Niklas Luhmann
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Schlüsselwörter: Erziehung - Medium Lebenslauf - Form "Wissen" - Wissensgesellschaft - soziale Validierung des Wissens - Begriff der Form - Interferenz von Erinnern und Vergessen Wie immer der Wissensbegriff präzisiert wird: Wissen ist immer ein sozial validiertes Verhältnis von Organismus bzw. psychischem System und Umwelt. Wer den Begriff der Kultur schätzt, könnte auch sagen: Wissen erfordere kulturelle Kohärenz und sei nicht isoliert validierbar. Darin besteht in der neueren Soziologie des Wissens Einverständnis. Dies gilt auch für Wissen, das in der Form von Geräten, Maschinen, Technologien externalisiert ist, denn auch Technologien sind »a socially accepted way of insuring against uncertainty«. Oder wie man auch sagen könnte: sie befreien von der Notwendigkeit, über die Art des Umgangs mit ihnen Konsens auszuhandeln. Soziale Validierung heißt auch, daß Wissen nicht allein durch die Übereinstimmung von Konzept und Realität begründet werden kann. Diese Übereinstimmung muß im alltäglichen sozialen Verkehr unterstellt werden. Sie kann nicht, das wäre viel zu umständlich, Thema werden. Die soziale Validierung des Wissens ist nicht nur Angelegenheit des Wissenschaftssystems, das selbst einer solchen Validierung bedarf. Sie wird in weitem Umfange, ja primär durch die Massenmedien geleistet. Dabei bleibt aber noch viel Spielraum für Selektionen je nach dem, was für ein bereits begonnenes Leben interessiert. Insofern ist Wissen immer auch Form eines Lebenslaufs, und die Erziehung im Elternhaus, vor allem dann aber in Schulen trägt der Notwendigkeit sozialer Validierung Rechnung. Ungeachtet dieser Notwendigkeit sozialer Validierung wird Wissen im Erziehungssystem als Wissen von Individuen gepflegt und damit auf Organismen und psychische Systeme bezogen. Auf etwas rätselhafte Weise stellt man sich vor, daß dies Wissen »in« diesen Systemen vorhanden sei bzw. in sie hineingebracht werden könne. Mit der Diversifikation von Formen wird die Welt interessant. Denn alle Formen des Wissens verweisen auf das, was man nicht weiß und was einen überraschen könnte. Anders gesagt: wenn man etwas weiß, gewinnt man damit die Fähigkeit, Informationen zu erzeugen und zu verarbeiten. Einerseits kann man auf der Seite des Wissens Sicherheit finden. Das Wissen garantiert wiederholte Verwendbarkeit, also Redundanz. Andererseits, und in der modernen Welt viel wichtiger, ermöglicht es auch das Erkennen von Variationen, Neuheiten, Uberraschungen. So gesehen ist die Absicht der Erziehung auf Steigerung von Redundanz und Varietät gerichtet. Daß dies möglich ist, wird klarer, wenn man sich den Begriff der Form genauer ansieht. Jede Form dient der Bezeichnung von etwas durch sie Bestimmtem und damit der Unterscheidung von allem, was im Moment unbeachtet bleibt. Wissen bewährt sich erst als eine Zwei-Seiten-Form: mit der Seite des Vertrauten und Wiederverwendbaren und mit dem darum herumliegenden, unbeachteten »unmarked space«. Die Form bleibt auf das durch sie Bezeichnete, in unserem Falle also das Gewußte gerichtet und legt dessen Wiederholung, Kondensierung, Konfirmierung, Generalisierung nahe. Dabei bleibt das Nichtbezeichnete, eben der unmarked space, ausgeschlossen, aber als ausgeschlossen eingeschlossen. Wissen in diesem weit gefassten Sinne erweitert den Aktionsradius der Individuen. Es gibt ihnen eine Ausrüstung, mit der sie sich auf unvertrautes Gelände wagen können in dem Bewußtsein, daß sie angesichts von Überraschungen sich zu helfen wissen werden. Wenn man »Bildung« als Vorzeigewissen interpretieren darf, dann ermöglicht Erziehung den Zugang zu einer Gesprächskultur, an der man teilnehmen kann, ohne hilflos zu wirken. Auch wenn man etwas nicht weiß, kann man dies in der Art, wie man danach fragt, als Bildung präsentieren und dabei zeigen, daß man über genug Kontextwissen verfügt, um das, was erklärt wird, rasch verstehen und in eigenes Wissen transformieren zu können. Dasselbe gilt für jeden beruflichen Arbeitszusammenhang. Der Arzt weiß zunächst nicht, was dem Patienten fehlt. Dessen braucht er sich nicht zu schämen. Er läßt sich mit wenigen Informationen ins Bild setzen und kann dann sicher sein (oder so tun), daß er Rat und Hilfe zu geben weiß. Jedes Wissen erneuert sich selbst, indem es sich ins Gedächtnis einkerbt und für Wiederverwendung verfügbar hält; und auch dadurch, daß es regelt, welche Situationsmerkmale vergessen werden können, weil sie sich anscheinend für Kondensation und Generalisierung nicht eignen. Wissen führt mithin zu riesigen Informationsverlusten und kann nur so Kapazitäten für neue Situationen freimachen. Die Erziehung schreibt keinen Lebenslauf vor. Sie kann nicht beanspruchen, die Lebensführung ihrer Zöglinge zu kontrollieren. Das wäre »totalitäre« Erziehung und mit gesellschaftlicher Differenzierung, also auch mit der Ausdifferenzierung des Erziehungssystems, nicht zu vereinbaren. Erziehung kann nur mit der Differenz von Medium und Form arbeiten. Sie kann sehr spezielle Ausbildungen für bestimmte Berufe anbieten und damit Möglichkeiten eines Lebenslaufs erschließen, die ohne solche Ausbildungen nicht gegeben wären. Auch das kann aber nicht in der Form der Determination künftigen Verhaltens geschehen, sondern nur als Bereitstellung von Wissen, das es ermöglicht, sich auf bestimmte Verhaltensanforderungen einzulassen mit einer ausreichenden Sicherheit; jeweils die Informationen gewinnen zu können, die für das Verhalten in bestimmten Situationen sinnvoll sind.
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