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Niklas Luhmann |
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10 Die Absicht der folgenden Analysen ist es, das Forschungsprogramm einer Theorie soziokultureller Evolution aufzugreifen und es durch Klärung der Funktionsweise sinnhaften Erlebens und Handelns ein Stück weit zu fördern. Wir beschränken uns dabei auf die Grundfrage, wie auf der Ebene sinnhafter Operationen eine abweichende Reproduktion überhaupt zustandekommt. Im Kontext der Theorie organischer Evolution stellen bestimmte Errungenschaften der chemischen Evolution, namentlich Proteine, ein ähnliches Problem. Hierfür stehen seit einiger Zeit Theorien der Selbstreproduktion (Autopoiesis) zur Diskussion, die Leben als Ordnung einer selbstreferentiellen Reproduktion und in diesem Sinne als selbstreferentielles System begreifen. Ganz ähnliche Verhältnisse sind überall dort zu vermuten, wo nicht Protein, sondern Sinn zum Aufbau von unwahrscheinlichen Ordnungen verwendet wird. Die Ähnlichkeit beruht nicht darauf, dass Organismen bestimmter Art Voraussetzung sind für sinnhaftes Erleben und Handeln und dass diese Voraussetzung irgendwie durchschlägt und höhere Ordnungebenen mitbestimmt. Es ist sicher richtig, davon auszugehen, dass die soziokulturelle Evolution sozialer Systeme bestimmter Art, nämlich Gesellschaften, voraussetzt. Andererseits führt eine systemtheoretische Analyse von Gesellschaften nicht ohne weiteres zum Verständnis von Evolution, und Evolution ist nicht nur die Gesellschaft in der zeitlichen Struktur ihrer Veränderungen (zum Beispiel: als Phasenmodell oder als historisch dialektisches Gesetz) gesehen. Das Begreifen von Evolution setzt ein Begreifen des Zusammenhangs selbstreferentieller Reproduktion voraus. Dieser system- und evolutionstheoretische Hintergrund profiliert die Frage, ob und wie sich auf der Basis von Sinn eigenständige (autonome) selbstreferentielle Systeme entwickeln können. 12 Sinn ist gegeben als etwas, das auf sich selbst und anderes verweist. Ein momentan festgehaltener und insofern unbezweifelbar erlebter Sinnkern dient als Ausgangspunkt weiteren Erlebens - sei es des Verweilens und der genaueren Exploration, sei es des Übergangs zu anderen. Er bleibt an sich selbst zugänglich und auch wieder erreichbar als Voraussetzung dafür, dass anderes von ihm aus zugänglich ist. Eine Rose ist eine Rose - aber nicht nur eine Rose, sondern eine Rose in meinem Garten, die vom Unkraut bedroht ist, dass man chemisch bekämpfen müsste, was man aber neuerdings wiederum nicht soll, weil die Umwelt geschont werden muss, usw. Zu diesem Funktionszusammenhang von Sinnkern (= intendierbaren Sinn), Selbstreferenz und Verweisung auf anderes gehört ein notwendiges Moment der Instabilität. Weder Bewusstsein noch Kommunikation können beim einmal gemeinten Sinn verbleiben. Sie müssen ihn verlassen und einer der Verweisungen nachgehen, sie müssen weiteres Erleben oder Handeln anschließen. Sinn ist universale Existenzform derjenigen Systeme, die sich auf einer solchen Basis konstituieren. Vom Sinn ausgehend, ist die ganze Welt zugänglich, aber stets nur in Formen, die wiederum Sinn geben, also an der selbstreferentiellen Konstitution mitarbeiten, sie reproduzieren. Die Sinnwelt ist - und auch dies entspricht dem Konzept der Autopoiesis - für sich selbst ohne Grenzen. Dieser Ausgangspunkt lässt sich in zwei verschiedene Richtungen auswerten. Für beide findet man in der neueren Literatur reichlich Belege. Es kommt uns im folgenden darauf an, sie zu kombinieren. Die eine Auswertungsrichtung kann man mit dem Begriff Reduktion bezeichnen. Ihr Kernsatz lautet: alle Ordnung ist Reduktion. Die andere geht vom Begriff der Differenz aus. Sie postuliert: aller Ordnungsaufbau setzt Differenzen voraus, an denen er sich orientiere. Evolution ist nur möglich, wenn aus einem laufenden reproduzierten Überschuss an Möglichkeiten immer wieder Geeignetes ausgewählt werden kann. Auch und gerade soziokulturelle Evolution ist in dieser Weise auf Überschuss-reproduktion und Repression angewiesen, und dies nicht im Sinne eines historischen Nacheinander, sondern im Sinne eines laufenden Miteinander. Konstitutiv für allen Sinn ist eben jene Differenz, die die Reduktions-notwendigkeit vorgibt: die Differenz von aktuell gegebenem Inhalt und Horizont weiterer Möglichkeiten, die auch noch verfolgt werden könnten. Man könnte, wenn man alle modaltheoretische Behandlung einmal ausklammert und in der phänomenologischen Einstellung verbleibt, Sinn auch als die Differenz von Wirklichem und Möglichem bezeichnen. Phänomenologie ist hier weder gemeint als Erscheinen eines Geistes in der Welt noch als Erscheinen der Welt im Geiste. Wir setzen weder das Hegelsche noch das Husserlsche Theorieprogramm fort, sondern begreifen Phänomenologie als Lehre vom Erscheinen der Differenz, und zwar zunächst: der Differenz des Wirklichen und des Möglichen. 16 Das Sinn als Differenz gegeben ist, heißt vor allem, dass man bei allem Prozessieren von Sinn (also auch beim Entwurf einer Theorie über Sinn) von Differenz und nicht von Einheit auszugehen hat. Mit Selbstreferenz (Zirkularität) und Differenz sind zugleich die Voraussetzungen dafür bezeichnet, dass Ereignisse Informationswert gewinnen, als Informationen aufgefasst und weiterverarbeitet werden können. Information ist eine aktuell erfahrene Selektion, die einen Systemzustand ändert – „a difference that makes a difference“, um mit Bateson zu formulieren. Ereignisse sind nämlich nicht an sich selbst schon Information, und Information ist nicht schon die bloße „Übertragung“ (Nachricht) von etwas in einem Bewusstseins- bzw. Kommunikationszusammenhang. Zur Qualität einer Information gehört außerdem, dass etwas anderes, was hätte sein können, ausgeschlossen wird. Die Information mag erwartet oder unerwartet eintreffen, sie mag nur den Zeitpunkt festlegen, indem etwas geschieht, oder mehr oder weniger auch das, was geschieht: in jedem Falle besteht ihr Neuigkeitswert und ihr Anschlusswert darin, dass sie eine Entscheidung trifft und damit den Wahlbereich eingeschränkt, indem dann weiterhin etwas geschehen kann. 17 Die immer schon vorhandene, immer schon ausgelegte Welt sieht mithin nicht nur Typen für mögliche Sinnbestimmungen vor, sondern auch und vor allem den Gebrauch dieser Typen in Differenz zu anderen. Bereits verfügbare Differenzen sind Voraussetzung dafür, dass etwas überhaupt als Informationen auftreten kann und Direktion wird für Anschlussselektionen gewinnt. Und ebenso klärt umgekehrt der Gebrauch von Informationen das, was als Differenz vorausgesetzt war. Diese Erläuterungen des Sinnphänomens klären zugleich, wie die basale Selbstreferenz allen Sinns funktioniert. Jedes Sinnelement (wie immer es im Prozessieren von Sinn als Element konstituiert wird) verweist auf anderes und auf sich selbst. Es bleibt dadurch beim Fortgang der Sinnbestimmung im Horizont und erzwingt so die Reproduktion der Differenz von aktualem Sinn und anderen Möglichkeiten. Alles Anschlusserleben und Anschlusshandeln, dass Verweisungen in einer aktuell gegebenem Sinnlage aufnimmt und weiterverfolgt, legt sich selbst zwar fest. Diese Bestimmung produziert aber ihrerseits Verweisungen auf weitere Möglichkeiten und Erinnerungen daran, dass sie nicht hätten erfolgen müssen. Sie schreibt die Situation gleichsam fort und erschließt damit neue Möglichkeiten, die aber nur dadurch möglich sind, dass man auf bereits bestimmtes zurückgreifen kann. 19 Sinn ermöglicht es mithin durch selbstreferenzielle Reproduktion seiner ihn konstituierenden Differenz, dass Ereignisse Informationswert gewinnen und als Information Spuren hinterlassen, Reduktionen vollziehen, Zeichen setzen, sich einkerben und dadurch für sich selbst und für anderes zur Verfügung stehen, erinnert werden und als Sinnkern für weitere Operationen dienen können. Dabei profiliert sich jeder Sinn - gleichgültig, wodurch Ereignisse ausgelöst werden - zunächst durch die ihn konstituierende Universaldifferenz: er erscheint in einem Horizont anderer Möglichkeiten… |
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