Niklas Luhmann
Die Wissenschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1992

pg 73

BEOBACHTEN

Unser Ausgangspunkt liegt bei einem extrem formalen Begriff des Beobachtens, definiert als Operation des Unterscheidung und Bezeichnung. Unterscheidungen wie die von Erkenntnis und Gegenstand, von signifiant und signifié, von Erkennen und Handeln, sind der Unterscheidungen, also Operationen eines Beobachtens.

Die Theorie des operativen Aufbaus von Formen muss also vor allen diesem Unterscheidungen ansetzen. Die erste Unterscheidungen ist die Beobachtung selbst, unterschieden durch eine andere Beobachtung, die wiederum selbst, für eine andere Beobachtung, die erste Unterscheidung ist. Hieraus ergibt sich ein Kalkül, also eine Sequenz von Anweisungen, die, wenn befolgt bestimmte Resultate ergeben, die für jeden Beobachter des Beobachters, wenn er denselben Anweisungen folgt, dieselben Resultate sein werden. Das ist aber bereits eine begrenzte (aber eben: selbstreferentiell erfasste) Form, also bereits eine der möglichen Unterscheidungen.

Entscheidend ist, dass die Beobachtung selbst als die erste Unterscheidung zu gelten hat, die aber nur durch eine andere Beobachtung (eines anderen Beobachters, aber auch desselben Beobachters zu einem späteren Zeitpunkt) unterschieden und im Moment ihrer Benutzung durch den Benutzer nur ungesehen praktiziert werden kann. Mithilfe einer zeitlichen und sozialen Vernetzung (und nur so) lösen sich sowohl die Probleme des Anfangs als auch die Probleme der Paradoxie der Form, die sich selbst bezeichnen und nicht bezeichnen kann. Die Form trägt in ihren eigenen Bereich wieder ein (re-entry). Was ausgeschlossen sein muss, ist nur die sich selbst voll zugängliche Einheit - das, was für eine besondere Form der Beobachtung dann Gott heißen würde.

Ganz allgemeinen soll diese Gleichung von Beobachten und Unterscheiden verdeutlichen, dass schon mit der Wahl einer Unterscheidung Festlegungen verbunden sind. So legt die alte Tradition, den Menschen vom Tier und damit auch das Tier vom Menschen zu unterscheiden, sowohl die Humanistik als auch die Zoologie auf bestimmte Orientierungen an Perfektionsbedingungen, an Defiziten, an Positionen in der Schöpfungsordnung fest. So ist die Präferenz für Unterscheidungen in denen der Beobachter sich selbst auf der besseren Seite platzieren kann, ein besonders deutliches Beispiel für ein schwer zu entlarvendes Vorurteil. Insofern ist die Wahl einer Leitunterscheidung einerseits ein Indikator für die kognitive Kapazität des Beobachters, andererseits aber auch eine Versuchung zu Selbstaussagen. In jedem Falle also keine harmlose Angelegenheit.

Trotz des Abstraktionsgrades des Begriffs "Beobachten" ist das, was er bezeichnet als eine empirische, also als eine ihrerseits beobachtbare Operation gemeint. Das hat die wichtige Konsequenz, die quer steht zu wichtigen Annahmen der Tradition: dass das Beobachtung die Welt, in der beobachtet wird, verändert. Es gibt, anders gesagt, keine zwar beobachtbare, aber beobachtungsinvariante Welt. Oder mit einer nochmals andere Formulierung: die Welt kann nicht von außen beobachtet werden, sondern nur in ihr selbst, das heißt: nur nach Maßgabe von Bedingungen, die sie selbst bereitstellt.

Der Abstraktionsgrad dieses Ansatzes erlaubt schließlich, zu erkennen, dass auch Logik und Mathematik Kondensate und Regulative sozialer Operationen sind - sofern es nur gelingt, den Beobachter als zeitbeständiges selbstreferentielles System zu etablieren.


Niklas Luhmann

Systemtheorie






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