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I.1. Isomorphie und ausgeschlossenes Drittes
When logic and proportion
Have fallen softly dead
And the White Knight is talking backwards
And the Red Queen’s »off with her head!«
Remember what the Dormouse said:
»Feed your head. Feed your head.«
Jefferson Airplane: White Rabbit
Das Bestechende an Günthers Kritik an der klassischen zweiwertigen Logik besteht darin, dass sie sehr luzide einsetzt als Kritik an der (idealistischen)
philosophischen, erkenntnistheoretischen Dichotomie von »Sein« und »Reflexion«. Auf diesem einigermaßen vertrauten Gebiet entfaltet Günther seine Kritik, die daher gut nachvollziehbar ist und den Leser behutsam an die ungemein schwierige Konzeption einer drei- oder mehrwertigen Logik heranführt. Diese Dichotomie kann terminologisch unterschiedlich gefasst sein. So wird abwechselnd von »Sein« und »Reflexion«, »Sein« und »Nichts«, »Position« und »Negation« oder etwa »Objektivität« und »Subjektivität« gesprochen. Auf diese Weise werden die vielfältigen Verbindungen und Verflechtungen der logischen mit den philosophischen Terminologien dargestellt, die beide zweiwertig, zum Teil jedoch mit stark divergierenden Konsequenzen modelliert sind. In dem hier unternommenen Projekt geht es daher zunächst darum, die unterschiedlichen Terminologien sowie die Verschachtelungen von formallogischen und philosophischen Argumenten, die Günther rekapituliert, zu systematisieren und sorgfältig zu unterscheiden.
Die einfache Übertragung formallogischer Prinzipien in das dualistische
Erkenntnismodell erzeugt gravierende Probleme und Widersprüche. Diese Unstimmigkeiten zu bereinigen war Günther zufolge das Bestreben der idealistischen Philosophie, der es jedoch nicht gelang, aus dem dualistischen Schema auszubrechen.
Die Restriktionen der zweiwertigen Logik werden durch ihre Prinzipien oder Axiome geregelt, wobei für Günther insbesondere die Forderung des tertium non datur zum Anlass ihrer Übertretung bzw. ihrer Verwerfung, insbesondere in ihrer Übertragung auf die Erkenntnistheorie wird. Es wird zu zeigen sein, wie durch die Aufhebung des »Drittensatzes« auch alle anderen Axiome »kippen« wie Dominosteine.
Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik wurde zuerst 1959 veröffentlicht, also noch lange vor der Zeit, in der Günther sich mit Morpho- und Kenogrammatik (60er Jahre) sowie dem Konzept der Polykontexturalität (Anfang der 70er Jahre) und den Negativsprachen (seit Ende der 70er Jahre)7 beschäftigt. Als Kritik an der klassischen Logik bietet das Buch jedoch einen guten Einstieg in die Problematik und die Perspektiven, die die Übertragung der Eigenschaften einer nicht-klassischen Logik in das Erkenntnismodell eröffnet. In einem der Vorworte zu diesem Buch betont Günther selbst, dass dieser Band der »philosophischen Grundlegung einer nicht-Aristotelischen, also mehrwertigen Logik« gewidmet sei.8 Daher orientiert sich meine Interpretation der Güntherschen Kritik insbesondere an diesem Werk.
Günther vertritt dort die Auffassung, dass die klassische zweiwertige Logik unzureichend sei, um philosophische Probleme darzustellen oder zu lösen, und dass die Beschreibung der Welt durch ein zweiwertiges Erkenntnismodell defizitär sei. Denn in einem zweiwertigen System gibt es nur das mit sich selbst identische Sein als Thema der Reflexion, die sich ausschließlich damit begnügen muss, das, was »ist«, nachzuzeichnen. Dem Nicht-Sein, also der Reflexion, bleibt keine Möglichkeit, in dieser Welt eine eigenständige Rolle zu spielen oder gar auf irgendeine Weise verändernd oder kreativ einzugreifen.
In seiner Kritik an der Aristotelischen Logik weist Günther immer wieder darauf hin, dass es genau diese Probleme sind, um die sich letztlich die gesamte idealistische Philosophie bemüht, ohne allerdings zu, einem wirklichen Durchbruch zu gelangen. Den Grund hierfür sieht er in den Begrenzungen, die dem philosophischen Denken innerhalb des Rahmens einer zweiwertigen Logik auferlegt sind. Es geht also letztlich um die Schwierigkeiten, die Logik von Restriktionen ihrer Axiomatik zu befreien und dann so in ein erkenntnistheoretisches Modell zu übertragen, dass dort Welt adäquat dargestellt werden kann.
7 Vgl.: Günther, Gotthard (1980): Identität, Gegenidentität und Negativsprache.
In: Hegel-Jahrbuch. Köln: Pahl-Rugenstein. S. 22-88. Hier zitiert
nach: vordenker.de (2000): http://vordenker.de/ggphilosophy/gg_identityneg-
language_biling.pdf
Siehe ausführlicher zu der sukzessiven Entwicklung der Modelle und
Terminologien bei Günther: Kaehr, Rudolf / Ditterich, Joseph (1979):
Einübung in eine andere Lektüre: Diagramm einer Rekonstruktion der
Güntherschen Theorie der Negativsprachen. In: Philosophisches Jahrbuch,
86. Jg., 1979. S. 385-408.
8 Günther (1991): Grundriß. S. XVII.
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Die klassische zweiwertige Logik basiert auf dem erkenntnistheoretischen
Bedürfnis, etwas identifizieren zu können. Dies wird am deutlichsten
durch den Satz der Identität ausgedrückt.9 Damit ist zugleich angezeigt, dass sich das auf der klassischen Logik beruhende Erkenntnismodell der objektiven Welt des »Seins« zuwendet, sie kann als »Seinslogik« oder »Identitätslogik« bezeichnet werden.
Dieses Bedürfnis, etwas identifizieren zu können, versteht Günther als die grundlegende Figur des Denkens überhaupt, womit auch erklärt werden kann, warum die klassische Logik über so lange Zeit hinweg als die überhaupt einzig denkbare Logik erachtet wurde. Schon in einem der Vorworte zum Grundriß schickt Günther diese Beobachtung seiner gesamten Abhandlung voraus, um sie sogleich mit der Frage zu verbinden, ob diese Feststellung über das »zweiwertige Denkvermögen« und einer daher zweiwertigen Logik einen endgültigen Befund darstelle:
"Unsere klassischen Denkgesetze sind der direkte Ausdruck der Funktionsweise unseres Gehirns. [...] In diesem Sinn liefert die auf der einfachen Antithese von Sein und Nicht-Sein beruhende klassische Logik die primordiale Gestalt des Denkens. Sie reflektiert ihre eigenen Seinsbedingungen als logische Gesetze. Diese Einsicht provoziert sofort die weitere Frage: Ist unser Denken durch seine eigenen Existenzvoraussetzungen kategorial endgültig und erschöpfend determiniert, oder aber liegen in der Reflexion die Möglichkeiten zu einer Überdetermination, durch die sich dieselbe dem ursprünglichen und ausschließlichen Diktat einer existentiell und objektiv vorgegebenen Seinsthematik zu entziehen vermag?" (S. XI)
Gleich vorab müssen hier einige grundlegende Bemerkungen zu Günthers
Schreibstil gemacht werden. Wenn Günther hier von der »Funktionsweise
unseres Gehirns« spricht, ist damit ganz lapidar gemeint, dass wir nicht zugleich beispielsweise A und ~A denken können. Es geht ihm hierbei nicht darum, die weiten Gebiete der Hirnforschung auf diese Weise auch nur zu berühren. Auch soll mit diesem knappen Satz keine Darstellung unserer Alltagswahrnehmung geleistet werden. Vielleicht kann der Umstand, um den es hier geht, so beschrieben werden: Wir können, wenn wir an eine Tomate denken, nicht gleichzeitig nicht an eine Tomate denken, und wenn wir an etwas denken, können wir nicht gleichzeitig denken, dass wir an »etwas« denken. Es geht Günther hierbei also um einen ganz formalen Aspekt des Denkens; und auch in ähnlichen Anmerkungen, Vergleichen oder Bildern bei Günther verlässt er nie sein Gebiet, nämlich die Kritik an dem zweiwertigen Erkenntnismodell.
Die grundsätzlichen Probleme, eine Alternative zu dem klassischen Logik- und Erkenntnismodell zu entwickeln, liegen demnach im zweiwertigen Denken selbst begründet bzw. in der Unfähigkeit logisch mehrwertig zu denken.
Nina Ort
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