|
Ort Semiotik274 -Semiose
II.7. Zeichen – Semiose
Die inzwischen gewonnenen Einsichten in die Formen und Strukturen
der Schlussfolgerungsweisen sowie ihre syllogistische Darstellung ermöglichen
nun einen neuartigen Blick auf das Zeichen bei Peirce im engeren Sinne, also auf die Triade von Objekt, Repräsentamen und Interpretant.
Man kann den semiotischen Prozess des Zeichens nämlich auf dieselbe Weise interpretieren. Im Folgenden werde ich darstellen, dass, ebenso wie die drei Schlussfolgerungsweisen der Deduktion, Induktion und Abduktion Zeichen sind, nämlich Formen des Arguments, die Zeichentriaden bzw. die Semiosen aus Objekt, Repräsentamen und Interpretant deduktive, induktive und abduktive Zeichen bzw. Semiosen sind.
Es sollen also die Schlussfolgerungsweisen, die als Syllogismen
dargestellt wurden, mit den Zeichen selbst in Verbindung gebracht
werden. Es wird dann zu zeigen sein, welche Rolle die kategorialen
Bestimmungen in den Zeichen als deduktive, induktive und abduktive
Zeichen spielen.
In seiner sehr scharfsinnigen Analyse der Peirceschen Zeichentriade
verwendet Ulrich Baltzer das folgende Beispiel für ein Zeichen:
Ich fahre mit einem Auto auf einer Landstraße und sehe ein Schild,
das mich vor einem Bahnübergang warnt, bevor ich den Übergang
selbst wahrnehme. Als Reaktion auf das Schild nehme ich den Fuß
vom Gaspedal. Hier wäre das Anheben des Fußes der Interpretant
für das Zeichenmittel Verkehrszeichen und das Objekt Bahnübergang.206
Nun hindert nichts daran, Baltzers Beispiel eines Zeichens oder einer
Semiose als Bestandteile eines Syllogismus gemäß den Peirceschen
Schlussfolgerungsweisen zu rekonstruieren. Dazu interpretiere ich in
Baltzers Beispiel den Interpretanten und das Repräsentamen als Prämissen,
das Objekt hingegen als Konklusion. Schematisch kann Baltzers
Beispiel dann wie folgt dargestellt werden:
(Prämisse) Regel = Repräsentamen / Verkehrszeichen
(Prämisse) Fall = Interpretant / Fuß vom Gaspedal nehmen
(Konklusion) Resultat = Objekt / Bahnübergang
In diesem Schema orientiere ich mich somit exakt an der Zuordnung,
die Baltzer in seinem Beispiel trifft, und organisiere diese zugeordneten
Paare in Form eines einfachen Syllogismus. Dieser Syllogismus weist
eine deduktive Struktur auf, so dass dieses Zeichen als ein deduktives
Zeichen oder exakter als deduktive Semiose bezeichnet werden kann.
Wie kann ein solches Zeichen gerechtfertigt werden? Ein Repräsentamen
oder Zeichen steht zu einem Interpretanten in einem bereits
etablierten oder gewohnheitsmäßigen Zusammenhang, so dass beide
dieselbe Relation zu ihrem Objekt einnehmen. Der Bahnübergang selbst
stellt insofern keine Information dar, das heißt, er fügt keine weitere
Information hinzu, die nicht bereits in den Prämissen gegeben wäre.
205 Strub (1994): Peirce über Metaphern. S. 223.
206 Baltzer, Ulrich (1994): Selbstbewußtsein ist ein Epiphänomen des Zeichenprozesses:
Die Landkartenparabel von Ch. S. Peirce. S. 361.
Vielleicht muss sogar noch drastischer gesagt werden: in einem solchen
gewohnheitsmäßigen Zeichen, ist der Prozess der Determination des
Interpretanten bereits abgeschlossen. Das Bahnübergangsbeispiel ist
somit ein besonders anschauliches Beispiel für eine deduktive Semiose,
wenn man berücksichtigt, dass Peirce davon spricht, dass die Regel als
Prämisse in der Deduktion eine Gewohnheit darstellt. Notwendig folgt
dem entsprechenden Verkehrszeichen ein Bahnübergang – dies ist die
Voraussetzung für das Funktionieren des Autoverkehrs.207 Die Reaktion
auf diese Regel erfolgt so gewohnheitsmäßig, dass die Schlussfolgerung
keine neue, unerwartete Information enthält. Das Interesse an
dem Objekt selbst ist in der deduktiven Semiose denkbar gering, die
Reaktion des »Fuß vom Gaspedal nehmen« erfolgt unmittelbar auf
das Repräsentamen. Im Fall des deduktiven Zeichens kann also gesagt
werden, dass es bei ihm insbesondere um die repräsentative Funktion
des Zeichens geht. Damit wäre das deduktive Zeichen gewissermaßen
ein »totes« Zeichen, da in ihm alle semiotischen Veränderungsprozesse
(Degeneration, Fortpflanzung) abgeschlossen sind. Ein deduktives
Zeichen entspricht somit dem, was in Günthers System objektive Realität
repräsentiert bzw. ist, also »eine prozeßhaft sowohl wie sachlich
abgeschlossene Reflexion«208.
Gemäß dem damit in Übereinstimmung gebrachten Kategoriensystem von Peirce muss das deduktive Zeichen demnach als Drittheit, als Repräsentation in die Nachbarschaft der Substanz gebracht werden. Auf den ersten Blick mag meine Bestimmung des Zeichens aus Baltzers Beispiel als deduktives Zeichen überraschend wirken. Ich werde diese Bestimmung im Folgenden dadurch präzisieren und rechtfertigen, indem ich darstelle, dass es darüber hinaus auch abduktive und induktive Zeichen gibt.
Denn das hier gewählte Beispiel gibt Baltzer im Kontext seiner Interpretation
der bekannten Zeichendefinition von Peirce, die hier noch
einmal zitiert sei:
A Sign, or Representamen, is a First which stands in such a genuine
triadic relation to a Second, called its Object, as to be capable of determining
a Third, called its Interpretant, to assume the same triadic
relation to its Object in which it stands itself to the same Object.
The triadic relation is genuine, that is its three members are bound
together by it in a way that does not consist in any complexus of
dyadic relations. That is the reason the Interpretant, or Third, cannot
stand in a mere dyadic relation to the Object, but must stand in
such a relation to it as the Representamen itself does. Nor can the
triadic relation in which the Third stands be merely similar to that in
which the First stands, for this would make the relation of the Third
to the First a degenerate Secondness merely. The Third must indeed
stand in such a relation, and thus must be capable of determining a
Third of its own; but besides that, it must have a second triadic relation
in which the Representamen, or rather the relation thereof to its Object, shall be its own (the Third’s) Object, and must be capable
of determining a Third to this relation. All this must equally be true
of the Third’s Thirds and so on endlessly; and this, and more, is involved in the familiar idea of a Sign; and as the term Representamen
is here used, nothing more is implied. A Sign is a Representamen
with a mental Interpretant. Possibly there may be Representamens
that are not Signs. Thus, if a sunflower, in turning towards the sun,
becomes by that very act fully capable, without further condition,
of reproducing a sunflower which turns in precisely corresponding
ways toward the sun, and of doing so with the same reproductive
power, the sunflower would become a Representamen of the sun.
But thought is the chief, if not the only, mode of representation.209
Denn Kategorien sind keine Eigenschaften, die Aspekten zukommen können, sondern stellen Formen des Denkens dar.
Objekt, Repräsentamen und Interpretant können nur derart mit den Kategorien in Verbindung gebracht werden, dass es jeweils alle drei kategorialen Bezugsweisen auf sie gibt. So kann auf das Objekt ikonisch (Erstheit), indexikalisch (Zweitheit) und symbolisch (Drittheit) Bezug genommen werden.
Unter der hier vorgeschlagenen Perspektivierung erweist sich Baltzers
Bahnübergangsbeispiel demnach als unglücklich gewählt, da es gerade
nicht abbildet, wie ein Repräsentamen einen Interpretanten determiniert,
in dieselbe Relation zu dem Objekt einzugehen, in dem das
Repräsentamen zu dem Objekt steht. Denn in diesem Beispiel ist die
Determination abgeschlossen, die Reaktion auf das Verkehrzeichen ist
eine vollkommen gewohnheitsmäßige Reaktion. Dieser Mangel musste
Baltzer entgehen, da die Frage nach der Form der Differenzierung der
Zeichentriade in ein deduktives, induktives oder abduktives Zeichen in
seiner Analyse gar nicht vorgesehen ist.
207 Man spiele das Beispiel weiter durch und überlege, in welches (Verkehrs-)Chaos es münden würde, wenn Verkehrszeichen nicht mit dieser Regelmäßigkeit funktionieren würden.
208 Günther (1991): Grundriß. S. 187.
209 Peirce, CP 2.274. Verschiedentlich wird in Interpretationen dieser Zeichendefinition der Fehler gemacht, die einfache Aufzählung – First, Second, Third – mit den Kategorien gleichzusetzen. Das Repräsentamen mit Erstheit und das Objekt mit Zweitheit zu assoziieren widerspricht aber allen Charakterisierungen, die Peirce gibt: Wie könnte das Objekt in Zusammenhang gebracht werden mit Prädizierungen wie »Reaktion« oder »Anstrengung«, mit zweistelliger Relationalität; wie könnte andererseits das Repräsentamen in Verbindung gebracht werden mit »reiner Möglichkeit«, »Qualität«, als etwas, das so ist wie es ist, ohne Bezug auf etwas anderes? Eine derartige Interpretation ist falsch. Denn Kategorien
sind keine Eigenschaften, die Aspekten zukommen können, sondern stellen Formen des Denkens dar.
Objekt, Repräsentamen und Interpretant können nur derart mit den Kategorien in Verbindung gebracht werden, dass es jeweils alle drei kategorialen Bezugsweisen auf sie gibt. So kann auf das Objekt ikonisch (Erstheit), indexikalisch (Zweitheit) und symbolisch (Drittheit) Bezug genommen werden.
Baltzer beschreibt nun im weiteren Verlauf seiner Interpretation den
eigentlichen semiotischen Prozess des Peirceschen Zeichens, indem
er von einer künstlich rekonstruierten Startsituation einer »ersten«
Triade ausgeht, in der ein Repräsentamen einen Interpretanten dazu
bestimmt, zu einem Objekt in dieselbe Relation einzugehen, in dem
es selbst zu diesem Objekt steht.
In einer »parallel, aber um eine Stufe versetzt laufende[n] Semiose«210 bildet, Baltzer zufolge, dann aber die Relation des ersten Objekts und des ersten Repräsentamens ein zweites Objekt. Dadurch degeneriert in der Folge der erste Interpretant zu einem zweiten Repräsentamen und erfordert als solches einen zweiten Interpretanten, der die gesamte zweite Triade vervollständigen soll.
Auf diese Weise wird am Zeichen selbst der semiotische Prozess dargestellt, denn auch die zweite Zeichentriade degeneriert auf die beschriebene Weise – und so ad infinitum. Dies ist eine plausible Interpretation der zweiten Hälfte der Zeichendefinition von Peirce, die an sich einigermaßen
unklar ist.211
In Hinblick auf Peirce’ Kontinuumstheorie schlage ich dennoch eine
andere Lesart vor. Die von Baltzer nach der Definition von Peirce konstruierte
Ausgangslage zeigt lediglich den Strukturzusammenhang, die
Syntax des Zeichens. Tatsächlich ist jedoch davon auszugehen, dass
sich jedes Zeichen in Degenerations- bzw. Fortpflanzungssituationen
befindet, dass im Grunde also immer schon eine Situation, wie die von
Baltzer als zweite, parallel aber um eine Stufe versetzte Semiose beschriebene,vorliegt. Die mit Baltzers Bahnübergangsbeispiel beschriebene
»erste Triade« ist gewissermaßen der klassische »Sonderfall«.
Ihr Modell stellt die beiden nie wirklich vollständig erreichbaren Horizonte
einer »ersten« und einer »letzten« Zeichentriade dar bzw. die Ergebnisse
des semiotischen Prozesses, wenn man ihn an einer Stelle unterbricht
und somit eine Momentaufnahme erzeugt. Gemäß Peirce’ Kontinuumstheorie
und seiner Annahme, dass sogar Naturgesetze kontinuierlich
evoluierend seien, stellt die Deduktion mithin in seinem System einen
Grenzfall dar.
Nun gibt es hinsichtlich dieser zweiten Hälfte der Zeichendefinition
zwei zu unterscheidende Aspekte. Einerseits gibt es einen degenerierten
Zustand des Zeichens. In diesem steht der Interpretant in einer Relation
zur Relation zwischen Objekt und Repräsentamen. Auf diesen
Aspekt gehe ich weiter unten, in Abschnitt II.9. Abduktion, genauer
ein. Andererseits zeigt Baltzers Interpretation einen zweiten Aspekt der
Semiose, in der eine neue Zeichentriade zustande kommt, indem der
erste Interpretant zum zweiten Repäsentamen mutiert und ein zweiter
Interpretant die Zeichentriade vervollständigt. Wo also im ersten Beispiel
zwar angenommen wird, dass es einen Degenerationsprozess des
Interpretanten gibt, der dazu führt, dass neue Interpretanten die jeweils
degenerierte Triade wieder vervollständigen, und dieser Degenerationsprozess
jedoch nur angenommen, nicht aber begründet wird, so leuchtet
es sofort ein, dass der Interpretant zu einem Repräsentamen degeneriert,
sobald er sich auf die Relation von Objekt und Repräsentamen als
einem Objekt bezieht. Dieser zweite Aspekt des Zeichens lässt sich nun
in folgendem Syllogismus darstellen:
(Prämisse) Resultat = Objekt / Bahnübergang
(Prämisse) Regel = Repräsentamen / Verkehrszeichen
(Konklusion) Fall = Interpretant / Fuß vom Gaspedal nehmen
Die Zuordnung von Objekt zu Resultat, Repräsentamen zu Regel und
Interpretant zu Fall ist in diesem Beispiel durch die oben genannte Zeichendefinition von Peirce gerechtfertigt, denn in ihr ist es ausdrücklich das Repräsentamen, das die vermittelnde Rolle übernimmt und den Interpretanten determiniert.
Das heißt, in dieser zweiten triadischen Relation muss ein neuer Interpretant als Konklusion erst noch hinzugezogen werden und zugleich das Repräsentamen als neue Regel aufgestellt werden. Die fingierte erste Triade beschreibt also die Zeichenkonstellation in Hinblick auf das Objekt, wohingegen die im zweiten Teil der Zeichendefinition beschriebene Zeichenkonstellation gemäß dem semiotischen Prozess die jeweils neuen Interpretanten fokussiert. Die erste
Triade zeigt jeweils das Ergebnis von Semiose, die zweite Triade zeigt
die Prozessrichtung der Semiose. Dass das Repräsentamen tatsächlich
einen Interpretanten dahingehend bestimmt in dieselbe Relation einzurücken,
in der es selbst zu einem Objekt steht, also der Prozess der Determination,
wird erst mit dieser zweiten Hälfte der Zeichendefinition deutlich.
Nun wird deutlich, dass diese Interpretation des Zeichens eine
abduktive Semiose oder eine abduktive Zeichentriade darstellt.
Gerade die degenerative Ausgangssituation der Semiose im zweiten
Teil der Zeichendefinition (»but besides that, it must have a second triadic
relation...«) zeigt deutlich die Situation, die eine abduktive Schlussfolgerung
erfordert, da mit der zum »zweiten Objekt« degenerierten
Relation zwischen »erstem Objekt« und »erstem Repräsentamen« genau
ein solches Phänomen vorliegt, zu dem eine Regel und zugleich ein
Fall gesucht werden müssen. Dabei fungiert der zum »zweiten Repräsentamen
« degenerierte Interpretant als die vermittelnde Regel, die nun
einen neuen Interpretanten hinzuziehen muss, der als »zweiter Fall« die
Regel plausibilisiert.
210 Baltzer (1994): Selbstbewußtsein ist ein Epiphänomen des Zeichenprozesses: Die Landkartenparabel von Ch. S. Peirce. S. 362.
211 Peirce’ Definition könnte man nämlich auch so verstehen, dass das neue Objekt, also die Relation von Objekt und Repräsentamen, als Objekt des Interpretanten die determinierende Funktion übernimmt.
Wenn Peirce im ersten Teil seiner Zeichendefinition die vermittelnde
und determinierende Funktion des Repräsentamens definitorisch behauptet,
so wird im zweiten Teil seiner Zeichendefinition diese Funktion
begründet und unmittelbar plausibilisiert. Diese Beschreibung bestätigt,
dass in der Abduktion zwei Ideen überhaupt erst in Verbindung
miteinander gebracht werden. Denn hier wird der Zusammenhang zwischen
Objekt und Interpretant, die an sich nichts miteinander verbindet,
allein durch das vermittelnde Repräsentamen als Hypothese hergestellt.
Baltzer kritisiert zu Recht an Schönrichs Interpretation, dieser habe die
zweite Bestimmung in der Peirceschen Zeichendefinition dahingehend
missverstanden, dass er das zweite Objekt nicht als Relation aus erstem
Objekt und erstem Repräsentamen, sondern als eine zweite Triade aus
erstem Objekt, Repäsentamen und Interpretant aufgefasst und diese
Bestimmung des Zeichens als Selbstbezüglichkeit des Zeichens interpretiert
habe. Hieraus entwickelt Baltzer sein Argument, Selbstbezug
und Selbstbewusstsein sei ein Epiphänomen des Zeichenprozesses, ergebe
sich also aus einer »bestimmten Konstellation von Zeichen«.212
Während ich, wie ich in Abschnitt II.4.2., Das triadische Bewusstsein
aus reflexionslogischer Perspektive, dargestellt habe, Selbstbewusstsein
als Primisense, also als Erstheit von Drittheit des Bewusstseins darstellen würde, würde ich den Selbstbezug des Zeichens hingegen in der induktiven Semiose annehmen. Zunächst soll aber die abduktive Semiose
erläutert werden.
Um in Baltzers Bild zu bleiben, wähle ich folgende Variante seines
Bahnübergangsbeispiels, um das abduktive Zeichen zu illustrieren:
Baltzer fährt in einem fremden Land eine Straße entlang, bemerkt ein
Schild und holpert sogleich über ein Hindernis. Seine Gedanken könnten
nun so aussehen: »Wie kann ich mir das überraschende Phänomen
des ›Holperns‹ erklären? Nun, wenn das Schild ein Verkehrszeichen zur
Warnung vor holperigen Hindernissen darstellt, dann hätte ich sinnvollerweise
durch Gaswegnehmen das Holpern vermeiden können.«
Es muss demnach Zeichen oder Semiosen geben, in denen das Objekt
ein überraschendes Phänomen darstellt, dass allererst dazu anregt
oder nötigt, ein dieses Objekt erklärendes Zeichen zu konstituieren.
Vielleicht ist es das, was Peirce in der zweiten, etwas problematischen
Hälfte seiner Zeicheninterpretation zum Ausdruck bringen will. Wie zu
zeigen sein wird, ist das derart angeregte abduktive Zeichen ein neues
Zeichen, das etwas Neues darstellt.
Nach dieser Interpretation stellt sich somit heraus, dass Peirce mit
seiner Zeichendefinition ein abduktives Zeichen beschreibt, wohingegen
das von Baltzer verwendete Bahnübergangsbeispiel ein deduktives
Zeichen darstellt. Nun liegt es nahe zu untersuchen, ob diese Definition
nicht noch dahingehend zu ergänzen wäre, dass ein induktives Zeichen
rekonstruiert werden kann. Durch mechanisches Umgruppieren des
Syllogismus stelle ich hierzu zunächst die Form einer induktiven Semiose
dar:
(Prämisse) Fall = Interpretant / Fuß vom Gas nehmen
(Prämisse) Resultat = Objekt / Bahnübergang
(Konklusion) Regel = Repräsentamen / Verkehrszeichen
Um wiederum in Baltzers Bild zu bleiben, schlage ich folgende Variante
vor: Baltzer nimmt beim Autofahren sein Kind mit. Das Kind beobachtet,
dass jedes Mal, wenn Baltzer den Fuß vom Gas nimmt, ein
Hindernis auf der Straße folgt. Baltzer kann nun auf das Verkehrsschild
verweisen und sagen: Dies ist ein Zeichen für diesen Zusammenhang,
das also diesen Zusammenhang abstrahiert und symbolisiert. Um mit
den Begriffen der Assoziation und Suggestion zu argumentieren: Bei der
Induktion besteht also bereits ein Zusammenhang, der wahrgenommen
wird, und es wird nur noch eine Regel als ergänzende Erklärung benötigt. Die Assoziation muss hier also nicht geleistet werden, sie wird
bereits durch die Prämissen suggeriert.
Damit fungiert das Verkehrszeichen als Vermittlung (Regel) des konkreten
Zusammenhangs zwischen dem Objekt (Resultat) und dem Interpretanten
(Fall) in Form der faktischen Korrelation.
Die Abstraktion oder Verallgemeinerung, die durch die Induktion geleistet wird, stellt nun eine wesentlich andere Form der Verknüpfung oder Relationierung
dar, als die in der abduktiven Semiose. Während die abduktive Verknüpfung
über eine unsichere, hypothetische Assoziation geleistet wird,
wird im induktiven Zeichen die Regel suggeriert.213
In der zitierten Zeichendefinition von Peirce wird das somit als induktives
Zeichen dargestellte Zeichen nicht nahegelegt. Daher muss
es gerechtfertigt werden. Wie kann also ein solches Zeichen mit den
Begriffen von Objekt, Repräsentamen und Interpretant rekonstruiert
werden? Ein Repräsentamen steht in einer solchen Relation zu einem
Objekt und einem Interpretanten, dass seine Vermittlung von Objekt
und Interpretant die faktische Korrelation dieser Relation darstellt.
212 Baltzer (1994): Selbstbewußtsein ist ein Epiphänomen des Zeichenprozesses: Die Landkartenparabel von Ch. S. Peirce. S. 368.
213 Diese Position hinsichtlich des abduktiven Zeichens vertritt Schönrich und sieht hierin die grundsätzliche Struktur der Zeichentriade: »Ein Zeichenmittel (M) bezieht sich auf ein Objekt (O) und wird von einem dritten Moment, dem Interpretanten (I), als in dieser Beziehung stehend
interpretiert.« (Schönrich (1999): Semiotik zur Einführung. S. 9) Hierin weicht Schönrichs Auffassung demnach von den üblichen ab. Schönrich bemerkt jedoch nicht die spezifische indeterministische, unsichere Ideenassoziation, die durch das assoziative Zeichen auf diese Weise geleistet wird.
282
Anders gewendet: Im induktiven Zeichen wird dem zum Repräsentamen
degenerierten ersten Interpretanten die Funktion der vermittelnden Regel
durch den nachfolgenden Interpretanten erst übertragen.
Wo also der abduktive Aspekt eines Zeichens darstellt, warum es
überhaupt zur Semiose kommt und wodurch im semiotischen Prozess
neue Interpretanten erforderlich werden, zeigt der induktive Aspekt eines Zeichens, wie die Regelmäßigkeit eines Zeichens konstituiert wird.
Auf diese Weise werden im Zeichen selbst die drei wesentlichen, nämlich
kategorialen Zeichenkonstituenten dargestellt: der repräsentative
Aspekt des Zeichen als deduktives Zeichen, die Motivation zur Semiose
bzw. die Möglichkeit der Semiose im abduktiven Zeichen und die
faktische Konstitution als Semiose im induktiven Zeichen.
Der Aspekt der Motivation und Möglichkeit des Zeichens, wie er im abduktiven
Zeichen zum Ausdruck kommt, ist an sich – positivsprachlich – nicht
darstellbar, nicht erfassbar, denn der Moment, in dem der neue Interpretant
hinzukommt, sein Auftauchen, kann nicht mit abgebildet werden.
Was ich durch die mechanische Umstellung des klassischen Syllogismus
dargestellt habe, ist die bereits durchgeführte und abgeschlossene abduktive
Semiose. Hierauf gehe ich in Abschnitt II.9., Abduktion, noch
gesondert ein.
Wenn das deduktive Zeichen mit Drittheit, also Repräsentation in
Zusammenhang gebracht werden kann, so muss untersucht werden,
welche kategoriale Bestimmung auf das abduktive und das induktive
Zeichen zutrifft.
Wird das abduktive Zeichen in Zusammenhang gebracht
mit Motivation und Möglichkeit, so geschieht dies insbesondere
hinsichtlich auf Zukunft ausgerichteter Zeichenprozesse, die – wie noch
zu zeigen sein wird – indeterminiert sind. Insofern wird das abduktive
Zeichen in Zusammenhang mit Erstheit als Möglichkeit gebracht.
Das abduktive Zeichen steht also in der Nachbarschaft von Sein als
zur Einheit gebrachter Mannigfaltigkeit. Es ist die höchste Form der
Abstraktion.
Das induktive Zeichen wird demgegenüber in Zusammenhang
mit Zweitheit als Faktizität gebracht – was sich aus der hier
vorgeschlagenen Charakterisierung des induktiven Zeichens, als eines,
das die Zeichenkonstitution repräsentiert und vollzieht, in Einklang
steht. Das besondere Zusammenspiel von induktivem und abduktivem
Zeichen wird ebenfalls in Abschnitt II.9., Abduktion, noch genauer
darzustellen sein.
Jedes Zeichen besteht aus einer genuinen Triade: Die abduktive
Schlussfolgerung kann insofern immer nur als bereits gefolgerter
Schluss dargestellt werden, in dem alle drei Konstituenten, die beiden
Prämissen und die Konklusion, bereits in einer »fertigen« Konstellation
zueinander stehen. Daher kann hier auch der mögliche Einwand
als irrtümlich zurückgewiesen werden, im abduktiven Zeichen sei der
Interpretant bereits als Prämisse »vor« der Konklusion da. Ein solcher
Einwand verwechselt die logische Struktur einer Schlussfolgerung mit
einer zeitlichen Struktur, die so im Zeichen selbst nicht gegeben ist, da
von einem Zeichen nur dann gesprochen werden kann, wenn alle drei
Konstituenten einer Triade in eine Konstellation zueinander eingegangen sind.214 Mit anderen Worten: Die Vorstellung der zeitlich linearen Abfolge im Schließen von den Prämissen auf die Konklusion verkennt
die logische Konstellation des Schlusses als Zeichenkonstitution. Und
Peirce scheint diese Interpretation mit seiner Charakterisierung der
Abduktion zu stützen: »The abductive suggestion comes to us like a flash.«215
Vielmehr lässt sich hiermit darstellen, inwiefern durch Semiose, also
Zeichenprozesse, Zeit erst erzeugt wird, wenn man von einem modernen
Zeitbegriff ausgeht, wie bereits in Abschnitt I.1.4., Tertium non datur,
vorgeschlagen. Zeit wird demnach durch Prozesse oder Ereignisse definiert, die beobachtbar sind.
Wenn nun mit abduktiven Semiosen neue Interpretanten und somit neue Zeichen und – so muss hinzugefügt werden – »Neues« hervorgebracht wird, so kann Abduktion als jene Semiose betrachtet werden, durch die Zeit generiert wird.
Die neu eingeführte Hypothese und der durch sie plausibilisierte Fall sind nur insofern ein Zeit erzeugendes Zeichenereignis, als es induktiv als Zeichen konstituiert und deduktiv bestätigt wird. Die faktische Korrelation zu einer
Zeichentriade muss die Möglichkeit oder, in Günthers Terminologie,
die »negative Kontingenz einer noch nicht durchgeführten Empirie«216
zu einer Zeichentriade korrelieren.
Es gibt, so kann zusammengefasst werden, also unterschiedliche Zeichentriaden als Zeichentypen, die die drei kategorialen Konstituenten des Zeichens wiedergeben – man könnte demnach von einer Erstheit, Zweitheit und Drittheit der Zeichen als Schlussfolgerungsweisen sprechen.
Die Zusammenhänge zwischen Zeichen als Schlussfolgerungsweisen und ihrer kategorialen Bestimmung sollen im folgenden Abschnitt noch durch schematische Darstellungen ergänzt werden, wodurch insbesondere auf den prozessualen Charakter von Semiose aufmerksam gemacht werden kann.
214 Ähnlich argumentiert Anderson, der die Möglichkeit zulassen will, dass im abduktiven Schluss die Hypothese als Prämisse und die Konklusion gleichzeitig erschlossen werden. Vgl. Anderson, Douglas R. (1986): The Evolution of Peirce’s Concept of Abduction. In: Transactions of the Charles S. Peirce Society 22. S. 145-164.
215 Peirce: CP 5.181.
216 Vgl.: Günther (1977/78): Als Wille verhält der Geist sich praktisch. S. 4.
Die hier vorgenommene Korrelation von Deduktion mit Drittheit, Induktion
mit Zweitheit und Abduktion mit Erstheit ist nicht unumstritten.
Ebenso wie Peirce im Laufe der Zeit die Abduktion verschieden
akzentuierte und bewertete, so gab er den Schlussfolgerungsweisen insgesamt
verschiedene Charakterisierungen. In einem Text aus dem Jahr
1878 schreibt er beispielsweise:
Wir können daher sagen, daß die Hypothese das sinnliche Element
des Denkens, Induktion das gewohnheitsmäßige Element erzeugt.
So kann die Deduktion, die zu den Prämissen nichts hinzufügt und
nur aus den verschiedenen, in den Prämissen enthaltenen Tatsachen,
eine auswählt und die Aufmerksamkeit darauf lenkt, als die logische
Formel des Achtgebens betrachtet werden, welches das Wollens-Element des Denkens ist [...].217
In diesem Text geht es Peirce insbesondere darum, die Hypothese, also
das, was er später Abduktion nennen wird, von der Induktion abzuheben.
Die Charakterisierung der Hypothese, sie erzeuge das sinnliche
Element des Denkens, halte ich für unklar und missverständlich.218
Zum einen wird nicht klar, wie er die Hypothese genau mit dem »sinnlichen
Element« korreliert, wenn er sagt, sie »erzeuge« es. Zum anderen
fördert diese unklare Korrelation jedoch das bereits angesprochene
Missverständnis, Erstheit hätte mit etwas Unmittelbarem zu tun. Es
geht bei dieser Unterteilung nicht darum, ob man prinzipiell zustimmen
würde, dass Induktion mit Gewohnheit und Deduktion mit dem Willen
in Verbindung gebracht wird – eine Zuordnung, die meines Erachtens
auch gerade andersherum vorgenommen werden könnte. Ich denke,
auch hier obliegt eine Entscheidung allein der Perspektive, unter der
die Schlussweisen thematisiert werden. Peirce argumentiert hier wie
folgt:
Induktionen folgern auf eine Regel und die Überzeugung von
einer Regel ist eine Gewohnheit.
Abduktion folgert demgegenüber auf einen Fall, indem ein Gewirr undeutlicher Emotionen in eine einzelne Emotion von höherer Intensität transformiert wird. Auf diese Weise werden hier demnach offenbar die Kategorien mit den Schlussweisen in Verbindung gebracht, und zwar wird die Abduktion mit Erstheit, Induktion mit Drittheit und Deduktion mit Zweitheit korreliert.
Plausibel erscheint diese Zuordnung, wenn man sich die »Strenge« der verschiedenen Schlussweisen ansieht und in der Abduktion die am wenigsten
strenge Form des Schließens anerkennt. Demgegenüber hat man es bei
der Deduktion mit der schlichten Faktizität des Gegenwärtigen zu tun,
wohingegen die Induktion auf die Strenge der regelmäßigen Überzeugung
zielt. Der Wollens-Aspekt der Deduktion ist im obigen Zitat bereits
erläutert.
Wesentlich interessanter als die Frage nach der Richtigkeit dieser
Zuordnung ist, dass mit den Begriffen Gewohnheit, Sinnlichkeit und
Wollen drei Begriffe vorgeschlagen werden, die gut mit den Begriffen
korreliert werden können, mit denen Günther die Realitätskonstituenten
fasst, nämlich Objektivität, Kognition und Volition.
Kognition und Volition sind bei Günther die beiden Formen der Reflexivität, also der Subjektivität, und so erscheint es plausibel, kognitive Reflexivität mit Sinnlichkeit und volitive Reflexivität mit Wollen zu konnotieren.
Nun sind allerdings Schlussweisen Formen des Denkens, das bedeutet,
wenn Induktion das gewohnheitsmäßige Element des Denkens erzeugt,
also Gewohnheiten, so erscheint es sinnvoll, insofern zu sagen, diesen
Überzeugungen oder Gewohnheiten komme Objektivität zu. Denn in
Peirce’ evoluierendem Zeichenuniversum wird sich jede Überzeugung
als Hypothese herausstellen, das heißt, es gibt kein irreflexives, mit sich
selbst identisches Sein – jedes objektive Datum wird sich als hypothetisch
angenommenes »Sein« herausstellen.
Das bedeutet, das Peircesche System formuliert hier das, was Günther als reflexionslogisches System vorschlägt, in dem kein Element mehr ganz das ist, was es ist, sondern reine reflexive Bestimmung, die jederzeit zur Neubestimmung zur Disposition steht.
Worauf es mir hierbei ankommt ist also in erster Linie aufzuzeigen, dass Peirce offensichtlich mit ganz ähnlichen Komponenten und Charakterisierungen dieser Komponenten experimentiert, die auch Günther verwendet. Ich halte die hier vorgeschlagene Korrelation von Deduktion mit Drittheit, Induktion mit Zweitheit und Abduktion mit Erstheit für die plausibelste.
Diese Korrelationen sollen nun schematisch dargestellt werden, um einige Feinheiten in den Funktionen und Darstellungsmöglichkeiten hervorzuheben.
II.8. Schematische Darstellung der Zeichen und Semiosen
Ich orientiere mich wiederum an Baltzers Abbildungen aus seinem Beitrag
Selbstbewußtsein ist ein Epiphänomen des Zeichenprozesses: Die
Landkartenparabel von Ch. S. Peirce, die ich allerdings variieren werde.
Im Fall der deduktiven Semiose geht es mir darum abzubilden, wie das
Repräsentamen den Interpretanten determiniert, in dieselbe Relation
einzugehen, in der es selbst zu dem Objekt steht: in dem rechten Schema
wird dies durch die parallele Linie angedeutet:
217 Peirce (1985): Die Festigung der Überzeugung. S. 141 f.
218 Allerdings kehrt diese Bestimmung in seiner Kategorisierung des Bewusstseins wieder, wie ich in Abschnitt II.4.1., Primisense – Altersense – Medisense, dargestellt habe. Auch dort ging es jedoch insbesondere um die relationale Darstellung des »Gefühls«, das zu nichts anderem außer sich in Beziehung steht und insofern mit Erstheit korreliert wird.
Nina Ort
|