zen basiert darauf, Stille oder Leere in sich zu finden, das heißt: Zazen zu praktizieren.

Wir können die Laws of Form zusammenfassen als: Triff eine Unterscheidung und Du erschaffst ein Universum.

Bei Linji fand ich den verblüffend ähnlichen Ausspruch: „Die kleinste Bewegung des Geistes erzeugt die drei Welten.“ (LINJI 1996: 84)

Was wir erfahren, liegt in uns selbst begründet – und wir können darauf achten, was wir tun, welche Unterscheidungen wir treffen, um die Dinge so erscheinen zu lassen, wie sie erscheinen.

Schlussbetrachtung

In diesem Text wurde die Unterscheidung zwischen der Mathematik und der Philosophie der Laws of Form von George Spencer Brown verfolgt. Diese Unterscheidung entspricht der Unterscheidung zwischen einerseits dem Indikationenkalkül in seiner mathematischen Form, Präzision sowie Bedeutung für die Grundlagen der Mathematik und andererseits der Anwendung der Form des re-entry auf den Unterscheider: den Beobachter. Es wurde mit diesem Text versucht, beide Seiten der „Medaille“ Laws of Form verständlich darzustellen. Dabei lagen die Ziele in der mathematischen Rehabilitation der Form der Paradoxie und der Darstellung einer auf den Laws of Form aufbauenden Erkenntnistheorie, die darin mündet, einen Weg aufzuzeigen, keiner der beiden Seiten Beobach¬ter/Beobachtetes einen Vorrang einzuräumen.

Alan Watts weist den Laws of Form sogar eine über die Mathematik und Philosophie hinausreichende Bedeutung zu: „Aber sobald auch nur eine Unterscheidung getroffen ist, wie zwischen Yin und Yang oder 0 und 1, dann ist alles, was wir die Gesetze oder Grundsätze der Mathematik, Physik und Biologie nennen, eine notwendige Folge, wie G. Spencer mit seinem Kalkül bewiesen hat.“ (WATTS 1983: 79)

Das beschreibt auch eine dritte zentrale Zielsetzung dieses Textes: Plausibel und verständlich zu machen, dass jedes Universum aufgrund des ursprünglichen Aktes einer Trennung, einer Unterscheidung zustande kommt. Man findet diesen Anfang auch in allen großen Religionen und Schöpfungsgeschichten.

Es ist ein weiteres Anliegen dieser Arbeit gewesen, dem Gedanken Ausdruck zu verleihen, dass Bedeutung nicht in den Dingen steckt, die wir für bedeutend halten, sondern vielmehr zu veranschaulichen, dass es der jeweilige Beobachter ist, der Bedeutungen bewusst oder unbewusst zuschreibt.

Wir haben als lebende und denkende Wesen/Systeme gelernt, bestimmte Dinge so-und-so zu bewerten, ihnen diese oder jene Bedeutung zu geben. Dies geschieht individuell, ist aber auch kulturell bedingt, also von der Umwelt geprägt. Ein beliebtes Bild für den Gedanken, dass wir es sind, die den Dingen Bedeutungen zuschreiben, ist das der Brille (selektive Blindheit), die jedes Wesen/System trägt und durch die es die Umwelt sieht. Die Brille steht dann für unser Wertungssystem, mit dem der Beobachter die Leere strukturiert, um eine Welt zu erleben. Dabei kommt der Beobachter nicht zu der Leere hinzu, wie es die Formulierung des letzten Satzes nahe legt, sondern ist die Seite der Unterscheidung zwischen Welt und Beobachter, der das Strukturieren und Konstruieren zugerechnet wird – in einem koproduzierenden Prozess der evolutionären Ausdifferenzierung. Die Welt selbst enthält keine Unterschiede – und ist dadurch offen und frei für jede mögliche Unterscheidung, lässt sich mit jeder Brille betrachten. Die Welt ist leer. In diesem Sinne ist letztlich alles bedeutungs-los. Andererseits ist die Welt, die wir erleben, jedoch nichts anderes als Bedeutung (die wir ihr geben). Hier zeigt sich, dass bedeutungsvoll und bedeutungslos letztlich identisch – zwei Seiten einer Form – sind.

Die Laws of Form wie auch der vorliegende Text sind – zunächst fraglos – wissenschaftliche Texte. Sie sind beide in dem Themenkreis thematisch angesiedelt, wo Mathematik, Logik und Philosophie ineinander übergehen. Wenn es sich hier also um Wissenschaft handelt, kann man erwarten, dass die Frage nach der Wahrheit zu Grunde liegt. Zum Beispiel fanden wir, dass Mathematik grundlegender als Logik ist; dass Paradoxien eine mögliche Form darstellen, die nicht eliminiert werden muss; dass jede Unterscheidung von einem Beobachter getroffen wird; und dass Form und Leere sich gegenseitig bedingen und produzieren. Dies sind einige der „Wahrheiten“ dieses Textes. Zumindest kann man diesen und jenen Text so lesen.

Mit den Laws of Form haben wir demnach wieder ein Instrument in der Hand, Realität dingfest zu machen, das heißt zu wissen, wie und was Realität ist. Wir können „nach all dem“ aber auch sehen, dass ein Beobachten unter dem Schema wahr/falsch selbst nicht wahr (oder falsch) ist. In dem vorliegenden Text wird ja gerade auch thematisiert, dass wie jede Unterscheidung auch die zwischen wahr und falsch die „Welt verletzt“ und nur eine mögliche Form der Beobachtung (und Verletzung) der Welt ist. Es ist also die Integration von Selbstbezüglichkeit in das Theorie-gebäude, die eine engstirnige Sicht auf die Welt an ihre Grenzen führt. Vielleicht kann man sagen, dass dieser und jener Text hinter Wahrheit zurückführen und insofern auch keine wissenschaftlichen Texte darstellen. Wenn dem so wäre, dann müsste sich die Wissenschaft zugestehen, dass dies kein Mangel, sondern ein Fortschritt wäre.

Die Polarität zwischen Wissen und Nicht-Wissen ist das Dilemma dieser Beschreibung einer Sichtweise von Realität, die gerade hervorhebt, dass alles in Bewegung und Veränderung ist, dass man lieber in der Gegenwart sein und mit dem Lauf der Dinge gehen als mit und in vorgefassten Urteilen und Meinungen leben sollte, die stets von vergangenheits- und zukunftsbedingten Ängsten und Wünschen rühren. Man kann aufmerksam und ehrlich mit dem sein, was gerade ist, und sich selbst in dem sehen, was man sieht. In diesem Sinne sind die Laws of Form gerade der Weisheit letzter Schluss, den es nicht geben kann. Mit ihnen wird nichts fest gestellt, sondern die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dass alles, was ist, durch das Treffen von Unterscheidungen erzeugt wird, und dass es immer jemand ist, der die Unterscheidungen trifft. Die hier dargestellte „Sicht auf die Dinge“ ist eben nicht „wahrer“ als andere Sichtweisen.

Fraglich ist aus fehlenden Wahrheitsanspruchsmotiven die Motivation, auf diese andere Sicht auf die Welt aufmerksam zu machen. Denn sie hat auf einer philosophischen Ebene keine Konsequenzen, da sie nicht in Konkurrenz zu anderen Auffassungen treten kann. Sie leugnet nicht die Wahrnehmung einer Welt. Der Beobachter der Beobachtung erkennt in dem Wahrgenommenen den Wahrnehmenden. Die einzige Angriffsfläche, die er bietet, ist seine Nicht-Angreifbarkeit.

Die Formtheorie führte uns zu dem Gedanken, dass das, was wir wahrnehmen, uns Auskunft gibt über die Unterscheidungen, die wir treffen, und nicht über eine Welt, die uns gegenübersteht, und deshalb können wir uns selbst in allen Dingen finden.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die verbotene Frucht, die Erkenntnis, eine interessante Bedeutung: Das Treffen der ersten Unterscheidung führt uns aus dem Paradies in diese Welt, die wir zu erkennen trachten. Die Laws of Form sind deshalb so relevant, weil sie einen Weg aus dem Erkenntnisdilemma weisen, indem sie durch Selbstreflexion entlarven, dass der Ursprung der erkannten Welt der leere Zustand ist.

Felix Lau


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